Der Staat Kapitel 41

3. Mai 2062, 12:48, Pannonien, Vorort

 

Nach einem hastigen Mittagessen, während dem ich versuche, den unablässigen Gedankenstrom in meinem Kopf einzubremsen, begebe ich mich in mein Zimmer und sinke erschöpft auf die Bettkante.

Tihana - wieso? Wozu? Warum?

Ich kann es nicht glauben, dass sie es war, es…

In diesem Strudel aus Hin und Her zwischen Tatsachen und meinem Glauben an meine 'Schwester' gefangen, beginne ich unbewusst, meinen Rucksack mit meiner zweiten Uniformgarnitur, meiner Schulkleidung und jeweils passenden Schuhen zu packen, wie Carik es angeordnet hat. Wir werden zu den Pannoniern fahren, dem ersten Ort, an den Tihana fliehen würde. Auf dem Nachttisch finde ich ein neues Funkgerät und Tracker, stecke sie in ein Seitenfach des Rucksackes.

Abfahrt ist in eineinhalb Stunden und ich werde diese Zeit jetzt sinnvoll nutzen.

 

"Kris?", rüttelt Milet mich wach: "Wir fahren in einer Viertelstunde."

"Hm?", schlage ich die Augen auf und stütze mich auf: "Ahso…", murmle ich verschlafen.

"Kommst du?", hält mein Freund mir die Tür auf, während ich in die schweren Stiefel schlüpfe und den Rucksack schultere, in welchen irgendwer - vermutlich Milet - noch eine Wochenration dieser Nahrungsriegel des Militärs gepackt hat.

"Danke", murmle ich im Vorbeigehen und deute auf das Fach, in das er sie gesteckt hat.

"Anweisung des Kommandanten", erwidert er fast ausdruckslos, froh über den Dank: "Es heißt, wir sollen uns auf eine längere Suchaktion einstellen."

 

Sechs Fahrzeuge mit je sechs Mann beziehungsweise Frau Besatzung sowie Gepäck und Ausrüstung starten um exakt 15 Uhr vom Hauptplatz des Vorortes in Richtung Süden, der Sonne entgegen, welche sich schon bald hinter einer heranziehenden Wolkendecke verstecken wird.

 

Kontinuierlich schieben die Scheibenwischer den Regen von der Windschutzscheibe, spritzt das Wasser an den Hinterrädern des Wagens vor uns in die Höhe, prasseln die Tropfen dick und laut auf das Autodach. Ansonsten herrscht vollkommene Stille. Abgesehen von dem einzelnen Funkspruch von Carik an die Pannonier, um unsere Ankunft anzukündigen, ist seit mindestens einer halben Stunde kein Wort gefallen. Ununterbrochen studiere ich eine Karte der 'Hauptstadt' von Pannonien - Hügelbach - auf dem Bordtablet des Fahrzeuges, versuche mir die Wege, Straßen, markanten Gebäude einzuprägen. Etwas Anderes habe ich ohnehin nicht zu tun und mich zurechtfinden zu können, kommt mir nützlich vor.

Wobei mir das Gespräch beim Abendessen vor zwei Tagen in den Sinn kommt. Verlaufen werde ich mich nicht, mit der Verständigung könnte es trotzdem Probleme geben. Aus einer plötzlichen Laune heraus durchsuche ich also spontan die Datenbank nach 'Pannonisch' und stoße auf eine Art 'Crashkurs' - Grammatik, Standartfloskeln, … - Tihana hatte Recht, es gibt nicht allzu viele Unterschiede. Interessante Aussprache, ein paar andere Abwandlungen von Verben und Adjektiven sowie generell fremde Wörter, von denen viele sich aber doch irgendwie so lesen, wie die Norischen.

 

Kein Mensch ist auf den Straßen, nur vereinzelt parken alte Autos am Straßenrand. Die Jalousien und Rollos vor den Fenstern sind fest verschlossen, die Türen verriegelt. Niemand zeigt sich.

Schnurrend laufen die Motoren aus, kommt der Konvoi vor dem 'Regierungssitz' Pannoniens zum Stehen.

Unbeeindruckt vom unablässigen Regen steigen sechs V-Kommandomitglieder mit versteinerten Mienen, je einer pro Fahrzeug, aus den Wagen und bewegen sich mit Milet, Aran und mir im Schlepptau, angeführt von Carik über den kleinen Vorplatz zur Doppelflügeleingangstür hin. Ohne langen Prozess stößt der Kommandant diese harsch auf, ohne anzuklopfen oder sonst irgendein Zeichen der Etikette.

"Was verschafft uns die Ehre?", vernehme ich eine Stimme trotzig und tapfer sich dem Ansturm des V-Kommandos entgegenstellend, während ich mir gerade noch die Stiefel auf der Matte abstreife, dann ins Trockene schlüpfe. Ich kenne die Frau, welche da spricht.

Emi - die Anführerin der Pannonier.

"Wir verhängen ab sofort eine Ausgangssperre. Außerdem benötigen wir Unterstützung durch Ihre Polizei sowie Quartiere für Sechsunddreißig Personen und sechs überdachte Autostellplätze", überfährt der Kommandant im Befehlston alles, was noch an Höflichkeit in diesem Wortwechsel übrig war.

"Natürlich", murmelt Emi, senkt verbittert den Blick, gibt dem Mädchen an ihrer Seite einen Wink, woraufhin dieses durch eine Seitentür die Eingangshalle verlässt.

