Der Staat Kapitel 1

Wien, eine Stadt. Die einzige Stadt, in der ich jemals war. Der einzige Ort, an dem ich jemals war. Alle meine Freunde, Verwandte leben hier.

Meine Familie und ich, Mama, Papa, ein älterer Bruder und ich, leben in einem weiß gestrichenen Reihenhaus in der sechsten Ringstraße. Mir gefällt es, so nahe am Zentrum zu wohnen. Es erlaubt meinen Freunden und mir, jeden Abend gemeinsam mit vielen anderen in ein kleines Restaurant mit Kegelbahn zu gehen und ein wenig die Sorgen des Alltags zu vergessen.

Mein Zimmer in unserer Wohnung ist zwar ganz nett, aber es ist dort irgendwie langweilig, es gibt nichts, womit ich mich beschäftigen könnte. Meinen Freunden ergeht es genau gleich.

Nur zum Schlafen, das ist die einzige Zeit, die ich zuhause verbringe, komme ich heim.

Auch heute falle ich wieder erschöpft, doch dem neuen Tag schon erwartungsvoll entgegensehend, in die Federn.

 

Ich stehe in einem schwarzen Raum. Geborgen kann ich unbekümmert schlafen.

"Kris, wach auf!", ruft meine Mutter so wie jeden Tag in dem gleichen freundlichen Tonfall wie immer von der Küche herüber.

Sofort hellwach stehe ich auf und werfe mich in meine schwarz-weiße Schuluniform. Stolz prangt das Wappen meiner Schule, eine graue siebenunddreißig, auf der rechten Brust.

Geschmacklos, aber nahrhaft rutscht mir das Müsli die Kehle runter.

Mein Vater und mein Bruder sind bereits außer Haus bei ihrer Arbeit.

Als nächstes Zähneputzen und dann noch die Schuhe anziehen.

"Hast du alles, was du brauchst?", möchte Mutter erinnernd wissen. Gerade öffne ich die Tür.

"Auf deinem Schreibtisch vielleicht?", deutet sie an.

"Danke", entgegne ich und eile schnell noch einmal kurz zurück, um es mir das Tablet unter den Arm zu klemmen. Darauf habe ich alles, was wir für die Schule brauchen. Unterrichtsmaterial, Aufgaben, Übungen,...

"Jetzt aber", melde ich mich fertig.

"Na dann, viel Spaß in der Schule", wünscht sie mir.

Synchron, wie jeden Morgen, treten meine Freunde aus den weißen Türen der angrenzenden Wohnungen auf den weiß gefliesten Gang.

"Morgen", grüße ich mit einem kurzen Nicken nach links und rechts.

"Morgen", kommt es simultan zurück.

Dann sind wir auch schon auf dem Weg, die weiße Fließentreppe hinunter zur Bushaltestelle.

Und wie es schon gestern, am Tag davor und all den Tagen vorher war, warten dort, meine Freunde und mich eingeschlossen, exakt dreiundzwanzig Personen. Wovon zwanzig Schüler und die restlichen drei Angestellte des Staates sind.

Zwei Minuten, nach dem wir uns hinzugestellt haben, ist der Bus noch immer nicht da. Dabei sollte er doch sofort kommen!?

Fragend blicken wir umher. Nicht minder verwirrt wirken die restlichen Menschen an der Haltestelle.

Zwei, drei drücken bereits ihren Irgendetwas-läuft-nicht-wie-es-soll-Notrufbutton, den jeder Bürger des Staates bekommt.

Einer der Schüler macht nach dem Drücken des Knopfes einen Schritt auf die Staatsangestellten zu. Doch auch diese scheinen keinen blassen Schimmer zu haben, wo der Bus bleibt...

Nach einem kurzen Anruf bei den Stadtwerken, erklärt einer der Staatsbediensteten:

"Offenbar liegt eine technische Panne beim regulären Bus vor. Der Ersatzbus hätte ihn eigentlich unverzüglich ersetzen sollen. Leider hat wohl irgendetwas nicht ganz funktioniert. Es besteht jedoch kein Grund zur Beunruhigung."

Das nervöse Trippeln meines Freundes Tobias hört auf.

"Nur eine technische Panne", wiederholt er tief durchatmend.

Ich kann seine Aufregung schon verstehen. Noch nie habe ich davon gehört, dass sich ein Bus verspätet hätte!

Fünf weitere Minuten vergehen, ohne dass der Bus in Sicht kommt. Auch ein neuerlicher Anruf bringt kein bisschen Gewissheit mehr.

"Was sollen wir jetzt tun?", hört man die umstehenden Schüler langsam verzweifeln:

"Wir müssen doch in die Schule kommen?"

"Könnte das irgendeine Art Übung sein", vernehme ich einen der Angestellten des Staates neben mir murmeln.

Sein Kollege verneint jedoch:

"Ich weiß von nichts. Außerdem, solch eine Übung existiert doch nur in den Theoriebüchern."

Auch in meinem Kopf steht alles Kopf.

Soetwas hat man uns nie in der Schule beigebracht...! Nie wurde uns erklärt, wie wir uns in so einem Fall zu verhalten hätten!...

Ratlos steige ich von einem Fuß auf den anderen.

Tobias hämmert wie wild auf seinen Irgendetwas-läuft-nicht-wie-es-soll-Notrufbutton, aber außer der Ansage einer weiblichen Computerstimme:

"Bitte bewahren sie die Ruhe, ihr Bus wird gleich ankommen", erhält er keine Reaktion.

Mein Freund Lukas tippt mir auf die Schulter:

"Hast du eine Ahnung, was wir jetzt tun sollen?"

"Nein",  gebe ich niedergeschlagen, irritiert und auch etwas angsterfüllt zurück.

"Aber wir müssen zur Schule!", drängt Lukas energisch.

"Dann erklär mir, wie!", fordere ich aufbrausend:

"Ich weiß doch auch nicht, wie!"

Ähnlich wie uns dreien, scheint es auch den Anderen zu gehen.

Plötzlich meldet sich einer der Staatsangestellten mit dem verrückten Vorschlag:

"Die Stadtwerke entschuldigen sich vielmals für alle Unannehmlichkeiten, und da das vorliegende Problem nicht auf die Schnelle zu lösen ist, wird man uns Karten auf unsere Smartphones oder Tablets schicken. Damit sollen wir, nur als Zwischenlösung für den Moment, zu Fuß zu unseren Arbeitsplätzen gehen."

Tatsächlich vibriert mein Tablet gerade jetzt in meiner Hand - eine Nachricht des Staates ist eingetroffen.

"Zu Fuß?!", kreischt irgendjemand.

Achselzuckend setzen sich die drei Angestellten des Staates in Bewegung.

Wiederwillig folgen alle ihrem Beispiel.

Kurz verweile ich noch, studiere die Karte auf meinem Display.

Just in diesem Moment höre ich von der Straße her ein Quietschen.

Irgendeine komische Art von Gefährt rast über den Asphalt.

Vier Räder, ein Motor. Im Prinzip ist es ein kleiner Bus.

Aber nicht so einer, wie die, in denen man im Fernsehen manches Mal Angestellte des Staates herumfahren sieht. Jene sind nämlich schön schwarz, lang und fahren nicht so schnell.

Dieses spezielle Exemplar hier ist so ziemlich das Gegenteil davon. Klein, schnell, reinweiß lackiert.

"Kris, wo bleibst du?", dreht sich Lukas nach mir um. Tobias hämmert beim Anblick des kleinen Busses schon wieder auf seinen Irgendetwas-läuft-nicht-wie-es-soll-Notrufbutton.

"Was zur Hölle ist denn das schon wieder?", jetzt hat auch der Rest der Menschen, die nun entgegen aller Vernunft zu Fuß aufgebrochen sind, das Gefährt bemerkt.

Und um die allgemeine Verwirrung perfekt zu machen, bremst es mit qualmenden Reifen direkt neben mir ab. Eine Tür springt auf, aus dem Inneren dringt eine freundliche, männliche Stimme, deren Besitzer eine Emotion hat, die ich nicht kenne. Er spricht schnell, undeutlich und aufgeregt:

"Steig ein Kris. Wir haben im Moment keine Zeit für Erklärungen, aber wenn du dein Leben weiterleben willst, rate ich dir, schnell einzusteigen."

Lukas tritt an mich heran:

"Lass das Kris. Das wäre ein sehr großer Fehler."

Ich persönlich weiß ja nicht so genau. Natürlich soll ich nicht in irgendein Gefährt steigen, dessen Herkunft, Fahrer oder Machart ich nicht kenne, andererseits hänge ich doch irgendwie sehr an meinem Leben...

 

Was also soll ich tun?

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Der Staat Kapitel 2

Unsicher setze ich einen Schritt auf das Gefährt zu.

"Schnell!", drängt die Stimme aus dem Inneren. Durch die verdunkelten Scheiben kann ich nicht hineinsehen.

Irgendwie sagt mir ein komisches unbestimmbares Gefühl, ich sollte einsteigen. Alles andere, besonders mein Verstand hämmert jedoch dieses eine Wort in meinen Kopf: 'Nicht!'

Innerlich zerrissen stoppt mein Fuß, bevor er den Boden erneut berührt.

Neuerlich meldet sich der Mann aus dem Vehikel:

"Kris, ich meine es ernst!"

Er legt immer mehr Kraft in seine Stimme, dieser, mir unbekannte Tonfall verstärkt sich weiter.

Ich stelle meinen Fuß ab. Möchte zu einem weiteren Schritt ansetzen.

Woher kennt der meinen Namen?!?

Unbewusst setzte ich mich vollends in Bewegung.

Ich bekomme noch mit, wie einer der Staatsangestellten mich zurückreißt, dann erfüllt trommelfellzerstörendes Reifenquietschen die Atmosphäre.

Schwer lande ich mit dem Rücken auf dem Asphalt, bleibe diesig liegen.

Mit weit geöffneten Augen und Mund starren die Menschen den Davonrasenden hinterher.

Verarbeiten, ja nicht einmal realisieren kann es allem Anschein nach jemand.

Was um Alles in der Welt ist gerade passiert?!

Sogar den Angestellten des Staates überfordert die Situation vollkommen.

Unfähig irgendetwas Vernünftiges zu sagen, stottert er vollkommen aufgelöst und erschöpft in sein Telefon:

"Hilfe...sofortige Hilfe – benötigt...Vorfall...schlecht...Kinder - involviert..."

Tobias kann sich nicht mehr halten, wie ein Verrückter stürmt er die Bushaltestelle auf und ab, immer und immer wieder, mit jedem Mal schneller.

Lukas kommt allmählich wieder zu sich:

"Das, das war...? Was...war das gerade?", schluckt er schwer.

Ein weiterer Staatsangestellter kommt seinem Kollegen zu Hilfe:

"Hubert bringt gerade die Kinder weg. Wie geht es dir Franz?"

"Ähm...? Naja, mir fehlt eigentlich Nichts...", murmelt Franz und steht tapsig auf.

Lukas tritt an mich heran:

"Kris?"

Ich hebe den Kopf. Dann hält er mir die Hand hin, hilft mir aufzustehen.

"Danke", atme ich aus, blicke zu der Straßenecke, hinter der die zwei Gefährte mittlerweile verschwunden sind.

Jemand tippt mir auf die Schulter.

"Folgt Hubert, er bringt euch in die Schule", befiehlt Franz Lukas, Tobias und mir.

Willig folge ich Lukas mit Tobias im Schlepptau.

Kopfschüttelnd bleiben die zwei Angestellten des Staates zurück.

 

Schule. Ein Ort, zu Lernen. Ein Ort, dich auf das Leben vorzubereiten. Ein Ort, Hilfe zu bekommen. Ein Ort, Probleme zu vergessen. Ein Ort, sich wohlzufühlen.

Schule Nummer siebenunddreißig. Dritte Schulstufe, siebtes Gebäude, liegt zwischen dem sechsten und achten. Gegenüber liegen die Gebäude der zweiten Schulstufe mit denselben Nummern.

Vom Fenster meiner Klasse aus sehe ich den Sportplatz. Nur Wenigen ist es vergönnt, mehr als einmal pro Woche dort trainieren zu dürfen. Zu diesen Wenigen sehen wir alle auf, selbst wenn sie jünger sind als wir.

Sie werden einmal ein gutes, ehrvolles Leben führen sagt man uns. Das ist auch der Grund, wieso jeder immer so gut wie möglich bei der jährlichen medizinischen Untersuchung dastehen will. Denn nur die gesündesten, fittesten kommen in die Klassen, deren Kennzeichnung mit einem V endet.

Schule ist interessant, keine Frage, nur heute beschäftigt mich etwas Anderes einfach mehr. Die immer gleichen Bewegungen der V-Klasse dort unten, ihre Routine beruhigen mich irgendwie.

"Kris, du verhältst dich heute sehr seltsam", bemerkt meine Lehrerin:

"Bring ihn doch mal zur Schulärztin, Lukas."

"Sofort", beflissen erhebt sich jener unverzüglich, wartet an der Tür auf mich.

Wenigstens kann ich so etwas mehr Nachdenken und muss mich nicht simultan auf zwei Dinge konzentrieren.

Lange leere Gänge voller weißem Nichts und weißgeflieste Treppen führen uns ins Erdgeschoß von Gebäude acht.

"Ich werde hier auf dich warten", verkündet Lukas, als wir angekommen sind.

Abwesend klopfe ich an.

"Herein", bittet eine freundliche Damenstimme.

Hinter mir fällt die Tür sanft ins Schloss.

Stille hüllt den sterilweißen Raum in eine sanfte Decke der Heilung.

Lächelnd kommt die Ärztin mit klackernden Stöckelschuhen auf mich zu.

"Was kann ich für die tun?", möchte sie mütterlich erfahren.

Monoton in Gedanken versunken gebe ich zurück:

"Meine Lehrerin meinte, etwas stimme nicht mit mir. Ich bin von siebenunddreißig, 3B-Klasse."

"Na dann nimm bitte dort auf dem Stuhl Platz", fordert sie mich auf und deutet auf den weißen Stuhl gegenüber ihres Schreibtisches.

Stumm tue ich wie geheißen.

Sie kramt erst in einer Schublade herum, bringt einige Blätter Papier zum Vorschein, setzt sich dann auf den bequem wirkenden, weißen Ledersessel mir gegenüber und beginnt freundlich auffordernd lächelnd:

"Erzähl mir, was passiert ist."

"Heute Morgen ist der Bus nicht wie geplant gekommen, stattdessen ist so ein kleines, weißes Gefährt, in welchem vielleicht fünf Personen Platz haben, angerast. Der Fahrer meinte, mein Leben sei in Gefahr und ich solle unbedingt einsteigen, bevor es zu spät sei. Natürlich habe ich das nicht getan. Anschließend hat die Polizei den Mann in seinem Vehikel davongejagt. Zum Schluss sind wir dann zu Fuß zur Schule gegangen", erzähle ich gefühlslos.

Für einen Moment belegt überraschte Stille den Mund der Ärztin. Zwei Augenblicke später fängt sie sich wieder:

"Also noch einmal zum Mitschreiben: Der Bus ist nicht gekommen, ein Mann wollte, dass du zu ihm ins Auto steigst. Und die Polizei hat ihn dann verjagt?", will sie sich unsicher vergewissern.

Ein Auto ist das also, gut zu wissen. Ich habe solch ein Wort noch nie zuvor gehört...

"Genau."

"Gut", murmelt sie, ihr Stift fliegt über das Papier.

"Ist so etwas schon vorher geschehen?"

"Nein."

"Ist dir sonst etwas Seltsames wiederfahren? - Irgendetwas, das nicht geplant war?"

"Nein."

"Hm...", beendet sie die Fragen und dirigiert mich zum Sehtest. Anschließend checkt sie noch Ohren, Atmung und Herzschlag.

Alle Tests ergeben nichts Ungewöhnliches.

"Sieht so aus, als wäre mit dir alles in Ordnung", diagnostiziert die Ärztin:

"Du darfst gehen", entlässt sie mich.

Auf meinem Weg zur Tür höre ich hinter mir noch ein wenig Papierrascheln.

Plötzlich meldet sich die Dame noch einmal:

"Halt, warte noch kurz bitte." Offenbar hat sie noch etwas vergessen, was ich als sehr ungewöhnlich einstufe.

Stumm deutet sie, gezwungen ruhig, auf die weiße Liege.

"Bitte leg dich dort hin, schließe die Augen und entspanne dich."

Ich begebe mich also in Schlafposition.

Alles was sie tut, ist mir etwas ins Genick, genauer gesagt in etwa dorthin, wo der Schädel auf der Wirbelsäule aufliegt, zu kleben.

"Nicht erschrecken, das ist nur eine Elektrode. - Versuch jetzt an nichts zu denken."

Das ist leichter gesagt, als getan, wenn einem so viel durch den Kopf geht.

 

Ich stehe in einem schwarzen Raum. Nichts ist hier, was irgendwie interessant sein könnte. Nur schwarz. Unsicher bewege ich mich vorwärts. So vieles, das ist nicht verstehe, das Schwarz verschluckt alles.

Jemand tippt mir auf die Schulter.

Unfähig den Ausdruck des Gesichtes der Ärztin zu deuten, richte ich mich auf.

Sie starrt unentwegt auf einen kleinen Bildschirm auf dem eine Kurve eingeblendet wird. Ruhig lastet ihr linker Zeigefinger auf einem Bereich, welcher sich insofern vom Rest des Graphen unterscheidet, dass hier ein Ausschlag, wenn auch kein besonders großer, zu sehen ist.

"Hat das etwas zu bedeuten?", will ich erfahren.

Tief durchatmend gibt sie zurück:

"Es bedeutet wohl, dass du von nun an die V-Klasse besuchen wirst – zumindest vorübergehend bis wir Zeit haben, eine weitere Untersuchung durchzuführen."

"Na das ist doch ein Grund zur Freude", bemerke ich in entsprechender Stimmung. Die V-Klasse!

"Ab sofort?", vergewissere ich mich.

"Nicht so eilig", lacht sie auf:

"Ich muss zuerst noch zum Direktor."

Schnell fertigt sie noch einen Ausdruck des Graphen an und schon sind es wieder die endlos langen Gänge. Lukas wird von der Ärztin mit einer Handbewegung zurück in seine Klasse geschickt.

Zurück in Gebäude Nummer sieben der dritten Schulstufe warte ich eine halbe Ewigkeit auf einem harten Holzsessel vor der schwarzen Tür mit der weißen Aufschrift: 'Direktor'.

Nach einer geschätzten halben Stunde kommen Direktor und Ärztin endlich wieder aus. Der beleibte Mann mittleren Alters verkündet:

"Kris, die Sache sieht wie folgt aus: offensichtlich wurde es bei der letzten medizinischen Untersuchung übersehen, denn so wie es im Moment aussieht, bist du für die V-Klasse geeignet. Um ganz sicher gehen zu können, müssen wir aber noch das Ergebnis eines weiteren Tests abwarten. Dieser wird morgen Früh hier in der Schule stattfinden. Melde dich um acht Uhr bei der Schulärztin. Bis dahin darfst du nun entweder in die Schulbücherei gehen, um dich auf die Wahrscheinlichkeit eines Besuches der V-Klasse vorzubereiten, oder du gehst direkt in den Unterricht der V-Klasse."

Hm. Die V-Klasse hat das höchste Leistungspensum von allen, ein wenig Vorbereitung könnte also nicht schaden. Doch wieso warten, wenn man etwas auch sofort haben kann?

Lasse ich die Vernunft siegen, oder meinen Impuls?

 

Was wird mich in der V-Klasse erwarten?

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Der Staat Kapitel 3

Vernunft geht immer über Impulse.

Und irgendwie, so sehr ich mir schon ausmale, die Tür der V-Klasse zu durchschreiten, so sehr weiß ich auch, dass ich es dort nicht leicht haben werde.

Bei einem kann ich mir, bei all diesen Fragen in meinem Kopf, jedoch auf jeden Fall sicher sein.

Die Bibliothek ist ein Hort des Wissens, wo jeder hingehen kann und mit allem herauskommt, was er wissen wollte. Außerdem ist es dort absolut still und die Atmosphäre sehr angenehm.

"Ich werde doch wohl besser erst noch die Bibliothek aufsuchen", vermelde ich.

"Gut, dann erwarten wir dich morgen", lächelt mich der Direktor an.

Gemächlich mache ich mich auf den Weg.

Die Schulglocke erschallt. Und plötzlich füllen sich die Gänge so rasant, wie ein Waschbecken bei dem man alle Wasserhähne gleichzeitig geöffnet hat.

All diese Schüler erinnern mich zurück an meine beiden Freunde. Tja, dieses Kapitel ist nun abgeschlossen.

Eine neue Klasse, neue Freunde.

Es war einmal eine Zeit, da ging ich in die B-Klasse. Es ist nun eine Zeit, da gehe ich in die V-Klasse.

Erfolg, Ruhm, Wichtigkeit.

Ein Traum, eine Klasse.

Stille flutet über mich, als ich die Tür der Bibliothek öffne.

Über den Rand ihrer Halbmondbrille hinweg blickt mich die ältliche Bibliothekarin freundlich an.

"Was kann ich für dich tun?"

"Ich bin Kris. Meine Klasse war die 3B, jetzt wechsle ich in die V-Klasse. Deshalb werde ich etwas nachholen müssen. Können Sie mir das Material zur Verfügung stellen?"

"Warte kurz", murmelt sie, tippt etwas in ihrer Computer, meint dann:

"Okay, dein Tablet bitte." Ich händige es ihr wie befohlen aus. Schon beginnt der Datentransfer.

"Fürs Erste ist der Stoff der 1V-Klasse für die vorgesehen. Hier." Sie gibt mir das Tablet zurück.

"Ich wünsche viel Erfolg."

"Vielen Dank", erwidere ich lächelnd.

Dann suche ich mir in Ruhe einen bequemen Lederstuhl und beginne, mich einzuarbeiten.

Anatomie, Medizin, Rhetorik, Mathematik.

Noch nie habe ich so viel Stoff auf einmal aufnehmen müssen.

Aber wie gesagt, das ist die V-Klasse.

Und wer nicht mithalten kann, fällt eben zurück.

Stunde um Stunde vergeht.

Mal um Mal ertönt der Schulgong.

Schüler um Schüler betritt die Bibliothek, verlässt sie später erneut.

Alles was bleibt, ist diese Vorfreude, welche mich immer wieder von neuem anspornt, wenn es mir, wie so oft an diesem Tag, einfach genug ist, und ich eine Pause will.

Nichts als die digitale Uhr auf meinem Tablet sagt mir, wie lange ich nun schon hier sitze und mir die Eigenschaften vom menschlichen Körper und Mathematische Formeln eintrichtere.

Allmählich geht die Anzeige auf 18:00 Uhr zu.

Zeit, Schluss zu machen.

Nur kurz schließe ich meine Augen. Ein Moment zum Durchschnaufen.

So schnell meine Beine mich tragen, rase ich durch diesen schwarzen Raum, der erst in der Unendlichkeit zu enden scheint. Begleitet werde ich nur vom Geräusch eines einzelnen Motors dort in der Ferne und den quietschenden Reifen des zugehörigen 'Autos'.

"Kris...", haucht eine Stimme in der endlosen Ferne.

Alle meine Muskeln spannen sich schlagartig an.

Ich fahre keuchend hoch.

Schief blickt mich die Bibliothekarin an:

"Ist mit dir alles in Ordnung?", will sie forsch wissen.

Instinkt, nichts anderes spricht aus mir, als ich zurückgebe:

"Ja,...mir...äh...ist nur gerade aufgefallen, dass ich zu meinem Bus muss...ich habe die Zeit übersehen..." Und schon bin ich weg.

Was um alles in der Welt war das? Kann mir jemand erklären, was diese Sachen in meinem Kopf sein sollen?

Autos – Stimmen; in einer riesigen Welt aus Schwarz.

Irgendetwas stimmt nicht mit mir...

Könnte es sein, dass ich verrückt werde. Ich habe gehört, solche Symptome werden 'Verrücktheit' genannt.

Und es klingt allgemein nicht lustig, verrückt zu sein.

Aber die Ärztin sagte doch, mit mir sei alles in Ordnung?

Im Eilschritt arbeite ich mich durch die Schülermasse, welche sich zäh in Richtung Busbahnhof bewegt.

Nur weg erstmal. Irgendwie muss ich einen klaren Kopf bekommen...

Einer der Lehrer wird auf mich aufmerksam und kommt hilfsbereit auf mich zu.

"Hey, du da. Geht es dir nicht gut?" Wie vorhin, als ich mit der Bibliothekarin sprach, veranlasst mich irgendetwas, nicht zu sagen, was wirklich vor sich geht.

"Ich muss meinen Bus erwischen."

Der Lehrer stutzt:

"Aber es fahren doch so lange Busse, bis niemand mehr hier ist. Du kommst schon nach Hause."

"Ja schon, aber meine Mutter kocht heute etwas Besonderes, weil mein Vater Geburtstag hat und will, dass alle pünktlich zuhause sind."

"Aha, na dann halte ich dich besser nicht länger auf. Richte deinem Vater doch alles Gute von mir aus", bittet er mich freundlich zum Abschied.

"Werde ich. Wiedersehen", verabschiede ich mich. Ich kann dieses Gefühl nicht benennen, aber es kommt mir so vor, als hätte sich der Mann heute Morgen in diesem weißen 'Auto' so gefühlt, wie ich mich jetzt fühle.

Nachdenklich lastet der Blick des Lehrers noch einige Momente auf mir. Schulterzuckend wendet er sich dann ab.

In ordentlichen Schlangen warten die Schüler am Busbahnhof auf ihre Heimfahrt.

Ordnungsgemäß stelle ich mich in jene für die sechste Ringstraße.

Tief durchatmend, versuche ich dieses unlogische Gefühl, welches sich anfühlt, als würde irgendetwas Gefährliches hinter mir stehen, loszuwerden.

Ruhe suchend, schließe ich kurz die Augen, lege den Kopf in den Nacken.

"Kris...", haucht jemand aus der Schwärze hinter mir sanft: "Komm zu mir, triff mich. Du kennst den Weg. – Vertraue auf dich und schließe die Augen..."

Unverzüglich reiße ich die Augen auf, fahre herum.

Alles was ich erblicke sind erstaunte Gesichter von anderen Schülern.

Vertrauen? - auf was?!

Auf meine Verrücktheit? Oder was bitteschön?

Schließe deine Augen...? Damit ich noch mehr von diesem unlogischen Unsinn sehe?!

 

Ach, sag mir doch endlich jemand, was ich tun soll!

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Der Staat Kapitel 4

In diesem Moment tippt mir von hinten jemand auf die Schulter.

"Hallo Kris. Wir hatten heute Morgen keine Zeit, miteinander zu reden. Wenn ich dich nun bitten dürfte, mir zu folgen, dann könnten wir unser unterbrochenes Gespräch fortsetzten", fordert er mich höflich auf.

"Wieso sollte ich?", entgegne ich instinktiv. In meinem Kopf dreht sich alles.

"Das werde ich dir alles erklären. Hier ist nur nicht der richtige Ort dafür", schnell dreht er seinen Kopf herum, so als würde er nach etwas suchen.

"Ich muss nach Hause", blocke ich ab.

"Dort kann ich dich auch hinbringen", sein Kopf fährt hoch :

"Hast du meine Worte von heute Morgen vergessen?"

"Nein...", betone ich lange und unsicher.

"Dann folge mir", meint er knapp.

Er führt mich durch die Menschenmenge. Hinfort von der Schule.

Hinter einer Ecke in einer Seitengasse öffnet der Mann ein Tor. Dahinter kommt das Auto hervor, in dem ich ihn schon heute Früh angetroffen habe.

"Bitte einzusteigen", hält er mich an, öffnet mir die Tür.

Kaum habe ich Platz genommen werde ich auch schon in den weichen Sitz direkt neben dem Fahrer gedrückt.

Der Mann neben tritt eines der Pedale bis zum Boden durch.

Was mache ich da eigentlich gerade?

Lange habe ich nicht, darüber nachzudenken.

Heulend, mit einem blauen Blinklicht auf dem Dach und blauen Streifen auf den ansonsten reinweißen Seiten, rast ein weiteres Auto hinter uns um die Ecke. Der einzige Unterschied zu jenem, in dem ich sitze ist, dass der Neuankömmling mit der Sirene so etwas wie eine metallisch verstärke Front besitzt.

Noch tiefer werde ich in den Sitz gedrückt. In diesem Vehikel steckt mehr, als die Größe vermuten lässt.

Grimmig wirft der Mann hinter dem Steuerrad einen Blick in den Rückspiegel und rät mir:

"Schnall dich besser an."

Hä?

"Nimm dir den Gurt rechts von dir und klinke ihn in die rote Halterung links von deinem Sitz", erklärt der Fahrer mit zusammengebissenen Zähnen, als wir gerade um eine Kurve rasen. Hart pralle ich gegen das Plastik und Glas der Tür. Diese Prellung wird mich eine Weile begleiten...

Endlich bringe ich zustande, was für den unbekannten Mann neben mir selbstverständlich zu sein scheint. Der 'Gurt' klickt, rastet ein.

In dieser Kurve ergeht es mir besser.

Alles in meinem Kopf schreit: 'Lass den Blödsinn Kris!'

"Was soll das alles?", will ich nun endlich erfahren.

"Kris, lass es mich kurz machen: Träumst du?"

Träumen?

"Was bedeutet den 'Träumen'?"

Tief schnauft der Mann durch.

"Wenn du schläfst, siehst du dann etwas?"

"Während ich schlafe!?", wundere ich mich. Da habe ich meine Augen doch geschlossen...?

Wieder muss er tief Luft holen.

Die nächste Kurve.

"Also nichts?", will er sich vergewissern.

"Schwarz, mehr ist da nicht", antworte ich wahrheitsgemäß.

Brummig murmelt der Fahrer:

"Na das ist doch schon mal etwas..."

Mein Blick fällt auf den Rückspiegel. Hinter uns ist niemand mehr.

Das scheint so etwas wie das Signal zu sein, anzuhalten.

Etwa eine halbe Minute später kommen wir in einem dunklen Raum zu stehen.

Noch nie in meinem Leben ist mir so viel gleichzeitig durch den Kopf gegangen, noch nie zuvor habe ich so schnell geatmet, noch nie zuvor hatte ich so viele Fragen.

"Also, was soll das nun alles? Und wer sind Sie überhaupt?", nehme ich einen zweiten Anlauf:

"Und wieso ist mein Leben in Gefahr?"

Seelenruhig steigt der Mann aus und betätig den Lichtschalter.

Jetzt habe ich endlich Gelegenheit, ihn mir genauer anzusehen.

Ungefähr dreißig, braune, wild herumstehende Haare, kein Bart, blau-grüne Augen. Gekleidet ist er in einen einfachen schwarzen Anzug.

"Lass mich mit meinem Namen beginnen. Ich bin Naan. Zweitens, dein Leben. Wenn du nicht jetzt anfängst, zu leben, wirst du nie eines haben. Drittens, wieso du auf mich getroffen bist? Eigentlich nur, damit du beginnst, zu sehen, wer und was du bist."

Hä? Was will dieser Kerl von mir? Sagt mir, mein Leben sei in Gefahr und kommt mir jetzt mit: 'Beginne zu leben, oder du wirst nie eines haben..."

"Kann es sein, dass ich gerade etwas verpasst habe?", frage ich ihn, versuche zu signalisieren, dass ich von dieser Aussage nichts halte.

"Fühle dich frei, zu gehen wohin auch immer es dich verschlagen mag. Lass mich dir zuvor nur diesen einen Satz mitgeben: 'Höre in dich hinein, finde heraus, warum du mich getroffen hast und du wirst verstehen.' – So, da du augenscheinlich keine Lust hast, länger zu bleiben, geh wenn du willst. Ich mach mir jetzt auf jeden Fall einmal einen guten, kräftigen Tee." Er verschwindet durch eine weiße Tür.

Ich wünschte, ich wäre jetzt in der Schule, dort bekommt man es nämlich erklärt, wenn sie einem etwas Neues beibringen...

Gefühle, die ich noch nie fühlte, machen sich in mir breit. Mein Atem geht schneller, schnell schlägt das Herz in meiner Brust, in meinem Kopf ist kein klarer Gedanke mehr zu fassen.

Alles was ich will, ist zurück, dorthin, wo ich hin muss.

Erschöpfung übermannt mich. Schwer sinke ich an die Wand des Raumes, strecke meine Beine unter das Gefährt.

Nachdenklich drehe ich den Irgendetwas-ist-nicht-so-wie-es-sein-soll-Button in meiner Hand. Durch wässrige Augen - wieso kommt Wasser aus meinen Augen? – starre ich das rote Rufzeichen auf dem ansonsten weißen, kleinen Gerät an, so als wollte ich alleine dadurch den Knopf betätigen.

Ich will doch nur zurück dorthin, wo ich hin muss.

"Wieso", murmle ich halblaut.

Naan seufzt in einem Nebenraum. Man hört das Geklapper von Teetassen, dann kommt er mit zwei dampfenden zu mir, setzt sich ebenfalls auf den Boden und hält mir eine hin.

Instinktiv nehme ich sie an, nippe vorsichtig an dem brennend heißen Früchtetee.

Mein undurchsichtiger neuer 'Freund' setzt an:

"Panik ist ein gutes Signal. Sie haben dich noch nicht genug gegraut..."

"Äh...'Panik'? 'gegraut'?", hebe ich die Augenbrauen.

"Du atmest schneller, dein Puls erhöht sich, du schwitzt, dein Fokus auf nichts als dem Wunsch, heimzukehren in die vertraute Sicherheit - das nennt man Panik. Eines von vielen Gefühlen, die man aus der Gesellschaft gegraut hat. Sie wurden durch all die Regeln, die Routine, die vollkommene Sicherheit einfach vergessen. – Dabei ist es nicht einmal so lange her, dass es anders war."

"Aha", murmle ich. Die gleichmäßige Hitze und der kräftige Geschmack des Tees beruhigen mich.

"Nicht so lange her...", wiederhole ich leise. Ja, so lange ist es her, dass mein Leben noch ganz normal war.

Naan wechselt das Thema:

"Wie siehst du den Staat?"

"Keine Ahnung... Sie lassen mich in die Schule gehen, geben meiner Familie und mir eine Wohnung,..." Worauf will er hinaus?

"Nein, ich meine, was machen sie?"

"Wer, die Angestellten des Staates? Ich sehe sie nur jedem Morgen an der Bushaltestelle und an jedem Abend im Lokal mit der Kegelbahn..."

Stille, lange, unerträgliche Totenstille.

Stumm trinken wir unseren Tee.

Naan versinkt in vollkommener Nachdenklichkeit, seine Augen starren ins weiße Nichts der Tür seines Autos. Die Minuten vergehen.

"Willst du wissen, was geschehen ist?", erwacht er aus diesem komischen Zustand.

