Der Staat Kapitel 29

Mit diesem Kapitel begrüßen wir nun unseren zweiten Co-Autoren von "Der Staat". Sein Name ist David Leitner und er übernimmt die Figur des Naan.

 

28. April 2062, 13:33, Wien, Hochsicherheitsgefängnis

 

"Ruhig…", beschwöre ich mich selbst. Ich liege in einer Einzelzelle auf dem Boden und denke nach. Nein. Das geht jetzt nicht. Mein Kopf schmerzt höllisch vom K. O. - Schlag dieses V-Mannes. Ich habe schon seit meiner Kindheit vor ihnen Angst.

Mit ihren Linsen und Hörgeräten sehen sie aus wie Roboter. Anders verhalten sie sich auch nicht.

Vor 21 Jahren hat einer von ihnen meine Mutter Carina erschossen, als wir durch das Tor der Außenmauer gelaufen sind. Ich habe sie rufen hören, ich solle mich nicht umdrehen und weiterlaufen. Der Trupp ist mir nach und sie haben mich niedergeschlagen.

Töten. Eine Abscheulichkeit. Nur die Bösen machen das.

Das trifft auf den Staat eigentlich ganz gut zu.

 

"Hallo Nummer 286. Ein Wachmann wird nun Ihre Zelle betreten. Sie werden verlegt werden. Bitte wehren Sie sich nicht, um alles leichter zu machen. Danke!", vermeldet die ruhige Computerstimme in meiner Zelle monoton. Natürlich werde ich mir in aller Ruhe die Hände fesseln lassen, es ist ja nicht so, als ob ich gerade gegen meinen Erzfeind kämpfe.

Witzig, denke ich. Ein Staatler würde sich in dieser Zelle wahrscheinlich höchstens Gedanken darüber machen, nicht zur Arbeit kommen zu können. Sie reagieren auf alles, was mit dem Staat zu tun hat, oder direkte Anweisungen sind, komplett hirnlos. Sie kennen die Unsicherheit gar nicht. Wie Kinder.

Eine Erinnerung aus meiner Kindheit macht sich in meinem Kopf breit. Emi spaziert mit mir gerade über den Hof und zeigt mir den Kuhstall. Sie hat mir irgendetwas erklärt. Mich hat die verschlossene Tür im hinteren Bereich leider etwas mehr interessiert, und so habe ich Emi keine Aufmerksamkeit geschenkt, sondern bin direkt auf die Tür zugelaufen. Mit einem Stoß dagegen, hat sich der Durchgang geöffnet, und ich bin hindurchspaziert. Doch bin ich aus Versehen über eine Heugabel gestolpert. Es wurde dunkel. Die Tür fiel zu, Emi war weg. Diese Gefühle, die ich damals empfunden habe, sie waren wie Schmerz, nur nicht so greifbar. Diese Gefühle, die mir Jahre später als 'Unsicherheit' und 'Angst' erklärt worden sind, kennt hier niemand. Diese Gefühle machen sich gerade jetzt in mir breit..

Ein Geräusch reißt mich aus meinen Gedanken. Mein Instinkt übernimmt und die Welt verschwimmt für einen Moment. Reflexartig schlage ich dem hereinkommenden Wachmann die Waffe aus der Hand und strecke ihn nieder.

Als ich wieder klar sehe, realisierte ich, was ich gerade getan habe. Das Alarmlicht erscheint und ich fühle plötzlich einen harten Schlag auf dem Hinterkopf. Mir wird schwarz vor Augen.

 

In meinem Kopf fühlt sich alles wirr an. Es fällt mir schwer, klar zu denken. Ich bin nicht mehr in meiner Zelle. Ich bin auf einem Stuhl in einem reinweißen Raum. Ein Staatsangestellter kommt auf mich zu. Normalerweise würde ich Mitleid mit ihm haben. Er ist nichts weiter, als eine Marionette. Mit einem Mal fühle ich mich überlegen. Ein Bruchstück meines Gewissens will dagegen ankämpfen, doch ich lächele. Abwertende Ausdrücke kommen mir in den Sinn.

"Sehr geehrter Herr Naan Flammenwolf", er betont meinen Nachnamen so abfällig: "Ich will mich ihnen vorstellen. Mein Name ist Erwin Steiner. Der Staat hat vor, endgültig mit den Pannoniern - also Ihnen und Ihresgleichen - ins Reine zu kommen, und da kommen Sie wie gerufen", spricht die leere Stimme des Staatsangestellten. Bei dem Versuch zu sprechen, vibriert meine Kehle. Elende *. Ich vermute, die haben mir irgendwie die Stimmbänder betäubt.

Der Angestellte des Staates redet viel zu lange über irgendwelches politisches Zeugs. Ich weiß zwar, wessen Vorschläge mir da gezeigt werden. Sachlich betrachtet sind einige davon vielleicht sogar ganz gut. Wie zum Beispiel die Einführung der Schulpflicht in Pannonien., und Tablets, um Papier zu sparen. Einzig: die Bauernhöfe dem Staat zu übergeben… Naja, wieso eigentlich nicht…

HALT! Ich bemerke meine Gedankengänge und verfluche mich, auch nur einen Moment an die Kapitulation zu denken. Was auch immer gerade in mir vorgegangen ist, es darf nie wieder passieren!

"Schlucken Sie!", befiehlt der Beamte. Er hält mir eine weiße Tablette hin. Ich will nicht wissen, wozu die gut ist. Aber habe ich eine Wahl? Mit geschlossenen Augen schlucke ich.

"Sie können jetzt wieder sprechen. Antworten Sie mir ehrlich, um Komplikationen zu verhindern!", spricht er. Plötzlich spüre ich, wie sich meine Stimmbänder wieder rühren und ein einzelner Ton entkommt meinem Mund. So als würde meine Stimme 'Hallo' sagen.

Aber was soll ich sagen?

Ob ich ihnen helfen werde, will er wissen.

Was soll ich nun tatsächlich sagen…

 

Vor allem für Neulinge ist Feedback sehr wichtig.

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