Der Staat Kapitel 3

Vernunft geht immer über Impulse.

Und irgendwie, so sehr ich mir schon ausmale, die Tür der V-Klasse zu durchschreiten, so sehr weiß ich auch, dass ich es dort nicht leicht haben werde.

Bei einem kann ich mir, bei all diesen Fragen in meinem Kopf, jedoch auf jeden Fall sicher sein.

Die Bibliothek ist ein Hort des Wissens, wo jeder hingehen kann und mit allem herauskommt, was er wissen wollte. Außerdem ist es dort absolut still und die Atmosphäre sehr angenehm.

"Ich werde doch wohl besser erst noch die Bibliothek aufsuchen", vermelde ich.

"Gut, dann erwarten wir dich morgen", lächelt mich der Direktor an.

Gemächlich mache ich mich auf den Weg.

Die Schulglocke erschallt. Und plötzlich füllen sich die Gänge so rasant, wie ein Waschbecken bei dem man alle Wasserhähne gleichzeitig geöffnet hat.

All diese Schüler erinnern mich zurück an meine beiden Freunde. Tja, dieses Kapitel ist nun abgeschlossen.

Eine neue Klasse, neue Freunde.

Es war einmal eine Zeit, da ging ich in die B-Klasse. Es ist nun eine Zeit, da gehe ich in die V-Klasse.

Erfolg, Ruhm, Wichtigkeit.

Ein Traum, eine Klasse.

Stille flutet über mich, als ich die Tür der Bibliothek öffne.

Über den Rand ihrer Halbmondbrille hinweg blickt mich die ältliche Bibliothekarin freundlich an.

"Was kann ich für dich tun?"

"Ich bin Kris. Meine Klasse war die 3B, jetzt wechsle ich in die V-Klasse. Deshalb werde ich etwas nachholen müssen. Können Sie mir das Material zur Verfügung stellen?"

"Warte kurz", murmelt sie, tippt etwas in ihrer Computer, meint dann:

"Okay, dein Tablet bitte." Ich händige es ihr wie befohlen aus. Schon beginnt der Datentransfer.

"Fürs Erste ist der Stoff der 1V-Klasse für die vorgesehen. Hier." Sie gibt mir das Tablet zurück.

"Ich wünsche viel Erfolg."

"Vielen Dank", erwidere ich lächelnd.

Dann suche ich mir in Ruhe einen bequemen Lederstuhl und beginne, mich einzuarbeiten.

Anatomie, Medizin, Rhetorik, Mathematik.

Noch nie habe ich so viel Stoff auf einmal aufnehmen müssen.

Aber wie gesagt, das ist die V-Klasse.

Und wer nicht mithalten kann, fällt eben zurück.

Stunde um Stunde vergeht.

Mal um Mal ertönt der Schulgong.

Schüler um Schüler betritt die Bibliothek, verlässt sie später erneut.

Alles was bleibt, ist diese Vorfreude, welche mich immer wieder von neuem anspornt, wenn es mir, wie so oft an diesem Tag, einfach genug ist, und ich eine Pause will.

Nichts als die digitale Uhr auf meinem Tablet sagt mir, wie lange ich nun schon hier sitze und mir die Eigenschaften vom menschlichen Körper und Mathematische Formeln eintrichtere.

Allmählich geht die Anzeige auf 18:00 Uhr zu.

Zeit, Schluss zu machen.

Nur kurz schließe ich meine Augen. Ein Moment zum Durchschnaufen.

So schnell meine Beine mich tragen, rase ich durch diesen schwarzen Raum, der erst in der Unendlichkeit zu enden scheint. Begleitet werde ich nur vom Geräusch eines einzelnen Motors dort in der Ferne und den quietschenden Reifen des zugehörigen 'Autos'.

"Kris...", haucht eine Stimme in der endlosen Ferne.

Alle meine Muskeln spannen sich schlagartig an.

Ich fahre keuchend hoch.

Schief blickt mich die Bibliothekarin an:

"Ist mit dir alles in Ordnung?", will sie forsch wissen.

Instinkt, nichts anderes spricht aus mir, als ich zurückgebe:

"Ja,...mir...äh...ist nur gerade aufgefallen, dass ich zu meinem Bus muss...ich habe die Zeit übersehen..." Und schon bin ich weg.

Was um alles in der Welt war das? Kann mir jemand erklären, was diese Sachen in meinem Kopf sein sollen?

Autos – Stimmen; in einer riesigen Welt aus Schwarz.

Irgendetwas stimmt nicht mit mir...

Könnte es sein, dass ich verrückt werde. Ich habe gehört, solche Symptome werden 'Verrücktheit' genannt.

Und es klingt allgemein nicht lustig, verrückt zu sein.

Aber die Ärztin sagte doch, mit mir sei alles in Ordnung?

Im Eilschritt arbeite ich mich durch die Schülermasse, welche sich zäh in Richtung Busbahnhof bewegt.

Nur weg erstmal. Irgendwie muss ich einen klaren Kopf bekommen...

Einer der Lehrer wird auf mich aufmerksam und kommt hilfsbereit auf mich zu.

"Hey, du da. Geht es dir nicht gut?" Wie vorhin, als ich mit der Bibliothekarin sprach, veranlasst mich irgendetwas, nicht zu sagen, was wirklich vor sich geht.

"Ich muss meinen Bus erwischen."

Der Lehrer stutzt:

"Aber es fahren doch so lange Busse, bis niemand mehr hier ist. Du kommst schon nach Hause."

"Ja schon, aber meine Mutter kocht heute etwas Besonderes, weil mein Vater Geburtstag hat und will, dass alle pünktlich zuhause sind."

"Aha, na dann halte ich dich besser nicht länger auf. Richte deinem Vater doch alles Gute von mir aus", bittet er mich freundlich zum Abschied.

"Werde ich. Wiedersehen", verabschiede ich mich. Ich kann dieses Gefühl nicht benennen, aber es kommt mir so vor, als hätte sich der Mann heute Morgen in diesem weißen 'Auto' so gefühlt, wie ich mich jetzt fühle.

Nachdenklich lastet der Blick des Lehrers noch einige Momente auf mir. Schulterzuckend wendet er sich dann ab.

In ordentlichen Schlangen warten die Schüler am Busbahnhof auf ihre Heimfahrt.

Ordnungsgemäß stelle ich mich in jene für die sechste Ringstraße.

Tief durchatmend, versuche ich dieses unlogische Gefühl, welches sich anfühlt, als würde irgendetwas Gefährliches hinter mir stehen, loszuwerden.

Ruhe suchend, schließe ich kurz die Augen, lege den Kopf in den Nacken.

"Kris...", haucht jemand aus der Schwärze hinter mir sanft: "Komm zu mir, triff mich. Du kennst den Weg. – Vertraue auf dich und schließe die Augen..."

Unverzüglich reiße ich die Augen auf, fahre herum.

Alles was ich erblicke sind erstaunte Gesichter von anderen Schülern.

Vertrauen? - auf was?!

Auf meine Verrücktheit? Oder was bitteschön?

Schließe deine Augen...? Damit ich noch mehr von diesem unlogischen Unsinn sehe?!

 

Ach, sag mir doch endlich jemand, was ich tun soll!

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