"Wann?", wundere ich mich.

"Damals - bevor alles weiß in grau in schwarz geworden ist?"

"War die Welt den jemals anders?", wundere ich mich.

In Gedanken versunken meint er:

"Komisch. Damals wollte jeder eine Welt, die so ist, wie diese, und nun ist jeder zufrieden. Zumindest alle, die das Glück haben, im Staatsgebiet zu leben."

"Soll das gerade heißen, dass es mehr als nur den Staat gibt?!", fahre ich hoch. Dass dieser Kerl im Kopf nicht ganz richtig ist, war mir schon irgendwie klar, doch das?!

'Der Staat, der Eine und Einzige.
Hier ist euer Glück, hier ist eure Zukunft.
Gemeinsam für alle, alle für die Gemeinsamkeit!', hallt es in meinem Kopf immer und immer wieder nach.

So und nicht anders ist es.

"Wo ist die Tür?", fordere ich ihn rüde auf, mich nicht länger zu belästigen. Spinner!

"Kris reiß dich zusammen!", befiehlt Naan mir. Er betont meinen Namen ganz besonders.

"Kris, das ist dein Name. Naan, das ist meiner. Eines haben beide gemeinsam: Sie sind ungewöhnlich", startet er, auf mich einzureden:

"Das hat einen Grund: Sie kennzeichnen uns."

"Würdest du endlich mit deinem Gerede aufhören und mich hinauslassen?!", übergehe ich alle seine Worte ohne Gnade.
"Du willst wissen, warum du mir begegnet bist?"

"NEIN!", fahre ich ihn an, stürme an ihm vorbei in den Nebenraum, durch eine kleine Küche, eine Wohnung in der offenbar nichts seien Platz hat, wie eigentlich vorgesehen.

Aus dem Augenwinkel erfasse ich die Tür, welche mich auf die Straße führen wird.

Weg, nur weg von diesem Spinner.

 

Kurz überlege ich noch: Soll ich den Irgendetwas-ist-nicht-so-wie-es-sein-soll-Button drücken?

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Der Staat Kapitel 5

Entscheidungslos beginne ich ziel- und orientierungslos einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich will einfach nur noch heim. Nur wie?

Moment - hat mir der Staat nicht eine Stadtkarte auf das Tablet geladen?

In mir gehen gerade Dinge vor sich, die ich nicht verstehe. Ein Cocktail aus fliegenden Gedanken und widersprüchlichen Gefühlen strudelt in meinem Kopf.

Zwei Berührungen später zeigt mir das Tablet die Meldung:

'Es tut uns leid. Der von Ihnen angeforderte Inhalt ist nicht mehr aktuell. – Falls Sie unsere Hilfe benötigen, drücken Sie drei Mal kurz auf ihren Irgendetwas-ist-nicht-so-wie-es-sein-soll-Button.'

Dann wäre zumindest das entschieden. Einige Schritte hinter mich gebracht, blicke ich kurz und eindringlich auf den roten Knopf. Unbestimmte Gedanken flüstern mir zu, es sei keine gute Idee. Und aufgrund der simplen Tatsache, dass mich solche unbestimmten Gedanken erst in diese missliche Lage gebracht haben, ignoriere ich sie.

Kris, was machst du denn da?, zuckt Naans Stimme durch die dunkle Schwärze meines Bewusstseins.

Unbewusst ziehe ich den Kopf ein und die Schultern hoch. Wie von selbst beginnen meine Beine sich schneller zu bewegen. Ohne noch einmal zurückzublicken, entferne ich mich so rasch wie möglich von Naan, seinem Auto und all diesen dummen Sachen, welche er mir erzählt hat.

Keine zwei Minuten später fährt die Polizei auf mich zu. Pflichtbewusst halten die Beamten direkt neben mir an. Mit einem freundlichen und hilfsbereiten Lächeln auf den Lippen lässt der Beifahrer die Glasscheibe einfahren und möchte ruhig von mir wissen:

"Hast du den Button gedrückt?"

Stumm nicke ich. Schon wieder dreht sich in mir alles. Schlimmer als die Autofahrt mit Naan fühlt es sich an.

"Was ist den passiert?", fragt er weiter.

"Also...", was ist los mit mir, sag doch einfach, was passiert ist, Kris!

"ahm...Nach der Schule wollte ich wie immer in den Bus einsteigen, jedoch sprach mich ein unbekannter Mann an, faselte irgendwelchen sinnfreien Dinge und hat mich dann einfach mitgenommen. Es gelang mir, mich von ihm loszureißen. Und jetzt bin ich hier..."

Wenn sich der Polizist auch bemühen mag, freundlich zu bleiben, schleicht sich für einen Moment etwas anderes, Undefinierbares in seine Gesichtszüge.

"So, so...", meint er, weiß offenbar nicht so recht, was er sagen soll:

"Äh...wo war das denn? – Wo du dich losgerissen hast?"

Gleich hier um die Ecke, eigentlich.

"Keine Ahnung. Ich wollte einfach weg von dem Kerl und habe nicht aufgepasst."

"Hmm...", er wendet sich seinem Kollegen zu:

"Karl, überpr...", er stoppt mitten im Satz, dreht sich nach mir um:

"Kris?, stimmt das?"

Erneut nicke ich.

"3B-Klasse, Schule Nummer 37?"

"Genau", bestätige ich.

Wieder blickt er den Fahrer an:

"Überprüf ihn kurz", fügt an mich hinzu:

"Bitte habe kurz etwas Geduld."

Aus dem Inneren des Polizeiwagens höre ich einige Tasten klackern. Wenige Augenblicke vergehen, bis man mir mitteilt:

"Okay, Kris Feinberg, wohnhaft in der sechsten Ringstraße...Wir werden dich jetzt fürs Erste einmal nach Hause bringen. Wenn du bitte einsteigen würdest? Mein Kollege Karl fährt besser als dein Entführer, also keine Angst."

Auf Kommando springt eine Tür auf und ich nehme, wie befohlen, Platz.

Selten passiert es einem, dass man mit seinem vollen Namen angesprochen wird. Um genau zu sein, ist mir das nun erst drei Mal im gesamten Leben passiert und zwar nur dann, wenn ich in die nächste Schulstufe aufgestiegen bin. Macht dann vier Mal.

Tatsächlich werde ich im Zuge dieser Autofahrt nicht so durchgeschüttelt, wie gerade eben bei Naan.

Sanft kommen wir vor meinem Haus zum Stehen.

Der Polizist erklärt mir über die Schulter:

"Du darfst jetzt aussteigen. Wir werden zu deiner Sicherheit eine Wache hier postieren, dieser Vorfall wird sich nicht wiederholen, vertrau uns. Morgen früh wirst du dann direkt hier, von einem Lehrer und einem Arzt abgeholt werden und zu deiner, von deinem Schuldirektor angeordneten, medizinischen Untersuchung gebracht. Ich wünsche dir eine gute Nacht, Kris."

Ich steige aus.

"Vielen Dank,...Herr...?", will ich mich erkenntlich zeigen, doch habe keine Ahnung, wie er heißt.

Er schmunzelt kurz:

"Nenn mich Josef", bemerkt er meine Not.

"Vielen Dank, Josef! Auch Ihnen eine gute Nacht! Auf Wiedersehen."

Wieder lacht er kurz auf:

"Na, dass wir uns wiedersehen, wird wohl eher nicht passieren, trotzdem danke."

Und weg sind die beiden Polizisten.

Mittlerweile versuche ich schon gar nicht mehr, zu verstehen, was um mich herum so vor sich geht.

So beschränke ich mich darauf, wie gewöhnlich mein Abendessen bis auf den letzten Krümel aufzuessen und mich anschließend in mein Zimmer zwecks Hausaufgaben und Schlafen zurückzuziehen.

Wenigstens eines an diesem Tag läuft nach Plan. Aufgewühlt erledige ich meine Aufgaben und lege mich anschließend ins Bett.

Schwarz. Doch nur für einen Moment. Blitzbilder tauchen auf, verblassen so schnell, wie sie kommen. Alle hängen sie zusammen: Männer steigen aus mehreren Autos. Sie halten eigenartige Geräte in den Händen, gekleidet sind sie alle gleich. Schwarze, stabil wirkende Overalls mit einer Ausbuchtung um die Brust herum und harten, unzerstörbar erscheinenden, runden Kopfbedeckungen. Auf ein stummes Nicken von einem der Männer hin, setzten sie sich alle gleichzeitig, mit ruckartigen Schritten in Bewegung. Die Tür, welche ihr Ziel ist, stellt kein Hindernis für das Objekt – ein Gewicht an einem langen Griff –, geschwungen von einem von ihnen, dar.

Ich höre den Anführer zufrieden murmeln:

"Jetzt haben wir dich."

Plötzlich unterbricht ein einzelner Aufschrei die Szene:

"Kris, vertrau mir doch!"

Schweißgebadet fahre ich hoch, richte mich kerzengerade im Bett auf. Nur das fahle Licht des silbrigen Mondes bringt etwas Licht in mein Zimmer.

Unbewusst schlage ich die Decke zurück und schlüpfe in meine Schuluniform.

Es irritiert mich selber, wieso tue ich das?

Auch wenn ich die Antwort bereits weiß, stelle ich mir doch diese Frage.

Vorsichtig schleiche ich durch die Wohnung, drücke zaghaft die Tür auf.

Naan - er weiß etwas über mich, das ich nicht weiß, das ich wissen will.

 

Soll ich tatsächlich nach ihm suchen, ihn fragen, warum genau ich?

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Der Staat Kapitel 6

Es sind keine zwei Schritte bis zur Treppe, keine zwanzig bis zur Straße, keine zehn bis zur anderen Seite. Und dann? Wie geht es dann weiter?Nein, ich sollte das nicht tun. Es wäre unvernünftig.

Warum stehe ich überhaupt hier und stelle mir die Frage, ob ich mitten in der Nacht einen Verrückten aufsuchen soll, von dem ich nicht einmal weiß, wo er wohnt? Weil ich offenbar langsam mein letztes bisschen Verstand verloren habe und an 'Träume' glaube, sie für real halte. Und warum, wenn ich ihnen glaube, will ich dann überhaupt zu Naan? - diese Männer, welche da seine Tür eingetreten haben, sahen nicht sehr freundlich aus.

Gibt es überhaupt noch eine logische Erklärung für irgendeine meiner Aktionen!?

Kris, reiß dich doch endlich einmal zusammen und leg dich wieder hin. Was du dir vorstellst, kann keine Wirklichkeit sein, schließlich ist es nur eingebildet! Und woher kenne ich auf einmal Wörter, die ich zuvor nie kannte? Einbildung, Vorstellung...

Wie habe ich es immer gehalten? Wie kenne ich es? Wie hat man es mir beigebracht?

Verstand geht über Impulse. Und doch ist dies kein Impuls, es ist etwas anderes, etwas Neues, Mächtiges. Andererseits ist es auch nicht mein Verstand, der sagt nämlich, dass es so etwas nicht gibt.

Nein, es ist mehr als mein Verstand, es ist...

...ein Gefühl - Gefühle sind...

...nicht aufzuhalten.

Hallt es in meinem Kopf.

Dieses Wort habe ich schon zuvor gekannt. Nie aber habe ich realisiert, was es eigentlich bedeutet, was ein Gefühl wirklich ist.

Trotzdem ist es nur eingebildet, nicht real, nur eine Illusion, etwas, das meinem Verstand vorzugaukeln versucht – in beeinflussen will, zu entscheiden, was nicht auf Logik basiert.

Erschöpft ziehe ich die Tür wieder zu, lasse mich Gesicht voraus auf mein Kissen fallen, schließe die Augen.

Ab morgen habe ich ein neues Leben. Ein Neustart – ohne all dieses Unlogische.

 

"Kris?", weckt mich meine Mutter mit ruhiger Routine:

"Da sind zwei Männer, die mit dir sprechen wollen."

"Bin sofort da", gebe ich mit geschlossenen Augen zurück. Es ist früher, als ich sonst aufstehe.

Rasch schnappe ich mir meine Schuluniform und zwei Müsliriegel, welche mir meine Mutter verständnisvoll hinhält, während sie mir einen schönen Tag in der Schule wünscht. Etwas, das sie nicht sehr oft macht. – Erkenne ich da den Anflug von Stolz in ihren Augen, doch schon blitzt etwas dort, tief in der Iris auf und spült ihn hinfort, schneller als man ihn realisieren konnte.

"Kris Feinberg", meldet sich einer der zwei besagten Männer aus dem Hintergrund:

"Wir haben Order erhalten, Sie hier abzuholen und zu Ihrem Aufnahmetest für die V-Klasse zu überführen. - Wenn Sie uns nun bitte folgen wollen." Er deutet mit seiner behandschuhten Hand auf die Tür, macht mir Platz, sodass ich an ihm und seinem Kollegen vorbeigehen kann.

Eines macht mich stutzig, ihre Kleidung. Sie sehen so aus, wie jene Männer, welche mir gestern mein Traum gezeigt hat. - Halt, hör auf damit Kris!

"Viel Glück", ruft mir meine Mutter wieder zurück in ihrem Stolz noch nach.

"Danke", meine ich nachdenklich freundlich, versuche instinktiv meinen inneren Konflikt vor den zwei Männern in Schwarz zu verbergen.

Sie bringen mich zu einem Auto. Es wirkt stabil und verdammt schwer. Große Reifen, dicke Seitenwände. Leider sind die Sitze nicht ganz so bequem wie jene im Polizeiauto.

In vollkommener Stille steigen die beiden ein und verbleiben in dieser Gesprächshaltung für den Rest der Fahrt. Irgendwie kommt mir in den Sinn, mir den Weg merken zu wollen, doch schon nach zwei Kurven muss ich aufgeben. Nur weiß in grau in schwarz zieht an mir vorbei.

Dass wir uns bewegen, merke ich nur, wenn ich hinausblicke. Im Fahrgastraum hört man nämlich überhaupt nichts, auch spürt man nichts. Nur ab und an, wenn sich der Wagen sanft in eine Kurve legt, werde ich ein wenig in den Sitz gedrückt.

Ohne einen blassen Schimmer, wie lange wir nun eigentlich gefahren sind, hält das Auto vor einem hohen, metallenen Tor.

Der Beifahrer holt ein Gerät aus der Hosentasche, drückt einen Knopf und vermeldet:

"Wir haben ihn dabei. Öffnet das Tor."

Lautlos gleitet das massive Metall zur Seite.

Eine neue Welt, ein neues Leben, ein neuer Anfang – ein Neustart.

Nur, wie wird er aussehen?

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Der Staat Kapitel 7

Wir kommen auf einem leeren Betonplatz zum Stehen. Rund um uns herum erstrecken sich die weiten Flügel eines großen, weißen, nahezu fensterlosen Gebäudes.

Ein Soldat klopft an die Wagentür, öffnet sie für mich.

"Wenn Sie mir nun bitte folgen wollen", fordert er mich auf und marschiert voran.

Wie geheißen tue ich, überquere den Platz. Nur das Klicken des Schlosses verrät, dass sich die stabile Stahleingangstür vor uns öffnet.

Hinter ihr erwartet uns ein Arzt, welcher den Soldaten mit einer kurzen Handbewegung und einem knappen Nicken hinfortschickt.

"Kris Feinberg?", fragt er mich mit freundlicher Stimme und hellen, neugierigen Augen hinter seinen Brillengläsern.

"Genau", bestätige ich. Nach einem flüchtigen Blick auf sein Tablet deutet er den Gang hinab:

"Hier entlang bitte." Nebeneinander machen wir uns auf den Weg durch die gut ausgeleuchteten, kahlweißen Gänge mit ihrem grauen Boden. An einer Tür nach der anderen schreiten wir vorbei. Dann endlich bleibt der Doktor stehen, drückt die Klinke einer der anscheinend endlos vielen Türen hinunter.

Dahinter offenbart sich mir ein spärlich eingerichteter, weiß gestrichener Raum. In seiner Mitte hat man einen einfachen Metalltisch und zwei Stühle aufgestellt. Auf einem davon sitzt ein weiterer Mann in weißem Kittel.

"Nimm bitte Platz", meint er mit auf sein Tablett gesenkten Blick. Etwas nervös ziehe ich den Stuhl quietschend über den grauen Laminatboden. Was erwartet mich?

Der Mann blickt von seinem Tablett auf, sieht mir direkt in die Augen, nähert sich mir, sodass ich die Linsen in seinen braunen Augen erkennen kann.

"Kris Feinberg...", brummt er:

"Habe ich diesen Namen schon einmal gehört?", wundert er sich. Will er eine Antwort von mir?

"Nein, ich denke nicht", klärt er sich selbst auf.

"Nun, wie dem auch sei. Du bist heute hier, weil dir vielleicht bald die Ehre, die V-Klasse zu besuchen, zuteilwerden könnte. – Am besten fangen wir sofort an. – Ich werde dir jetzt eine alltägliche Diskussion vorspielen, du wirst mir anschließend sagen, wer Recht hat." Der Arzt dreht sein Tablett zu mir und drückt den Play-Button.

Zwei Jugendliche sitzen sich gegenüber in einer Bar.

"Hey, hör doch endlich auf damit. Du wirst niemals in die V-Klasse kommen. Schlag dir das aus dem Kopf."

"Aber ich bin mir sicher, dass ich es schaffen würde. Man muss mir eben einfach nur eine Chance geben!"

"Franz, ich habe es dir schon hundert Mal erklärt. So einfach ist das nicht."

"Doch. Alles was ich brauche, ist eine kleine Chance!" Er nimmt einen kräftigen Schluck von seinem Orangensaft.

"Sagt mir doch, was du kannst", fordert der Erste Franz auf.

"Ich sehe sie jeden Tag von meiner Klasse aus. Das, was die dort machen, kann ich auch, Hans!"

"Wenn es so einfach wäre, wäre jeder in der V-Klasse", beharrt Hans.

"Auch du siehst einfach nicht, was ich kann!", meint Franz und verlässt wütend die Bar.

Das Video stoppt.

Erwartungsvoll blickt mich der Arzt an.

"Wer von beiden liegt im Recht?"

"Hans", antworte ich ohne zu Zögern.

"Wieso Hans?", will er weiter wissen.

"Weil er sich an seinen Verstand hält. Franz kommt mir hingegen eindeutig geistig etwas verwirrt vor, wenn er die Tatsachen nicht erkennen kann." Nach dieser Erklärung bin auch ich geistig verwirrt... Ich frage mich nur, wieso ich auf einmal so übermäßig zuversichtlich bin.

"Sehr gut", kommt es kaum hörbar vom Arzt. Kurz tippt er etwas in sein Tablet.

Erst stumm deutet er auf eine Tür in der rechten Wand des Raumes, welche mir vorhin gar nicht aufgefallen ist, erklärt dann:

"Dahinter wartet der nächste Test auf dich. Du musst einfach nur ans Ende des Flures gelangen."

Wo soll hier der Test sein?

"Geh einfach hinein", fordert er mich ein zweites Mal auf, als er mein verständnisloses Gesicht bemerkt, wiederholt dann etwas überrascht:

"Einfach hineingehen..."

Klackend fällt die Tür hinter mir ins Schloss.

Der Gang ist nur spärlich beleuchtet, sein Ende aber bereits in Sicht, nur wenige Schritte entfernt. Ohne zu zögern gehe ich darauf zu. Immer ein Schritt nach dem anderen, tiefer in die Dunkelheit, die mit jedem Schritt zuzunehmen scheint. Hä? Genauso, wie das Ende des Flurs sich immer weiter zu entfernen scheint? Hä?

Ein komisches Gefühl überkommt mich. Kalt läuft ein Schauer über meinen Rücken, gleichzeitig kommt es mir so vor, als würde sich mein Blickfeld ein wenig nach hinten verschieben und sich verschärfen. Plötzlich höre ich meine eigenen Schritt in meinen Ohren donnern.

Ich weiß nicht was, aber irgendetwas sagt mir, dass Gefahr droht. Und nur das veranlasst mich, gerade im letzten Moment nach vorne zu hechten. Hinter mir kommt krachend ein schwerer Stahlträger zum Liegen. Mein Atem rast mit meinem Herzschlag um die Wette. Keuchend rapple ich mich auf. Was zur Hölle!?

Raus hier, nur weg hier! Wo ist das Ende?

Immer vorwärts alles, nur nicht stehen bleiben!

Nur gesteuert von meinem Unterbewusstsein setzt sich mein Körper in Bewegung. Verschwommen nehme ich wahr, was geschieht. Klingen schießen aus dem Boden, ein Feuerstrahl brennt kurz vor meinem Gesicht durch die Luft. All das wird begleitet von dumpfen Grollen hinter mir.

Nicht stehen bleiben, immer weiter!

Jedes Mal, wenn ich gerade das Ende erreicht zu haben scheine, entschwindet es mir erneut. Ein hastiger Blick über die Schulter bestätigt mir, dass ich keine Zeit habe, zu warten. Auf exakt dem Punkt, wo ich vor wenigen Augenblicken gestanden bin, kracht die Decke nieder.

Vorwärts, immer nur geradeaus.

Irgendwann muss dieser Gang doch ein Ende haben?! Es kommt mir so vor, als würde ich Dinge erst wahrnehmen, wenn sie schon lange vorbei sind. Mein Körper, mein gesamtes Bewusstsein, alles ist nur auf das Eine ausgerichtet: überleben. Ohne meine Kommandos springe ich über Hindernisse, ducke mich unter anderen hindurch. Und immer nur laufe ich geradeaus, habe nicht vor, anzuhalten. Von selbst scheint es zu geschehen. Kontrolliert ohne Kontrolle.

"Lebe", befiehlt mir die Stimme in meinem Kopf.

Raus, ich will hier raus. Unvermittelt ziehen meine Beine nach rechts, wie durch Geisterhand falle ich durch die rechte Mauer des Ganges. Sie hat nie existiert! Alles nur ein Hologramm. Vollkommen außer Atem breche ich an Ort und Stelle zusammen.

Jetzt, von hier aus dem Nebenraum, einer enorm riesig großen Halle, welche nur spärlich beleuchtet ist, erkenne ich die gesamte Länge des Ganges, durch den ich gerade eben noch gestürmt bin. Alles nur eine Show. Nichts davon war real! Noch jetzt höre ich den Donner der herabstürzenden Decke, sehe das Feuer und die Klingen den Gang ausfüllen.

Hä? Erklärt mir mal jemand, was hier vorsichgeht? Und wieso sollte soetwas überhaupt Teil der Aufnahmeprüfung für die V-Klasse sein??

Irgendwo in weiter Ferne höre ich eine Tür schlagen.

Durch die dicke Wattewand aus Erschöpfung um mich herum vernehme ich die ruhige, beherrschte, und doch irgendwie von Überraschung getriebene Stimme des Arztes, welcher mir das Video vorgespielt hat:

"Kris, ich glaube, ich kann dir nun schon vorzeitig das Ergebnis sagen..." Er macht eine kurze Pause, atmet tief durch.

 

Ja, was ist? Habe ich bestanden? Komme ich in die V-Klasse?

 

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Der Staat Kapitel 8

"Noch nie – und das meine ich wirklich so – ist mir jemand untergekommen, der sich so sehr dem System wiedersetzt, dass er aus ihm ausbricht. Noch nie ist mir jemand untergekommen, der sich so sehr auf sein Gefühl verlässt, sofort auf meine Fragen zu antworten und noch nie ist mir jemand untergekommen, der sich so viele Fragen stellt, wie du..."

Weitere Personen betreten den Raum durch eine Tür links von mir. Zwei Ärzte, ein uniformierter Mann mit Barrett und eine recht junge Dame mit einem Klemmbrett. Ihre Gesichter einen sie in einem, Erstaunen, Überraschung und - Moment... Eine winzige Spur von etwas anderem... Angst?

Allmählich beruhigt sich meine Atmung und es gelingt mir, mich aufzurichten.

Der eine Arzt setzt erneut an:

"Noch nie war eine Entscheidung so eindeutig und doch wohl bedacht, wie diese. Kris, schätze dich glücklich, zu sein, wie du bist. Heute hast du ein neues Kapitel in deiner Lebensgeschichte aufgeschlagen. Nun liegt es an dir, diese Seiten auch zu füllen!", verkündet er freudig und doch zurückhaltend freundlich.

"Fräulein Huber?", verlangt er nach der Dame mit dem Klemmbrett.

"Kris, wenn du bitte mit mir kommen würdest?", bittet sie mich.

Stumm folge ich ihr durch scheinbar endlose Gänge. Irgendwann kann ich es einfach nicht mehr erwarten:

"Soll ich die Worte dieses Arztes nun so deuten, dass ich aufgenommen bin, oder nicht?"

Sie lacht kurz auf, dreht sich nach mir um. Ihre langen braunen Haare schwingen über ihre Schulter. Freundlich blickt sie mich an.

"Er redet gerne verworren. Aber ich kann dir eines sagen, so sicher wie bei dir, war er sich noch nie."

"Also komme ich nun in die V-Klasse?", will ich endlich eine Antwort. Mir reichen diese ganzen Umschreibungen langsam.

"Du bestätigst mit jedem deiner Worte seine Entscheidung mehr", murmelt sie nur.

"Aach", mache ich nur und werfe den Kopf in den Nacken.

Wieder kichert sie nur, blinzelt zwei Mal mit ihren grünen Augen. Was ist los?

"Könntest du mir jetzt bitte diese eine Frage beantworten: Habe ich bestanden, ja oder nein?"

"Wir werden sehen, was noch aus dir werden wird", ist alles, was ich schmunzelnd zurückbekomme.

Galant drückt sie eine weiße Tür auf, deutet mir, einzutreten.

Mit einem Klacken drückt sie sie ins Schloss, lässt mich alleine in dem kleinen, weißen Raum. Vor mir ist nur ein kleiner Tisch. Auf diesem liegen zwei Dinge: ein weißes Armband mit einem schwarzen V darauf und ein kleines rundes Ding, an dem ein Zettel hängt:

'Einfach ins Ohr stecken und es kann losgehen.' Es ist wohl eines dieser Mini-Headsets, von denen ich erst einmal eines gesehen habe, nämlich als sich zwei V-Klässler in dem Kegelrestaurant getroffen haben und einer von ihnen es für einen Moment herausgeholt hat – warum weiß ich nicht.

Na gut, Armband angelegt, Ohrstöpsel dort, wo er hingehört.

Und tatsächlich höre ich keine zwei Sekunden später die Stimme des Arztes:

"Sehr gut, Kris. Damit darf ich dich in der V-Klasse willkommen heißen!" Ich könnte Luftsprünge machen, nicht nur bin ich tatsächlich aufgenommen, sondern erhalte endlich auch eine direkte Antwort.

"Normalerweise würde ich dich jetzt in die Schule schicken, doch du hast Glück, dass die V-Klassen heute ihren wöchentlichen Spezialunterrichtstag haben, welcher immer hier in diesem Gebäude stattfindet. – In wenigen Augenblicken hast du die Karte vor deinen Augen, vorausgesetzt, du hast die Linse, welche auch auf dem Tisch liegen sollte, angelegt."

Tatsächlich, bei genauerem Hinsehen, nun, da ich weiß, dass sie da ist, kann ich sie blass schimmernd auf der weißen Tischfläche gerade so erkennen.

Genau in dem Moment, als ich sie vorsichtig an mein linkes Auge setze, legt sich ein holografischer, gelber Pfeil auf den Boden vor mir, er weist zurück zur Tür hinaus, und eine kleine, leicht transparente Karte erscheint im rechten oberen Eck meines Sichtfeldes.

Zum Abschied meint der Doktor noch:

"Folge einfach den Pfeilen auf dem Boden, sie führen dich zu deiner Klasse. Solltest du trotzdem Hilfe benötigen, sprich einfach die Worte: 'Kris an Zentrale' und es wird sich jemand melden und dich unterstützen", nach einer kurzen Betonungspause fügt er noch hinzu:

"Ich wünsche viel Erfolg."

"Danke", antworte ich. Ein kurzes Klicken verrät mir, dass unser Gespräch fürs Erste beendet ist.

Diese völlig neue Welt gefällt mir, beeindruckt mich, lässt mich nichtsdestotrotz mit einem komischen Gefühl von Wozu-soll-der-ganze-Kram-eigentlich-gut-sein? zurück.

Tief atme ich einmal durch. Dann beginne ich, den Pfeilen zu folgen.

Lange, erwartungsvolle, aufgeregte Schritte tragen mich durch die weißen Gänge.

Wieder drängt sich mir die Frage auf, was mich nun wohl wirklich erwarten wird? Wie ist die V-Klasse nun wirklich? Ruhm und Ehre wirst du ernten – schön und gut, aber wie?

Zwei Minuten des Rätselns und In-Erinnerung-Rufens dessen, was ich mir in der Bibliothek durchgelesen habe, bringen mich vor eine zwei Meter breite, drei Meter hohe metallene Tür. 'Trainingsraum; Betreten während der Trainingszeiten auf eigene Gefahr.', steht auf ihr geschrieben. Aus dem Raum dahinter dringen kräftige junge Rufe, immer mal wieder splittert Holz, hin und wieder gibt eine ältere Stimme unverständliche Anweisungen und alles wird eingerahmt von fast schon rhythmischem metallischem Klirren.

Und da ist die Frage wieder:

Was wird mich erwarten?

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Der Staat Kapitel 9

Soll ich klopfen, oder einfach die Klinke runterdrücken?

Spontan entscheide ich mich für den direkten Weg. Dass mich eine neue Welt erwarten würde, wusste ich bereits heute Morgen, doch hatte ich bis jetzt nicht die geringste Vorstellung davon, wie diese Welt denn nun wirklich aussehen würde.

Wenn so viele Eindrücke mit einem Mal auf einen einströmen, kann man vielleicht einen kleinen Bruchteil davon verarbeiten. Zumindest fühle ich mich gerade so.

Ich befinde mich in einer Halle – einer großen, nein – riesigen Halle. Ihre Breite und Tiefe zu schätzen, versuche ich erst gar nicht, es sind sicher an jeder Seite über dreihundert Meter, die Höhe würde ich spontan mit mehr als dreißig Metern beziffern.

Und offenbar scheint dieser gesamte Raum nur einem Zweck zu dienen: Sport.

Hier wird gelaufen, die Wände hoch- und runtergeklettert, werden Gewichte gehoben und allgemein viele Arten von Übungen ausgeführt, die ich noch nie gesehen habe. Wozu zum Beispiel soll es gut sein, seinen Körper nur mit den Armen so von einer Sprossenwand wegzustützen, dass es aussieht, wie eine menschliche Flagge? Der Geruch hier verrät mir, dass diese Leute schon einige Stunden hier sein müssen. Es sind V-Klassen-Schüler aller fünf höheren Schulstufen hier. Wieder kann ich nur raten, aber es dürften etwas weniger als hundert sein.

"Hey, du dort!", kommt eine Stimme irgendwo von den Trainierenden herüber. Ein junger, muskulöser Mann in Trainingsoutfit joggt einladend lächelnd mit seinen nackenlangen, blonden, bei jedem Schritt um seine grauen Augen hüpfenden Haaren auf mich zu:

"Kris, habe ich Recht?"

Von all diesen Eindrücken überwältigt, bekomme ich gerade so ein Nicken zustande.

"Junos." Er streckt mir seine Hand hin. Wie automatisch ergreife ich sie.

Freundschaftlich legt er mir einen Arm auf die Schulter und meint kameradschaftlich:

"Ich glaube, es ist bisher jedem so ergangen wie dir, als er zum ersten Mal dort stand, wo du jetzt bist. – Wie du siehst, hier findet der wöchentliche 'Spezialunterricht' statt." Er setzt den 'Spezialunterricht' mit den Fingern in Anführungszeichen.

"Wenn du mich fragst, sollten wir öfter hier sein, aber was soll's... – In jedem Fall – Oops, fast vergessen, dich den anderen vorzustellen..." Er wendet sich an die Trainierenden und verkündet:

"Hört doch mal alle kurz auf, bitte!" Stille legt sich über die Halle.

"Ich darf euch nun unseren Neuzugang: Kris vorstellen! Und wie jedes Mal, wenn ein Neuer dazukommt: Behandelt ihn mit Respekt und unterstützt ihn."

Kollektiv kommt es euphorisch von den Schülern zurück:

"Es ist uns eine Ehre, dich an unserer Seite zu haben!

Der Staat, der Eine und Einzige.

Hier ist unser Glück, hier ist unsere Zukunft.

Gemeinsam für alle, alle für die Gemeinsamkeit!"

Ob meine Verbeugung jetzt angebracht ist oder nicht, werde ich wohl nie erfahren. Denn kaum bin ich mit ihr fertig, meint Junos:

"Dann können wir ja anfangen. Hier entlang, bitte." Er schlendert nach links.

"Das Training startet für jeden hier in unserer 'Muskel-Farm' – Die Werkstatt und das Dojo", er deutet nach rechts auf eine große Doppelflügeltür in der rechten Wand der Halle:

"sind für dich momentan noch uninteressant. Zuerst müssen wir dich nämlich mal in Form bringen. – Ich glaube, du hast noch nie wirklich Sport betrieben?"

"Ähm, naja, hin und wieder gehe ich mit meinen Schulfreunden kegeln..."

"Na, das ist doch schon mal etwas", freut Junos sich. Nach einigen Schritten bleibt er stehen und deutet auf eine Tür in der linken Wand der Halle und drückt mir Trainingskleidung inklusive Schuhen in die Hand:

"Hier, zieh dich um. - Behalte aber Ohrstöpsel, Armband und Linse an."

"Okay."

Eine Minute später trete ich, bereit für was auch immer mich erwarten mag, aus der Umkleide.

"Sehr gut", meint Junos, deutet dann auf einen Jungen mit braunen Haaren in meinem Alter, welcher gerade zwischen einigen anderen auf einem Laufband trainiert:

"Das ist Milet. Er wird von heute an dein Übungspartner sein und dir helfen, dich in die V-Klasse einzufinden."

"Danke", gebe ich Junos noch mit, mache mich dann auf, Milet zu treffen und diese neue Welt zu erkunden.

Vorbei an einer Gruppe Gewichthebender, die mir mit dem Interesse, mit dem man immer einen neuen Mitschüler betrachtet, hinterherblicken, und mich durch eine Gruppe, auf Matten am Boden trainierender Mädchen schlängelnd, halte ich auf Milet zu.

Als ich etwa zehn Meter von ihm entfernt bin, unterbricht er abrupt sein Training und beginnt, mich eindringlich zu mustern. Mich aus gutem Grund unwohl fühlend, versuche ich, der Sache einen guten Start zu geben und erwidere seinen Blick, ohne ihn jedoch eindringlich anzustarren. Kurz zucken seine Mundwinkel, dann dreht er die Augen nach oben, so als versuche er sich an etwas zu erinnern. Unsicher beginne nun ich, ihn einzuschätzen. Milet scheint etwas größer als ich zu sein. Auch im Punkto Kraft und Ausdauer ist er mir meilenweit voraus. Irgendwie wollen seine fröhlichen, neugierig wirkenden, grünen Augen und die braunen Haare einfach nicht zusammenpassen, auch fügen sie sich nicht in den Rest seines mehrheitlich ernsten und aggressiv vorsichtigen Gesichtes ein...

