Der Staat Kapitel 6

Es sind keine zwei Schritte bis zur Treppe, keine zwanzig bis zur Straße, keine zehn bis zur anderen Seite. Und dann? Wie geht es dann weiter?Nein, ich sollte das nicht tun. Es wäre unvernünftig.

Warum stehe ich überhaupt hier und stelle mir die Frage, ob ich mitten in der Nacht einen Verrückten aufsuchen soll, von dem ich nicht einmal weiß, wo er wohnt? Weil ich offenbar langsam mein letztes bisschen Verstand verloren habe und an 'Träume' glaube, sie für real halte. Und warum, wenn ich ihnen glaube, will ich dann überhaupt zu Naan? - diese Männer, welche da seine Tür eingetreten haben, sahen nicht sehr freundlich aus.

Gibt es überhaupt noch eine logische Erklärung für irgendeine meiner Aktionen!?

Kris, reiß dich doch endlich einmal zusammen und leg dich wieder hin. Was du dir vorstellst, kann keine Wirklichkeit sein, schließlich ist es nur eingebildet! Und woher kenne ich auf einmal Wörter, die ich zuvor nie kannte? Einbildung, Vorstellung...

Wie habe ich es immer gehalten? Wie kenne ich es? Wie hat man es mir beigebracht?

Verstand geht über Impulse. Und doch ist dies kein Impuls, es ist etwas anderes, etwas Neues, Mächtiges. Andererseits ist es auch nicht mein Verstand, der sagt nämlich, dass es so etwas nicht gibt.

Nein, es ist mehr als mein Verstand, es ist...

...ein Gefühl - Gefühle sind...

...nicht aufzuhalten.

Hallt es in meinem Kopf.

Dieses Wort habe ich schon zuvor gekannt. Nie aber habe ich realisiert, was es eigentlich bedeutet, was ein Gefühl wirklich ist.

Trotzdem ist es nur eingebildet, nicht real, nur eine Illusion, etwas, das meinem Verstand vorzugaukeln versucht – in beeinflussen will, zu entscheiden, was nicht auf Logik basiert.

Erschöpft ziehe ich die Tür wieder zu, lasse mich Gesicht voraus auf mein Kissen fallen, schließe die Augen.

Ab morgen habe ich ein neues Leben. Ein Neustart – ohne all dieses Unlogische.

 

"Kris?", weckt mich meine Mutter mit ruhiger Routine:

"Da sind zwei Männer, die mit dir sprechen wollen."

"Bin sofort da", gebe ich mit geschlossenen Augen zurück. Es ist früher, als ich sonst aufstehe.

Rasch schnappe ich mir meine Schuluniform und zwei Müsliriegel, welche mir meine Mutter verständnisvoll hinhält, während sie mir einen schönen Tag in der Schule wünscht. Etwas, das sie nicht sehr oft macht. – Erkenne ich da den Anflug von Stolz in ihren Augen, doch schon blitzt etwas dort, tief in der Iris auf und spült ihn hinfort, schneller als man ihn realisieren konnte.

"Kris Feinberg", meldet sich einer der zwei besagten Männer aus dem Hintergrund:

"Wir haben Order erhalten, Sie hier abzuholen und zu Ihrem Aufnahmetest für die V-Klasse zu überführen. - Wenn Sie uns nun bitte folgen wollen." Er deutet mit seiner behandschuhten Hand auf die Tür, macht mir Platz, sodass ich an ihm und seinem Kollegen vorbeigehen kann.

Eines macht mich stutzig, ihre Kleidung. Sie sehen so aus, wie jene Männer, welche mir gestern mein Traum gezeigt hat. - Halt, hör auf damit Kris!

"Viel Glück", ruft mir meine Mutter wieder zurück in ihrem Stolz noch nach.

"Danke", meine ich nachdenklich freundlich, versuche instinktiv meinen inneren Konflikt vor den zwei Männern in Schwarz zu verbergen.

Sie bringen mich zu einem Auto. Es wirkt stabil und verdammt schwer. Große Reifen, dicke Seitenwände. Leider sind die Sitze nicht ganz so bequem wie jene im Polizeiauto.

In vollkommener Stille steigen die beiden ein und verbleiben in dieser Gesprächshaltung für den Rest der Fahrt. Irgendwie kommt mir in den Sinn, mir den Weg merken zu wollen, doch schon nach zwei Kurven muss ich aufgeben. Nur weiß in grau in schwarz zieht an mir vorbei.

Dass wir uns bewegen, merke ich nur, wenn ich hinausblicke. Im Fahrgastraum hört man nämlich überhaupt nichts, auch spürt man nichts. Nur ab und an, wenn sich der Wagen sanft in eine Kurve legt, werde ich ein wenig in den Sitz gedrückt.

Ohne einen blassen Schimmer, wie lange wir nun eigentlich gefahren sind, hält das Auto vor einem hohen, metallenen Tor.

Der Beifahrer holt ein Gerät aus der Hosentasche, drückt einen Knopf und vermeldet:

"Wir haben ihn dabei. Öffnet das Tor."

Lautlos gleitet das massive Metall zur Seite.

Eine neue Welt, ein neues Leben, ein neuer Anfang – ein Neustart.

Nur, wie wird er aussehen?

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