Die Anführerin der Pannonier schaut Carik nun direkt in die Augen: "Darf ich annehmen, die Angelegenheit ist dringend und vertraulich?" Wie zur Antwort marschiert der Kommandant voran, eine breite Treppe hinauf in den zweiten Stock, woraufhin Emi ihm wortlos folgt, nur eine gezwungen versteinerte Miene zeigend. Wut ist nur ein Teil der kaum sichtbaren Mischung von Gefühlsausdrücken in ihrem Gesicht.

Vom oberen Ende der Stufen herab meint Carik noch zu den verbleibenden V-Kommandomitgliedern: "Verschafft euch einen Überblick über die allgemeine Situation hier und beginnt mit der Suche." Der Ranghöchste nach dem Kommandanten schlägt die Hacken zusammen und führt die verbleibenden V-Kommandoleute zurück zu den Wagen, während Milet, Aran und ich auf eine Zeichen Cariks hin, meinem 'Zieh-Vater' nachfolgen.

 

"Carik Flammenwolf. Sie haben wir schon lange nicht mehr hier begrüßen dürfen", meint Emi gezwungen höflich und schließt die schwere Holztür hinter uns, sperrt die Welt aus aus diesem Besprechungsraum, den ich ebenfalls schon einmal gesehen habe. Spärliches Licht, ein großer Tisch in der Mitte, ein Schreibtisch mit Stuhl an der der Tür gegenüberliegenden Wand.

"Im Sinne einer weiteren guten Zusammenarbeit, halte ich Sie und ganz Pannonien dazu an, ungefragt zu kollaborieren", beginnt Carik.

"Also ist es wirklich so wichtig", fühlt Emi sich bestätigt, setzt sich auf den weichen Sessel am Schreibtisch, blickt über dessen Holz hinweg zu uns vieren, die wir stehen bleiben.

"Es geht um die Tochter der Sansamanns. Sie ist flüchtig."

"Oha", macht Emi erstaunt: "Und deswegen so ein Aufheben? Nur wegen ihr?" Sie meint das nicht abwertend, sondern wirklich nur erstaunt, so im Sinne von 'Wieso-ist-sie-so-interessant-für-euch?'

"Die Hintergründe sind unwichtig. Es zählt nur, wo Tihana sich aufhält. Wissen Sie etwas darüber?", wischt Carik abermals kalt und rücksichtslos alles einfach weg, wie ein Tornado ein Streichholz.

Jetzt erst wird es mir klar, klar, wie wichtig Tihana ihm wirklich ist… Sein Blick, sein Verhalten, sein Tonfall - alles ist so…anders. - Er hat Angst! - Macht sich Sorgen um sie.

Auch er will nicht glauben, dass sie es war, die mich vergiftet hat.

"Wollen Sie etwa andeuten, wir hätten sie entführt?", baut Emi einen verbalen Schutzschild auf, mit dem sie gleichzeitig Unschuld sowie Unwillen, weitere Anschuldigungen zu erdulden, signalisiert.

"Selbst wenn es nicht auf Ihren Befehl hin war, irgendwer hat meinen Adoptivsohn betäubt und ihn fast umgebracht. - Tihana hat dies bestimmt nicht selbstständig getan, dafür war es zu perfekt ausgeführt, als dass sie es in der kurzen Zeit, die sie hatte, planen und vorbereiten hätte können. Also muss irgendwer von außen sie unterstützt oder entführt haben", legt Carik seinen Standpunkt klipp und klar dar.

"Sie gehen also von einer Entführung aus?", nimmt Emi emotionslos an.

"Genau. Und ich verlange Ihre vollste Unterstützung in dieser Sache", bestätigt der Kommandant.

Emi faltet die Hände, spielt kurz mit den Fingern, lässt ihren Blick im Raum schweifen, meidet uns und erhebt sich schlussendlich aus ihrem Sessel.

"Nun, die Unterstützung werden Sie bekommen. Doch nur aus diesen zwei Gründen möchte ich klargestellt haben: Erstens, es könnte sich um ein Verbrechen handeln. Zweitens, sie wird vermisst. Nicht mehr und nicht weniger", sie legt eine kurze bedeutende Pause ein, schaut Carik lange, tief und fest in die Augen und presst dann zwischen den Lippen hervor: "Sollte sich jedoch herausstellen, dass sie einfach nur davongelaufen ist, weil sie weg vom Staat wollte - was ich für gut möglich halte, werde ich…ich…", bricht sie ab, erkennend, dass sie nicht in der Position für Drohungen ist.

"Was auch immer es sein mag. Es wird nicht nötig sein", meint Carik zufrieden und überlegen lächelnd und wendet sich zum Gehen, gibt uns anderen einen Wink.

"Du da", deutet Emi auf mich: "Bleib noch kurz." Ein schneller Blickwechsel zwischen Carik, Emi und mir und die Sache ist beschlossen. Die Tür fällt zu. Ich bin alleine mit ihr.

"Was ist?", beginne ich verwundert.

"Kann es sein, dass nicht nur ihm, sondern auch dir etwas an Tihana liegt?", fragt sie so freundlich, als hätte das Gespräch gerade eben nie stattgefunden. Einige Momente lang lässt sie ihre Frage wirken, stellt dann fest, als ich nicht antworte, sondern nur nach passenden Worten suche: "Du musst nichts sagen, man sieht es dir an. - Eigentlich wollte ich nur deine Meinung hören. Glaubst du, sie hat dich betäubt und ist dann geflohen? Oder bist du auch von einer Entführung überzeugt?", sie sagt das so freundlich, warm, mütterlich.

"Ich wüsste es selbst gerne, hoffe allerdings, dass nicht sie es war, die mich betäubt hat."

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