Milet, ein ungewöhnlicher Name – genauso wie Junos.

"Sie sind ungewöhnlich...Das hat einen Grund: Sie kennzeichnen uns."

Wieso schleicht sich ausgerechnet jetzt Naan in meine Gedanken?

Nun stehe ich vor ihm. Er unterbricht seine Übung und steigt von seinem Laufband herunter.

Tief blicken wir uns in die Augen. Die Tatsache, dass noch kein einziges Wort gefallen ist, behagt mir so überhaupt nicht. Nie ist es mir bisher passiert, dass ich stumm gemustert wurde, ohne dass mein Gegenüber den Eindruck gemacht hat, mich als Person und nicht als interessantes Objekt zu sehen.

Freundlich strecke ich ihm die Hand hin.

"Ich bin Kris. Freut mich, dich kennenzulernen."

Für einen Moment betrachtet er nachdenklich meine Hand.

 

Wird er sie ergreifen? Werden wir uns verstehen? Wird er mich vielleicht einfach abstempeln, mir ein Laufband zuweisen und mich dann alleine lassen?

Komm schon Milet, ich habe nichts gegen dich, also lass uns das als Freunde beginnen...

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Der Staat Kapitel 10

Dann ergreift er meine Hand. Je fester er zugreift, desto stärker wird das Lächeln auf seinem Gesicht. Am Ende stehen wir einander gegenüber, uns freudig in die Augen schauend und des jeweils anderen Hand zusammendrückend. Naja, eigentlich wird meine regelrecht zerquetscht und seine vielleicht ein wenig massiert...

"Milet", stellt er sich vor.

"Kris", antworte ich, mir die rechte Hand reibend.

"Du bist also derjenige, der unserem Großen Boss ein Lob entlocken konnte. Ja sogar seinen Feuer-Tunnel-Test absolviert hat und ihn so sehr überzeugt hat, dass er keine weiteren Test mehr durchzuführen gedachte", bemerkt Milet grinsend, nicht ohne die Spur Bewunderung in seiner Stimme zu kaschieren zu versuchen.

"Offenbar", gebe ich wirklich bescheiden zurück:

"Aber ich glaube nicht, dass ich tatsächlich so etwas Besonderes bin. Schließlich, wer bin ich schon? – Ja, ich habe die Aufnahmeprüfung für die V-Klasse bestanden, doch bin ich deshalb etwas so Außergewöhnliches unter den V-Klässlern?"

Überrascht zieht Milet die Augenbrauen hoch:

"Bitte was?", er lacht auf:

"Kris – du...hast es geschafft, unseren Großen Boss zu beeindrucken – Und das OHNE Training. Etwas, von dem alle hier bis zum heutigen Tage träumen. Ja, du hast sogar nicht nur beeindruckt. Er – hat dich – gelobt!", widerspricht er mir vollkommen ungläubig.

"Das kann doch nicht sein. Ich war doch noch niemals hier. Ich habe noch nie trainiert. Ich habe auch noch nie irgendwann einmal von einem dieser Tests gehört. Wie kann es das sein, dass ich der Beste von allen bisher bin?", gebe ich verwirrt fragend zurück.

Milet blickt mir tief in die Augen:

"Kris - alleine dein Name sagt schon vieles aus. Ich meine, schau dich um. Jeder hier hat irgendeinen 'besonderen' Namen, so ist es einfach. Aber der Name 'Kris' ist weder wirklich besonders, noch ist er so richtig gewöhnlich – er ist auf eine andere Art 'besonders', nicht besonders auffällig, mehr frei nach dem Motto: 'Achtung-hier-komme-ich'. Du fällst also schon einmal durch deinen Namen aus dem Muster. Zweitens, es ist so ungefähr das allererste Mal, dass so mir nichts dir nichts ein Schüler aus der 11. Klasse einfach in die V-Klasse kommt. Die meisten hier, sind es seit der Klasse. Bei uns war es von Anfang an klar, was wir einmal sein werden. Du aber, du kommst einfach so daher. Unscheinbar, vollkommen gewöhnlich, kommst in einem gepanzerten Militärfahrzeug durch den Eingang gefahren, denkst kein zweites Mal nach bei deiner Antwort auf die Frage des Videos und schaffst es, den Großen Boss während des Feuer-Tunnel-Testes dermaßen zu beeindrucken, dass er alle weiteren ohne Umschweife abbläst. Ich meine, wenn das mal nicht außergewöhnlich ist."

Natürlich haben manche der anderen V-Klässler mitgehört, so meldet sich nun einer mit strohblonden Haaren und stahlgrauen Augen von weiter hinten belustigt und mir gegenüber respektvoll:

"Und drittens, du hast Milet zu einer Unterhaltung gebracht." Bekleidet ist dieser Blondschopf mit einer kurzen Trainingshose und einem Oberteil, das die Muskeln seiner Oberarme nicht der Fantasie des Betrachters überlässt.

Bissig bekommt er vom Angesprochenen zurück:

"Ach, halt doch die Klappe, Aran."

"Oh, Milet beachtet mich", macht er überrascht. Arans Umstehende fallen in sein Gelächter ein.

Mein neuer Freund wendet sich mir mit dem Rat zu:

"Hör nicht auf Aran. Er meint, er wäre der Größte, weil sein Vater der Befehlshaber des V-Kommandos ist, aber alles, was er gut kann, ist es, Schlägen auszuweichen, ein paar Gewichte zu stemmen, seine Kraft zur Schau zu stellen und blöde Bemerkungen auszuteilen. – Also ein Musterbeispiel des Angebers."

"Hm", brumme ich. So viel Negatives an einem Tag. Wie halten die V-Klässler das nur aus? Es ist mir zum Glück erst einmal – mit jetzt gerade zweimal – geschehen, dass ich einen Streit zwischen zwei Schülern miterleben musste. Eine Erfahrung, auf die ich gerne verzichten kann.

Milet fordert mich auf:

"Hier, das Laufband neben mir ist frei. Mal sehen, wie weit du an deinem ersten Tag kommst. Und nicht vergessen, langsam anfangen und immer schön daran denken, Nase einatmen, Mund ausatmen."

"Okay", meine ich unsicher und stelle mich neben Milet gleich auf das 'Laufband'. Skeptisch betrachte ich die Anzeige vor mir. 0 km/h. Okay, schnell bin ich schon mal nicht.

Wie schalte ich das ein? Gerade in dem Moment, als ich mit den Augen die Geschwindigkeitsanzeige vor mir fixiere und meine Hände auf die Armstützen lege, meldet sich eine freundliche, monotone Frauenstimme aus dem Ohrstöpsel, welchen ich ja offenbar nicht mehr abnehmen soll.

"Laufband erkannt. Geschwindigkeit wird auf 'Anfänger'-Level eingestellt. – Sie können nun loslaufen."

Tatsächlich, das Band setzt sich in Bewegung und ich muss anfangen, meine Beine zu heben, wenn ich nicht am hinteren Ende hinuntergeworfen werden will.

Hm, das geht doch recht gut. 10 km/h, ein feines Tempo. Mund aus, Nase ein. Mund aus, Nase ein. "Nicht aus dem Rhythmus fallen und den Blick immer gerade nach vorne halten", erklärt Milet weiter.

Allmählich spüre ich, dass ich noch nie wirklich Sport gemacht habe. Meine Atmung beschleunigt sich. Mund aus, Nase ein.

Mit jedem Schritt sinkt mein Kopf weiter Richtung Boden.

"Halte die Arme immer schön am Körper und die Wirbelsäule maximal nur leicht nach vorne gebeugt", korrigiert Milet meine Haltung.

Fest und laut stampfen meine Beine auf das Laufband.

"Versuch, die Füße beim Auftreten jedes Mal schön abzurollen. Das spart Kraft und ist auch weit weniger laut", rät er mir.

"Ich...werd's versuchen", keuche ich zurück. Schnappe einmal hörbar nach Luft.

"Und nicht vergessen: Nase xein, Mund xaus." Er zwinkert mir zu.

Stumm, die Erschöpfung bereits jetzt – das Laufband zeigt mir gerade einmal zwei Kilometer an, während jenes von Milet schon über die zwanzig hinaus ist – ins Gesicht geschrieben, nicke ich.

"Na, na, werden wir etwa schon müde?", schnarrt Arans Stimme von den Gewichthebern herüber. Gerade eben stemmt er eines hoch, bei dem sogar er mit seinen Muskeln kämpfen muss. Schlussendlich streckt er mit einem unterdrückten Knurren dann doch die Arme durch.

'Nicht auf ihn hören', wiederhole ich in Gedanken Milets Worte:

'Er kann nicht mehr als Gewichte stemmen und blöde Bemerkungen austeilen.'

Aran stellt seine Hantel beiseite und steht auf.

"Milet, komm schon. Ist das dein Ernst? Wie lange willst du ihn noch da so laufen lassen?", bemerkt er vorwurfsvoll grinsend, so als würde er versuchen, ihn und mich lächerlich zu machen. Gelassen schlendert er in unsere Richtung.

Unüberhörbar für alle Umstehenden in Umkreis von gut zwanzig Metern raunt er mir in einem freundlichen Tonfall, als würde er es tatsächlich ernst meinen, zu:

"Willst du dich wirklich mit diesem Looser, der den ganzen Tag nichts anderes macht, als auf diesem lächerlichen Gerät zu laufen, abgeben? Oder schließt du dich lieber den coolen Jungs an und zeigst der Welt, was du kannst? Komm schon, runter von diesem Laufband. Zeig uns, aus was für einem Holz du geschnitzt bist." Er wendet sich ab, macht einige Schritte von mir weg, dreht sich noch einmal um und endet mit:

"Du hast zehn Minuten, dann dürfen wir nämlich Bereiche wechseln. Bis dahin hast du Zeit." Er streckt die Arme von sich, dreht sich einmal langsam im Kreis, während er mich siegessicher lächelnd vor die Wahl stellt:

"Entscheide dich, wir, oder der da."

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Der Staat Kapitel 11

Sagen wir einmal so: Sympathisch war mir dieser Aran schon von Beginn an überhaupt und schon gar nicht. Zu meinem und Milets Leidwesen, zu seinem Vorteil scheinen dies viele andere V-Klässler – vor allem einige der Mädchen – recht genau gegenteilig zu sehen.

Was mich persönlich sehr verwundert, denn mir hat man immer erklärt, wir müssten alle zu jeder Zeit zusammenhalten, einander unterstützen und in keinem Fall den Freund, Mitschüler, Mitbürger irgendwie beleidigen, geschweige denn, ihr oder ihm offen drohen!

Heißt es nicht:

' Der Staat, der Eine und Einzige.

Hier ist unser Glück, hier ist unsere Zukunft.

Gemeinsam für alle, alle für die Gemeinsamkeit!'

Gemeinsam für alle, alle für die Gemeinsamkeit...besonders diese letzte Zeile des Grundsatzes des Staates hat mir immer sehr zugesagt. Und nun verstößt Aran ausgerechnet, vor allem gegenüber einem neuen Mitschüler, eiskalt, ohne zu zögern gegen diesen.

Erschöpfung macht sich so langsam wirklich in mir breit. Gerade in dem Moment, als ich von selbst vom Laufband herabsteigen will, meldet sich diese Computerlady aus meinem Ohrstöpsel:

"Bitte legen Sie eine Pause ein. Vorsicht, Laufband wird nun abgestellt."

Keuchend lasse ich mich auf eine lackierte Metallbank hinter dem Band fallen, nehme mir meine Zeit, um kräftig durchzuschnaufen, meinen Atem und Puls sich beruhigen, meinen Kopf hängen lassend.

Milet wirft einen knappen Blick auf das langsam verblassende Display meines Laufbandes und meint bewundernd weiterlaufend:

"Knappe dreieinhalb Kilometer, das ist sehr gut für den Anfang."

Natürlich, wie sollte es auch anders sein, hat auch Aran bemerkt, dass ich die Übung beendet habe. Mit nur einem knappen, verächtlichen Blick, einem seitlichen Heben des Kinns und einem unausgesprochenen: 'Schwächling', quittiert er es, wendet sich zurück, seinen Hanteln zu.

Was ist los mit ihm? Falsch gemacht habe ich nichts, soweit bin ich mir im Klaren. Aber was bringt ihn dann dazu, mich so zu behandeln? Ich meine, es kommt mir so vor, als hätte er überhaupt nichts von dem, was einem in der Schule beigebracht wird?

Bevor ich meinen Gedanken weiter nachgehen kann, erschallt ein elektronischer Gong. Junos tritt aus einer Seitentür der Halle, verkündet mit kräftiger Stimme:

"Pause! Jeder von euch schnappt sich jetzt etwas zu essen, dann bekommt ihr die Einteilung für die zweite Hälfte. - Ach übrigens, heute gibt es zuerst Speckknödelsuppe, dann Nudeln mit Gemüse und zum Schluss ein Stück Ananas für jeden."

Erfreut über das Wort 'Essen', macht sich die Turnhalle auf zu Junos in Richtung Tür, hinter welcher ich lange Tischreihen zu erkennen vermute.

Milet klopft mir auf die Schulter, trocknet sich den Schweiß mit einem Handtuch ab und meint:

"Los komm mit."

Nicht minder hungrig, wie auch der Rest zu sein scheint, doch ein gutes Stück erschöpfter, folge ich ihrem und Milets Beispiel. Durch eine breite Doppelflügeltür betreten wir die Kantine. Ein weiter, langgezogener Raum, durch und durch mit schmalen Metallbänken und –tischen möbliert, komplett in einer Mischung aus Grau und Weiß gehalten, zeigt sich mir. An einer Wand bilden sich mehrere lange Schlangen bis zu einer breiten Küchenfront, an der jeder ein Tablett mit seinem Essen darauf überreicht bekommt und sich anschließend einen freien Platz sucht.

"Schnell, die Schlange wird immer länger", murmelt mir Milet zu, zieht mich energisch hinter sich her zur noch kürzesten.

"Wer sein Essen zu spät bekommt, hat hinterher weniger Zeit, es aufzuessen", raunt er mir ins Ohr.

Wie ich schon vorhin sehr treffend bemerkt habe, irgendetwas ist hier einfach vollkommen anders, als ich es gewohnt bin. Falsch. Nicht richtig. Unfreundlich. - Gnadenlos?

Zum Glück geht es in der Wartelinie flüssig voran, sodass auch ich bald mit dem angekündigten Essen sowie etwa einem Liter lauwarmer, hellroter Flüssigkeit in einer Plastikflasche auf meinem Tablett, mich Milet hinterher durch die Menschenmengen schlängle zu einem Tisch in der hinteren Ecke.

An seinem äußerst rechten Rand nehmen wir einander gegenüber Platz. Die nächsten Schüler lassen einen guten halben Meter Freiraum zwischen ihnen und uns, während an den restlichen Tischen alle direkt nebeneinander hocken...

Irgendwie...

"Hey, ihr dürft euch ruhig neben mich setzten", fordere ich den Jungen links von mir auf.

"Ähm", druckst dieser herum, haucht dann, für Milet nicht hörbar:

"Es...ahm, bist nicht du", und wirft einen Blick in Richtung meines Freundes.

"Aber...", setzte ich an, werde doch abrupt von einem scharfen Blick des Jungen gestoppt. Milet blickt auf. Rasch, so als wäre nichts gewesen, wendet sich jener neben mir erneut seinem Essen zu. Mein Gegenüber schüttelt nur kalt und abweisend den Kopf, senkt ihn ohne Kommentar wieder.

Ich fühle mich wie zwischen zwei Stahlplatten eingequetscht. Etwas, das ich noch nie gefühlt habe – und zukünftig auch äußerst gerne vermeiden würde.

Während ich so dasitze, meine Nudeln kleinschnippsle, mein Gemüse aufspieße, blinkt plötzlich im rechten, oberen Eck meines Blickfeldes ein kurzer Text auf:

'Nächste Trainingseinheit: Verteidigung.' Erschrocken fahre ich hoch. Wo kommt der Text auf einmal her?

Oh, die Linse...atme ich auf.

'Halte dich an Aran.'

So, so. Wer auch immer diese Dinger also steuert, möchte mich in der 'Verteidigung' zusammen mit Aran sehen. Schwermütig atme ich durch. Sieht so aus, als ließe es sich jetzt nicht mehr vermeiden...

Ein weiteres Mal läutet der Gong.

Das scheint dann auch schon das Zeichen zu sein, dass es weitergeht. Zumindest erheben sich auf einen Schlag alle V-Klässler und gehen wieder ihrer Wege.

Milet blickt mir in die Augen:

"Und, wo schicken sie dich hin?"

"Verteidigung", gebe ich knapp zurück, füge murmelnd hinzu:

"Zusammen mit Aran..."

Stumm nimmt Milet das zur Kenntnis.

"Na dann sehen wir uns später", meint er nur abwesend, so als würde er die Welt gar nicht wahrnehmen, sondern irgendetwas anderes sehen - nicht mich vor sich.

"Hm", verabschiede ich mich zu Boden blickend.

Und wie war es anders zu erwarten? Aran schlendert auf mich zu:

"So kommen wir doch noch einmal zusammen, Kris."

"Scheint so", nuschle ich mit gesenktem Blick. Wieso muss ich mich ausgerechnet mit so einem Kerl abgeben?!? Könnte ich nicht einfach mit jemand anderem, zum Beispiel dem Jungen, der neben mir beim Essen gesessen hat, trainieren?

"Komm schon Kris, sonst kommen wir noch zu spät", fordert Aran mich freundlich, doch mit einem undefinierbaren Unterton – Vorfreude? – und einem leicht aufgesetzt, falsch wirkenden Lächeln im Gesicht auf. So füge ich mich.

Zu meiner Verwunderung verlassen wir die Kantine nicht durch die Tür, durch welche wir gekommen sind, sondern, gemeinsam mit etwa fünfzig anderen Schülern, durch eine, die auf der gegenüberliegenden Seite liegt.

"Willkommen im Dojo!", begrüßt Aran mich theatralisch.

Diese Halle ist kleiner als die erste, doch genauso weiß ausgemalt. Ihr Boden ist durchwegs schwarz gepolstert, nur am Rand, auf der Seite des Einganges, gibt es einen schmalen Bereich mit festem Untergrund.

Und genau von dort tritt ein Mann in einer reinschwarzen Uniform an uns heran. Seine rechte Brust ziert die Aufschrift 'V-Kommando' und darunter 'Kommandant'. Vom Aussehen her ähnelt er Aran, bis auf das Alter – ich schätze ihn auf etwas über vierzig - nahezu bis zum kleinsten Haar – gut, die zeigen schon leichte Grauansätze bei ihm... Der einzige Unterschied, seine Augen zeigen eine Spur mehr Blau, als Arans.

Welcher uns einander nun stolz bekannt macht:

"Kris, darf ich dir meinen Vater, Carik, vorstellen?"

Ein freundliches, einladendes, weitaus sympathischeres als das von Aran, Lächeln macht sich auf seinem Gesicht breit, als er mit einer tiefen, doch beruhigend sonoren Stimme nachfragt:

"Der Kris?", mir gleichzeitig seine Hand hinhält.

Höflich, nicht genau wissend, was ich von der Situation halten soll, ergreife ich sie.

 

Okay, nochmal ganz langsam. Was geht hier vor sich? Und die wohl größere Frage: Was um alles in der Welt wird jetzt geschehen?

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Der Staat Kapitel 12

Carik tritt einen Schritt von uns zurück, kündigt an:

"Mal sehen, was in euch steckt. Luko! Haran!", ruft er die beiden herbei, fügt dann, an uns gewendet hinzu:

"Keine Angst, sie mögen brutal wirken, aber ihr beide habt ihnen eines voraus", er tippt sich lächelnd an den Kopf:

"Hirnmasse." Beruhigend...

Carik tritt einen Schritt von uns zurück, kündigt an:

"Mal sehen, was in euch steckt. Luko! Haran!", ruft er die beiden herbei, fügt dann, an uns gewendet hinzu:

"Keine Angst, sie mögen brutal wirken, aber ihr beide habt ihnen eines voraus", er tippt sich lächelnd an den Kopf:

"Hirnmasse."

Wie angekündigt, freundlich wirken die beiden nicht. Groß, breitschultrig, Hände wie Bratpfannen. Skeptisch werfe ich einen Seitenblick auf Aran. Ich soll also zusammen mit diesem, wie auch immer zu attributierenden Kerl gegen diese zwei vor mir kämpfen? Wieso überhaupt kämpfen? Teetrinken wäre doch viel angenehmer...

"Ahm", mache ich.

Mein Partner neben mir scheint Lukos und Harans Erscheinungsbild nicht im Geringsten zu stören. Stattdessen beginnt er, sich ein wenig zu strecken, drückt die Finger durch, so als würde das ein Kinderspiel werden. Carik drückt uns ein kleines Gerät in die Hände:

"Wenn ihr die beiden damit berührt, gewinnt ihr, treffen sie euch zuerst, verliert ihr. Wer es zu spüren bekommt, ist raus. – Viel Glück", wünscht er uns mit einem bedeutsamen Blick auf seinen Sohn, welcher nun dazu übergegangen ist, seine Schulter ein paar Mal kreisen zu lassen und sich in einer leichten Hocke den beiden Hünen gegenüber in die Mitte des Mattenbodens zu stellen.

"Kris, kommst du?", ruft er mich hinterher.

Verloren stelle ich mich neben ihn, betrachte das Ding in meiner Hand. Es ist nicht viel mehr, als ein kurzer, dicker, schwarzer Stab – vollkommen unscheinbar.

"Stimmt etwas nicht?", bemerkt Aran meinen fragenden, unsicheren Blick.

"Nein, ich habe so etwas nur noch niemals zuvor gemacht...", murmle ich, instinktiv vor meinen zwei Kontrahenten, welche nun gegenüber von uns Stellung beziehen, zurückweichend.

"Den Feuer-Tunnel-Test hast du auch nicht zuvor gesehen, ihn trotzdem bestanden, sogar, wie es heißt, mit persönlicher Auszeichnung des Großen Bosses", wendet er vollkommen cool, von sich, mir und der Welt überzeugt, ein.

"Hm", mehr kommt nicht von mir zurück.

Carik tritt zwischen uns:

"Seid ihr bereit?"

Luko und Haran nicken langsam, hämisch siegessicher grinsend. Aran gibt sein Okay übermäßig gelassen. Meines kommt zwar etwas verspätet, aber doch.

"Nun denn", Carik tritt zurück:

"Beginnt!"

Langsam und bedrohlich erheben sich unsere Gegenüber aus ihrer leichten Hocke, bewegen sich, immer einen Schritt, schon fast in Zeitlupe vor den anderen setzend, auf uns zu.

Knappe fünf Meter trennen uns. Aran springt einige Male auf den Zehnspitzen auf und ab. Nervös umklammere ich das Ding in meiner Hand noch fester. Was soll ich tun? Ich habe doch keine Ahnung, wie man so etwas macht! Erklärung? Irgendeine Art von Hilfe?

Wenigsten auf einen kann ich mich verlassen:

"Unsicherheit erkannt. - Sie befinden sich soeben in einem 2 gegen 2 Tag-Battle. Bleiben Sie in Bewegung! Wenn Sie stehen bleiben, ist es aus", erklärt mir die Computerlady in meinem Ohrstöpsel. Na das ist doch schon einmal etwas. Fragt sich nur, wie ich denn nun entweder Luko oder Haran taggen kann, ohne es von ihnen zu werden...

Jetzt stehen sie in Reichweite zu uns. Nur Arans harsche Warnung bewahrt mich vor einem Treffer:

"Kris, beweg dich!"

Und plötzlich, ohne mein bewusstes Zutun, bewegt sich mein Körper. Es ist dasselbe Gefühl wie zuvor im Feuer-Tunnel-Test. Ich weiß, was ich tue, weiß, dass es richtig ist, weiß aber nicht, wieso ich es mache. Irgendwie kommt es mir so vor, als ob, je mehr ich mich darauf konzentriere, dieses Gefühl schwächer wird, desto unbeholfener, ungeplanter werden meine Bewegungen.

Unbewusst schließe ich die Augen, tauche gerade noch so unter einem Schwung von Luko hinweg, entgehe mit einer flinken Drehung Harans Stoß, rutsche dann auf den Zehenspitzen einige Zentimeter nach hinten, sodass Lukos Arm knapp vor meiner Nase vorbeizischt, bevor schließlich ich meinen ersten Angriff starte. All das geschieht, ohne dass mein Bewusstsein direkt eingreift, es ist so, als wäre ich Mitfahrer im eigenen Körper – auf Autopilot geschalten. Wieso aber? Warum kann ich das plötzlich so gut, weiche Schlägen und Hieben aus, die ich eigentlich nie hätte kommen sehen. Fast kommt es mir so vor, als könnte ich in die Zukunft sehen – nein, eigentlich nicht – es ist mehr,...genau in dem Moment, in dem etwas geschieht, weiß ich, wie es geschehen wird und kann dem mir schadende Geschehen ausweichen, es vermeiden.

Mein flinker Schritt nach vorne bleibt erfolglos, da Luko sich ebenfalls bewegen kann, nach links ausweicht. Statt zu treffen, werde ich es fast selbst. Gewandt springe ich über Harans tiefen Schwung gegen meine Beine, hechte nach vorne, rolle mich flüssig ab und stehe sofort wieder.

Aran neben mir lächelt mir zu:

"Siehst du?", springt dann mit vollem Einsatz Haran in den Weg, rutscht über die Matten, rechts an seinen Beinen vorbei, fegt ihn von den Füßen, trifft ihn mit dem Tagger. Triumphierend steht er über dem bewegungslos schnaubenden Haran.

"Aran, hinter dir!", will ich ihn noch warnen. Doch da ist es schon zu spät, Luko trifft seinen Hinterkopf mit der vollen Wucht seiner geballten Faust, muss nicht einmal mehr den Tagger ansetzen. Aran geht getroffen in die Knie, sackt zusammen, bleibt Haran gleich einfach so liegen.

Entgeistert spielt sich die Szene noch einmal in meinem Kopf ab. Angst, ja Angst jagt durch meine Venen. Ein einziger Schlag – ein einzelner Schlag!

Wieso tue ich das?

Erneut meldet sich die Computerdame mit ihrer monotonen Stimme, was der Botschaft trotzdem keinen Abbruch tut:

"Ewiger Ruhm und nie endende Ehre jenem, der die V-Klasse abschließt, dem Staat dient!"

Meine Sicht verschwimmt, meine Beine durchzuckt ein einzelner Impuls. Lukos Sturmangriff geht ins Leere, stolpert über meinen Fuß, den ich zu spät – oder genau richtig nicht – zurückziehe.

Leider kommt er mir zuvor, sich aufzurappeln, als ich die Sache beenden will. Nur ein Hechtsprung nach hinten mit Rückwärtsrolle bringt mich von seinem explosiven Angriff weg.

Wie soll ich das machen? Moment mal, was meinte Carik vorhin: 'Ihr habt ihnen eines voraus – Hirnmasse.' Luko ist langsamer als ich, hat eine größere Masse, deshalb mehr Trägheit, außerdem scheint er sich nur noch darauf zu konzentrieren, mich auszuschalten.

Und schon bin ich weg, bringe rasch mindestens zwanzig Meter zwischen uns. Dann bleibe ich stehen, drehe mich um, blicke ihm tief in die Augen, wie er da schwerfällig aufsteht, sich einmal mit dem Handrücken über den Mund fährt. Wütend starren mich seine Knopfaugen aus ihren tiefen Höhlen heraus an.

"Was ist?", will ich wissen, lege unbewusst eine gehässige Aufforderung in meine Stimme:

"Bist du etwa hingefallen?", säusle ich. Hä?, woher kann ich denn das auf einmal?

Knurrend kommt es von ihm zurück:

"Du..." Er hebt eine Hand, führt eine Geste aus, als stelle er sich soeben vor, mich zwischen seinen Fingern zu zerquetschen.

"Versuchs doch", rufe ich ihn grinsend heran. Noch nie hatte ich solche Angst, wie gerade eben. – Eigentlich hatte ich noch nie Angst, außer seit dem Moment, als ich Naan getroffen habe. Doch das jetzt, ist schlimmer als alles zuvor.

Mit einem wütenden Aufschrei stürmt Luko, schnaubend wie ein wütender Zuchtbulle auf mich zu.

Bin ich mir überhaupt so sicher bei dem, was ich hier gerade mache? Offenbar, sonst würde ich definitiv nicht stehen bleiben.

Er kommt immer näher, die Zeit scheint sich zu dehnen, wie ein zäher Einmachgummi. Die einzelnen weißen Stellen, welche man zuvor gar nicht sah, kommen zum Vorschein. Jedes einzelne Detail von Lukos Körper tritt hervor, seine dicken Oberarme, breiten Schultern und sein mächtiger Brustkorb.

Dort, in seiner rechten Hand hält er den Tagger, von mir aus gesehen, muss ich also gerade im letzten Moment nach rechts springen.

Jetzt!

Wie in Zeitlupe brettert er an mir vorbei, dreht verwundert seinen Kopf nach mir um, will mich noch mit dem Tagger erwischen, wie ich da so über die Matten schlittere, stolpert, als er abrupt versucht, die Richtung zu wechseln. Schlagartig kehrt die Welt wieder zurück zum normalen Tempo.

Wenn neunzig Kilogramm Muskelmasse die Kontrolle über sich selbst verlieren...

Verdutzt, verwirrt und unkontrolliert stolpert Luko, fällt genau auf seinen rechten Arm, fährt mit dem Gesicht in den Boden ein. Stöhnend liegt er dort, einige Meter von mir entfernt.

Es scheint nicht so, als wolle er noch einmal aufstehen.

Vorsichtig beuge ich mich über ihn, setzte den Tagger an.

Sein Oberkörper fährt hoch, trifft mein Kinn mit voller Wucht. Getroffen torkle ich zurück, stürze rücklings zu Boden. Das letzte, was ich höre, ist ein metallisches Knirschen, das letzte was ich fühle, etwas weiches, feuchtes, von meiner Stirn Zerdrücktes.

 

Ich habe verloren.

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Der Staat Kapitel 13

Verschwommen nur nehme ich die Welt um mich herum wahr. Weiß, gleisend helles Licht, schnelle Schritte, unzählige Personen, laute, unverständliche Stimmen, sie heben mich hoch. Klackernde Räder drehen sich unter mir, verwirrt lege ich benommen den Kopf zu Seite. Irgendjemand beugt sich über mich, seine Worte sind nichts als ein an- und abschwellendes Wiederhallen. Knallend schlagen Türen auf und dann wieder zu, die Welt wird etwas dunkler.

Stille.

 

 Er läuft, sprintet durch die Straßen. Hinter ihm nichts als Todesjäger.

"Kris!, pass auf, was du tust!", donnert es.

 

"Hm", murmle ich, greife mir an den Kopf, schlage vorsichtig blinzelnd die Augen auf. Einsam, irgendwie verloren läge ich auf diesem Bett in diesem Zimmer, würde ich nicht irgendwo von links hinter mir eine Bewegung hören. Jemand tritt an mich heran.

Vorsichtig, besorgt vernehme ich Milets Stimme:

"Kris?"

"Hah?"

"Gut, du bist wach." Erleichtert kommt er in mein Blickfeld.

"Was ist passiert?", brumme ich undeutlich.

"Luko hat dich bewusstlos geschlagen. Der Arzt meinte, du bräuchtest einfach etwas Ruhe", er holt einmal tief, sich selbst beruhigend, Luft:

"So hat man dich hierher gebracht und mich als Aufpasser hergeschickt."

"Aah", mache ich langsam, das Kopfweh allmählich loswerdend.

Er legt etwas auf ein kleines Tischchen neben meinem Kopf.

"Dein Ohrstöpsel und die Linse sind zu Bruch gegangen, das Armband haben sie dir für den Moment abgenommen. Du solltest die neuen anlegen – wenn die XrichtigeX Zeit gekommen ist", betont er, so als wäre das nicht genau dieser Moment. Was ich irgendwie komisch finde, schließlich hat man mir doch gesagt, ich solle diese drei Dinge immer bei mir tragen?

Ach was soll's. Erschöpft sinkt mein Kopf tief in das weiche Kissen, murmle noch:

"Danke."

 

"So, genug Training für heute", meint der Große Boss.

"Ich gebe die Meldung durch." Ein Mann tippt irgendetwas auf einer Tastatur, schlägt die Enter-Taste an, erinnert anschließend:

"Kris liegt noch immer im Krankenzimmer. Soll ich ihn wie die anderen auch nach Hause schicken?"

Kurz zögert der Große Boss, entscheidet dann:

"Nein, lass ihn. Carik soll ihn heimbringen, sobald sich Kris von der Behandlung erholt hat."

 

Frage ich mich das zu Unrecht? Wieso kam es mir gerade so vor, als wäre das, was sich gerade in meinem Kopf abgespielt hat, wirklich so geschehen – während ich 'dabei' war?!

Noch einmal öffnet und schließt sich die Tür.

Milet befindet sich nicht mehr im Raum, dafür tritt jemand anderes ein. Freundlich kommt Junos' Stimme näher:

"Und Kris, wie geht es dir?"

"Gut...", brumme ich müde. Er stellt sich ans Fußende des Bettes.

"Wie fühlt sich dein Kopf an?"

"Gut..."

"Was ist los? Stimmt etwas nicht?", fragt er hilfsbereit nach.

"Nein, ich hatte nur irgendwie zu wenig Schlaf..."

"Aber du bist jetzt mindestens fünf Stunden hier gelegen, wovon du sicher mehr als viereinhalb verschlafen hast", wiederspricht Junos stirnrunzelnd:

"Ich glaube eher, der heutige Tag hat dich einfach nur zu sehr geschlaucht?", stellt er mehr fest, als dass er fragt.

"Heute ist...so viel...Schlechtes passiert. Alle sind einfach nicht so, wie man sein sollte. Überall streiten sie...", vertraue ich mich ihm an. Tief und lange seufzt er.

"Ja, da magst du Recht haben. Doch denk einmal an all das Neue, das du heute gelernt hast. Jene Nicht-V-Klassen-Schüler erfahren niemals davon, dass es so etwas überhaupt gibt. – Das, was du heute erlebt hast, war Prahlerei. Je besser jemand in etwas wird, desto mehr will er sich damit brüsten. Deine heutigen Erlebnisse sind also nichts Schlechtes, sondern nur ein Zeichen dafür, dass du und alle anderen V-Klässler etwas besser seid als der Rest. Ihr alle seid großartig und das beweist jeder einzelne mir jeden Tag aufs Neue. – Auch du Kris. Ruhm und Ehre wirst du ernten", erklärt er, hängt an:

"Der Staat, der Eine und Einzige.

