Der Staat Kapitel 37

30. April 2062, 18:21, Wien, Wohnsitz der Flammenwolfs

 

"Ihr drei, kommt mal her!", ruft Carik Tihana, Aran und mich gewollt gelassen, aber im Unterton angespannt ins Wohnzimmer: "Ich muss mit euch sprechen!"

Tihanas Augen nach zu schließen, macht sie sich irgendwelche Hoffnungen.

Aran steht einfach ausdruckslos auf. Ich meinerseits überlege fieberhaft, ob das etwas mit dem zu tun hat, was Tihana da heute in der Klasse getan hat. Demzufolge, was sie mir erzählt hat, kaum, dass ich heimgekommen bin, könnte es natürlich auch etwas mit einem Befreiungsversuch für Naan zu tun haben…

In einer schönen Reihe stellen wir uns vor unseren auf der Couch sitzenden Vormund, schauen ihn erwartungsvoll in Tihanas und meinem und gleichgültig in Arans Fall an.

"Lasst es mich kurz machen", setzt Carik mit einem überhörbaren Seufzer der Erleichterung an und richtet sich auf: "Wir werden verreisen."

So, nun eint Überraschung unsere drei Gesichter. Also erklärt Carik freundlich, sachlich, irgendwie leicht monoton: "Kris und Tihana brauchen eine Auszeit, für dich Aran, sowie Milet, welcher uns ebenfalls begleiten wird, ist das eine gute Übung, und außerdem seid ihr vier vor wenigen Minuten in die Liste für die Kandidaten der Außendienstabteilung des V-Kommandos aufgenommen worden. Da müsst ihr natürlich die Welt dort draußen kennenlernen."

Ratlos schauen wir drei uns an. Kommt da sonst noch etwas?

"Packt eure Sachen. Morgen bricht ein Konvoi nach Süden auf, wir wurden ihm zugeteilt. - Jeder packt mindestens drei Garnituren Kleidung plus die Trainingsausrüstung plus eure V-Kommando-Uniformen ein, welche ich euch gleich bringen werde."

Das ist jetzt mehr oder weniger ein Befehl gewesen, weshalb wir nacheinander den Raum verlassen. Zumindest Aran und ich, Tihana hält im Türrahmen an, geht noch einmal zurück zu Carik. Jener liest ihr die Frage, welche wohl schon die ganze Zeit über auf der Zunge brannte, aus den Augen ab und schüttelt nur leicht den Kopf.

Ein einzelner, unterdrückter Schniefer von Tihana, ein gehauchtes: "Okay…"

Ein gequälter Blick von Carik. Es wirkt, als wolle er ihr tatsächlich helfen, könne aber genau in diesem einen Punkt nichts für sie tun. Was auch immer diese Sache sein mag…

Je zwei hängende Schultern von ihr und mir. Sie so zu sehen, stimmt einen einfach unweigerlich ebenfalls traurig.

Wir schleichen zu unseren Zimmern.

Okay, drei Garnituren, plus Sportbekleidung, Schuhe nicht vergessen, dann die zwei Uniformen, welche mir Carik keine Minute nach unserem Gespräch überreicht, eine standard-schwarz, eine olivgrün, das Foto von meiner Familie mit dem Fleck von Mutters Träne in der linken unteren Ecke.

Reißverschluss zu und neben der Tasche auf das Bett setzen.

Ich brauche einen Moment Verschnaufpause. Die Ereignisse der letzten Tage überschlagen sich. Und jetzt auch noch das! - Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, den Staat zu verlassen, aber es ist eine weitere Sache, die sich so gar nicht mit meiner Gewohnheit von geplanten, vorhersehbaren Abläufen vereinbaren lässt. Zwei Punkte lassen mich bei diesem Gedanken stocken. Erstens: Planung mag schön und gut sein, aber sie nimmt einem stückchenweise, ganz heimlich, still und leise die Freiheit. Zweitens: Der Staat bedeutet Planung und Routine und ich werden ihn jetzt verlassen - wenn ich also Planung wollte, könnte ich auch hierbleiben. Aber das werde ich nicht.

Trotzdem ist da irgendwo das Gefühl von Unsicherheit in mir, welches mich davor warnt, bekanntes Terrain zu verlassen.

 

Carik klopft an meine Zimmertür: "Bist du fertig?"

"Sofort", melde ich mich rasch zurück und stecke noch schnell das Tablet ebenfalls in die Reisetasche. Dann stehe ich auf, streiche mir meine Schuluniform zurecht, ergreife die Tasche und öffne die Tür.

"Bereit", verkünde ich.

Carik nickt zufrieden und geht in Richtung der Eingangstür, direkt gefolgt von Aran, Tihana und mir.

Wie üblich bleiben die Wachen nicht stehen, sondern folgen uns direkt auf den Fersen. Einer von ihnen fährt den Wagen vor, wir laden ein, steigen ein.

"Zum Treffpunkt", befiehlt Carik in seinem gewohnten, kalten, widerspruchzerschmetternden Kommandotonfall.

Zur Antwort setzt sich das Fahrzeug in Bewegung.

 

Wir halten neben einem großen, stählernen Tor. Der Fahrer lässt den Motor laufen, hält beide Hände am Lenkrad, bereit, jeden Moment weiterzufahren.

Nun schiebt sich der Stahl langsam zur Seite und ein Konvoi von drei Fahrzeugen derselben Bauart wie unseres, kommt heraus, woraufhin auch wir uns wieder in Bewegung setzen. Hinter uns reihen sich unverzüglich zwei weitere Wagen vom Tor her ein.