Hier ist euer Glück, hier ist eure Zukunft.

Gemeinsam für alle, alle für die Gemeinsamkeit!"

Einige Momente lässt er die Worte auf mich wirken. Hm, das klingt doch einmal wirklich gut. Etwas Großartiges, Besseres zu sein. Ehre und Ruhm.

"Ich sehe dich dann morgen. Carik sollte gleich kommen, er wird dich heimbringen. Vergiss nicht, Linse, Ohrstöpsel und Armband wieder anzulegen.", ermahnt er mich und wünscht mir:

"Gute Nacht."

Keine zwei Minuten später ist der Kommandant des V-Kommandos dann auch schon bei mir. So langsam wird das nervig mit dem freundlichen:

"Wie geht es dir?" Ich weiß, sie meinen es alle nur gut, aber DREI hintereinander sollten dann doch genügen. Hoffentlich kommt nicht noch jemand...

"Ich will nach Hause", äußere ich meinen Wunsch.

"Da bringe ich dich hin. Hier", er legt mir meine Schuluniform auf den Tisch:

"Zieh dich an, ich warte vor der Tür."

Hose, Hemd, Sakko, Socken, Schuhe. Armband? Ohrstöpsel? Linse? So sehr ich Milet vertraue, habe ich doch keinen irgendwie gearteten, blassen Tau, was der richtige Moment ist!

Kurzerhand und unentschlossen stecke ich die drei Objekte einfach ein, trete dann durch die Tür auf den hell erleuchteten Gang hinaus. Keine Ahnung meinerseits vorhanden, wie spät es ist.

"Können wir los?", will Carik erfahren. Knapp nicke ich.

Mehr als geschätzte fünf Minuten lang führt er mich durch das Labyrinth aus weißen Gängen zurück hinaus auf den asphaltierten Hof, der nun still und einsam im Flutlicht der Scheinwerfer vor der Kulisse der nächtlichen Stadt liegt. Der Kommandant geht weiter bis zu einem weiteren großen Wagen und bedeutet mir, neben ihm Platz zu nehmen.

Gleichmäßig schnurrend springt der Motor an. Die Wache öffnet diensteifrig per Knopfdruck das Tor

Und schon sind wir auf dem Weg. Endlos lange scheint sich das Netz von Straßen vor uns auszubreiten. Es kommt mir plötzlich so gar nicht richtig vor, so weit von Zuhause weg zu sein. Mit dem Bus fahre ich genau sieben Minuten zweiunddreißig. Hingegen zeigt mir ein knapper Blick auf die Borduhr, dass wir nun schon mindestens zwölf Minuten unterwegs sind.

Was aber noch verwirrender ist: Es ist bisher kein Wort zwischen mir und Carik gefallen. Irgendwie habe ich das Gefühl, ein Gespräch beginnen zu sollen. Wie aber, ohne Thema?

Nach zähen Momente der immer drückender werdenden Stille im Fahrraum hilft Carik mir schließlich aus der Bredouille.

"Wie hat dir dein erster Tag bei der V-Klasse gefallen? – Hast du bereits etwas Neues gelernt?"

"Gut. Es ist vollkommen anders als normal. Junos meinte, das sei normal. Ihr Sohn kann wirklich gut kämpfen, das habe ich erfahren – und, dass die Welt aus mehr als nur Zahlen, Buchstaben und Zeichen besteht." Er lacht auf:

"Bitte, nenn mich Carik. – Ja, Aran ist gut. Aber du vergisst etwas", kurz lässt er das so im Raum stehen, als müsste ich die Antwort eigentlich wissen:

"Vielleicht ist es dir nicht aufgefallen, aber wer hat Luko zu Fall gebracht?"

Wieder Pause. Oooh, darauf wollte er hinaus. Carik fährt stolz fort:

"Aran kann kämpfen, daran besteht kein Zweifel, er hat ja auch lange genug dafür trainiert. Kris, du jedoch... – ich meine, das war heute dein erster Tag!"

"Schon... Trotzdem bin ich im Krankenzimmer aufgewacht..."

Carik gluckst bei all der Bescheidenheit.

"Da bist du aber nicht die Ausnahme. Du hättest Aran am ersten Tag erleben müssen..."

Der Wagen wird langsamer, bis der Kommandant verkündet:

"Wir sind da. Morgen fährst du einfach mit dem Bus in die Schule. Wo die V-Klasse liegt, weißt du eh. Ich wünsche eine gute Nacht. – Ach ja, ich würde dir raten, deine Gadgets nicht vor dem Duschen morgen früh anzulegen, die sind nämlich nicht wasserdicht, dafür gibt es Sonderanfertigungen", zwinkert er mir zu. Nun gut, also bleiben sie bis morgen in meiner Tasche.

Vollkommen mit meinen Kräften am Ende, falle ich in mein Bett.

Schlaf, alles, was ich jetzt will. Wäre da nicht diese Stimme:

"Kris, wie gut, dass wir uns wiedersehen." Geschockt reiße ich die Augen auf.

"Naan!, Wieso? - Was?..."

 

Innerlich kämpfe ich, soll ich ihn rausschmeißen? Was wird er mir wohl erzählen, tue ich es nicht?

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Der Staat Kapitel 14

"Ruhig", beschwört er mich, tritt aus dem Schatten, lässt sich auf meinem Schreibtischstuhl nieder.

"Sagen wir einmal so: Das, was ich dir erzählen werde, sollte nicht von anderen gehört werden. – Noch nicht."

Fürs Erste lasse ich ihn sein Ding tun, verschränke die Arme hinter dem Kopf und starre hinauf auf meine kahle, nächtlich graue Zimmerdecke.

Im Wissen, meine Aufmerksamkeit zu haben, beginnt Naan:

"Kris, ich habe schon einmal versucht, es dir zu erzählen. Und bitte, diesmal hör einfach zu, auch wenn es klingen mag, als wäre ich verrückt, gestört und alles Mögliche andere." Einmal holt er noch tief Luft.

"Der Staat in dem du lebst, ist einer von vielen auf dieser Erde. Einst gab es viele, viele verschiedene Länder und Völker. Wenn sie vielleicht nicht immer gut miteinander ausgekommen sind, war es doch eine Freude, ihnen allen zuzusehen. Damals konnte man gehen, wohin man wollte, tun, was man wollte, sein, wer man wollte. Und jeder dieser unzähligen Menschen war etwas ganz Besonderes und Einzigartiges für sich. Doch dann, an einem Tag vor zweiundfünfzig Jahren änderte sich all dies."

Meiner Schätzung nach, hat Naan also diese Zeit, von der er da redet, nicht miterlebt.

"Woher weißt du dann, wie es war, wenn du nicht dabei warst?", unterbreche ich.

"Mein Vater war dabei. Meine Mutter war dabei. Sie haben mir Geschichten erzählt. Mir Bilder und Bücher von früher gezeigt."

"Und wo sind diese Bilder?", hake ich nach.

"Du willst sie sehen?", freut sich Naan über mein Interesse – zumindest mein vermeintliches.

"Ja." Als ob seine Geschichte stimmen würde...

"Gut. Du hast nichts dagegen, wenn ich mir kurz dein Tablet leihe?"

"Mach einfach." Alles, was er tut, ist, einen USB-Stick aus seiner Tasche zu holen und ihn in das Tablet zu stecken.

"Hier", dreht er mir den Bildschirm zu. Ich hocke mich auf.

Menschen. Unzählige von ihnen. Sie lachen alle. Farben. Mehr als ich zählen könnte. Kaum schwarz. Kaum grau. Kaum weiß. Autos. Formen. Häuser. Und Dinge, die ich noch nie gesehen habe.

Ein Ort, der nicht existieren kann.

In der rechten unteren Ecke des Fotos lese ich in weißen Buchstaben: '14.7.2013'

"Das war in Rom – einer Stadt südlich von hier, vor 54 Jahren", kommentiert Naan.

"Rom. Davon habe ich schon einmal gehört. Ein Angestellter des Staates meinte einmal, es wäre der widerlichste Ort, den er jemals gesehen hat."

Naan seufzt:

"Damit könnte er jetzt sogar Recht haben...", schweift nicht weiter aus und geht über zum nächsten Bild.

"Das ist eines der letzten, vor dem siebten September 2015. Es zeigt meinen Vater als Kind."

Ein lachendes Kindergesicht. Der Junge ist nicht älter als zehn. Im Hintergrund sehe ich viel Grün.

"Und so soll die Welt einmal ausgesehen haben? Bunt und ungeordnet? Warum sollte sie jemals so gewesen sein?", kommentiere ich kühl.

"Bitte, lass mich zu Ende erzählen, dann beantworte ich deine Fragen, okay? – Gut. Also, die Erde war ein Ort, an dem jeder frei in seinen Gedanken und Handlungen war. Die Menschen haben es damals vielleicht verkannt, aber es war die schönste Zeit, zu der man hier sein hätte können. Jedoch gab es auch viele, die der Meinung waren, die Welt müsse sich ändern. An diesem siebten September des Jahres 2015 – also vor zweiundfünfzig Jahren – nahm es seinen Lauf. Erdöl, ein archaischer Energieträger war zu dieser Zeit ihre wertvollste Energiequelle. Und um ihre Ziele zu erreichen, schlugen jene, die die Welt erneuern wollten, genau dort zu. In dem Chaos, welches darauf folgte, lösten sich die ehemaligen Länder der Erde auf. Viele Menschen überlebten diese Zeit nicht. Doch jene, die es schafften, gründeten, nachdem sie diese 'Welterneuerer' – 'Vermummte' wie sie mein Vater nannte - besiegt hatten, die Staaten von heute. Es war ein gutes Unterfangen, all jene, von der Katastrophe gezeichneten, waren froh über Ordnung, Regeln, Sicherheit nach einer Zeit von Zerstörung und Anarchie. So geschah es auch, dass sie nicht protestierten, ja es sogar gut hießen, als die Staaten begannen, immer weitere Normen zu beschließen. Denn es gab ja niemanden, der unglücklich ihretwegen hätte sein sollen. Möchte man meinen, ha? – Nicht allen gefiel, was aus den Staaten wurde, sie verließen die Städte und zogen aufs Land. Dort, wo sie in Freiheit ihre Leben führen konnten. – Eine gute Entscheidung, wenn du mich fragst. Über Jahre hinweg interessierte es die Staaten nicht, was diese 'Nicht-Staatler' so machten. Sie trieben von Zeit zu Zeit sogar Handel miteinander. Nun aber, da ihre Macht über die eigenen Bürger langsam den Zenit erreicht, trachten die Anführer der Staaten nach mehr. " Er legt eine kurze Pause ein. Ruhig fragt er mich:

"Kris, was denkst du, könnte das bedeuten?"

Mehr als Schulterzucken kann ich darauf nun wirklich nicht antworten, oder?

"Was glaubst du, wieso du und die anderen V-Klässler trainiert werden, zu kämpfen?"

Wieder nur Schulterzucken.

"Überleg, wenn du etwas begehrst, dass ein anderer besitzt und dir verweigert. Was tun manche in solch einem Fall?"

"Nichts. Man kann es ja doch nicht ändern", gebe ich wahrheitsgetreu, stutzig über die Frage nachdenkend, zurück.

"Gut, man mag dir beigebracht haben, dass du alles mit Worten bekommen kannst, oder darauf verzichten musst. Leider ist es in diesem Fall anders."

Oooh...

"Aber welchen Sinn hätte es, gegen die 'Nicht-Staatler' zu kämpfen?", wundere ich mich.

"Ihr Wille ist stark. Sie halten nichts von den Staaten. Alles, was sie wollen, welches sie auch bereit sind, zu verteidigen, ist ihre Freiheit. Und diesen Widerstand versuchen die Staaten, allen voran Wien, zu brechen – durch Gewalt – ausgeführt von V-Klässler-Abgängern, organisiert in V-Kommandos. Als Reaktion darauf schließen sich nun auch immer mehr der 'Nicht-Staatler' zusammen zu lockeren Verbänden. Und hier ist genau der Punkt, an dem du und auch jeder andere V-Klässler, der sich überzeugen lässt – beziehungsweise noch nicht vollends vergraut wurde, ins Spiel kommt. Wir Nicht-Staatler brauchen euch, die Freiheit der Menschheit zu verteidigen."

"Moment mal, zwei Fragen. Erstens, warum sollte ich euch helfen? Zweitens, ich kann noch nicht einmal gegen einen intellektuell minderbemittelten wie Luko gewinnen, wie soll ich dann euch gegen Leute wie Carik verteidigen?!"

"Kris, vielleicht ist es dir bereits aufgefallen, aber du bist nicht wie jeder andere. – Kris! Du kannst träumen! Du hast Luko in Schach gehalten, ohne eine Ahnung zu haben, wie man kämpft! Und denk erst an den Feuertunnel-Test!", versucht er mich begeistert zu begeistern. Schon wieder dieses Argument...

"Alles, was du brauchst, ist ein wenig Zeit für dich, in der nicht jemand versucht, dich zu vergrauen."

"Das beantwortet noch immer nicht meine erste Frage: Wieso sollte ich? Ich meine, würde ich es tun, müsste ich kämpfen. Und Gewalt ist doch echt das Letzte."

"Eben genau deswegen", beharrt Naan:

"Was glaubst du wohl, wirst du tun, sobald du fertig bist mit der V-Klasse? – Na, denk nach... – Genau, gut erkannt. Du, wirst gegen die Nicht-Staatler kämpfen. Und wozu, nur damit irgendjemand seine Macht weiter ausbauen kann?", erklärt er mir, ohne wie ein Oberlehrer zu klingen und doch nicht das nötige Maß Ernst wegzulassen.

Stumm hocke ich da. Plötzlich strecke ich die Hand aus, verlange wortlos nach dem Tablet. Ebenso still reicht Naan es mir. Bilder, nur Bilder. Menschen, so viele Menschen. Mehr, als ich in meinem gesamten Leben zusammen gesehen habe. Alle sind sie fröhlich, lachen in die Kamera. Essen Dinge, die ungewöhnlich aussehen – wie sie wohl schmecken? – tun Sachen, von denen ich noch nie auch nur gehört habe, tragen Kleidung, die bequem aussieht, nicht so steif wie meine Schuluniform.

Was Naan auch immer erzählen mag... eine Welt, die nicht real sein kann – nicht real sein konnte.

"Kris, ich bitte dich. Höre auf mich. Hilf mir, die Menschheit zu retten."

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Der Staat Kapitel 15

"So, da du nun fertig zu sein scheinst... Selbst, wenn jedes einzelne deiner Worte auch nur in irgendeiner Weise der Wahrheit entspräche - was einen äußerst unwahrscheinlichen Fall darstellen würde: Was soll mir das bringen? Habe ich irgendeinen Grund, dir zu vertrauen?"

Kurz schlägt er die Augen nieder, seufzt. Meint dann bestimmt, unterschwellig zurückhaltend auffordernd:

"Lass mich dir zeigen, was ich meine. Komm mit mir. Sobald du siehst, wie sich die Sache außerhalb des Staates verhält, wirst du verstehen."

Eine lange Pause entsteht. Seine Anspannung knistert förmlich zwischen uns.

Wenigstens fragt er mich diesmal angemessen, bevor er versucht, mich irgendwohin zu bringen. Trotzdem weiß ich im Moment wirklich nicht genau, ob ich lachen, oder Mitleid mit ihm haben soll. Armer verwirrter Kerl.

Wäre es nicht das Beste, jemanden bezüglich seiner offensichtlichen Verwirrtheit zu verständigen?

Nur mal so als Gedankenexperiment. Was, hätte er tatsächlich mit all seinen Behauptungen Recht? Würde ich dann nicht in einer Welt leben, deren Führungsriege Gewalt als ein legitimes Mittel zur Gebietserweiterung ansieht?

Immer wilder drehen sich die Gedanken in meinem Kopf. Jede Sekunde bringt mehr Chaos in meinen normalerweise kristallklaren Verstand.

 

Carik und ein Mann, es könnte, der Haarfarbe nach zu urteilen, sei Vater sein, sitzen sich gegenüber an einem Tisch voller Landkarten. Sie scheinen zu diskutieren. Der Mann ergreift bestimmend das Wort:

"Manchmal ist da einfach der Moment, in dem man versucht, jemandem etwas klar zu machen, was absolut und vollkommen logisch und durchdacht ist, dein Gegenüber jedoch nicht den leisest möglichen Hauch von so etwas ähnlichem wie Einsicht zeigt."

 

Hä?

Ahm, was zum? Wieso? Warum? Weshalb hat sich das gerade in meinem Kopf abgespielt. Das Gefühl ist dasselbe, wie vor einer knappen Stunde im Krankenzimmer, als ich den Obersten Boss und seinen Gehilfen gesehen habe. Real und wirklich, doch entfernt und wie durch eine dicke Wolldecke gedämpft.

Naan bemerkt meine Verwirrung, das erkenne ich an seiner Körperhaltung, zu Wort meldet er sich jedoch nicht.

Wieder vergehen die Minuten nur durch stilles Gegenübersitzen. Bis Naan dann doch etwas äußert:

"Neugierde ist etwas, das dir die Fähigkeit gibt, nie zu wissen, was am nächsten Tag geschehen wird."

Oookaaayy...

"Was ist 'Neugierde'?", schieße ich prompt heraus.

"Es bedeutet, sich nie mit dem zufrieden zu geben, was man weiß, sondern immer etwas Neues zu erfahren oder zu erleben."

"Es wäre also neugierig von mir, dich aus dem Staat hinaus zu begleiten?", frage ich unsicher.

"Genau richtig erkannt", meint Naan, einen erfreuten Unterton über mein - unterschwelliges? - Interesse? an seinen Informationen. Entscheidungen traf ich schon viele, doch waren sie alle eher nach dem Motto: 'Was esse ich denn heute?'

Diese hier jedoch unterscheidet sich in einem ganz zentralen Punkt von allen anderen: Sie ist wichtig, sie hat Einfluss auf die Zukunft. Und das erkenne ich sogar ohne langes Nachdenken oder Erfahrung.

"Kris, ich habe dir für den Moment alles gesagt, was ich vorhatte, dir mitzuteilen. Morgen Nachmittag werde ich mich melden. Bis dahin solltest du entschieden haben, ob du mein Angebot annimmst, oder nicht. Und merk dir, ich will dich zu nichts verpflichten, du darfst dir selbst aussuchen, was du tust, nachdem ich dir die Außenwelt gezeigt habe."

"Du gehst?", stelle ich fest, einen unbestimmten Unterton nicht unterdrücken könnend.

"Soll ich noch bleiben?", möchte er im Gegenzug natürlich sofort wissen:

"Hast du noch eine Frage?"

"Nein", senke ich den Blick.

"Dann wünsche ich eine gute Nacht", murmelt er dankbar für meine Zeit, verlässt das Zimmer durch die Tür. Wo will er denn hin? Die Haustür ist doch zugesperrt und nur Feinberg Familienmitglieder kommen per Fingerabdruck durch.

Also folge ich ihm, um ihn hinauszulassen.

"Wieso gehst du nicht ins Bett?", kommt es gemurmelt aus der Dunkelheit der Küche.

"Weil du doch sonst nicht hinauskommst", widerspreche ich stirnrunzelnd. – Wie ist er überhaupt hereingekommen?!?

"Weißt du Kris, es hat so seine Vorteile, ein gewisses handwerkliches und allgemein technisches Geschick zu besitzen", gibt er zurück, zieht ein kleines Kästchen aus der Hosentasche, hält es an die Tür, legt eine zweite, kleinere Box an die Wand direkt über dem Fingerabdruckfeld rechts der Tür und bewegt dann das Kästchen nach rechts.

Klickend springt das Schloss auf.

Mit offenem Mund starre ich noch minutenlang auf die Stelle, an der Naan zuletzt stand, bevor er ins Stiegenhaus verschwunden ist. Wie hat er das gemacht?

Vorsichtig taste ich die Seite der Tür auf der Höhe der Klinke ab. Hier befindet sich in einem schmalen metallenen Rahmen ein kleines, rundes Loch. Direkt gegenüber, auf selber Höhe, scheint im Türstock so etwas wie eine dünne Stange in eingelassen zu sein. Sie passt nach Augenmaß genau in die runde Öffnung. Probehalber ziehe ich meinen Finger über den Scanner, ohne die Tür zuvor geschlossen zu haben. Tatsächlich, der Metallstift springt heraus, würde direkt in das Loch der Tür fahren und sie so blockieren. Wenn diese Stange aus Eisen ist, lässt sich die Funktion des Kästchens erklären: ein Magnet, der sie zurück in den Türstock bewegt. Die Box müsste somit also den Scanner irgendwie austricksen, sodass er den Verriegelungsmechanismus freigibt.

Hmm. War das gerade Neugierde?

Naan wird morgen nicht alleine den Staat verlassen, entschließe ich. Allerdings werde ich auf jeden Fall versuchen, herauszufinden, wer er überhaupt ist...

 

"Kris, wach auf!", weckt mich Mutter.

Duschen, Schuluniform, Müsli, Zähneputzen. Linse, Ohrstöpsel, Armband.

Tobias und Lukas treten neben mir aus ihren Wohnungen.

"Morgen", wecken wir uns gegenseitig auf.

Zu den dreiundzwanzig Personen an der Bushaltestelle ist eine neue Person gestoßen, ein weiterer Staatsangestellter. Doch steht er nicht bei seinen Kollegen, sondern etwas abseits, trägt schwarze Sonnenbrillen, sodass man nicht herauszufinden vermag, worauf sein Blick lastet.

Unglücklicherweise werde ich das Gefühl einfach nicht los, dass ich derjenige bin, für den sich der Neue interessiert.

Glücklicherweise kommt der Bus heute wie geplant und bringt uns zur Schule.

Dieser neue Staatsangestellte bleibt bis zum Schluss im Bus, steigt nicht wie seine Kollegen zwei Stationen vor dem Schulzentrum aus.

Kaum ausgestiegen, hält er auf Gebäude Nummer sieben zu.

"Kennt ihr den?", wende ich mich an Lukas und Tobias.

Beide schütteln nur die Köpfe. Der Mann steuert schnurstracks zur Direktion, ohne anzuklopfen tritt er harsch ein. Das letzte, was ich sehe, bevor ich vorbeigehe und die Tür zufällt, ist, dass er seinen Aktenkoffer mitten auf dem Schreibtisch des vollkommen überrumpelten Direktors öffnet.

 

"Tschau", verabschieden wir uns. Lukas und Tobias verschwinden in die B-Klasse. Ich betrete erst zwei Türen weiter meine Klasse.

Wieder etwas, das B von V unterscheidet: Hier sind die Schüler in angeregte Gespräche vertieft, tauschen sich aus – mit einer Ausnahme - wohingegen man sich in der B einfach ruhig auf seinen Platz setzt und wartet, bis die Stunde beginnt. Milet sitzt alleine in der letzten Reihe. Neben ihm ist noch ein Platz für mich frei.

"Morgen", grüße ich. Seine triste Miene hellt sich bei meinem Anblick auf.

"Hallo. Du hast Lukas Schlag also gut überstanden", erkennt er.

"Was haben wir denn jetzt?", will ich in meiner Pflicht als Schüler wissen. Es ist komisch, Stundenplan habe ich nämlich noch keinen bekommen, normalerweise war der immer sofort auf mein Tablet, sobald ein neues Jahr, somit eine neue Klasse, begonnen hat.

"Oh, das hat dir wahrscheinlich noch keiner erklärt. Die V-Klasse hat keinen 'Stundenplan'. Bei uns läuft es so ab, dass die momentan wichtigen Themen unterrichtet werden. Wenn wir also gestern Spezialtraining hatten, wird man uns heute wohl mit Sportkunde, Anatomie oder allgemeiner Medizin zureden.

"Ah so", nicke ich. Kommt mir logisch vor.

In diesem Moment erschallt eine Durchsage durch die Lautsprecher. Technisch geringfügig verzerrt vernehme ich eine Stimme, die an Kälte, Gefühlslosigkeit, Befehlsgewohntheit, dunkler Erfahrung und unterschwelliger Brutalität in keiner Weise zu übertreffen ist.

"Kris Feinberg möge sich bitte unverzüglich in der Direktion melden."

Aahm... Instinktiv ziehe ich die Schultern ein.

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Der Staat Kapitel 16

Sieht so aus, als würde ich wohl meine erste Stunde in der V-Klasse verpassen. Je nachdem, wie lange das jetzt dauern mag. Was aber wohl wichtiger ist, wieso? Blöderweise bin ich mir fast sicher, dass diese Stimme zu dem Mann mit den Sonnenbrillen gehört und gefühlsmäßig ist es die erste Person, bei der ich es gerne vermeiden würde, sie zu treffen.

"Kris, du musst los", reißt Milet mich aus meinen Gedanken.

"Ja, stimmt", gebe ich undeutlich, abwesend zurück. In kleinen Schritten mache ich mich auf den Weg. Erneut schallt diese Stimme durch die Lautsprecher, deren angstausstrahlende Wirkung keine zwanzig Adjektive wirklich beschreiben können. Diesmal mit einer unglaublich starken, bedrohlichen Portion Nachdruck hinter ihr:

"Kris – Feinberg – melde – dich – in – der – Direktion!"

Erschrocken verdopple ich meine Schrittlänge und stehe etwa eine halbe Minute später vor der Direktion. Jetzt verstehe ich, wieso Gefühle in der Gesellschaft verpönt sind. Man fühlt sich viel zu oft schlecht, weiß nicht, was man tun soll, weil der Verstand etwas vollkommen anderes will. Wieso aber fühle ich auf einmal – oder besser gesagt seit ich Naan das zweite Mal getroffen habe?

Könnte es irgendetwas mit diesen 'Träumen' zu tun haben, über die Naan so aufgeregt zu sein scheint, so als wären sie etwas Besonderes und nicht absolut Unlogisches?

Kaum hebe ich die Hand um anzuklopfen, öffnet man mir. Verstummt trete ich ein.

Ein freundliches Lächeln des Direktors empfängt mich, links im Hintergrund am Rand des großen Schreibtisches steht er – der Mann mit den Sonnenbrillen. Der Koffer liegt noch immer geöffnet von mir abgewandt auf der Tischplatte.

"Grüß dich Kris", bietet der Direktor mir die Hand an. Mit meinen Gedanken irgendwo, ergreife ich sie gewohnheitsgemäß.

"Dieser Herr möchte etwas mit dir besprechen", erklärt er noch aufmunternd und verlässt dann den Raum durch eine zweite Tür in ein Nebenzimmer.

Bis sich jene vollständig geschlossen hat, verharrt der Sonnenbrillenmann regungslos.

Monoton, mir, aufgrund ihres Eiszapfen erzeugenden Klangs, einen Schauer über den Rücken jagendend, dringt seine Stimme in meine Ohren:

"Kris, wir heißen dich willkommen in der V-Klasse. Wir freuen uns, dass du ein Teil von uns werden wirst." Pause.

"Leider gab es in letzter Zeit einige unerfreuliche Zwischenfälle in Bezug auf deine Person. – Aus diesem Grund haben wir beschlossen, dich an einem Ort unterzubringen, an dem du sicher bist vor etwaigen erneuten Übergriffen. Du weißt, wovon ich spreche?" Das ist das xerstex Mal, dass er seine Stimmlage verändert!

"Nein", schüttle ich noch immer gedankenversunken den Kopf. Moment, doch... Ich hebe den Blick.

Mit einer zackigen, schnellen, kontrollierten Bewegung dreht der den Koffer herum. Ein Laptop, wie überaus praktisch...

"Es geht um diesen Mann hier." Mehr zu sagen, erachtet er nicht für nötig. Alles Wichtige ist gesagt.

Er deutet auf das Foto von Naan in seinem Auto.

"Oh", mache ich nur.

"Kris, wir wollen nicht, dass du zu Schaden kommst. Dieser Mann ist böse, er möchte deinen Verstand verwirren. Darum sei bitte so vernünftig und lass uns dich in ein neues, sicheres Zuhause bringen." So etwas wie nett sein oder lächeln scheinen ihm fremd zu sein. Zumindest der Art, wie er mir das vorbringt, nach zu urteilen...

"Aber, was ist mit meiner Familie?" Offenbar hat er mit dieser Frage gerechnet. Sein Gesicht wird noch ernster als zuvor, seine Stimme jedoch irgendwie weicher:

"Sie stellen leider ein Sicherheitsrisiko dar. Du wirst sie immer besuchen können, sei unbesorgt. Jedoch musst du verstehen, dass wir niemandem in dieser Sache vertrauen können, außer uns gegenseitig." Wieder eine Pause. Er lässt seine Worte für sich sprechen.

"Hast du das verstanden?", will er sich zur Beendigung der Sache vergewissern.

Mucksmäuschenstill knickt mein Kopf nach vorne und nach hinten.

"Sehr gut", meint er zufrieden, schließt den Koffer und ruft den Direktor zurück herein:

"Wir sind fertig. Auf Wiedersehen", hängt an mich gewandt an:

"Du wirst nach der Schule abgeholt werden. Und vergiss nicht, immer und zu jedem Zeitpunkt Linse, Ohrstöpsel und Armband zu tragen. Es dient deiner Sicherheit."

Weg ist er.

In der rechten Hälfte meines Sichtfeldes poppt ein Foto auf.

"Er wird dich abholen", ist die letzte Botschaft des Sonnenbrillenmannes über den Ohrstöpsel.

Junos.

Der Direktor kommt auf mich zu, nimmt meinen Arm.

"So verwirrend diese Situation sein muss für dich, so sehr vertrau uns bitte", verleiht er den Worten des Mannes mit den Sonnenbrillen durch Freundlichkeit und Geborgenheit vermittelnde Stimmlage unglaubliche Kraft.

Naan...!

"Geh nun bitte zurück in deinen Unterricht", entlässt er mich mitfühlend.

"Okay", bringe ich als Einziges an diesem Vormittag noch heraus.

Diesmal schickt mich keine der Lehrpersonen zur Schulärztin. Sie scheinen alle Bescheid zu wissen. Auch Milet wirkt so, als wüsste er zumindest ungefähr, was in mir vorgeht. Einmal in der Pause, als ich mit leerem Blick auf meinem Platz sitze, raunt er mir aufmunternd zu:

"Es tut mir Leid für dich, das kommt leider manchmal vor. Du solltest dir bewusst sein, dass sie doch nur das Beste für dich und deine Ausbildung wollen. Zuhause hast du einfach zu viel Ablenkung."

Hm, irgendetwas an seinen Worten...stimmt nicht...macht mich stutzig.

Einen Wimpernschlag später ist es schon wieder vergessen.

 

Gelangweilt beiße ich von meinem Jausenriegel ab. Drei Parteien versuche mich zu zerreißen. Der Sonnenbrillenmann, Naan und ich selbst, der ich bei meiner Familie bleiben und zufrieden weitermachen will, wie damals, bevor Naan aufgetaucht ist.

Wieso wollte ich jemals in die V-Klasse? Es ist doch nichts anderes als...

 

"Kris, kommst du?", steht Junos fröhlich lächelnd nach der Schule vor mir:

"Wir haben noch ein, zwei Dinge zu erledigen."

"Sicher."

In einer dieser schwarzen langen Autos werden wir zu mir nach Hause gefahren.

Wie auf Wolken scheinen wir über den Asphalt zu gleiten. Die Fahrt verläuft im Stillen.

"Schnapp dir deine Sachen. Hier hast du eine Tasche." Junos drückt sie mir in die Hand.

Rasch gehe ich die Treppen hinauf, werde von meiner Mutter empfangen. Tapfer versucht sie, sich die Tränen zu verkneifen.

"Du wirst mir fehlen", schnieft sie.

"Du mir auch", gebe ich nur halb anwesend zurück und umarme sie.

Viel zu früh schon drückt sie mich wieder weg.

"Los, beil dich, du musst los", meint sie, mich im Wissen lassen, dass sie wenigstens dieses eine Mal ihre 'Pflicht' als Mutter vergessen möchte, mich liebevoll jeden Tag aufs Neue an etwas zu erinnern.

Hastig schiebe ich kurzerhand den gesamten Inhalt meines Kleiderschranks in die Tasche. Hosen, Shirts und Hemden, Socken,...

Dann noch meine Zahnbürste und mein zweites Paar Schuhe. Das war's, glaube ich.

"Warte", passt Mutter mich noch einmal an der Tür ab.

Zärtlich, mit zitternden Händen gibt sie mir ein Foto von unserer Familie. Die linke untere Ecke ziert ein verschwommener, frischer Wasserfleck.

Anders als mit einer letzten Umarmung weiß ich ihr nicht zu danken. Bis zum Schluss steht sie hinter mir, unterstützt mich. Und nun muss ich hier weg, weil ich 'in Gefahr bin'.

Aber habe ich eine Wahl?

Ich will nicht loslassen, möchte für alle Ewigkeit diese Geborgenheit in ihren Armen spüren, fühlen, wie sie sich um mich kümmert um mir jeden Tag erneut zu sagen, was für ein guter Sohn ich bin.

Nein, ich will nicht hier weg.

Plötzlich knackt etwas in meinem Ohr, Junos meldet sich. Erschrocken enttäuscht erstarre ich für einen Moment. Schon?...

"Bist du fertig? Kommst du dann bitte?"

"Ich...", beginne ich, breche, unfähig zu sagen, was ich fühle, ab.

Sanft streichen ihre weichen Hände durch meine Haare.

"Du wirst uns doch besuchen kommen?", möchte sie gedankenverloren wissen.

"Natürlich", versichere ich.

Noch einmal schnieft sie, zieht meine Stirn hinunter zu ihrem Mund. Dieser mütterliche Kuss ist das letzte, was ich von ihr noch mitbekomme. Abgesehen von einem gehauchten:

"Ich hab dich lieb."

Erneut platzt Junos im besten Moment mit einem Kommentar über den Ohrstöpsel herein:

"Kris, wir müssen los. Wir haben noch etwas zu erledigen."

Die Tür fällt hinter mir zu.

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Der Staat Kapitel 17

Ein zweites Mal noch versucht er, die richtigen Worte zu finden, dafür, was er sagen will. Erneut kommt nichts als Stille bei mir an.

"Zu ihrer Wohnung?", vergewissert sich der Fahrer.

 Zwei Sekunden dauert es, bis die Botschaft sich in Junos' Bewusstsein, der wie gebannt auf die Sitzfläche links von sich starrt, vorgearbeitet hat. Aus seinen Gedanken gerissen bestätigt er nachdenklich, abwesend murmelnd:

"Ja. So schnell, als möglich..."

Sein Gesichtsausdruck ist mir etwas vollkommen Neues, mutet an, als wäre er sich selbst nicht sicher, was er von seinen eigenen Gedanken halten soll. Fast sofort nachdem er meinen Seitenblick bemerkt, greift er sich sein Tablet und beginnt, irgendwelche Texte zu studieren.

Zeit für mich.

Wie wird meine Zukunft aussehen? Soll Junos von nun an etwa mein 'Erziehungsberechtigter' sein? Oder wie hat sich der Mann mit der Sonnenbrille das vorgestellt? Auf jeden Fall fahren wir zu Junos' Wohnung, wo auch immer diese nun auch liegen mag...

 Aber gemessen an seiner Funktion schätze ich irgendwo in der zweiten Ringstraße, nahe an den Verwaltungsbereichen in der ersten.

Nur eine Abbiegung, nachdem wir gestartet sind, stoßen zwei Militärfahrzeuge zu uns. Über meine Ohrstöpsel vernehme ich eine Stimme:

"Eskortkonvoi 3 zu ihren Diensten. Wir haben Order erhalten, ihnen Geleitschutz zu geben."

"Sehr gut", meldet sich Junos erleichtert zurück, lässt sich nun etwas entspannter an die Rückenlehne fallen.

"Wie lange muss ich bei dir bleiben?", frage ich direkt, doch leise.

Zuerst scheint es so, als wüsste er keine geeignete Antwort. Einige Augenblicke später erklärt er dann sachlich:

"So lange es die Situation erfordert. – Ich kann dir nur nochmals versichern, es dient deiner Sicherheit. – Mehr kann auch ich dir nicht sagen. – Doch sei unbesorgt, du wirst dein Leben so fortsetzten können wie immer. Mit dem einzigen Unterschied, dass dich nun niemand mehr belästigen wird."

Aber, Rom... – die Menschen, all die neuen Dinge. Naan – die Nicht-Staatler...?

Wieso sollte das eine Bedrohung sein?...Moment, bedeutet das, Naan hat vor, mir zu schaden?

Dann, dann...

...

Ich kann dem Staat vertrauen, nicht jedoch jemandem, den ich nicht kenne. Warum sträube ich mich aber gegen diese Tatsache. Vernunft und Verstand gehen immer über Impulse.

 

Nur wieso diesmal nicht?

 

"Bitte nach dir", hält Junos mir die Tür auf.

Mit geteilten Meinungen stehe ich dort. Einerseits ist es eine neue Erfahrung, ein neues Kapitel, und Neues ist interessant, habe ich herausgefunden, andererseits bedeutet es, dass mein Leben niemals wieder so sein wird, wie einst und dieses Gefühl, an einem Punkt ohne Wiederkehr zu stehen... Ohne Möglichkeit, zurückzukehren, wiederzusehen, was man einst gesehen hat und nie zu sehen, was man im letzten Kapitel alles hätte sehen können.

Und statt einzutreten, lehne ich mich neben der Tür an die Mauer, sinke hinunter, schlinge die Arme um die Knie und versuche, mir der Situation bewusst zu werden. Eine Wahl habe ich nicht, früher oder später werde ich eintreten müssen. Aber diesen einen letzten Moment möchte ich noch auskosten.

Bewusst tief atme ich ein und aus, werde ruhig, schließe die Augen, höre das Nichts der Umgebung.

Erneut spüre ich Junos' Unbehagen in der Lage, mit welcher er sich konfrontiert sieht.

"Du musst nichts sagen, mir geht es gut", melde ich mich. So ganz glaubt er mir nicht, die Wahrheit ist es trotzdem.

Dann greife ich mir mein Gepäck und überschreite die Türschwelle.

Einen Unterschied zur Wohnung meiner Familie scheint es kaum zu geben. Die Einrichtung ist dieselbe, einzig die Raumaufteilung ein wenig anders, die Gestaltung etwas offener und weitläufiger.

"Hier kannst du die Schuhe hinstellen", deutet Junos auf das Regal neben der Garderobe.

Ich tue wie geheißen.

"Wenn ich dir dann dein neues Zimmer vorstellen darf", bittet er mich, ihm zu folgen.

"Hier." Er öffnet eine weiße Tür mit meinem Name darauf. Dahinter kommt ein Zimmer zum Vorschein, das in etwa drei Mal so groß ist wie mein altes, Platz ist trotzdem nicht mehr.

Eine Auswahl dieser Sportgeräte, welche ich beim Spezialtraining gesehen habe, steht herum – sogar ein Laufband habe ich hier.

Junos bemerkt meine Spur Irritation und erklärt:

"Da wir ja nicht jeden Tag Spezialtraining haben können und wir uns trotzdem fit halten sollten, stellt man den meisten V-Klässlern Trainingsgeräte zu Verfügung, um auch außerhalb der Schulzeit trainieren zu können."

"Okay, danke", meine ich. Ich nehme einfach mal an, dass die Kegelabende mit meinen Freunden ausfallen werden für die Dauer meines Aufenthaltes hier, somit stellen diese Geräte eine willkommene Beschäftigung dar.

"Komm, ich zeig dir noch, wo das Badezimmer ist, dann muss ich mich leider für eine halbe Stunde entschuldigen. Falls du Hunger bekommst, der Kühlschrank ist voll, also bedien' dich einfach."

Hastig lässt er noch die Badezimmertür aufschwingen, dann ist er auch schon wieder dahin.

Müde muss ich gähnen. Was für ein Tag... Hunger? – nein. Schlaf brauche ich wohl fürs Erste...

 

 

Ein Raum, die Einrichtung unterscheidet sich gänzlich von allem mir Bekannten. Sie ist hauptsächlich braun, etwas rot und nur teilweise schwarz. Kärgliches Licht fällt durch ein verdunkeltes Fenster herein.

Eine Frau, sie mag gute siebzig sein, und ein Mann, gute vierzig, sitzen nebeneinander an einem großen Schreibtisch. Ihre Augenformen verwundern mich, sie wirken länglich.

Lautstark wird eine Doppelflügeltür aufgestoßen. Der Mann, der langen Schritts hereinmarschiert, ist mir wohl bekannt.

"Was gibt es, Naan?", möchte die Frau ruhig und besonnen erfahren, bemerkt, dass etwas nicht stimmt.

"Sie haben ihn weggebracht, ich weiß nicht, wo er ist", vermeldet er niedergeschlagen.

Der zweite Mann ergreift sachlich das Wort:

"Tja – Nun, da eure Hoffnung offenbar nicht mehr greifbar ist, können wir sie bitte vergessen?"

Vehement widerspricht die Frau:

"Katsu, lass das. Wir haben gegen Wien keine Chance, schon gar nicht, wenn es sich mit anderen Staaten zusammenschließt. – Vor allem, wenn sie Kris haben und Naans Infos bezüglich des Projekts 'Dragon Thunder' stimmen."

"Dann müssen wir eben selbst zusehen, etwas Ordentliches ins Feld schicken zu können", verstärkt Katsu seinen Standpunkt.

"Nein, Emi hat Recht, wir können keinen offenen Krieg gegen auch nur einen der Staaten riskieren. Und unser einziges Druckmittel, ihre Nahrungsversorgung, verlieren wir in zwei Stunden Kampf, zusammen mit unserem gesamten Territorium und unseren Leben", unterstützt Naan die Frau.

"Dann lasst mich dorthin gehen. Ich mache mir ein Bild von ihrer Stärke, stehle alle Informationen, an die ich rankomme", verlangt Katsu.

Besorgt wechselt Emi einen Blick mit Naan.

"Bist du dir da absolut sicher?", hakt letzterer nach.

 Entschlossen nickt Katsu und erhebt sich. Stumm gibt Naan seine Zustimmung. Mit Unbehagen blickt Emi ihnen hinterher, wie sie den Raum verlassen.

Einige letzte Worte murmelt sie noch:

"Arik, ist das wirklich nötig? Ist es das wert, Leben zu zerstören, um deine Vorstellungen durchzusetzen, so löblich sie sein mögen?"

 

Ein einzelnes Geräusch weckt mich. Das Schloss springt auf.

Junos ist zurück.

 

Naan, wo bist du?

 

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Der Staat Kapitel 18

"Hast du Hunger?", fragt er verantwortungsbewusst, streckt dann seinen Kopf durch die Tür und bemerkt meinen Gesichtsausdruck. Wieder scheint er nicht ganz zu wissen, was zu tun ist.

 

Er entscheidet sich für etwas, mit dem man generell nichts falsch machen kann: Er nimmt stumm neben mir Platz, spendet mir stille Unterstützung.

 

"Fehlt dir deine Familie?" Die Antwort kennt er, aber er merkt, etwas anderes ist da noch, was mich bedrückt. Vermutlich ist es gut, wenn er es nie erfährt. Wenn er nie herausfindet, dass Naan in meinen Augen keine Gefahr darstellt, egal, was mir jemand einreden will.

Selbst im Falle dessen, dass er tatsächlich versuchen sollte, mir zu schaden, würde ich es bemerken und immer noch Hilfe holen können.

Ich will einfach wissen, ob stimmt, was er mir erzählt hat; ob es wirklich einmal eine Welt gab, in der nicht alles nur weiß in grau in schwarz war; wie es ist, außerhalb des Staates zu sein. Das 'Neue' wie er es nannte, klingt so viel interessanter, als alles andere hier, selbst die V-Klasse, die ja auch schon viele Neuerungen für mich bedeutet, mit einbezogen.

Nur wie schaffe ich es, zu erfahren, was ich wissen will?

In der Schule wurde mir immer gesagt, wie ich eine Aufgabe zu lösen hätte. Auf solcherlei Hilfestellungen kann ich nun wohl nicht mehr hoffen...

Es geht darum, Naan wiederzusehen.

Er befindet sich an einem mir unbekannten Ort, was es mir enorm erschwert, ihm eine Botschaft zukommen können zu lassen.

Eines ist klar, ich muss Armband, Ohrstöpsel und Linse loswerden. Denn begründet auf meiner Erfahrung mit diesen drei Gadgets, ermöglichen sie dem Staat mit mir zu kommunizieren, sowie auch, was momentan das größere Problem darstellt, mich zu lokalisieren.

Ich kann mich eigentlich nur in der Nacht frei bewegen.

Zuerst muss ich wissen, wo ich genau bin. Sonst kann ich Naan, selbst wenn ich ihn kontaktieren könnte, nicht mitteilen, wo er mich suchen soll.

Die Karte, welche sie mir auf das Tablet geschickt haben, ist nicht mehr dort, so viel ist mir klar. Natürlich, ich bin irgendwo in der zweiten oder ersten Ringstraße, das heißt relativ nahe am Zentrum von Wien und wenn ich den Staat soweit richtig einschätze, wird der Eingang dieser Wohnung bewacht.

Junos erträgt meine gedankenversunkene Stille nicht mehr und meint fröhlich:

"Ich mach uns jetzt mal etwas zu essen. Hoffe, du magst Nudeln."

Abwesend nicke ich.

Nehmen wir jetzt einmal an, ich käme hier raus und könnte den Weg zurück zur Wohnung meiner Familie ausfindig machen, wie beschreibe ich Naan diesen am Besten? 'Biege beim weißen Haus rechts ab und fahre solange weiter, bis du bei einem weißen links abbiegen kannst.'??

Okay, ich...sollte wohl eine Karte anfertigen. Großer Vorteil: ich kann sie Stück für Stück erweitern und mir theoretisch in Zukunft auch weiter zurückliegende Erkundungstouren im Gedächtnis behalten.

Gut, ich brauche mein Tablet zum Zeichnen, nach dem Essen gehe ich sofort los und...

Halt – Was tue ich in dem unwahrscheinlichen Fall, dass ich entdeckt werde, während ich auf den nächtlichen Straßen mit einer Karte Marke 'Eigenbau' herumlaufe? Niemand Normales ist um eine solche Uhrzeit noch draußen, da bräuchte ich eine wirklich gute Erklärung, nur was für eine?

Nichts als Probleme. Dass eigenständiges Denken einem so viele Steine in den Weg wirft...

Hm, ich könnte sagen, ich bin gerade erst umgezogen und suche eine Bar, um ein wenig zu entspannen. Damit würde ich nicht einmal lügen. Wer auch immer mich aufgreift, bringt mich zu einem Lokal und lässt mich anschließend wieder in Frieden. Was nur, wenn jemand nach meiner Identität fragt? Sicher, einen falschen Namen kann ich immer angeben, blöd nur, dass alle Polizisten Fingerabdruckscanner dabei haben. So etwas würde sofort auffliegen.

Und was, wenn ich gar nicht erst hinaus müsste in die Straßen? Junos ist in einer recht hohen Position wie mir scheint, vielleicht kann ich seinem Tablet etwas Nützliches entlocken?

Okay, ich weiß, wieso mir diese Idee nicht sofort gekommen ist, weil sie nicht umsetzbar ist. Wie sollte ich denn bitte schön an seinem Passwort vorbeikommen?

"Essen ist fertig!", ruft Junos mich in die Küche.

"Komme schon!", melde ich mich zurück, stehe auf, bin irgendwie sogar froh, meinen Gedankenfluss für einen Moment unterbrechen zu könne.

"Spaghetti mit Tomatensoße", erklärt Junos die rot-gelbliche Masse, welche er mir vorsetzt. Verwunderlicherweiße, trotz der Tatsache, es hier mit etwas zu tun zu haben, was Mutter mir nie vorgesetzt hätte, duftet es unglaublich gut.

"Greif zu", fordert Junos mich auf und beginnt die Nudeln mit seiner Gabel aufzurollen.

Erst noch skeptisch, nach dem ersten Bissen vollends überzeugt, tue ich es ihm gleich.

Er lächelt, erkennt, es schmeckt mir.

Nach dem Essen schlägt Junos vor:

"Hast du Wien eigentlich schon einmal bei Nacht gesehen?"

Ich kann nur den Kopf schütteln. Nachts tendiere ich dazu, zu schlafen - natürlich heute ausgenommen.

"Dann komm mit", hält er mir einladend die Wohnungstür auf. Die argwöhnischen Wachen beschwichtig er mit den Worten:

"Wir gehen nur hinauf auf's Dach."

Anschließend holt er den Lift und etwa zwölf Sekunden später stehen wir auf dem flachen Dach voller Lüftungsgeräten. Für den ersten Moment verschlägt es mir den Atem. Wir sind hier höher oben, als die meisten Gebäude im Umkreis, über uns der schwarze Himmel mit all den glitzernden Sternen und dem stumm wachenden silbrigen Mond, unter uns die dezent erleuchteten Straßen.

"Beeindruckend, nicht wahr?", stellt Junos nach Momenten der andächtigen Stille fest.

Nur Nicken kommt von mir zurück, zu mehr bin ich zurzeit nicht im Stande. Das ist perfekt! Von hier oben kann ich nahezu alle Straßen der näheren Umgebung überblicken!

Heute Nacht bleibe ich hier oben.

Ohne Tablet? Wenn ich zurück hinunterlaufe und damit wieder hochkomme, wird Junos mit hundertprozentiger Sicherheit misstrauisch...

Also sollte ich mir die Lage der größten Straßen so gut es geht einprägen, und es anschließend aufzeichnen.

"Können wir noch etwas länger hier oben bleiben?", bitte ich Junos, dessen Schritte sich von mir entfernen, während ich mich so weit über die Brüstung lehne, dass ich schon fast hinunterfalle.

"Sicher", lacht er, meine Begeisterung sehend, auf, fügt dann brüderlich lächelnd hinzu:

"Fall halt nicht runter", und fährt seinerseits fort, in die Sterne zu blicken.

Nach einer Weile hebe ich meinen Blick wieder für einen Moment, lasse das silbrige Licht des Mondes auf meine Nase scheinen, frage mich:

"Wie glaubst du wohl, wäre es, dort oben zu sein? Auf dem Mond zu stehen, den Sternen entgegen zu greifen?"

"Weißt du denn nicht, dass es dort im Weltall sehr gefährlich für Menschen ist?", erinnert Junos mich an das in der Schule Gelernte.

"Schon. Aber nehmen wir doch einmal an, man könnte...", träume ich vor mich hin, lasse mich von den Straßen ablenken.

"Nein, das wäre falsch, vollkommen falsch", wiederspricht er:

"Alleine der Gedanke daran ist unausweichlich töricht und unvernünftig."

Hm...

Naja, was kann ich erwarten, das Wort Neugierde kennt er schließlich nicht...

Außerdem wirkt Junos Einstellung mir gegenüber so, als wäre es etwas Schlechtes, Dinge zu hinterfragen.

Natürlich, bevor ich Naan getroffen habe, habe ich auch nie etwas hinterfragt, weil damals alles so logisch erklärbar war. Jetzt aber geht das nicht mehr. Für all die Dinge, die in den letzten Tagen geschehen sind, kann mir der Staat offensichtlich keine wirklich brauchbare Erklärung liefern...

Meine Aufmerksamkeit schweift zurück zur Straße.

Eigentlich müsste ich mir doch nur den Weg von der Schule hierher einprägen, zur Schule findet Naan, das weiß ich. Trotzdem werde ich diese Karte anfertigen, für mich - für den Notfall - den äußersten - der aller äußersten - wenn ich fliehen muss - falls etwas passiert.

"Irgendwann sollten wir dann wieder hinunter", ruft Junos mir ins Bewusstsein.

"Schon?", drehe ich mich zu ihm um, blicke ihm tief, bittend in die Augen.

"Ja, leider - morgen ist Schule, da musst du genug geschlafen haben", bemuttert er mich.

"Och", mache ich wie ein kleines Kind, scherze, weiß, dass er Recht hat.

"Morgen können wir wieder, wenn du möchtest", bietet er, froh darüber, etwas meine Zustimmung Findendes, entdeckt zu haben, an.

Stumm werfe ich einen letzten Blick hinauf zu den Sternen, greife mit meiner Hand in die Luft, stelle mir vor, wie ich den Mond vom Himmelszelt nehme und er zwischen meinen Fingern durch hervorschimmert.

Von Seiten Junos' kommt nur ein unsicheres Lächeln.

Was er wohl von mir halten muss...

Was wohl der nächste Tag bringen wird...

Was ich wohl im Bezug auf Naan jetzt noch erwarten kann...

 

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Der Staat Kapitel 19

"Aufstehen", weckt Junos mich. - Wieso nicht meine Mutter?

 Ein neuer Tag, ein neues Glück. Naja, vielleicht. Immerhin, heute kann ich mir die Route von hier zur Schule einprägen und anschließend zur Karte hinzufügen, welche ich gestern begonnen habe zu zeichnen.

Duschen, Zähneputzen, Anziehen. Frühstück.

Junos wartet bereits an der Tür, mit der Hand auf der Klinke. Schnell binde ich mir noch die Schuhe zu, schnappe mir mein Tablet und trete hinter ihm aus der Wohnung.

Zackig salutieren die Wachsoldaten. - Die werden mir noch irgendwann einmal Probleme machen…

Oha! Diese zwei kräftig gebauten, schwer bewaffneten, starr geradeaus schauenden Männer kommen direkt hinter uns nach! Und sie wirken nicht so, als würden sie damit in nächster Zukunft aufhören. Wie gesagt, das kann noch schwierig werden…

Genau so wie erwartet setzt sich die Menschengruppe an der Bushaltestelle zusammen: Wir sind hier relativ nahe am Stadtzentrum, hier leben Person mit hohen Positionen. Darum sind hier auch nur vereinzelt Schüler - genau genommen mit mir vier - dafür vermehrt Staatsangestellte - mit Junos, ohne Wachmänner, zweiunddreißig.

"Morgen", grüßt Junos einen etwa vierzigjährigen Angestellten des Staates mit kurzen, braunen Haaren und braunen Augen.

"Oh, guten Morgen auch dir, mein Freund!", erwidert dieser, von meinem Anblick überrascht: "Wer ist denn das? - Doch nicht etwa Kris?"

Stumm nur, abwesend nicke ich. Dort drüben, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, das sieht aus wie,… ein Polizeiwagen. Ein Zufall? - Wohl eher nicht.

Ich habe das Gefühl, als würde ich mich in einem Gefängnis befinden, welches mich auf Schritt und Tritt begleitet… Ich atme einmal frustriert aus.

"Stimmt etwas nicht?", lenkt Junos seine Aufmerksamkeit wieder auf mich.

"Nein, alles in Ordnung…Es ist nur, das ist…", murmle ich mit gesenktem Blick.

"Dein erster richtiger Tag in der V-Klasse?", schlägt er vor: "Bist du nervös? - Das war ich damals auch. Aber ich bin mir sicher, du wirst dich schnell eingewöhnen", unternimmt Junos einen Versuch, mich aufzumuntern.

"Hm", kommt es von mir zurück.

 

Dann hält auch schon der Bus. Als Neuer steige ich als letztes ein, um niemandem seinen angestammten Platz streitig zu machen und lasse mich schlussendlich in der zweiten Reihe auf der linken Seite nieder. Die Wachmänner wenden sich nun von mir ab, schlendern hinüber zu den Polizisten, nehmen auf deren Rückbank Platz.

Junos und seinen Kollegen sehe ich irgendwo weiter hinten.

Und just in dem Moment, als wir uns in Bewegung setzen, startet auch die Polizeistreife den Motor.

 

In dem endlosen Strom Schüler mitschwimmend, meine Freunde Lukas und Tobias nicht wiederfindend, die Hoffnung in diese Richtung aufgebend, begebe ich mich zur 3V.

Wie schon gestern begrüßt mich hier Milets freundliches Gesicht.

"Was ist denn los? Wo bist du denn gestern hinverschwunden?", bestürmt er mich förmlich, kaum, dass ich mein Tablet auf meinen Tisch gelegt habe.

"Nun, ich bin…", beginne ich, werde jedoch unerwartet unterbrochen:

"Kris, du darfst niemandem davon erzählen - außer ich bin dabei!", bläut mir Junos per Ohrstöpsel ein.

"Ja, du bist?", hakt Milet nach.

"Ich bin…über den Schulalltag in der V-Klasse aufgeklärt worden. Lang und breit haben sie mir erläutert, was meine neue Klasse für mich und für den gesamten Staat, und so weiter bedeutet", vervollständige ich spontan. Wieder mit diesem Gefühl, nicht selbst Herr meiner Worte zu sein.

Die Unwahrheit zu erzählen - etwas, das mehr als über alle Maßen verpönt ist…

"Hm, naja…", kommentiert Junos mehr oder weniger zufrieden, aber mit einem unüberhörbaren Naserümpfen.

"Ah ja, das haben sie bei mir auch getan", steuert nun auch Milet seinen Teil bei. So langsam wird das kompliziert… Mit zwei Personen gleichzeitig zu kommunizieren, ohne dass eine der beiden von der anderen erfährt. Die eintretende Lehrerin befreit mich schlussendlich aus meiner Misere.

"Guten Morgen, Zukunftshoffnungen!", begrüßt sie uns mit einer zuckersüßen Stimme, welche nichtsdestotrotz klarmacht, dass sie und nicht wir die Hosen anhaben.

"Ah, wie ich sehe, ist Kris Feinberg nun ein vollkommenes Mitglied dieser Klasse. Willkommen Kris. Mein Name ist Johanna Sana und ich unterrichte die Fächer Geschichte und Deutsch sowie allgemeine Logik."

"Guten Morgen Frau Sana", grüße ich höflich zurück.

"Sehr schön. Nun gut, Klasse, wo sind wir letztes Mal stehen geblieben? Milet, kannst du uns erzählen, welches Thema wir gerade behandeln?", bittet sie ihn lächelnd im Stil von: 'Dies ist eine benotete Stundenwiederholung!'

"Natürlich. Zuletzt haben wir die Fehler des Feldherren Varus im Kampf gegen Arminius besprochen, oder besser, warum es Arminius gelungen ist, trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit, die übermächtigen römischen Legionen in die Flucht zu schlagen."

"Sehr gut", lobt Frau Sana: "Welche Gründe sind das gewesen?"

"Arminius hat damals als einer der ersten Feldherren die Technik des Guerillakampfes erfolgreich angewandt. Die Römer haben sich viel zu sehr auf ihre groß angelegten Schlachtformationen verlassen und Arminius im unwegsamen Gelände des Schlachtfeldes nichts entgegensetzen können."

"Gut, was lernen wir daraus für heute, Rutho?", verlangt Frau Sana von einem anderen Schüler, fortzufahren.

"Dass wir uns immer und zu jeder Zeit unseres Gegners und des Ortes des Kampfes bewusst sein sollen und uns somit nicht auf einen Kampf in fremdem, unübersichtlichen Gebieten einlassen", antwortet dieser wie aus der Pistole geschossen.

"Okay, aber was ist das, für uns am bedeutsamste Beispiel der Anwendung von Guerillataktiken?"

"Die Kämpfe der Jahre 2015 bis 2019. Damals, als unser Nationalheld Arik, auch genannt der Wolf in Flammen, den Staat Wien errichtete und die Angreifer unter Verwendung von Partisanentechniken zurückschlug."

"Richtig. Und wir sind alle froh, im Staat zu leben, nicht wahr?"

Kollektives Nicken, instinktiv auch von mir.

"Und was genau macht unseren Staat so besonders, wenn man ihn mit dem früheren Wien vergleicht?", will Frau Sana nun von der Klasse wissen.

Milet hebt die Hand. Sie jedoch blickt mir tief in die Augen: "Kris, weißt du es?", verlangt sie.

Nun, ich habe natürlich schon davon gehört, dass es vor den Staaten andere Länder gab.

"Früher sind die Menschen unkoordiniert vorgegangen, niemand ist für irgendetwas verantwortlich gewesen und jeder hat sich nur gegenseitig die Schuld zugeschoben", gebe ich alles an Wissen wieder,  das ich zu diesem Thema besitze. Moment einmal, ein einziger Satz ist alles, was ich über die Zeit vor dem Staat weiß? Ernsthaft? Gut, abgesehen von dem, was Milet da gerade erzählt hat, wobei ich das zeitlich nicht einordnen kann…

"Das ist richtig, Kris. - Und um uns die Sache noch etwas genauer anzusehen, bitte ich euch, das Dokument, welches ihr soeben von mir erhalten habt, durchzulesen."

So vergeht die Stunde und das Verlangen in mir, mehr über die Vergangenheit zu erfahren, herauszufinden, ob Naan nun tatsächlich Recht hat mit seiner Behauptung, dass das Leben früher so viel schöner gewesen ist, wird immer größer.

 

Darum ist meine erste Tat in der Mittagspause auch, mich in die Bibliothek zu begeben.

"Ein Buch über Geschichte bitte", verlange ich höflich.

"Welches Jahr?", kommt es prompt, hilfsbereit zurück.

"2015 und davor, bitte." Interessiert hebt die Bibliothekarin die Augenbraue: "Aus der Zeit vor 2015 gibt es nicht viel, aber ich werde mal sehen, was ich finden kann…"

Nachdem sie etwas in ihren Computer eingetippt hat, meint sie freundlich, bedauernd: "Hier, ich spiele es dir rüber, das ist alles, was ich finden kann."

"Vielen Dank", lächle ich zurück, begebe mich zur Lesecouch und beginne, das Dokument zu studieren. 'Kriegs- und Führungstechniken vergangener Zeit.' Okay…

Jahr 52 v. Chr.: Schlacht von Gergovia (Rom - Gallier)

Jahr 9. n. Chr.: Schlacht im Teutoburger Wald (Rom - Germanen)

Jahr 451 n. Chr.: Schlacht auf den Katalaunischen Feldern (Westrom - Hunnen)

In dieser Manier geht es weiter. Das ist einfach nur eine ewig lange Auflistung großer Kämpfe zwischen alten Reichen.

Aber ich finde einziges Wort darüber, wie die Menschen damals gelebt haben!

 

Was ist hier los?

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Der Staat Kapitel 20

Ich frage mich jetzt ernsthaft, wieso? Hat damals etwa niemand gelebt, außer den Kriegern? Oder wie ist das zu sehen? Ich meine, warum gibt es nichts darüber, wie das Leben früher war, vor dem Staat? Schlimmstenfalls will man nicht, dass man davon erfährt. Aber wieso sollte das so sein?

Was wäre so schlecht daran, wenn man wüsste, wie die Gesellschaft damals ausgesehen hat? - Kontrolle - Ein einzelnes Wort schleicht sich ein in meine Gedanken. Kontrolle? Hä? Etwa über die Menschen? Aber wieso? Weshalb sollte die Geheimhaltung einer Information der Kontrolle von Menschen dienen?

Glaubt man etwa, die Bürger würden sich widersetzen, sollten sie es erfahren?

Hm. So überlegt… Macht es schon irgendwie Sinn… Natürlich nur unter der Annahme, dass die entsprechende Information die Menschen antreiben könnte, sich zu widersetzen. Was bedeuten würde, dass früher das Leben tatsächlich in irgendeiner, mir vollkommen unbekannten Weise, besser war, als heute…

Ich muss mit Naan sprechen!

 

"Und, wie war der Tag?", beginnt Junos ein Gespräch.

"Interessant", gebe ich kurz zurück.

"Was habt ihr heute gelernt?", hält er die Konversation am Laufen.

"Kriege, Anatomie, Psychologie und ein wenig Mechanik und Physik."

"Hat dich etwas besonders interessiert?"

Schon will ich antworten, besinne mich im letzten Moment jedoch noch. Junos ist nicht die Art von Person, mit der man über meine Fragen spricht…

"Ahm, ja. Physik. Trägheit ist eine interessante Sache."

"Da hast du Recht", stimmt er mir zu, froh, einige Worte mit mir gewechselt zu haben.

Wir steigen in den Bus, und wenige Minuten später sehe ich auch schon die Wachmänner wieder.

Die einzige Zeit, in der ich mit Naan sprechen kann, ist die Nacht. Doch wie soll er zu mir kommen können, beziehungsweise ich zu ihm - werde ich doch bewacht?

Hm, zuerst einmal die gezeichnete Karte aktualisieren. Gut, der ungefähre Weg von der Schule zu mir… ist drinnen… sowie einige größere Straßen der direkten Umgebung.

Mittagessen, Hausaufgabe, Lernen.

Naan. Wie treffe ich dich nur wieder?

Gelangweilt beginne ich ein wenig mit den Geräten in meinem Zimmer zu trainieren.

Mein Blick fällt aus dem Fenster. Hm, ich bin hier im 2. Stockwerk, somit wäre es möglich - wenn ich ein Seil hätte - hinunter auf die Straße zu klettern und so den Wachen zu entgehen. Fragt sich nur, wohin ich mich dann wenden soll?

Vielleicht zurück nach Hause? Dorthin, wo ich ihn das erste Mal getroffen habe?

Eine Option ist es, doch wie sollte er wissen, dass ich dort bin?

Es scheint so, als müsste ich warten, bis er sich bei mir meldet…

 

"Du siehst müde aus. Hast du gestern wirklich genug geschlafen?", bemerkt Junos beim Abendessen.

"Habe ich. War gerade im Zimmer trainieren", erkläre ich hungrig.

"Hast du Lust, wieder rauf aufs Dach zu gehen?", schlägt er vor, weiß, wie sehr mich das freuen würde.

"Auf jeden Fall", stimme ich unverzüglich zu.

Er lächelt.

 

Wieder hänge ich mich über die Brüstung, starre hinunter auf den Asphalt der Straße zwanzig Stockwerke unter uns.

Ich fühle mich hier oben so…frei. Nicht am Boden und nicht im Himmel, sondern irgendwo dazwischen. Frei.

 

"Hier ist es."

Eine kleine Gruppe von fünf Männer betritt ein großes, längliches Gebäude durch eine schmale, unbeleuchtete Seitentür.

Das Innere liegt ebenfalls in Dunkelheit gehüllt.

"Nach was suchen wir eigentlich hier genau?", wundert sich einer der Männer. Sie tragen alle durchwegs schwarze Kleidung, halten Waffen im Anschlag und marschieren geduckt hintereinander durch die riesige Halle voller Regale. Links und rechts türmt sich unterschiedlichstes militärisches Equipment auf.

"Nach jedem Hinweis auf die tatsächliche Existenz von 'Dragon Thunder' ", beantwortet Naan die Frage unwillig brummend.

Diese Formulierung ruft den anderen Mann, den ich damals in diesem Raum gemeinsam mit Naan und der alten Frau gesehen habe, auf den Plan - Katsu, genau. Dieser zischt leise zurück:

"Nicht nach einem Hinweis, sondern nach Plänen, Bauteilen - nach allem, das uns irgendwie helfen könnte, gegen diese Technologie zu kämpfen."

"Okay, okay. Wie könnte das aussehen?", murmelt der vierte der Männer entschlossen.

"So", meint der dritte und bewegt sich vorsichtig, gefolgt vom fünften, auf eine stabile, unscheinbare Stahltür zu, welche die Aufschrift: 'Forschungsbereich. Betreten auf eigene Gefahr!' trägt.

"Sehr gut", lobt Katsu leise, prüft das Schloss: "Abgeschlossen… Naan?"

"Sofort."

Wenige Sekunden später schwingt die Tür lautlos auf.

"Hoffe, sie bemerken nicht so bald, dass wir die Alarmanlage überbrückt haben…", murmelt Naan.

"Beeilen wir uns einfach", treibt Katsu seine Gruppe an.

 

Das…das…ahm…

Naan ist in der Nähe! - Zumindest irgendwo im Zentrum von Wien, wo sonst wäre wohl eine Forschungseinrichtung des Militärs?

"Junos, wo und was arbeitest du eigentlich, wenn du nicht gerade Spezialtraining mit den V-Klassen machst?", interessiere ich mich spontan.

"Oh", überrascht ihn meine plötzliche Frage: "Nun ja… Ich bin… Ich berate das Militär."

"Wobei?"

"Ergonomische Anforderungen von Neuentwicklungen und so weiter."

"Woran arbeitest du genau?"

"Das darf ich dir leider nicht sagen. - Aber du kannst dich auf einige coole Sachen freuen, wenn du mit der V-Klasse fertig bist", gibt er stolz schmunzelnd zurück.

"Oh, na dann gedulde ich mich eben noch ein wenig", spiele ich den Unschuldigen - sogar sehr überzeugend.

Ich könnte Luftsprünge machen! Junos ist heute Morgen etwa zwei Häuserblocks von hier vom Bus ausgestiegen! - Naan ist nahe!

Einziges Problem: Wie lange wird er dort bleiben?

Aufgescheucht springe ich auf, beginne fieberhaft auf dem Dach herumzulaufen, suche verzweifelt eine Lösung.

"Stimmt etwas nicht?", wundert sich Junos mit einem besorgten Gesicht.

"Nein, alles in Ordnung. Ich habe nur irgendwie das Gefühl, etwas tun zu müssen. Kennst du das, wenn deine Beine sich einfach bewegen wollen?"

Er lacht auf, seine Mundwinkel ziehen sich hoch: "Ja, das kenne ich. Hah."

Dann, mit einem Schlag, verstummt er mit einem Mal erschrocken.

"WAS!??!"