So rollt die Kolonne von sechs großen Militärautos die Straßen Wiens entlang.

"Milet befindet sich in dem Wagen vor uns", informiert uns Carik über die Schulter.

 

Das Passieren des Grenzüberganges geht recht schnell vonstatten. Männer und Frauen des Militärs durchsuchen uns, wie auch das Gepäck und die Fahrzeuge an sich, überprüfen unsere Identität und kontrollieren die Transmitteranlagen der Militärautos - Kommunikation soll schließlich immer möglich sein.

 

Wenige Minuten nach der Grenze dreht sich Carik zu uns um und erklärt: "Die Linsen, die Armbänder und die Ohrstöpsel haben ab jetzt keinen Kontakt mehr zum Hauptquartier. Und selbst wenn sie noch Verbindung hätten, könnten sie trotzdem keine Unterstützung von Wien her aussenden, weil die Entfernung einfach zu groß ist. Das heißt, diese Ausrüstung ist hier draußen so gut wie nutzlos. Ihr werdet stattdessen richtige Funkgeräte und Tracker bekommen, sobald wir angekommen sind, sodass wir uns hier draußen untereinander zumindest noch koordinieren können. - Ihr solltet also das Zeug eigentlich gleich ablegen, gebt sie am besten hier in diesen Beutel", meint er und hält uns einen kleinen Plastiksack hin: "Ihr werdet ohnehin neue bekommen, wenn wir zurück sind."

Also tun wir, wie geheißen. Eine andere Beschäftigung gibt es ohnehin nicht auf dieser Fahrt. - Mal abgesehen von dem Vortrag über die Pannonier, zu dem Carik jetzt ansetzt.

Sie sind also eine locker organisierte Truppe von Menschen, welche sich besonders darauf versteht, Nahrungsmittel anzubauen. In der Frühphase des Staates verließen sie ihn, um ein eigenes Gebiet zu besetzen, welches sie kaum bis gar nicht verwalten. Auch dort hat jeder Bürger eine Aufgabe, hat aber vollkommen Freiheit, wie genau er diese ausführt. Wenn jemandem seine Arbeit nicht mehr gefällt, bekommt er eben einen neuen Job. Weiters dürfen sich die Menschen frei bewegen und im Prinzip tun und lassen, was sie wollen, solange sie gegen kein Gesetz verstoßen. Die Beziehungen zwischen Staat und Pannoniern fußen auf dem Handel Technik gegen Nahrung. Wir verkaufen ihnen Maschinen und Gerätschaften, wofür wir dann Nahrungsmittel aller Art erhalten. Damit dies reibungslos abläuft gibt es einen 'Vorort' genannten Bereich, von welchem aus die Händler und Botschafter des Staates agieren. In diesem 'Vorort' herrschen Staat-Verhältnisse light. Überwachung ja, Kontrolle eher weniger. Dort arbeiten wohl auch Tihanas Eltern.

Und als wir durch das Maschendrahttor des 'Vorortes' fahren, zieht diese unwillkürlich den Kopf ein.

 

Geordnet, als hätten sie es schon gut tausend Mal gemacht, steigen die Soldaten und einige Mitglieder des V-Kommandos aus den Wagen rings um uns herum aus, entladen im letzten Licht der Sonne ihr Gepäck und marschieren anschließend in kleinen Gruppen in alle Himmelsrichtungen von dannen.

Milet stellt sich zu uns. Eskortiert von den zwei Wachen marschieren wir Carik hinterher zu unserem Quartier. Ein kleines, weißes, zweistöckiges Haus mit einigen großen Fenstern. Tihana bekommt ein Einzelzimmer, Carik und Aran sowie Milet und ich als auch die Wachen teilen uns jeweils eines.

 

Durch die dünne Zwischenwand schnappe ich einige Worte Cariks an Tihana auf: "Deine Eltern meinen, sie wollen dich sehen." Es ist mehr eine Frage, als eine Aussage.

Ihre Nicht-Antwort ist auch eine. Also nein - sie will definitiv nicht.

"Ich werde es ihnen mitteilen lassen", beendet Carik den kurzen Wortwechsel. Ich höre eine Tür auf und wieder zugehen. Erschöpft von der Reise fallen mir die Augen zu.

 

Am Tag nach unserer Ankunft klopft jemand an unserer Tür, reißt mich aus meinem Halbschlaf und Milet aus seinen Gedanken.

"Ja?", möchte dieser erfahren.

"Der Kommandant schickt mich", antwortet eine relativ junge Stimme, welche vermutlich einem Jugendlichen gehört.

Gemütlich geht Milet an die Tür, während ich mich aufrichte und wieder einmal meine Schuluniform glattstreiche. Er öffnet und lässt den jungen, braunhaarigen, braunäugigen Mann ein, welcher vielleicht siebzehn, achtzehn ist und eine V-Kommando-Uniform in olivgrün trägt.

"Guten Tag", begrüßt er uns, stellt sich händeschüttelnd vor: "Mein Name ist Taro und ich bin für heute euer Guide. Ich soll euch ein wenig die Gegend zeigen." Taro ist nicht mit dem Konvoi gekommen, da bin ich mir sicher. Er ist also schon ein wenig länger hier. Also ideal, um meine Fragen bezüglich der Pannonier zu beantworten.

 

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