Haltlos stürmt er zurück zum Aufzug. Gerade so kann ich ihm folgen. Im allerletzten Moment springe ich in die Kabine.

"Was ist denn los?", teile ich unbewusst seine Aufregung.

Alles was ich zurückbekomme ist heftiges Schnaufen und Schweißperlen auf seiner Stirn.

Plötzlich besinnt er sich, brüllt als Befehl über seinen Ohrstöpsel: "Schickt sofort Männer her! - Ja, Kris ist bei mir. Er ist sicher."

Was ist denn los?"

 

"Hey, schaut euch das mal an", staunt der dritte.

Den anderen verschlägt es die Sprache. Einzig Naan haucht: "Es existiert also wirklich…"

Laut knallt es, als in der Ferne eine Tür aufgestoßen wird. Rufe hallen durch das Lager, dringen auch in den Forschungsbereich. Taschenlampenkegel schneiden durch die Dunkelheit.

Die fünf erstarren.

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Der Staat Kapitel 21

Bei diesem Kapitel handelt es sich um einen Gastauftritt, geschrieben von Christina Mair. Es wird eine neue Figur in Form des Mädchens Tihana eingeführt.

 

Seit etwa drei Stunden sitze ich vor dem Funkgerät und warte auf eine Nachricht von Naan. Inzwischen müssten sie die Mission längst abgeschlossen haben, das Nichtstun und Herumsitzen macht mich nervös. 

Ich stehe auf und gehe ein paar Schritte in meinem Zimmer auf und ab. Ich will etwas tun, ich will Naan und seinen Freunden helfen und nicht hier nutzlos herumsitzen, während ich auf ein Lebenszeichen von ihnen warte. Erneut begebe ich mich zum Schreibtisch und starre aus dem Fenster. In der Ferne kann ich die Lichter des Staates erkennen. Der Staat. Der Arbeitgeber meiner Eltern. Mein größter Feind. Hohe Mauern und ein komplexes Sicherheitssystem schützen ihn. Dagegen sind wir im Nicht-Staat fast vollkommen schutzlos. In dieser Gegend des Nicht-Staat- Gebietes – es ist eigentlich mehr ein Vorort von Wien - stehen einige kleine Häuser, alles ist recht locker. Jedoch kann keiner behaupten, er habe keine Angst, von dem Staat angegriffen zu werden. Meine Eltern selbstverständlich ausgenommen. Seit Jahren sind sie für die Lebensmittelversorgung des Staates mit Produkten aus dem Nicht-Staat-Gebiet verantwortlich, wodurch sie im Staat einen guten Ruf und viele Kontakte haben. Sie haben ein Haus, Geld, Versicherungsverträge und einige Vorteile bekommen. Solche Dinge sind in einer Gesellschaft selbstverständlich vorteilhaft, aber ich fühle mich wie gefangen in den Verlockungen des Staates. Sie geben dir Dinge und nehmen dir die Freiheit. Dafür gibt es keine Beweise, aber ich spüre es. Auch wenn meine Eltern schon geblendet von diesem ach so perfekten Leben sind, so weiß ich, dass der Staat es nicht gut mit uns meint. Ich bezweifle sehr, dass meine Eltern einfach so kündigen oder umziehen könnten, nur eine einzige Beschwerde gegen den Staat könnte ihnen vermutlich das Leben kosten. Frei ist hier in diesem Vorort keiner. Manchmal frage ich mich, ob sie jemals anders waren, ob sie jemals wirklich frei gedacht haben. Darauf habe ich keine Antwort und ich hasse den Staat aus tiefstem Herzen dafür, dass er meine Eltern zu den stummen Marionetten gemacht hat, die sie heute sind.

Doch Naan ist anders. Eines Tages, als ich wieder trotzig auf einer Wurzel im Wald gesessen bin, leise den Staat verflucht habe, kam er. Zuerst bin ich erschrocken, da ich gedacht habe, er sei ein Angestellter des Staates. Doch dann habe ich erkannt, dass er so denkt wie ich. Dass in ihm der selbe Freiheits- und Gerechtigkeitsdrang schlummert wie in mir. Ich würde diese Begegnung fast als Schicksal bezeichnen, wenn es soetwas geben würde. Seit jenem Tag habe ich angefangen, zu hoffen. Ich habe erkannt, dass es auch einige andere Menschen gibt, die so denken wie Naan und ich. Wir wollen etwas verändern. Wir können etwas verändern, davon bin ich überzeugt. Seit meiner Geburt hat man mich Gehorsam gelehrt, aber etwas in mir hat still dagegen protestiert. Und jetzt habe ich endlich Gleichgesinnte gefunden. Es ist kein leichter Weg, wir müssen extrem vorsichtig sein. Doch Naan hat mir immer Mut gemacht, er ist wie ein Vater für mich geworden. Ich kenne nicht viele seiner Freunde, doch diejenigen, die ich kennen gelernt habe, sind zu einer zweiten Familie für mich geworden. Aber jetzt...

Jetzt sitze ich hier gefangen in meinem Zimmer, ohne irgendein Zeichen von ihnen. Ich fixiere das Funkgerät mit meinem Blick, in der Hoffnung irgendetwas würde passieren. Nichts. Langsam fallen mir die Augen zu und ich versinke im Land der Träume.

"Tihana?", höre ich in der Ferne. "Tihana!" Erschrocken wache ich auf und nehme sofort das Funkgerät in meine Hand.

"Ja, Emi?", sage ich hoffnungsvoll: "Was ist los?"

"Code Delta 5, Omega 9 und 7, Grebnief Sirk. Over." Ich kann mir gerade noch die Codes notieren, da bricht die Verbindung mit Naans Freundin – der Anführerin der Nichtstaatler – ab. Verdammt. Sofort schlage ich mein Notizbuch auf, in dem ich die wichtigsten Codes aufgeschrieben habe. Code Delta 5: Gefangennahme, keine Hinweise. Das bedeutet Naan und seine Freunde könnten noch leben, doch genauso gut könnten sie tot sein. Nein, das ist unmöglich. Ein Irrtum. Sie haben sich doch so gut vorbereitet! Leise beginne ich zu schluchzen. Der Gedanke, dass die Menschen, die mir am meisten bedeuten, tot sein könnten, zerreißt meine Seele. Unkontrolliert laufen die Tränen über meine Wangen. Aber dann denke ich an Naan. Was würde er tun? Er würde sicherlich nicht einfach so herumsitzen und weinen. Hastig wische ich mir die Tränen aus dem Gesicht und wende mich dem zweitem Code zu. Omega 9 und 7: Informant im Staat, nicht ganz vertrauenswürdig - unter Überwachung. Das sind spärliche Informationen, aber vielleicht kann mir dieser Informant weiterhelfen. Seine Name wäre dennoch hilfreich... Vermutlich ist er der Einzige der mir etwas über Naans Zustand sagen kann.

Es gibt nur einen Weg. Ich muss in den Staat reisen und diesen Informanten finden. Besser gesagt, ich muss irgendeinen Weg in den Staat hineinfinden, unentdeckt bleiben und alle Informationen über Naan besorgen. Ich sehe auf die Uhr. Es ist 4:32. In weniger als einer Stunde werden meine Eltern aufstehen. Das bedeutet ich habe nur sehr wenig Zeit, um mir einen Plan auszudenken und den letzen Code "Grebnief Sirk" zu entschlüsseln. Als erstes brauche ich eine Transportmöglichkeit in den Staat, am besten eine sehr unauffällige, da jeder Winkel der Straßen von und nach Wien überwacht wird. Als zweites muss ich das Sicherheitssystem knacken, beziehungsweise an den Wachleuten vorbeikommen, was sehr schwierig werden könnte. Und als drittes muss ich im Staat unerkannt bleiben. Seuftzend ziehe ich den Rucksack unter dem Bett hervor und fülle ihn mit Proviant, der Funkausrüstung, den paar Kopien von Plänen, welche er vom Staat angefertig hat, und einem Messer. Ich habe noch etwa vierzig Minuten. Bis dahin sollte ich mir einen Plan ausgedacht haben. Grüblend setze ich mich auf den Boden und gehe alle Möglichkeiten durch. Ich kann es unmöglich alleine in den Staat schaffen, ich brauche jemanden, der mir hilft. Aber wen? Der Funkkontakt zu Emi ist abgebrochen, Naan und seine Leute sind im Staat, zu anderen Freunden von Naan habe ich ohne ihn keinen Kontakt. Lange gehe ich alle verbleibenden Optionen und Wege durch, bis ich schließlich ansatzweise einen Plan habe. Er ist riskant, aber ein riskanter Plan ist immer noch besser als kein Plan.

Inzwischen ist alles vorbereitet, mir bleiben noch zehn Minuten bis meine Eltern aufstehen werden. Gelassen bereite ich wie jeden Tag das Frühstück vor. Nur, dass ich diesmal ein wenig von Vaters Abführmittel sowie einige Tropfen des Schlafmittels dazumische.

"Aufstehen! Frühstück ist fertig!", rufe ich.

Müde kommen sie in die Küche und essen alles auf, was ich zubereitet habe.

Ich wende mich schon zum Gehen, da meint meine Mutter zu meinem Vater: "Irgendwie ist mir schlecht. Ruf an, ich kann heute nicht zur Arbeit kommen."

"Ja, mir geht es auch nicht gut. Hoffentlich haben wir uns nichts eingefangen...", antwortet dieser und greift zum Telefon.

"Viel Spaß in der Schule", verabschiedet sich meine Mutter noch von mir.

"Gute Besserung", gebe ich zurück. Ich kann mir ein Lächeln nur schwer verkneifen. Langsam schleiche ich nun hinauf ins Schlafzimmer meiner Eltern. Aus dem Kleiderschrank hole ich vorsichtig die Arbeitskleidung meiner Mutter heraus und ziehe sie leise an. Es fühlt sich grässlich an, Kleidung des Staates, Kleidung für den Staat tragen zu müssen. Aber ich tue es für Naan. Und Naan ist es wert.

Ein letzter Blick in die Küche. Meine Eltern sitzen schlafend da, die Köpfe auf den Tisch gelegt.

 

Nachdem ich das Haus verlassen und alle Spuren verwischt habe, fühle ich mich stark. Doch dies ist erst der Anfang. Ich habe beschlossen mich auf keine Komplizen, sondern nur auf mich selbst zu verlassen. Mein Gesicht unter einer Fassade von Schminke und unter der Mantelkapuze versteckt, mache ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle. Um diese Uhrzeit stehen nur drei Männer und eine Frau da. Glücklicherweise scheinen sie alle zu müde für eine Unterhaltung zu sein. Alle vier sind sie Angestellte des Staates, monoton wünschen sie mir einen guten Morgen. Ich erwidere den Gruß, in der Hoffnung, dass meine Stimme wie die meiner Mutter klingt. Tatsächlich heben sie etwas misstrauisch die Braue, aber nachdem ich einen leichten Hustenreiz vortäusche, wenden sie sich wieder gelangweilt ab. Eine Minute später erreicht auch schon der halbleere Bus die Haltestelle und wir steigen ein. Meine Reise in den Staat beginnt. Werde ich es schaffen?

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Der Staat Kapitel 22

27. April 2062, 8:01, Wien

 

"Guten Morgen!", begrüßt uns unser Klassenvorstand mit ernster Miene: "Setzt euch."

Stumm tun wir, was er sagt. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm, irgendetwas ist anders, irgendetwas hat sich verändert. Und Veränderung ist etwas Schlechtes im Staat.

"Die Sache ist die", setzt er an: "Gestern Abend sind wir angegriffen worden. Der Staat ist angegriffen worden. Und wer sich mit einem von uns anlegt, bekommt uns alle zu spüren. Ihr seid die V-Klasse, ihr werdet für genau solche Fälle ausgebildet. Obwohl wir alles Mögliche getan haben, dies zu verhindern, ist es nun doch geschehen." Eine lange Pause entsteht. Tief atmet er durch.

"Euch wird es gefallen." Ihm wohl eher nicht… "Unser Budget ist mit der Anweisung, mehr Praxis zu lehren, erhöht worden. Es ist beschlossen worden, heute Spezialunterricht zu halten." Erstauntes Aufraunen geht durch die Klasse.

"Und nicht irgendein Spezialunterricht. Nein, heute werdet ihr zusammen mit Leuten des V-Kommandos durch die Stadt patrouillieren und sie während ihrer Arbeit begleiten."

So schnell kann sich Erstaunen in Freude wandeln.

"Also dann, alle mitkommen", kommandiert der Klassenvorstand.

In einer geordneten Zweierreihe führt er uns hinunter auf den Schulhof, wo wir auch schon erwartet werden.

Aufgestellt in zwei sauberen Linien, die halbe Breite des Schulgebäudes Nummer 37 entlang, ausgestattet mit Dingen, die ich noch nie zuvor gesehen habe, stehen sie da, die Männer und Frauen des V-Kommandos. Ihre Blicke gehen starr durch ihre Helmvisiere und uns hindurch in die blanke Betonmauer der Schule. Hinter ihnen parken diese massiven, schwarzen Autos mit großen, breiten Reifen. Jeweils drei V-Leute scheinen zu einem Fahrzeug zu gehören.

Carik, ebenfalls voll ausgerüstet, doch ohne Helm tritt vor: "Verehrte Schüler der V-Klassen! Aufgrund jüngster Ereignisse gibt es einige Veränderungen in eurem Stundenplan. Aber darüber sollten eure Lehrer euch bereits informiert haben. Wichtig ist, dass sich nun jeweils drei nebeneinanderstehende Schüler zum direkt vor ihnen parkenden Fahrzeug begeben. Alles Weitere erfahrt ihr vom jeweiligen Truppführer. Wir beginnen mit den ersten drei: Milet, Kris, Aran!"

Oha…

Aran und Milet…

Na das kann ja was werden. Ich kann Milet schon verstehen, Aran ist hochnäsig und überheblich, aber bedeutet das sofort, ihn hassen zu müssen?

Wie dem auch sei…

Mit Überraschung bemerke ich, Carik in den ersten Wagen, auf den ersten Beifahrersitz, in der ersten Reihe, steigen. Bedeutet das etwa, der Kommandant des V-Kommandos selbst ist unser Truppführer?

Gleich darauf nimmt eine Frau neben ihm Platz und ein Mann schwingt sich hinters Lenkrad.

Wir drei machen es uns auf der Rückbank gemütlich.

"Sitzt ihr bequem?", will der Fahrer freundlich doch absolut sachlich erfahren.

Drei Köpfe nicken.

"Dann bring uns zur Grenze", befiehlt Carik.

Schon setzen wir uns in Bewegung, direkt hinter uns folgen die restlichen Wagen.

An fast jeder Kreuzung biegen die jeweils letzten Fahrzeuge ab. Offensichtlich haben sie ein anderes Ziel. Wir können ja schließlich nicht alle im gleichen Gebiet üben.

Nach etwa zehn Minuten Fahrt sind wir am Ziel angekommen und haben auch keine anderen Autos mehr hinter uns.

Damit wären wir in der elften Ringstraße, schon recht nahe am Rand von Wien.

Der Kommandant des V-Kommandos beginnt zu erklären: "Unsere Heimat wird an der Außengrenze durch eine Reihe von durchdachten Sicherheitsanlagen geschützt. Um exakt zu sein, handelt es sich von außen nach innen zuerst um einen elektrisierten Maschendrahtzaun mit reichlich Stacheldraht, dahinter kommen ungefähr 20 Meter Freiraum. Hier wird jeder Zentimeter von Infrarot- und Erschütterungssensoren abgetastet. Videoüberwachung ist überall Standard. Nach diesem Freiraum kommt ein weiterer Stacheldrahtzaun, und zwei Meter hinter diesem befindet sich eine etwa fünf Meter hohe Betonmauer, auf der die Männer und Frauen des Militärs patrouillieren. Noch einmal etwas weiter hinten kommt anschließend eine Reihe von Wachtürmen, hier sind die Leute des V-Kommandos postiert. - Wie ihr seht, sollte es eigentlich unmöglich sein, einzudringen."

Sprachlos sitze ich da. Naan ist da durchgekommen. Mehrmals.

Okay…

"Jede Zufahrtstraße nach Wien wird zusätzlich durch regelmäßige Patrouillen sowie mehrere Grenzposten abgesichert. Niemand kommt unregistriert rein oder raus", fährt Carik fort: "Wir werden nun genau einen solchen Grenzübergang besichtigen."

Als wäre diese Ausführung perfekt geplant, biegen wir genau jetzt ab. Schlagartig enden die Häuser, weichen einer Grünfläche. Die Betonmauer mit den Soldaten kommt in Sicht. Links und rechts von uns kann ich in etwa zweihundert Meter Abständen zueinander die Wachtürme erkennen. Einzig bei dem Tor direkt vor uns erhebt sich je ein Turm zu beiden Seite der Straße.

Zwei bewaffnete Männer treten aus einem Wachhäuschen, halten unser Fahrzeug an. Der Reihe nach müssen wir aussteigen.

"Irisscan, Fingerabdrücke, bitte", fordert einer der beiden Wächter.

Trotz der Tatsache, dass wir uns in Begleitung der wohl vertrauenswürdigsten Person des Staates befinden, diese Kontrolle?

Das - nenne - ich - dann - mal - Sicherheit.

"Alle sauber", meint die zweite Wache nach einem Blick auf ihr Tablet, wo er unsere Gesichter mit den Fotos abgleicht. Unsere Identität wurde überprüft, wir sind sicher.

"Folgen Sie mir bitte", winkt uns der erste Wächter hinter sich her. Natürlich weiß er über den Spezialunterricht Bescheid.

Er führt uns in ein graues Gebäude, welches sich in den Schatten der Mauer duckt. Im seinem Inneren befindet sich eine Vielzahl von Computern und Monitoren, sowie vier ausgedruckte Zettel mit Fotos verschiedener Personen. In großen roten Buchstaben steht auf jedem dieser Blätter geschrieben: "Gesucht. Unbewaffneten Kontakt unter allen Umständen vermeiden."

Zwei Männer, eine Frau - sie kommt mir bekannt vor… - Emi, und…

Ein Mädchen. Rote lange Haare. Ein feines, blasses Gesicht mit nachdenklichen, aufgeweckten, abweisenden blauen Augen. Ihr Alter und Name stehen unter dem Foto: 16, Tihana.

Ungewöhnlicher Name. Hübsch. Sie ist ein Jahr jünger, als ich…

"Sind…sind das alles Feinde?", will ich wissen, deute auf die vier Fotos.

"Die schlimmsten, gefährlichsten und unberechenbarsten", nickt Carik, tritt näher an die Fahndungsplakate heran: "Dieses Mädchen hier zum Beispiel: Es hat seine Eltern betäubt, die Kleidung seiner Mutter gestohlen und ist gerade wer-weiß-wohin unterwegs. Die Familie lebt etwa drei Stunden mit dem Auto von hier entfernt."

Also wirklich weit weg…

Tihana. Irgendetwas liegt dort in ihren Augen verborgen. Nicht nur ihr Name sagt mir, dass sie etwas Besonderes ist.

Von der offen stehenden Tür her vernehme ich die Geräusche eines Busses. Er kommt von außerhalb.

 

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Der Staat Kapitel 23

27. April 2062, 8:29, Süd-Grenzübergang, Wien

Mit einem Wink sendet der Wachmann einen Kollegen hinaus, den Bus zu überprüfen, während er selbst sich hinter einen der Bildschirme klemmt.
Nach zwei Mausklicks und dem schleifenden Geräusch eines Druckers reicht der Wachmann Milet, Aran und mir je ein Stück Papier mit unserem Foto darauf.

"Besucherausweise, macht sie gut sichtbar an eurer Kleidung fest." Er erhebt sich, meint: "So, dann zeigen wir euch jetzt einmal, wie das hier bei uns so abläuft. Folgt mir bitte."
Er führt uns zurück hinaus ins Freie. Lautlos gleiten die einzelnen Tore vor uns auf, schließen sich direkt hinter uns wieder.
Der Bus hält vor dem ersten Maschendrahttor. In Reih und Glied steigen die Insassen aus, nehmen entlang des Busses Aufstellung, die Arme links und rechts am Körper, die vereinzelten Aktenkoffer direkt neben dem rechten Bein. Vier Soldaten unter der Führung eines V-Mannes machen sich nun, genauso wie bei uns vorhin, daran, die Fingerabdrücke und Iris zu kontrollieren.
Ruhig und gelassen lassen all die Arbeiter und Staatsangestellten das Prozedere, so wie vermutlich jeden Tag in der Früh, über sich ergehen.
So bewegungslos, starr geradeaus in die Ferne blickend, wie sie alle dastehen, fällt diese eine Frau umso mehr auf. Wenn sie sich auch nur ein wenig mehr nach vorne lehnt, als die gut fünfzig anderen, so fällt sie trotzdem aus dem Schema. So plötzlich, wie sie aus diesem Muster gebrochen ist, so schnell ist sie schon wieder drinnen. Es scheint, als wären diese Frau und ich die einzigen, die es bemerkt haben.
Von meinem Blickwinkel aus kann ich es nicht genau erkennen, aber es wirkt außerdem so, als wäre dieser Frau ihre Kleidung ein wenig zu groß, nur eine winzige Spur zwar, doch bemerkbar, wenn jemand darauf achten würde außer mir. Wir bewegen uns unter der Führung des Wachmannes immer weiter auf das erste Tor zu. Auch ihr Rucksack passt nicht wirklich zum Rest von ihr. Sicher, einen Rucksack tragen viele Menschen und selbst wenn es sich hier um einen durchaus eleganten, schwarzen handelt, so stimmt die Kombination mit der adretten Kleidung einfach nicht so ganz, erneut geht es gerade um diese eine Spur des Erkennens.
Die Kontrolle schreitet voran. Die Frau steht relativ weit hinten in der Reihe, scheint langsam nervös zu werden… Auch hier ist es nur, dass sie ihre Finger kurz anzieht, den Kopf für den Bruchteil einer Sekunde leicht zur Seite legt und einmal zu oft blinzelt.
Dafür erntet sie einen misstrauischen Seitenblick des V-Mannes. Jener schreitet bedächtig und bedeutungsvoll zu ihr hin. Unschuldig erwidert sie seinen bohrenden Blick, der mich sogar auf diese Distanz und nicht einmal Adressat seiend einschüchtert, mich meine Schultern anziehen lässt.
"Heinz!", ruft der V-Mann einen der Soldaten herbei, befiehlt bedrohlich leise, ja schon fast schadenfroh grinsend: "Kontrollieren, sofort."
"Jawohl", kommt es von Heinz zurück, der die Hacken zusammenschlägt, salutiert und seines Amtes waltet, dieser Frau den Scanner hinhält, sodass sie ihren Zeigefinger darauflegen kann. Abwesend, an irgendetwas anderes denkend, tut sie, was man von ihr verlangt. Keine halbe Sekunde nachdem ihre Fingerspitze die Glasoberfläche des Scanners berührt hat, beginnt ein Lämpchen wie wild rot zu blinken.
Erschrocken starrt der Soldat die Frau an.
Diese zuckt einfach nur lächelnd mit dem Kopf nach rechts, blinzelt.
Mit einem Schlag läuft die Welt scheinbar nur noch in Zeitlupe ab.
Sie packt Heinz an den Schultern, zieht ihr Knie hoch. Getroffen geht er vor ihr zu Boden. Dann greift sie hinunter nach ihrem Rucksack, bringt mit der anderen Hand ein Messer zum Vorschein, hechtet unter dem Griff des V-Mannes durch, setzt einen tiefen Schnitt gegen seine Kniekehle und sprintet los in Richtung Donau, welche dort irgendwo östlich in der Ferne fließt.
Das alles läuft ab, während ich es gerade einmal schaffe, von Carik in die Deckung einer kleinen Wachhütte gerissen zu werden.
Plötzlich ertönt ein ohrenbetäubender Knall. So laut, dass ich nichts Anderes tun kann, außer erschrocken zu Boden zu stürzen und mir die Hände auf die Ohren zu pressen.
Benommen bemerke ich gelbliche Lichtblitze von den Wachtürmen her. Laut knallend lösen sich die Schüsse.
Dann bedeckt eine sich rasch ausbreitende, dunkelgraue Rauchwolke den gesamten Bereich des Grenzüberganges.
Neben mir höre ich den Wachmann funken: "Eindringling am Südgrenzübergang. Brauchen sofort Verstärkung und medizinische Hilfe!"
"Noch so eine von dieser Sorte", knurrt Carik.
"Wie?", murmelt sein Sohn irritiert.
"Ich habe euch ja erzählt, wir wurden gestern Abend angegriffen. Da haben sie genau denselben Rauch verwendet, um abzuhauen und unterzutauchen. Wir können bei dieser Windstille mit mindestens zehn Minuten ohne Sicht auf irgendetwas rechnen. Nicht einmal Infrarotscanner kommen durch diesen Nebel", brummt er.
Interessanterweise kann ich noch immer normal atmen, wie keineswegs erwartet, muss ich nicht husten, auch kratztdieser Rauch nicht in Rachen oder Lunge. Man sieht einfach keine zehn Zentimeter weit.
Irgendwo in der Ferne ertönt die rasch näher kommende Sirene eines Krankenwagens.

"Bitte was?" Ungläubig starrt Carik den Soldaten Heinz an: "Das ist doch jetzt wohl nicht Ihr Ernst, hoffe ich?"
"Herr Kommandant, es ist, wie ich es sagte, diese Person war Tihana Weißmann", beteuert Heinz.
"Sie meinen dieX Tihana Weißmann, deren Eltern heute Morgen, nachdem sie nicht in der Schule aufgetaucht ist, betäubt in ihrer Wohnung aufgefunden worden sind?", wiederholt Carik die Aussage des Soldaten.
Dieser kann daraufhin nur nicken. Im Hintergrund beginnt soeben die geordnete Evakuierung der Zivilisten aus dem Bereich des Grenzüberganges.
"Wurde also unsere Sicherheit gerade von einem SECHZEHNJÄHRIGEN Mädchen durchbrochen?!", erzürnt der Kommandant des V-Kommandos.
Erneut folgt nur stummes Nicken, diesmal begleitet von einem gesenkten Blick seitens aller Umstehenden.
"Aber sie ist doch gar nicht hereingekommen?", wirft Aran ein.
So hastig wie sein Vater sich nach ihm umdreht, könnte man meinen, er wolle ihn…
Aran zuckt erschrocken zurück.
Ich habe noch nie einen Menschen mit einem Gesichtsausdruck, auch nur irgendwie dem jetzigen Cariks ähnlich, gesehen.
Zum Glück besinnt dieser sich schnell genug, lässt seine Wut nicht an uns Schülern aus.
"Das mag sein, Aran", kommentiert Carik gezwungen beherrscht: "Aber nun läuft eine unberechenbare Person in nächster Nähe zum Staat herum. Und es ist unsere Aufgabe, dass nichts und niemand auch nur die Möglichkeit bekommt, dem Staat zu schaden."
Carik dreht sich zurück zu seinen Männern, befiehlt verbittert: "Findet sie. Aber lebend. Wir müssen wissen, was sie vorhat."
Kollektiv wird salutiert. Genau in diesem Moment knattert irgendeine Flugmaschine über unsere Köpfe hinweg. Noch nie zuvor habe ich so etwas gesehen.
Alles, was dem V-Kommando Kommandanten dazu einfällt, ist ein überraschter, wenn nicht sogar erschrockener Blick.
"Wer von euch * hat diesen Helikopter bestellt?!!", fährt Carik die Umstehenden an.
Niemand antwortet. Es erscheint tatsächlich so, als wäre es niemand der Anwesenden gewesen.
Auf einmal vernehme ich einen Funkspruch über meinen Ohrstöpsel: "An alle Personen am Grenzübergang Süd: Bleiben Sie auf Position und warten Sie auf weitere Anweisungen. Ab nun ist dies Sache der Regierung. Weitere Truppen des V-Kommandos sind unterwegs. Ende."
Resigniert schnaubt Carik auf, dann blitzt etwas in seinen blaugrauen Augen. Er funkt zurück: "Erbitte Erlaubnis, bei der Suche behilflich sein zu dürfen." Seiner Haltung nach zu urteilen, hat die Regierung nichts dagegen.
Dann setzt er sich in Bewegung, stürmt im Eilschritt auf sein Fahrzeug zu: "Müller und Hunibald, einsteigen, wir fahren!"
Sofort rühren sich der Mann und die Frau vom V-Kommando, welche mit uns hergefahren sind.
Carik öffnet gerade die Tür, steigt hinauf auf den Fahrersitz, meint über die Schulter gefühlslos auffordernd: "Was ist los? Milet, Kris, Aran? - Kommt ihr, oder nicht?"

 

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Der Staat Kapitel 24

27. April 2062, 8:43, Graslandschaft südlich von Wien

Die Motoren brummen los. Vier Wagen des V-Kommandos rollen durch das Maschendrahttor hinaus aus dem Staat, über das Grasland hin in Richtung Donau.

Sie kann noch nicht weit sein. Ein Problem sehe ich nur auf uns zukommen: Keine zweihundert Meter von der Grenze entfernt beginnt ein Wald, in den man gerade so die ersten zehn bis zwanzig Schritte weit hineinsehen kann. Dahinter wird er zu dicht und damit zu schattig.
Tihanas Spuren im hohen Gras führen genau darauf zu.
Cariks Gesichtsausdruck versteinert, als er sich gezwungen fühlt, den Wagen am Waldrand zu parken. Für einige Momente sitzt er nur stumm da, starrt geradeaus, direkt in das Dickicht hinein.
"Los, raus. Schnappt euch die Infrarot-Scanner. Wir suchen sie zu Fuß", befiehlt Carik uns, sowie gleichzeitig den anderen V-Leuten in den Fahrzeugen hinter uns: "Zwei von euch bleiben hier und bewachen die Fahrzeuge, der Rest von euch teilt sich in Dreiergruppen auf und beginnt die Suche. - Wir folgen ihren Spuren und durchforsten auch die komplette Umgebung", brummig fügt er verbittert hinzu: "Wer weiß, wohin die unterwegs ist."
So steigen wir also aus. Man drückt uns ein kleines Gerät in die Hand, auf dem Display werden die Menschen in der Umgebung als kleine blaue Punkte aus der Vogelperspektive dargestellt.
Carik winkt einen umstehenden V-Mann und mich zu sich und verkündet für alle hörbar: "Wir bilden die erste Gruppe. Teilt euch auf!"
Wie befohlen wird gehandelt, die Leute des V-Kommandos, Milet, Aran und ich machen uns auf den Weg hinein in den Wald.
Keine Zwei Schritt weit auf dem weichen Boden gegangen, zieht der V-Mann vor mir ein langes, großes Messer aus seinem Rucksack und beginnt, uns den Weg frei zu hacken. Etwas weiter nach links und rechts von mir, geschieht dasselbe.
In mehr oder weniger Gleichschritt dringen wir ein in den Wald, arbeiten uns weiter voran, immer der Spur von umgeknickten Ästen und Fußabdrücken im Erdboden folgend.
"Hm, wie erwartet, sie bewegt sich nach Osten", murmelt Carik nach einem Blick auf das Display seines Scanners.
"Ich weiß, dass dort die Donau liegt, aber wieso kann sie genau dorthin wollen?", wundere ich mich.
"Keine Ahnung, vielleicht denkt sie, über den Fluss käme sich leichter in den Staat", überlegt er laut: "Oder aber sie war nur ein Späher und kehrt zurück zu ihren Kameraden. Eventuell wird sie mit einem Boot abgeholt…"
"Möglich ist alles", kommentiert der V-Mann vor uns mit zusammengebissenen Zähnen, dessen Stimme man entnehmen kann, eine solche Art von Tätigkeit nicht gewohnt zu sein. Nichtsdestotrotz kommen wir relativ zügig voran, bislang jedoch ohne irgendein vernünftiges Ergebnis, abgesehen von Tihanas Spuren - so heißt sie, wenn ich mich recht erinnere.
"Wie kann es sein", drückt Carik genervt einen widerspenstigen Ast aus dem Weg: "dass dieses Mädchen sich hier so schnell bewegen kann?"
Darauf kann ich nur mit den Schultern zucken.
Von etwas weiter links hinter einer Wand aus Gestrüpp kommt von einer Frau des V-Kommados zurück: "Vielleicht ist sie es gewohnt?", fügt bei Gelegenheit hinzu: "Wissen wir überhaupt, wo sie herkommt?"
"Aus dem kleinen Vorort, drei Stunden südlich von hier. Dort wo die Staatsangestellten wohnen, die für unsere Nahrungsversorgung zuständig sind. Ihr Vater ist Verwalter des Vorortes, ihre Mutter koordiniert die Logistik", erwidert Carik zwischen zwei schweren Schritten, beides Mal zerbersten mit einem scharfen Knacken einige dünne Äste.
"Bei diesem Tempo holen wir sie nie ein", fasst der V-Mann vor mir ernüchtert die Situation zusammen, schlägt mutig zwischen zwei Hieben vor: "Der Helikopter hat doch viel bessere Chancen, sie zu finden."
"Nein! Wir - werden - sie - finden!", bestimmt Carik urplötzlich aufbrausend mit einer Entschlossen- und Bestimmtheit, die vermuten lassen könnte, dass sein Leben davon abhängt.
Wir treten hinaus aus dem Dickicht, stehen von einem Moment auf den anderen auf einer kleinen Lichtung. Hier dringen endlich wieder etwas mehr als nur eine Handvoll Sonnenstrahlen durch die Blätterdecke.
"Seht!", macht Milet uns aufmerksam, läuft in die Mitte der Freifläche, deutet auf den Boden im Schatten eines großen Laubbaumes.
"Hier ist sie ausgerutscht und mitten in den Matsch gefallen", steuert ein V-Mann desinteressiert bei.
"Also ich glaube eher, dass sie es absichtlich getan hat", wiederspreche ich bei näherer Betrachtung der schlammigen Stelle: "Immerhin, wenn man die Breite der Spur bedenkt, hat sie sich vermutlich darin sogar herumgewälzt."
"Tarnung. - Die erste Wahl in der Defensive", murmelt der V-Mann aus meiner Gruppe missmutig.
"Weiter!", treibt Carik uns voran: "Wir müssen sie finden!"
Zurück ins Halbdunkel des Waldes, zurück zu mühselig langsamem Vorankommen, zurück in diese nun noch größere Anspannung. Wüsste ich nicht, dass der Wind durch die Blätter fährt, ich würde ihr Rascheln für das Knistern ebenjener Spannung in der Luft halten.
Irgendwo in der Ferne hören wir den Helikopter kreisen, über Funk geben sie durch: "Wir haben hier einige Wärmesignaturen. Sie zerteilen sich in alle Himmelsrichtungen. Überprüft das mal."
Wiederwillig gibt Carik das Kommando, das Tempo zu erhöhen. Trotz allem dürfen wir Tihanas Spur nicht aus den Augen verlieren.
Die Wegfreiräumer werden durch ihre Hintermännern beziehungsweise -frauen ausgetauscht, frisch macht man sich ans Werk. Laut krachen die Messer in die Zweige, birst Holz, tut sich der Weg vor uns Stück für Stück weiter auf.
Erneut meldet sich die Besatzung des Helikopters: "Wir müssen kurz auftanken. Ein neuer Heli kommt in einer halben Minute an."
"Bestätige. Over", antwortet Carik.
Schweigen legt sich über die Truppe, melodisch gleichmäßig, als scheinbar einziges Geräusch in diesem Wald, schwingen die Zuvordersten ihre langen schweren Messer. Mittlerweile meine ich fast, schon mehrere Tage hier zwischen all den Bäumen zu sein, ein Blick auf meine Uhr verrät mir, es waren nur etwas mehr als zwanzig Minuten.
Schon knattert der neue Helikopter an, beginnt über dem Wald zu kreisen, zu suchen.
"So langsam kommen wir der Sache näher", murmelt Carik nach weiteren fünf Minuten Stille nachdenklich, greift sich einen abgerissenen Stofffetzten von einem umgeknickten Ast.
"Meinst du, das gehört ihr?", will ich bestätigt haben.
Er nickt nur stumm.
"Aber wir fallen zurück, wenn ich das sagen darf", ergänzt der V-Mann während er den fraglichen Ast genauer unter die Lupe nimmt: "Er ist schon relativX trocken."
"Wo kann sie bloß hinwollen?...", murmelt Carik in Gedanken versunken.
"Wenn sie in Richtung der Donau unterwegs ist, wieso lauern wir ihr nicht irgendwo am Ufer, flussaufwärts, auf?", beschwert Aran sich durch das Gestrüpp hindurch.
Viel gibt es von Seite seines Vater nicht zu sagen, außer: "Weil wir eben nur vermuten können, wo sie genau hinwill. Fest steht aber, dass wir sie gefangen nehmen müssen. Eine solche Gefahr darf nicht frei umherlaufen. Punkt. - Außerdem, wird der Fluss ohnehin schon schwer bewacht."
Genau in diesem Moment ertönt es über unsere Ohrstöpsel: "Helikopter an Bodentrupp. Wir haben hier eine Spur. Direkt unter uns befindet sich eine Wärmequelle und soweit es unsere Kamera durch die Blätter erkennen kann, handelt es sich um einen Blazer. Die Position ist auf euren Scannern vermerkt."
"Hey", stößt Aran hervor: "Das ist doch keine hundert Meter nördlich von uns!"
Alle Augen ruhen auf Carik.
"Wir teilen uns auf, eine Gruppe nämlich ihr da ganz rechts, verfolgt die Spur weiter, während der Rest sich Richtung Norden aufmacht."
Erneut hoch motiviert schlagen wir uns voran. Keine zwei Minuten später finden wir, was wir gesucht haben: Tihanas Blazer liegt dort zwischen den Wurzeln eines großen Baumes, schlammverschmiert und zerrissen.
"Komisch", fällt Carik auf: "Die Spur kommt von Südosten - sie muss also irgendwo umgedreht haben - führt aber von hier nirgendwohin…"
"Was, wenn das gar nicht ihrer ist?", schlägt einer der V-Männer schwarzseherisch vor.
"Wer außer ihr sollte denn bitte in diesem Wald mit eine Blazer der Staatsangestellten herumlaufen?", halte ich sachlich dagegen.
"Ja. Aber wo ist sie?", wiederholt Aran die Frage mit Nachdruck, die uns alle schon seit wir diesen Wald betreten haben, in den Köpfen pocht.
Irgendwo hinter über mir knackt etwas. Ganz leise nur, es ist mehr das Gefühl, dass es ein Geräusch von dort gibt, als der Schall selbst, das mich aufmerksam macht.

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Der Staat Kapitel 25

Damit setzt sich Tihanas Geschichte, geschrieben von Christina Mair, fort.


27. April 2062, 8:36, Graslandschaft südlich von Wien

Das Gebrüll wird langsam leiser und auch der Rauch brennt nicht mehr so sehr in meinen Augen, je näher ich dem Wald komme. Meine Lungen verkrampfen und ich fühle ein Stechen in meinen Rippen, doch ich laufe weiter.

Etwas Anderes kommt nicht in Frage. Der Staat ist besser informiert, als ich dachte. Jetzt als "Gesuchte" wird es noch schwerer werden, Naan zu retten. Obwohl ich bereits von den Bäumen verschluckt werde, laufe ich weiter. Ich weiß nicht, ob ich mir die Schritte hinter mir nur einbilde, aber um ganz sicherzugehen bleibe ich nicht stehen. Nachdem ich im Wald komplett die Orientierung verloren habe, gönne ich mir eine Pause. Ich atme tief ein und aus. Langsam beginnt mein Herz wieder normal zu schlagen und meine Gedanken ordnen sich.


Ich bin bis vor die Grenze des Staates gekommen. Verdammt, ich wäre sogar rein gekommen, wäre die Nachricht von dem Vergiften meiner Eltern nicht so schnell an den Staat gelangt. Verzweifelt balle ich meine Fäuste. Was soll ich tun? Ich könnte versuchen, über das Kanalisationsnetzwerk in den Staat zu gelangen, allerdings ist dies wahrscheinlich auch strengstens überwacht. Zurück nach Hause zu gehen, ist ebenfalls keine Option, man wird mich sofort dem Staat ausliefern. Es gibt keinen Ort, wo ich hinkann. Ich habe keinen Plan, weiß nicht, wo sich Emi gerade aufhält, ob Naan und seine Freunde überhaupt noch am Leben sind. Schlimmer kann es kaum noch kommen. Doch etwas macht mich misstrauisch. Dieser Junge, der beobachtet hat, wie ich nervös während der Kontrolle dastand, trotzdem nichts getan hat. Wer ist er? Er wirkt nicht wirklich wie ein "Staatler", sondern anders. Grebnief Sirk, der letzte Code, könnte er etwas mit diesem Jungen zu tun haben? Erschöpft ziehe ich meinen Blazer aus. Am Boden suche ich einen Stock, beginne nachdenklich, den Code in die Erde zu ritzen. Plötzlich höre ich ein Knacksen. Ich umklammere den Stock als meine einzige Waffe. Keuchend sehe ich mich um. Niemand zu sehen, aber zu hören. Eine große Gruppe. Sie kommen näher.

Ohne noch lange zu überlegen klettere ich auf den nächsten Baum. Mein Blazer rutscht mir aus der Hand. Es ist zu spät, ihn zurückzuholen. Sie betreten die Lichtung. Natürlich wundern sie sich über den Blazer. Wo ich bin, fragen sie sich. Verkrampft harre ich aus. Nur die Hand will ich ausstrecken. Knack. Oh, verdammte *. Das war's. Dieser Junge von vorhin bemerkt es als einziger. Verwundert blickt er sich um. Habe ich noch einmal Glück im Unglück gehabt? "Was ist los Kris?", will der Anführer der Gruppe wissen. Kris…Sirk…Kris. Könnte es sein? Er schüttelt nur den Kopf: "Dachte, ich hätte etwas gehört." Der Anführer wirft einen Blick auf ein Gerät in seinen Händen. Dann flüstert er einem der anderen etwas zu. "Wir suchen weiter", verkündet der Anführer. Erleichterung durchströmt mich.

Wie aus dem Nichts trifft mich etwas Hartes auf den Hinterkopf. Sofort breche ich zusammen, falle vom Baum. Jemand nimmt meine Arme, zieht mich hoch und hält mich fest. Klack. Handfesseln werden mir angelegt. All mein Winden und Treten scheint zwecklos. Ein Mann tritt vor zieht meinen Kopf an meinen Haaren hoch, während mich ein anderer immer noch festhält. "Ja sie ist es", sagt der kleine Mann vor mir, "ganz sicher." Es reicht mir. Ich sammle all meine Kräfte. Mit einem kräftigen Rücktritt zwischen die Beine des Mannes hinter mir, reiße ich mich los. Die Hände immer noch zusammengebunden laufe ich los. Das einzige was ich jetzt tun kann. Der Überraschungseffekt lässt mir einige wertvolle Sekunden Vorsprung. Ich drehe mich nicht um, ich schaue nicht links nicht rechts, nicht nach vorne nur auf den Waldboden. Die Äste, die mir ins Gesicht peitschen, sind nichts gegen das Adrenalin, das durch meinen Körper strömt. Fast wie beflügelt laufe ich immer weiter. "Au", fluche ich. Anscheinend muss ich gegen etwas gestoßen sein. Benommen falle ich hin. Hinter mir höre ich schnelle Schritte.

"Sehr schön", sagt der Anführer der Gruppe, beugt sich über mich und lächelt. Erschrocken versuche ich, rückwärts wegzukriechen. Neben ihm stehen zwei Jungen und dahinter noch einige Männer. Der eine Junge, dem Aussehen zu urteilen, ist sein Sohn. Ein hämisches Grinsen verzieht sein Gesicht zu einer bösartigen Fratze, die mich abschätzend mustert. Der andere, Kris, hingegen beobachtet alles schweigend. Er mustert mich auch, jedoch mehr interessiert. Die beiden Soldaten, die mich vorhin festgehalten haben, kommen keuchend an. "Sie", sagt der eine, während er tief Luft holt, "sollte...Hochsicherheitsgefängnis ...Bedrohung... für...alle." "Vielen Dank meine Herren", sagt der Anführer, "aber dies ist nun Angelegenheit des V-Kommandos und der Regierung. Aran, Kris, würdet ihr sie bitte abführen." Der Sohn des Offiziers greift sofort nach meinen Armen, während der Andere kurz überlegt. Dann ziehen sie mich hoch. Sie bringen mich zu ihren Fahrzeugen.

Über das Funkgerät gibt der Anführer meine Festnahme bekannt. Ich schweige die komplette Fahrt über und schenke ihnen nur abwertende Blicke. Dennoch versuche ich herauszufinden, wer dieser Junge ist und warum er sich so seltsam verhält. Es scheint eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis wir endlich ankommen. Ich vermute, dass ich jetzt in ein Gefängnis komme, meinetwegen werde ich für Naan und unseren Traum auch sterben. Ich werde schweigen und mein Schicksal annehmen, wenn es so kommt, das schwöre ich mir selbst.

 

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Der Staat Kapitel 26

27. April 2062, 10:13, Wien, V-Kommandohauptquartier

"Öffnet das Tor. Tihana Sansamann wird zur Befragung überführt", gibt der Beifahrer über Funk durch.
Das Mädchen zwischen Carik und mir starrt stumm geradeaus durch die Windschutzscheibe auf das mächtige Stahltor, welches sich soeben geräuschlos zur Seite schiebt. Leicht wippt eine Strähne ihrer Haare, als wir erneut anfahren und auf den Platz rollen, reflektiert rötlich glänzend das Sonnenlicht.

Unverzüglich steht ein ganzer Trupp V-Kommadomitglieder bereit, sie in Empfang zu nehmen. Harsch packt sie je ein Mann am linken und rechten Arm, eine Frau überprüft die Handschellen. Dann zerrt man sie davon, schleifen die Beine der sich wehrende Tihana über den harten Betonboden. Erbarmungslos wird sie zu einem zweistöckigen Gebäude rechts des Tores gebracht. Grauer Sichtbeton und dicke Stahlgitter vor den mehrfach sicherheitsverglasten Fenstern sind sein einziger Schmuck, so man es so nennen darf...
"Was...", murmle ich verängstigt, öffne wie in Trance die Tür, steige wackelig aus. Sie ist doch nur ein Mädchen... Ich...
Etwas glitzert in meinen Augen, meine Sicht verschwimmt, als wäre ich unter Wasser. Was ist das?
Entgeistert starren mich die Umstehenden an. Entsetzen zieht tiefe Furchen zwischen ihre Augen. Im letzten Moment nimmt Carik mich beiseite, schiebt mich sanft, doch bestimmt zurück zum Wagen.
"Wir fahren", bestimmt er kühl mit einem unbestimmten Blick gen Himmel. Wer hätte gedacht, dass eine simple Unterrichtsexkursion so dermaßen schieflaufen kann?
"Aber...", wiederspreche ich schwach.
"Ich sagte - wir fahren", wiederholt er sich selbst, diesmal mit genug Nachdruck, eine ganze Häuserfront zu verrücken.
Gegen den Drang zu gehorchen ankämpfend, bleibe ich plötzlich wie angewurzelt stehen.
"Kris?", beginnt Cariks Stimme unbewusst zu drohen, knurrt: "Wärst du jetzt bitte so gut, einzusteigen?"
"Ich...", beginne ich, etwas Feuchtes tropft von meiner Nasenspitze auf den Boden vor mir, hinterlässt einen dunklen Fleck: "Ich...", setze ich erneut an, verstumme wieder, schlucke schwer. Dann drücke ich meinen Rücken durch, ziehe die Schultern nach hinten, richte den Kopf auf, blicke Carik uneingeschüchtert direkt in die kalten, befehlenden Augen, lasse meinem Mund gesteuert von meinen Gefühlen freien Lauf: "Ich werde nicht zulassen, dass ihr irgendetwas geschieht. Verhört sie, sperrt sie ein, tut, was ihr wollt. Nur - tut - ihr - nicht - WEH!", brülle ich. Der gesamte Platz verharrt mitten in der Bewegung. Irritiert im ersten Moment, dann mit einer Miene, der nicht einmal ein Meisel etwas anhaben könnte, macht Carik einen einzelnen Schritt auf mich zu. Schon ist da nichts anderes mehr, als Dunkelheit. Ich fühle gerade noch, dass mein Kopf auf dem kalten Beton aufschlägt.

"Wir haben ein Problem", stellt Junos fest, wendet sich seinem Gegenüber, das im Schatten auf einem breiten Bürosessel thront, wieder zu, fährt fort, während sich sein Ausdruck von sachlich zu angsterfüllt wandelt: "Wir müssen ihn loswerden. Noch einmal darf so etwas nicht geschehen!"
Kühl lehnt sich der Mann nach vorne, monoton kommt es aus seinem Mund unterhalb der Sonnenbrillen hervor: "AGENT Junos, Sie haben in dieser Sache genauso wenig zu sagen wie ich selbst. Doch der Staat braucht diesen Jungen genauso, wie Sie ihn brauchen. Wenn wir ihn loswerden, finden sie schlimmstenfalls einen neuen. Und was tun wir dann?"
Resigniert sich sträubend, den Kopf abwendend gibt Junos klein bei.

"Bitte, geben sie mir eine Chance", fleht, nicht unterwürfig, Carik einen untersetzten Mann an.
"Sind Sie sich überhaupt bewusst, worum was Sie mich da gerade ersuchen?", versichert der Große Boss sich, seine Hände von seinem staatlichen Bauch nehmend, sich vorlehnend.
"Absolut. Wäre es diesen Versuch nicht wert?", fasst der V-Kommando Kommandant Hoffnung.
"Sie sagen es. Einen Versuch wäre es sicher wert." Ein Lächeln schleicht sich auf Cariks Gesicht. "Aber bedenken Sie, was könnte geschehen, wenn Sie und ihr Team scheitern sollten?" Mit diesen Worten verlässt der Große Boss das Zimmer.
Wortlos bleibt Carik alleine zurück im Raum.
Über die Schulter dringen die letzten leisen Worte des dicklichen Mannes an seine Ohren: "Sie sind der Kommandant des V-Kommandos. Teilen Sie sich Ihre Resourcen ein, wie Sie wollen. Aber vergessen darüber nicht Ihre tatsächliche Aufgabe."
Cariks Gesichtsausdruck zufolge wird er diesen einen Satz nie mehr vergessen."

"Was!?", fahre ich hoch, richte mich kerzengerade im Bett auf. Das ist nicht mein Zimmer! Ich bin nicht in meinem Bett in Junos' Wohnung!
Wo bin ich also? - Naja, ich kann von Glück reden, nicht mehr bei Junos zu sein. Zumindest, wenn ich einem 'Traum' glauben schenken kann...
Ich habe wohl irgendjemanden mit meinem Rufen aufgeweckt. Schritte aus dem Nebenzimmer poltern auf den Gang. Meine Tür wir aufgerissen. Das Licht geht an.
Das Gesicht einer Frau erscheint im Türrahmen. Freundlich, nett, offen. Etwa dreißig. Glänzend schwarze Haare. Hinter ihr taucht noch jemand auf. Carik. Beide im Nachthemd.
"Was ist los?", versucht mich die Frau zu beruhigen: "Es gibt nichts, wovor du dich fürchten musst."
"Das ist es nicht", bringe ich verwirrt heraus. Bin ich bei Carik zu Hause?
"Wieso bin ich hier? Was ist geschehen?"
Sanft setzt sie sich auf meine Bettkante, erklärt: "Gestern", sie wirft einen Blick auf die Uhr: "ja - gestern habt ihr doch dieses Mädchen gefangen genommen. Nachdem du dich geweigert hast, mitzukommen, musste mein Mann zu härteren Mitteln greifen. Keine Sorge, es ist dir nichts geschehen. Du musst bitte verstehen, dass dein Verhalten nicht nur dich sondern auch das Mädchen und meinen Mann in große Gefahr gebracht hat und es viel schlimmer hätte kommen können."
"Wo ist sie?", stehe ich bestimmt auf, will an Carik vorbei hinaus aus dem Zimmer. Er wird mich aufhalten, mich erneut betäuben, mich hier festhalten bis in alle Ewigkeiten.
Den Blick gesenkt, den Arm zur gegenüberliegenden Tür deutend, macht er einen Schritt zur Seite.
Vollkommen aus der Rolle gefallen drücke ich leise - ich will nicht noch jemanden wecken - die Klinke hinunter.
Ein Lichtkegel arbeitet sich, je weiter ich die Tür aufdrücke, vom Schreibtisch über den Boden hinüber zum Bett, fällt weich auf einen Kopf. Weiß schimmernd sticht der Verband zwischen den roten Haaren hervor.
Gleichzeitig will ich hin zu ihr, überprüfen, ob sie wohlauf ist, sowohl wie sie nicht stören, ihre Schönheit bewundern, solange sie schläft, ruhig, behütet und scheinbar schuldlos so daliegt. Jede einzelne ihrer roten Haarsträhnen, jeden einzelnen ihrer zarten Finger, jeder Teil von ihr strahlt etwas aus, von dem ich nicht sagen kann, ob es gut oder schlecht ist. Nur eines weiß ich, etwas in mir will nicht mehr von ihrer Seite weichen.
"Kirs?", flüstert Carik hinter mir, legt mir schon fast väterlich eine warme, kräftige Hand auf die Schulter: "Du solltest sie schlafen lassen."
Ich habe keine Ahnung, an wie vielen Mädchen ich bereits in meinem Leben vorbeigelaufen bin. Tihana jedoch scheint anders zu sein, etwas Besonderes, etwas Neues.
Und ich will wissen, was dieses Etwas wirklich ist.
Behutsam schließe ich die Tür, tapse zurück in mein eigenes Zimmer.
Im Kampf mit mir selbst falle ich zurück in die Kissen. Was ist das da in mir? Ich kenne es nicht. Mir ist kein Ausdruck dafür bekannt.

Geschirr klappert. Ansonsten liegt bedrückende Stille über der Wohnung.
Müde, noch mit halb geschlossenen Augen wandle ich in die Küche, nehme am reichlich gedeckten Tisch Platz.
Dann greife ich mir eine Scheibe Brot, beginne, Butter darauf zu streichen, dann die Marmelade.
"Guten Morgen", kommt es erst von Cariks Frau, dann von ihm selbst.
"Morgen", murmle ich unverständlich.
"Lisa, könntest du mir bitte mal den Kaffee reichen?", bittet Carik. Damit weiß ich nun zumindest den Namen seiner Frau.
"Ähem", räuspert sich in diesem Moment schräg hinter mir jemand. Erschrocken zucke ich zusammen.
"Tihana", bringe ich überrascht hervor. Sie muss sich quasi angeschlichen haben. Gelassen zieht sie den Stuhl links neben mir zurück, setzt sich.
"Was ist denn los?", erkundigt sich Lisa besorgt. Tihanas Gesichtsausdruck verdeutlicht ihre Stimmung nur allzu gut…
Alles, was zurückkommt, ist das Knirschen von Toastbrot zwischen ihren Zähnen und ein abgewendeter, gesenkter, verbitterter Blick in Richtung des Mülleimers in der Ecke des Raumes.
Carik ergreift das Wort: "Kris, das kommt für dich jetzt vielleicht etwas plötzlich, aber um es offiziell zu machen: Tihana wird dich von nun an in die Schule begleiten. Außerdem dürft ihr zwei euch ab jetzt als Teil der Familie Flammenwolf bezeichnen!"
Wie aufs Stichwort betritt in diesem Moment Aran die Küche.

 

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Der Staat Kapitel 27

28. April 2062, 7:22, Wien, Wohnsitz der Flammenwolfs

 

"Morgen", grüßt Aran, nimmt links von Tihana Platz.

Man kann ihr Unwohlsein in der Luft spüren. Sie zieht die Schultern hoch, senkt den Kopf leicht ab. Unwillkürlich versuche ich ihr irgendwie Nähe zu signalisieren, realisiere, dass das auf Stühlen recht schwer geht, ohne selbige zu verrücken, und verfalle in einen ähnlichen Zustand des Unbehagens.

Aran hebt die Augenbrauen in meine Richtung, ich erwidere den Gruß. Er weiß also bereits Bescheid, was Tihana und mich betrifft.

"In einer halben Stunde müsst ihr los. Tihana, wenn du das Bad benutzen möchtest, es ist gleich den Gang hinunter, beschriftet", weist Lisa sie hin. Stumm nickend erhebt sich die Angesprochene, macht sich auf den Weg.

 

"So, viel Spaß!", wünscht Lisa, während wir drei uns unter strengster Beobachtung durch zwei Soldaten zur Bushaltestelle begeben.

Tihanas Laune verbleibt auf dem Allzeit-Tief. Meine mit ihr.

Aran scheint es prächtig zu gehen.

"Na, wer hätte sich das gedacht", beginnt er fröhlich: "Gestern war ich noch ein Einzelkind und heute Morgen habe ich eine Rebellin und den besten V-Schüler Wiens an meiner Seite. - Was sagt man dazu?"

"Eine imposante Entwicklung", kommentiere ich neutral.

Von Tihana kommt nur ein abfälliges Schnauben nach dem Motto: Als ob.

Aran und ich steigen in den Bus, während Tihana von den Soldaten bestimmt, nicht grob, zurückgehalten wird. Man verfrachtet sie in einen dieser Militärwagen.

So wird sie zur Schule gebracht. Immer in meinem Blickfeld hinter dem Bus, doch nie in Reichweite.

Auf dem Schulhof angekommen drehen sich nicht ein paar, nicht viele, nicht die meisten, sondern alle Köpfe in Tihanas Richtung, als sie von den Soldaten einfach so abgesetzt wird. An ihrem Handgelenk bemerke ich das Armband der V-Schüler, kurz kratzt sie sich am Ohr und ich meine im Kontrast zu ihren blauen Augen eine Linse aufschimmern zu sehen.

"Sie ist ab jetzt ein Teil von uns", raunt Aran mir zu. Er hat eine Haltung zu diesem Thema, das kann ich aus seiner Stimme schließen, aber welche genau kann ich nicht sagen, dafür war diese Aussage zu neutral gehalten.

Ich für meinen Teil frage mich nur, worauf das hinauslaufen soll. Irgendetwas muss der Staat damit doch bezwecken wollen. Doch was? So sehr ich meinen 'Träumen' keinen Glauben schenken will, muss ich trotzdem immer wieder an diese eine Szene denken, in der Carik und der Große Boss irgendetwas bezüglich eines 'Versuches' besprechen.

Tihanas Aufnahme in die V-Klasse: ein Versuch - wofür?

Sie steht nur da, steigt von einem Fuß auf den anderen, weiß nicht, was sie tun soll, schaut zu Boden, spannt sich an. Könnte man Ablehnung und Angst sehen, sie würden sie wie ein Schild umgeben.

Nach anfänglicher Verwunderung über dieses Mädchen, das ebenso anders ist wie wir alle, und einer Erklärung durch einige Lehrer, gehen die Schüler wieder ihrer Wege.

Sie bleibt alleine dort zurück. Genau auf dem Fleck, an dem sie ausgestiegen ist. Macht keinen Schritt vor und keinen zurück. Langsam bewege ich mich in ihre Richtung. Aran macht sich davon.

"Tihana?", frage ich vorsichtig auf dem letzten Meter, werde von den weiterhin ankommenden Bussen und Schülern übertönt.

"Tihana?", berühre ich ihre Hand. Sie zuckt zurück.

Wie hätte ich es auch anders erwarten können?

Ihr Blick springt umher, es scheint alles viel zu viel für sie zu sein.

"Kann ich dir irgendwie helfen?", biete ich zurückhaltend an, lasse meine Hände diesmal bei mir. Wir müssen in die Schule!

"Sag mir, dass das hier nur ein Alptraum ist", flüstert sie. Aber nicht so, wie man jemandem beispielsweise etwas sagt, wenn neben einem jemand schläft.

Nein, dieses Flüstern hat etwas Kraftvolles, Kämpferisches in sich. Sie hat Angst, macht jedoch keinen Rückzieher, sondern will in die Offensive gehen, weiß, sie kann - darf - nicht.

Keine Ahnung, warum sie überhaupt in den Staat wollte, keine Ahnung, was sie überhaupt will. Eines vermag ich mit Sicherheit zu sagen, sie hasst die komplette Situation - ohne Ausnahmen. Und sie wird bei der ersten sich bietenden Gelegenheit versuchen, etwas zu unternehmen. Sei es nun zu fliehen oder Unruhe zu stiften, was auch immer.

Sie wird sich nicht kampflos ergeben.

"Nein", muss ich sie wahrheitsgemäß enttäuschen.

Ihr Blick hebt sich, ihre Augen starren in die Tiefe meiner. Instinktiv ziehe ich die Schultern hoch.

"Aber es ist einer", kommt es wie in Zeitlupe über ihre Lippen.

Kaum hat sie diese Worte ausgesprochen, ertönt über meine Ohrstöpsel Junos Stimme: "Kris, sorg dafür, dass sie endlich in den Unterricht kommt. Und mach ihr klar, dass sie von nun an ein Teil des Staates ist", mit doppeltem Nachdruck hängt er an: "Das ist ein Befehl."

"Ah, Tihana", beginne ich: "Wir sollten langsam in die Klasse. Außerdem solltest du dich schleunigst dran gewöhnen, wie er hier zugeht", führe ich Junos Anweisung durch.

Entgeistert mustert Tihana mich. Das war's dann wohl zwischen ihr und mir…

Wenn ich nur irgendwie verhindern könnte, dass Junos mich über die Ohrstöpsel hört - dort sitzt ja das Mikrofon soweit ich mitbekommen habe.

Verwirrt, hilflos, nach etwas suchend, das ich machen kann, setzte ich mich in Bewegung. Trotzig, vorsichtig, ständig in Abwehrhaltung verbleibend folgt Tihana mir.

Durch die Gänge voller Menschen, die breiten Treppen hinauf und hinein in das Klassenzimmer.

Auch hier wenden sich alle Tihana zu, mustern sie kurz. Da sich die Meisten wenige Augenblicke später wieder abwenden, schätze ich, sie haben Infos über ihre Linsen bekommen.

Milet geht auf Tihana und mich zu, streckt ihr einladend die Hand hin, lächelt sie an: "Freut mich, dich in unserer Klasse willkommen heißen zu dürfen."

Kühl wahrt sie die Etikette, würdigt ihn aber keines weiteren Blickes.

Man hat die Tische ein wenig umgestellt, Tihanas Platz scheint nun direkt neben meinem zu sein. Schön, auf der einen Seite mein Freund, auf der anderen Seite das Mädchen, für das ich keine passenden Adjektive habe - ich bin zufrieden. Und so setze ich mich auch hin, deute auf den Stuhl neben mir: "Tihana, setzt dich. Die Stunde beginnt gleich."

"Aha", gibt sie kalt, desinteressiert und irgendwie abwesend zurück, tut wie geheißen.

Der Lehrer betritt die Klasse und kommt sofort zum Punkt: "Guten Morgen. Wie ihr alle mitbekommen habt, haben wir von nun an ein weiteres neues Mitglied in unserer Klasse. Wenn sie auch eigentlich ein Jahr zu jung dafür sein mag, man setzt große Hoffnungen in sie, wie in jeden von euch."

Verhalten in Krisensituationen, erkennen von Gefahren, wie man sie vermeidet und die Deeskalation, sind unsere Themen heute.

Es bleibt dabei, dass Tihana definitiv keine Intention hat, hierzubleiben, was ich verstehe und auch wieder nicht. Ist es nicht interessant? - Andererseits natürlich ist der 'Nicht-Staat' vermutlich interessanter…

"Feinberg?", nimmt der Lehrer mich an die Reihe: "Welche äußeren Merkmale sind es, mit deren Hilfe man die Haltung eines Menschen zu einem selbst ganz grob abschätzen kann?"

"Blick, Haltung, Körperspannung, Hände, Gangart, Stimmlage", antworte ich.

"Stimmt genau. Merkt euch immer…", fährt der Lehrer fort.

Neben mir beginnt Tihana irgendetwas zu murmeln, nein, nicht einmal das, man hört es fast nicht, scheinbar bewegen sich nur ihre Lippen.

"Feinberg Kris. Grebnief Sirk. Natürlich. Feinberg Kris…" Mit einem Mal fixieren mich ihre Augen, so als wäre ich ein Diamant, von dem sie jede einzelne Facette, jede noch so dezente Lichtreflexion in jeder nur erdenklichen Farbnuance erkennen will.

Natürlich fällt dem Lehrer diese Unachtsamkeit von ihrer Seite sofort auf. Ruhig spricht er sie monoton an: "Tihana? Ich weiß, ihr seid in der Pubertät und keine Ahnung was sonst alles, aber so etwas hat bis nach der Schule Zeit. Du bist neu hier, deshalb übersehe ich das jetzt. Aber nicht noch einmal, verstanden?"

Sie nickt nur.

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Der Staat Kapitel 28

28. April 2062, 13:26, Wien, Schulzentrum

 

Man merkt, wie sich in ihr alle Gefühle anstauen. Am liebsten würde sie vermutlich losbrüllen, sich all den angesammelten Frust aus dem Kopf schreien. Aber sie kann nicht. Sie ist ein Leben im 'Nicht-Staat' gewohnt. Frei, ohne Zwang und große Regeln - zumindest laut Naan. Jetzt ist sie hier, wird in unser System von Abläufen gepresst.

Als wir zu Hause ankommen, kann sie nicht mehr ruhig stehen. Was Lisa auch bemerkt, als sie uns dreien die Tür öffnet. Besorgt bietet sie Hilfe an: "Möchtest du reden?"

Für einen Moment überlegt Tihana, will schon fast nicken, entscheidet sich jedoch dann um, schlüpft an Lisa vorbei in ihr Zimmer. Keine zwei Augenblicke später hört man das Geräusch eines Laufbandes auf sehr, sehr hoher Stufe.

Carik ist noch nicht zu Hause.

Auf ein Mittagessen habe ich keinen Appetit, ich ziehe mich wie Tihana zurück in mein Zimmer.

Jetzt, da ich ungestört mit ihr sprechen könnte, funkt mir der Gedanke an Ohrstöpsel, Linse und Armband wieder in den Kopf. Sie bekommen mit, wenn ich mit jemandem über etwas spreche, das tabu ist. Was aber, wenn ich 'schlafe'. Ich könnte die Linse abdunkeln, den Ohrstöpsel irgendwo in mein Zimmer legen, die Tür desselbigen schließen und das Armband, mit dem sie mich orten können, lege ich einfach irgendwohin. Ich darf nur nicht vergessen, dass ein 'Mittagsschlaf' nicht mehr als eine Stunde dauert.

Nun wäre nur noch wichtig, dass Tihana dasselbe tut, ohne, dass ich ihr es lang und breit erklären muss, das würden die 'Überwacher' nämlich mitbekommen... Lisa ist zum Glück nicht unter 'Beobachtung'.

Ich lege also mein Zeug noch nicht ab, sondern gehe hinüber zu Tihanas Zimmertür, klopfe an: "Darf ich?"

Ein bejahendes Murren gewährt mir Einlass.

Sie läuft wie vermutet auf dem Band, würdigt mich keines Blickes.

"Tihana, ich wollte nur mal nach dir sehen, du hast so müde gewirkt, irgendwie. Ich weiß nicht, ob du dich nicht besser einmal hinlegen solltest. Gestern und heute dürften recht anstrengend für dich gewesen sein?"

Verwirrt über meinen Vorschlag dreht sie sich um.

"Was?, steigt sie vom Laufband runter, blickt mich gefühlslos an: "Du sorgst dich etwa um mich?"

"Ahm…", gut, so kann man es auch ausdrücken: "Aaaaaaaaaaaah… - ja."

"Oh", macht sie nur. Sie sieht in meinen Augen - hoffentlich nur sie - dass ich irgendetwas plane, lenkt ein: "Stimmt, da hast du eigentlich Recht. Ein wenig Schlaf kann nicht schaden."

"Sehr gut", drücke ich sie sanft aufs Bett, streife ihr außerhalb meines und ihres Blickfeldes das Armband von der Hand, lasse es unter ihrer Decke verschwinden. Kurz blitzt Erkenntnis in ihren Augen, die sie sofort darauf schließt.

Gespielt kräftig gähne ich: "Ich werde mich dann wohl auch mal hinlegen für ein Stündchen oder so…"

Geschafft! Ich drücke meine Zimmertür hinter mir zu. Jetzt Licht ausschalten, Schlafgewand anziehen, hinlegen, einmal mit der Hand über die Augen fahren, Augen schließen, dabei die Linse herauswischen und in der geschlossenen Hand sofort unter dem Kopfkissen deponieren, jetzt Armband abstreifen und Ohrstöpsel herausnehmen, ebenfalls unter das Kissen. Aufstehen. Fertig.

Ein befreiendes Gefühl. Wieso bin ich da nicht schon früher draufgekommen?

Okay, so weit so gut. Nun zu Tihana. Hoffentlich hat sie es ähnlich gemacht, wie ich… Ansonsten kommen die 'Überwacher' drauf.

Apropos…Aran könnte jetzt zu einem Problem werden, schließlich hat er noch all diese Technik an sich. Heißt, ihn vermeiden, wenn ich hinüberhusche zu Tihana, was bedeutet, ich muss mich versichern, dass er nicht blöderweise genau in diesem Moment in meine Richtung schaut.

Vorsichtig lausche ich an meiner geschlossenen Zimmertür. Lisa und Aran sind noch in der Küche, es klingt, als würden sie gerade den Tisch abräumen.

"Hey, wo sind eigentlich Kris und Tihana hin?", wundert sich mein neuer 'Bruder'.

Lisas Reaktion hört sich an wie ein Schulterzucken, schlägt dann vor: "Sie haben beide relativ ausgelaugt gewirkt beim Essen. Vielleicht wollen sie gerade einfach ihre Ruhe haben…"

"Hm", kommentiert Aran: "Stimmt, könnte sein…"

Lisa lächelt: "Ich bin mir sicher, ihr drei werdet noch genügend Zeit haben, die ihr miteinander verbringen könnt. Aber lass deine neuen Geschwister sich erstmal ausruhen."

"Okaaay…", murmelt Aran, schlurft den Flur entlang. Ich höre seine Zimmertür zuschlagen. Gut, damit hätte sich schon einmal das Problem erledigt. Bleibt noch Lisa. Selbst wenn sie nicht überwacht wird, könnte es trotzdem fatal enden, wenn sie mich in ein Gespräch verwickeln sollte, welches anschließend Aran aufscheuchen würde…

Also weiterhin äußerste Vorsicht walten lassen.

Geräusche dringen keine mehr an meine Ohren - wo ist Lisa? Halt. Schritte, sie kommen den Flur herunter. Lisa kommt in meine Richtung, keine Ahnung, was sie vorhat.

Reflexartig mache ich zwei kurze Sprünge zurück zu meinem Bett, decke mich so gut wie möglich zu.

* Lisa stoppt direkt vor meiner Zimmertür. Gerade im letzten Moment noch schließe ich die Augen, drehe mich von der Tür weg, erstarre in Schlafpose.

Sie drückt die Klinke hinunter, setzt einen Fuß in den Raum.

"Kris…?", beginnt sie, bemerkt mich im Bett liegen, verstummt mütterlich. Ich könnte schwören, ein Lächeln zuckt genau jetzt über ihre Lippen.

Erst als das Schloss wieder einschnappt wage ich es, erneut zu atmen.

Das - war - knapp.

So, langsam durchatmen, beruhigen. Herzschlag für einen Moment zur Ruhe kommen lassen.

Lisa kontrolliert soeben Tihana, mit demselben Ergebnis wie bei mir. Ein leises, gemurmeltes: "Gute Nacht", dringt an meine Ohren, dann geht Lisa zurück in die Küche.

Geschirr klappert, Stühle werden verrückt. Stille legt sich über das Haus.

Wo ist sie?

"…kommen wir zu der Ankündigung des neuen Sicherheitspaketes. Ich übergebe das Wort an den Sprecher der staatlichen Sicherheitsabteilung. Barid, was können Sie uns über den derzeitigen Stand der Dinge erzählen?"

Der Fernseher.

"Nun, wir leben in der sichersten Zeit seit Gründung des Staates und um diesen Zustand beibehalten zu können, berät die Regierung auf Anweisung des Flammenwolfs hin, über diese neuen Sicherheitsmaßnahmen. Sicher sagen kann ich nur, dass unsere Grenzkontrollen effizienter und sowohl das V-Kommando als auch das Militär mehr Geldmittel bekommen werden. Außerdem…"

Das ist die Stimme. Seine Stimme. Diese kalte, gefühlslose, präzise Stimme. Die Stimme von Barid, dem Sonnenbrillenmann.

Ein Schauer läuft über meinen Rücken, direkt gefolgt von noch zwei. Alleine schon der Tonfall der Worte schüchtert mich ein. Und es wird mit jedem Treffen mit ihm schlimmer…

Wenn das, was er da gerade erzählt hat, der Wahrheit entspricht - was ich nicht anzweifle - ist dies jetzt womöglich eine der letzten Chancen, mit Tihana ungestört zu sprechen.

Also los Kris! Was liege ich hier noch länger herum?

Lisa sitzt vor dem Fernseher, Aran ist in seinem Zimmer.

Langsam drücke ich die Klinke hinunter, drücke die Tür langsam auf, vergewissere mich mit einem Blick nach links und rechts, das 'Bruder' und 'Mutter' noch immer dort sind, wo sie vor drei Sekunden waren.

Dann, die Tür hinter mir zu, drei schnelle, lautlose Schritte und die Tür vor mir auf.

Unterdrückt aufatmend lehne mich an die Wand neben Tihanas Bett.

Schläfriges Murren dringt unter ihrer Bettdecke hervor. Sie denkt wohl, ich wäre Aran oder Lisa.

"Hey, aufwachen du Schlafmütze", flüstere ich.

"Kris? Das bist du, nicht wahr?", kommt es sofort, hundertprozentig sicher zurück.

"Jep. Erraten."

Eine raschelnde Bettdecke, zwei nackte Füße auf dem Boden, eine auffordernde Handbewegung von ihr, später sitzen wir uns im Schneidersitz gegenüber auf dem Teppich.

"Du wolltest reden?", vermutet Tihana richtig, nimmt mir meinen Einleitungssatz weg.

"Stimmt."

 

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Der Staat Kapitel 29

Mit diesem Kapitel begrüßen wir nun unseren zweiten Co-Autoren von "Der Staat". Sein Name ist David Leitner und er übernimmt die Figur des Naan.

 

28. April 2062, 13:33, Wien, Hochsicherheitsgefängnis

 

"Ruhig…", beschwöre ich mich selbst. Ich liege in einer Einzelzelle auf dem Boden und denke nach. Nein. Das geht jetzt nicht. Mein Kopf schmerzt höllisch vom K. O. - Schlag dieses V-Mannes. Ich habe schon seit meiner Kindheit vor ihnen Angst.

Mit ihren Linsen und Hörgeräten sehen sie aus wie Roboter. Anders verhalten sie sich auch nicht.

Vor 21 Jahren hat einer von ihnen meine Mutter Carina erschossen, als wir durch das Tor der Außenmauer gelaufen sind. Ich habe sie rufen hören, ich solle mich nicht umdrehen und weiterlaufen. Der Trupp ist mir nach und sie haben mich niedergeschlagen.

Töten. Eine Abscheulichkeit. Nur die Bösen machen das.

Das trifft auf den Staat eigentlich ganz gut zu.

 

"Hallo Nummer 286. Ein Wachmann wird nun Ihre Zelle betreten. Sie werden verlegt werden. Bitte wehren Sie sich nicht, um alles leichter zu machen. Danke!", vermeldet die ruhige Computerstimme in meiner Zelle monoton. Natürlich werde ich mir in aller Ruhe die Hände fesseln lassen, es ist ja nicht so, als ob ich gerade gegen meinen Erzfeind kämpfe.

Witzig, denke ich. Ein Staatler würde sich in dieser Zelle wahrscheinlich höchstens Gedanken darüber machen, nicht zur Arbeit kommen zu können. Sie reagieren auf alles, was mit dem Staat zu tun hat, oder direkte Anweisungen sind, komplett hirnlos. Sie kennen die Unsicherheit gar nicht. Wie Kinder.

Eine Erinnerung aus meiner Kindheit macht sich in meinem Kopf breit. Emi spaziert mit mir gerade über den Hof und zeigt mir den Kuhstall. Sie hat mir irgendetwas erklärt. Mich hat die verschlossene Tür im hinteren Bereich leider etwas mehr interessiert, und so habe ich Emi keine Aufmerksamkeit geschenkt, sondern bin direkt auf die Tür zugelaufen. Mit einem Stoß dagegen, hat sich der Durchgang geöffnet, und ich bin hindurchspaziert. Doch bin ich aus Versehen über eine Heugabel gestolpert. Es wurde dunkel. Die Tür fiel zu, Emi war weg. Diese Gefühle, die ich damals empfunden habe, sie waren wie Schmerz, nur nicht so greifbar. Diese Gefühle, die mir Jahre später als 'Unsicherheit' und 'Angst' erklärt worden sind, kennt hier niemand. Diese Gefühle machen sich gerade jetzt in mir breit..

Ein Geräusch reißt mich aus meinen Gedanken. Mein Instinkt übernimmt und die Welt verschwimmt für einen Moment. Reflexartig schlage ich dem hereinkommenden Wachmann die Waffe aus der Hand und strecke ihn nieder.

Als ich wieder klar sehe, realisierte ich, was ich gerade getan habe. Das Alarmlicht erscheint und ich fühle plötzlich einen harten Schlag auf dem Hinterkopf. Mir wird schwarz vor Augen.

 

In meinem Kopf fühlt sich alles wirr an. Es fällt mir schwer, klar zu denken. Ich bin nicht mehr in meiner Zelle. Ich bin auf einem Stuhl in einem reinweißen Raum. Ein Staatsangestellter kommt auf mich zu. Normalerweise würde ich Mitleid mit ihm haben. Er ist nichts weiter, als eine Marionette. Mit einem Mal fühle ich mich überlegen. Ein Bruchstück meines Gewissens will dagegen ankämpfen, doch ich lächele. Abwertende Ausdrücke kommen mir in den Sinn.

"Sehr geehrter Herr Naan Flammenwolf", er betont meinen Nachnamen so abfällig: "Ich will mich ihnen vorstellen. Mein Name ist Erwin Steiner. Der Staat hat vor, endgültig mit den Pannoniern - also Ihnen und Ihresgleichen - ins Reine zu kommen, und da kommen Sie wie gerufen", spricht die leere Stimme des Staatsangestellten. Bei dem Versuch zu sprechen, vibriert meine Kehle. Elende *. Ich vermute, die haben mir irgendwie die Stimmbänder betäubt.

Der Angestellte des Staates redet viel zu lange über irgendwelches politisches Zeugs. Ich weiß zwar, wessen Vorschläge mir da gezeigt werden. Sachlich betrachtet sind einige davon vielleicht sogar ganz gut. Wie zum Beispiel die Einführung der Schulpflicht in Pannonien., und Tablets, um Papier zu sparen. Einzig: die Bauernhöfe dem Staat zu übergeben… Naja, wieso eigentlich nicht…

HALT! Ich bemerke meine Gedankengänge und verfluche mich, auch nur einen Moment an die Kapitulation zu denken. Was auch immer gerade in mir vorgegangen ist, es darf nie wieder passieren!

"Schlucken Sie!", befiehlt der Beamte. Er hält mir eine weiße Tablette hin. Ich will nicht wissen, wozu die gut ist. Aber habe ich eine Wahl? Mit geschlossenen Augen schlucke ich.

"Sie können jetzt wieder sprechen. Antworten Sie mir ehrlich, um Komplikationen zu verhindern!", spricht er. Plötzlich spüre ich, wie sich meine Stimmbänder wieder rühren und ein einzelner Ton entkommt meinem Mund. So als würde meine Stimme 'Hallo' sagen.

Aber was soll ich sagen?

Ob ich ihnen helfen werde, will er wissen.

Was soll ich nun tatsächlich sagen…

 

Vor allem für Neulinge ist Feedback sehr wichtig.

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Der Staat Kapitel 30

28. April 2062, 14:19, Wien, Wohnsitz der Flammenwolfs

 

"Und, was willst du hören?", möchte sie erfahren. Ist es eine Spur Begeisterung gemischt mit einer Portion Vorsicht und etwas Neugierde oder doch einfach nur Langeweile? Gut, das liegt recht weit auseinander, aber wenn jemand so leise spricht wie wir gerade und es noch dazu dunkel ist, wird die Sache schon schwieriger…

"Naan hat mir vom Leben außerhalb des Staates erzählt. Ich möchte zuerst eine Bestätigung von dir, dass er die Wahrheit gesagt hat. Ist es wahr, dass…"

Freundlich unterbricht sie mich sanft: "Naan würde nicht bei so etwas lügen. Egal, was er dir berichtet hat, es stimmt. Ausnahmslos." War das gerade ein Lächeln, das da in ihrer angenehmen, warmen Stimme mitgeschwungen ist?

Einmal ziehe ich tief die neutrale Zimmerluft ein. Na dann hätte ich das geklärt. Ich spüre ihren Blick auf mir, selbst wenn ich es nicht sehen kann, sie zeigt Interesse. Für was, weiß ich nicht. Für meine Fragen, oder für mich? - Lassen wir das.

"Zweite Frage", fahre ich leise fort: "Wer bist du und wieso bist du hier? - Ich kenne nur deinen Namen."

So langsam haben sich meine Augen der Dunkelheit angepasst.

Tihana setzt an: "Dann fange ich am besten ganz von vorne an. Meine Eltern haben einst im Staat gelebt. Einige Jahre vor meiner Geburt sind sie dann eingeteilt worden, die Überbringung der Ernte aus dem 'Nicht-Staat'-Bereich nach Wien zu überwachen und kontrollieren. Aus der anfänglichen Operationsbasis ist eine Art Vorort entstanden und Wien hat begonnen, seine Fühler immer weiter nach dem 'Nicht-Staat' auszustrecken. Die Menschen dort draußen leben glücklich und frei, sie wollen nichts mit dem hier zu tun haben." Sie muss abbrechen, eine einzelne Träne kullert über ihre Wange, glänzt im Licht, das durch den Türspalt hereinfällt. Schwer schluckt sie einmal, zweimal, muss für einen Moment die Augen zusammenpressen.

"Alles okay?" - Nein natürlich nicht, ich *! Wieso würde sie wohl sonst weinen.

"Kann ich dir helfen?", biete ich selbst hilflos an.

Hauchdünn, zart wie Reispapier brechen ihre Worte durch die Dunkelheit zwischen uns, treffen mich gleichermaßen, wie sich mich behutsam umschlingen: "Ja, kannst du. - Naan braucht unsere Hilfe."

Stumm sitze ich da, versuche die Sache zu verarbeiten, doch lange bevor es mir gelingt, beendet sie ihre Ausführungen: "Alles ist schön und gut gewesen, dort, wo ich gelebt habe. Naan ist wie ein zweiter Vater für mich geworden, ich habe seine Freunde kennengelernt. Emi, die 'Anführerin' des 'Nicht-Staates', Katsu, Emis Sohn, Narco und Mathan, die zwei unzertrennlichen Brüder ohne Blutsverwandschaft, Nachfahren von zwei der Großen Acht und Randa, das Mädchen mit dem Lächeln aus Stahl, die jedes Herz einschmelzen kann, wenn sie möchte. Dann ist die Nachricht von Naan gekommen, der Staat habe alte Technologien von vor 2015 in Betrieb genommen und sei dabei, diese nachzubauen und zu verbessern. Um auf Nummer sicher zu gehen, hat Katsu die Sache selbst überprüfen wollen." Eine Träne nach der anderen fließt, tropft hinab auf den Boden, verschwindet genauso, wie meine Möglichkeiten, sie zu unterstützen.

"Naan, Narco, Mathan und ein weiterer haben ihn begleitet." Jetzt bricht sie erneut vollkommen ab. Unterdrückte Schluchzer, feuchtes Schniefen, gesenkte, wässrige Blicke.

Ein Hilfeschrei so laut, er könnte Häuser erschüttern lassen, so unhörbar, wie das Fallen einer Feder auf dem Schulhof, so kraftvoll, wie zehn Soldaten, so verletzlich, wie die Fingerspitze eines kleinen Kindes, so mächtig, wie die Ratschläge einer Mutter, so schwach, wie ein einzelner Tropfen Wasser im Krater eines Vulkans.

Ich möchte ihr beistehen, ihren Arm auf meine Schulter legen, sie auf ihrem Weg stützen.

Und alles, wozu ich im Stande bin ist: "…"

Naan, Katsu, Narco, Mathan…

Ein leiser Schniefer: "Sie sind gefangen genommen worden. - Deshalb bin ich hier. - Ich werde sie sicher nach Hause bringen."

"Ich werde dir helfen."

Ihre Reaktion vermag ich nicht in Worte zu fassen, so sehr ich es auch versuche, diesen Ausdruck irgendwie einzuordnen, es gelingt mir nicht. Keine Kategorie ist groß genug dafür. Sie ist alles in einem, scheint so simpel zu sein - Ein einfaches Lächeln nur, glänzende, mich fixierende Augen, ein gestreckter Rücken - ist aber komplizierter als…keine Ahnung, ich habe keinen Vergleich, der auch nur in irgendeiner Weise daran herankommt.

Sie öffnet den Mund, sagt ein einzelnes Wort. Leise, schüchtern, dankbar - wieso gibt es keine Worte für das? Nein, es braucht eine ganz neue Sprache, nur um ausdrücken zu könne, was sich hier abspielt.

"Danke", verarbeitet mein Gehirn ihre Antwort.

Ein Lächeln von ihr, ein Lächeln von mir, ein undefinierbarer Blick in meine Augen, ein Schließen meiner Augenlieder. Ein Moment der Ruhe nur.

Es ist wahr, Naan hat mich nicht belogen.

Er ist gefangen genommen worden, wir werden ihn befreien. Nicht er ist es, der etwas Unrechtes getan hat. Nein, nicht er, nicht Tihana, nicht ich.

Aber…wer dann?

'Der Staat'?

Aber das schließt uns alle ein…

Immerhin ist es ja so, dass wir alle zusammenarbeiten im Staat, gemeinsam etwas zu erreichen.

Doch was eigentlich? - Was ist unser Ziel? Wozu sind wir, was wir sind?

 

Geschirr klappert, stumm sitzt Familie Flammenwolf am Tisch, löffelt ihre Suppe. Dampfend stehen die Kochtöpfe mit den Nudeln und der Soße am Herd, nur darauf wartend, gegessen zu werden.

Das Gespräch mit Tihana lässt mich noch immer nicht los. Wir wollen jemanden retten, von dem wir nicht wissen, wo er ist, beziehungsweise wie wir dort hineinkommen, wo er ist - und hinterher wieder hinaus…

Zum gefühlt dreiundsechzigsten Mal setzte ich nun schon zu dieser Frage an - einfach nicht nachdenken, Kris, tu es einfach!

"Carik, was ist es denn, das uns so sehr bedroht? Im Fernseher da…" Sein Gesichtsausdruck lässt mich schlagartig verstummen. Es ist nicht Ablehnung oder Entnervtheit, sondern viel mehr eine Last auf seinen Schultern, durch meine Neugier weiter verstärkt.

Seine Frau fasst sich ein Herz, erklärt:

"Böse Menschen. Sie leben weit weg. Und…"

Auch sie schließt den Mund, als Carik seinen Blick auf sie legt. Dieser schluckt hinunter, wischt sie langsam mit einer Serviette ab.

"Was willst du hören?", möchte er ruhig und sachlich erfahren.

"Ähm…", mache ich in die Defensive geschlagen.

"Noch mal: Was willst du hören?", wiederholt er besonnen, mit einem Unterton, der andeutet, dass ich nicht hören will, was es zu sagen gäbe.

Jetzt oder nie.

"Was ist dort draußen? Wer ist dort draußen? Warum geschieht, was geschieht?"

Cariks Gesichtsausdruck verändert sich kein bisschen, bleibt starr, kühl, abschätzend.

"Na gut…", murmelt er, richtet sich in seinem Sessel auf: "Früher oder später erfahrt ihr es sowieso… - Der Staat ist nur ein kleiner Teil der Erde. Sehr weit entfernt liegen noch unzählige ähnliche 'Staaten', dazwischen immer wieder einige Splittergruppen, die zu keinem der 'Staaten' gehören. Südlich von Wien, etwa drei Stunden Busfahrt entfernt, liegt das Gebiet der 'Pannonier', wie wir sie nennen - prinzipiell eine Gruppe von Farmern. Es hat seit Beginn des Bestehens des Staates eine stabile Kooperation mit ihnen gegeben. Technische Unterstützung von uns mit Lebensmitteln von ihnen. - Jedoch, vor einigen Monaten sind sie plötzlich misstrauisch geworden, weil wir an einer neuen Technologie forschen. Sie meinen, wir wollen sie bedrohen. Das hat sie nun gegen uns aufgebracht - trotz unzähliger Angebote unsererseits zur gemeinsamen Nutzung der neuen Technologie…", er endet mit den Worten: "Tihana wird jedes einzelne Wort so bestätigen können."

Sie blickt nur stumm in die tiefen Abgründe ihres Suppentellers.

 

Kommentare und Anregungen in der Kommentarsektion sind immer gerne gesehen!

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Der Staat Kapitel 31

28. April 2062, 18:47, Wien, Wohnsitz der Flammenwolfs

 

Plötzlich, ungefähr so überraschend, wie Naan damals direkt vor mir abgebremst hat, verkrampfen sich Tihanas Handmuskeln um den Griff des Löffels, ihr Blick versteinert zu einer ausdruckslosen, kalten Maske der Gefühlslosigkeit.

Dann fällt der Metallstiel aus ihren Fingern. Laut klirrend scheppert er auf den Tellerrand. Ein, zwei Tropfen Suppe spritzen hoch. Irgendwie spüre ich Wut in ihrem Auftreten, gleichzeitig aber auch Hilfslosigkeit und Ungläubigkeit.

Sie stürmt davon. Ich höre eine Tür zuschlagen.

Verdattert sitzen die drei ursprünglichen Mitglieder der Familie Flammenwolf am Tisch, schauen sich verwundert an, Lisas Blick hängt sich an der Spitze des Löffels fest. Tihana habe ich mein Versprechen gegeben, ihr zu helfen: Unverzüglich erhebe ich mich, eile ihr hinterher, lasse Carik, Lisa und Aran noch perplexer als ohnehin schon zurück.

Zwei Momente warte ich noch auf dem Gang vor Tihanas Zimmertür. Wie soll ich nur anfangen? Oder… Nein, das ist doch vollkommener Blödsinn. Ich meine, wieso sollte es bloß Situationen geben, die nicht für Worte geschaffen sind? Also, das ist doch…

Sie braucht Unterstützung, soweit bin ich mir im Klaren. Durch die Tür höre ich sie auf das Bett fallen. Was war das gerade für ein Laut? Es klang, als versuchte sie auszuatmen, hat dann aber mit einem Schlag abgestoppt. Da, noch einmal. Hä?

Zaghaft klopfe ich zweimal an, drücke dann langsam die Klinke hinunter.

Sie hat die Jalousien heruntergezogen und das Licht ausgeschalten.

Ein Geräusch, mir unbekannt, entweicht ihr. Es ist leise und genau deshalb spricht es etwas ganz Bestimmtes in mir an. Die Szene, wie sich Mutter und Vater jeden Abend und Morgen umarmen, schießt mir ins Bewusstsein.

Ich kann doch nicht… Sie ist immerhin… Nein, ist sie eigentlich nicht. Schon, aber… Das zu tun, wie würde sie wohl reagieren?

Sie schenkt mir keinerlei Beachtung, nur kurz linst sie in meine Richtung, zumindest kommt es mir so vor. Dann ist da schon wieder dieser Laut. Jedes Mal spannt sich ihr gesamter Körper an, nur um hinterher erneut vollkommen zu erschlaffen.

Mir ist bewusst, dass sie sich im Moment sehr schlecht fühlt, weshalb, ist und bleibt mir ein Rätsel… Auch kenne ich kein Wort, um dieses Gefühl zu benennen, welches allmählich auf mich überzuschwappen scheint.

Meine Lippen trennen sich, meine Zunge hebt sich, meine Lunge füllt sich. Doch mein Unterbewusstsein lässt keinen Laut heraus. Alles, was ich tue, ist wieder auszuatmen.

Jetzt endlich bemerke ich, dass ich ihm offenen Türrahmen stehe, mache einen Schritt nach vorne, drücke das einfallende Licht mit der Tür zurück. Alles, was bleibt, ist ein schmaler Streif Licht, durch einen Schlitz in der Jalousie.

Instinktiv, irgendwie getrieben von diesem einen Laut, den Tihana immer und immer wieder von sich gibt, bewege ich mich, je einen Schritt bedächtig vor den anderen setzend, auf sie zu.

Meine Hand streckt sich aus, meine Knie knicken ein. Ich lasse mich neben dem Kopfende ihres Bettes nieder. Vorsichtig, wie in Zeitlupe legen sich meine Finger in ihre langen weichen, roten, vollen Haare.

Sie erstarrt.

Ich ziehe meine Hand zurück.

Sie hebt den Kopf.

 

Energisch redet Junos am Telefon auf jemanden ein: "Sie sehen doch gerade dasselbe wie ich, oder nicht? - Ja, da haben Sie es. Die ganze Zeit über habe ich nichts anderes getan, als Sie vor diesem Jungen zu warnen. Sie haben gesehen, wohin uns das gebracht hat! - Nein, ich werde mich nicht beruhigen. - Es ist mir egal, was passieren hätte können. Es hat nicht funktioniert. Und wir müssen… - Wie bitte? Sie gewähren lassen? Sind sie vollkommen von Sinn…", er wird unterbrochen, plötzlich ändert sich sein Tonfall. Einsichtig, doch verdammt skeptisch schließt er: "Nein, das ist… - Okay, Sie sind der Boss." Junos legt auf, murmelt zweiflerisch in sich hinein: "Ich weiß ja nicht so genau, ob das hinhauen wird…"

 

Unsere Blicke treffen sich.

Erschrockene, glitzernde, blaue, weit aufgerissene, unverständige - wunderschöne - Augen starren mich an.

Jetzt kommt ein Laut über meine Zunge: "Hab…i…" Ihr Ausdruck lässt mich verstummen, im Guten. Sie wirkt wie eine Vase aus dem hauchdünnsten Glas, das ich je gesehen habe, filigran gearbeitet, äußerst zerbrechlich, doch so…

Ich wage nicht, auch nur einen Muskel zu rühren, so sehr habe ich Angst, sie anzustoßen und womöglich für immer zu zerstören.

"Kris?", schnieft sie. - Hat sie Schnupfen?!

Ihre Stimme zittert wie die Saite einer Geige, jeden Moment bereit, zu reißen und diese unbeschreibliche Musik abrupt enden zu lassen:

"Kris…ich - wollte nicht…", bricht gleich der gesamte Klangkörper der Geige auseinander.

Nein! Es ist doch nur…keine Ahnung.

Ihre Augen weichen nicht von mir, versuchen mir etwas klar zu machen, aber ich vermag es einfach nicht herauszufinden, was. Doch offenbar ist es etwas, dass die Überwacher nicht mithören dürfen. Selbst auf meine Frage hin: "Ich sehe, etwas stimmt nicht. Ich will dir helfen. Wenn du…mir sagen könntest, was los ist…dann…?", bleibt sie stumm, fixiert mich einfach nur weiter mit diesem unentzifferbaren Blick.

 

Zwei Stunden hin, seit ich Tihana wieder alleine gelassen habe. Carik meint, ich solle ihr Zeit geben, sich einzugewöhnen.

 

Ein neuer Tag, ein neuer Erfolg? So zumindest ein Spruch hier im Staat…

Tihanas Gesichtszügen nach kann sie heute nur noch Erfolge verbuchen.

Und ich habe noch immer kein Wort dafür. Wie soll ich das benennen, was Tihana fühlt? - Es ist ein Gefühl, soweit bin ich mir im Klaren. - Es gibt sicher ein Wort dafür, aber ich kenne es nicht. Wen könnte ich fragen? Niemanden, vermutlich. Der Ausdruck 'Gefühl' ist für die Einwohner des Staates ein Fremdbegriff.

Vielleicht finde ich etwas in der Schulbibliothek? Naja, wieso eigentlich nicht? - Weiß die Bibliothekarin, was 'Gefühle' sind?

In der Mittagspause begebe ich mich dorthin.

"Guten Tag", grüße ich, stelle mich vor ihren Tisch.

"Ja bitte?"

"Ich benötige Informationen über menschliches Verhalten", rattere ich die vorbereitete Phrase herunter. Bedauern zeigt sich in ihren Augen: "Alles, was es hier gibt, sind zwei Seiten zu Gruppendynamik und ein kurzes Manuskript zu Kommunikation und Körpersprache. Wenn dir das weiterhilft?"

"Ja, bitte, alles, was sie dahaben", bestätige ich.

Auch wenn es nicht wirklich das ist, was ich erwartet habe…wenigstens etwas.

 

Ich drücke die Klinke meiner Zimmertür hinunter, mein Blick fällt auf das Armband. Ein kleiner Gedankenfunke schnellt durch meinen Kopf, prallt unzählige Male irgendwo ab, nimmt immer mehr Fahrt auf und entlädt sich dann plötzlich mit einem Schlag.

Junos. Er hat mitgehört, was ich von der Bibliothekarin wollte, er hat mitbekommen, dass ich Tihanas Gefühl erlebt habe. Ich erstarre mitten in der Bewegung.

"Hä?", stößt Aran, der in die Küche will, in mich: "Wieso bleibst du denn auf einmal stehen?"

"Sorry", murmle ich, vollkommen von der Rolle und betrete mein Zimmer.

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Der Staat Kapitel 32

29. April 2062, 15:10, Wien, Wohnsitz der Flammenwolfs

 

So sitze ich da auf der Kante meines Bettes, den Kopf in die Hände gestützt. Immer und immer wieder mich selbst rügend, wie ich bloß so dumm sein konnte.

Junos kann nicht anders, als mitbekommen zu haben, dass ich versuche, etwas über Gefühle herauszufinden!

Sie werden mich nur noch stärker überwachen. In ihren Augen darf ich nicht mit der Welt außerhalb des Staates in Berührung kommen. Sie gehen ja sogar so weit, alles dort draußen kollektiv sinnbildhaft als 'das Böse' zu brandmarken.

Ich muss es irgendwie schaffen, meine Freiheit zu erlangen.

Ich…muss… Nein, das kann ich nicht.

Ich - muss… Nein, das geht doch nicht.

Ich muss… Nein, was, wenn sie mich verfolgen?

Ich muss hier weg.

 

Was brauche ich?

Nahrung, Wasser, Kleidung.

Hm, lässt sich machen…

Aber: ich kann nicht ohne Tihana und Naan fort. Ihr habe ich versprochen, zu helfen, und der Gedanke, ohne sie irgendwohin zu gehen, fühlt sich irgendwie…unerstrebenswert?…an.

Okay, also, was ist zu tun?

Erstens: Naan befreien.

Zweitens: Abhauen.

Gut, wie erledige ich erstens?

Wir müssen wissen, wo Naan gefangen gehalten wird. Dann brauchen wir einen Weg, ihn da herauszuholen und anschließend am besten sofort ein Fluchtvehikel, mit dem wir durch die Grenzkontrolle kommen.

So viel zu tun, Eindrücke strömen zwar auf mich ein, aber keinerlei hilfreiche Ideen. Also, wie herausfinden, wo das Gefängnis ist?

Carik?

Hm…schon, aber… Irgendwie… Ich weiß nicht, kann ich ihm vertrauen? Es kommt mir irgendwie so vor, als würde er mitmachen, wenn irgendjemand anfinge… Nur wer ist dieser irgendjemand?

Ich?

 

Tief atme ich durch. Ich habe nur diese eine Chance, alles hängt jetzt an dieser einen, einzigen Bitte, die ich an Carik richten werde.

Lisa klopft an meine Tür: "Kris, kommst du? Es gibt Mittagessen."

Sie reißt mich aus meinen Gedanken. Zerstreut gebe ich zurück: "Jaja…komme…" Während ich aufstehe schüttle ich kurz und kräftig meinen Kopf - für das nun Folgende brauche ich einen klaren Geist - doch so recht helfen will es nicht…

Alle sitzen sie da, rund um den Tisch, das dampfende Essen zwischen sich. Lisa schöpft soeben aus. Fisch mit Bohnen und Püree. Mit den Gedanken irgendwo ziehe ich einen Stuhl zurück, lasse mich darauffallen.

"Hm?", hebt Aran den Kopf, mustert mich für den Bruchteil einer Sekunde, stellt fest: "Irgendetwas stimmt nicht mit dir."

"Hm…", murmle ich, beginne im Püree herumzustochern.

 

"Schauen Sie sich das an!", springt Junos auf, tobt durch den Raum. Die anderen im Zimmer zucken zusammen, niemand von ihnen kennt dieses Verhalten.

"Sehen Sie das? - Der Junge schafft es nicht nur, sich selbst vom rechten Weg abzubringen, nein, er zieht auch noch sein GESAMTES Umfeld mit hinein. Allen voran diese Familie!", keuchend bleibt er mitten im Raum stehen. Alle Augen sind erschrocken auf ihn gerichtet. Junos blickt angestrengt ins Leere, verweilt für einige Moment in einer verkrampften, aufrechten Haltung, bis ihn offensichtlich irgendeine Erkenntnis trifft.

"Wir müssen etwas unternehmen", flüstert er, sein Gesicht zu einer Maske der Angst verzerrt. Hinter ihm öffnet sich eine Tür. Der Mann mit der Sonnenbrille tritt mit gewohnt kühlem Blick ein. Betroffene, bedrückte, peinliche Stille senkt sich über den Raum.

 

"Kris?", schüttelt Tihana mich harsch an der Schulter: "Kris?"

"Ha?", kneife ich die Augen zu, reiße sie wieder auf und mache meinen Blick von der weiß gestrichenen Wand los.

"Was ist?"

"Keine Ahnung….", murmle ich.

"Du bist einfach nur dagesessen und hast an die Wand gestarrt!", fährt Aran dazwischen. Carik steht bereits, nimmt Lisa zur Seite, flüstert irgendetwas in ihr Ohr. Der Ausdruck auf seinem Gesicht verheißt nichts Gutes.

"Nein, ich war nur…", bringe ich schwachen Wiederstand auf: "Ich bin einfach nur…keine Ahnung…müde…"

"Dann leg dich hin", bestimmt Aran.

Stumm senke ich meinen Kopf, schlucke diesen einen Bissen Püree, lege dann meinen Löffel zur Seite und lehne mich leicht nach vorne, sodass ich mich erheben kann. Mitten in der Bewegung höre ich Cariks schwere Schritte durch den Hausflur marschieren, eine Tür schlägt zu, er kommt mit einer großen Sporttasche zurück.

"Kris! Mitkommen!", kommandiert der Kommandant des V-Kommandos.

Ich bin im Moment so von der Rolle, dass ich mich nicht einmal mehr frage wieso. Es gibt nur eines, worum ich bitten will, doch irgendwie beschleicht mich so ein Gefühl von Nichtigkeit, als würde mein Anliegen einfach kein Gehör finden, sollte ich es vorbringen…

Carik führt mich aus der Wohnung hinaus, an den Wachen vor der Tür vorbei, welchen er mit einer knappen Handbewegung zu verstehen gibt, dass alles in Ordnung sei. Dann gehen wir zu seinem Fahrzeug, diesem großen, massiven, olivgrünen Auto mit den riesigen, breiten Rädern.

"Steig ein", öffnet er mir die Beifahrertür.

Mehr, als meinen Mund aufzumachen, bringe ich nicht zustande.

"Du musst deinen Kopf freibekommen. Da weiß ich genau das Richtige. Jetzt steig ein", wird sein Ton freundlicher. Also tue ich, was er verlangt. Carik wirft nur schnell die Tasche auf die Rückbank, ergreift dann das Lenkrad.

Kaum dass er den Wagen gestartet und ausgeparkt hat, funkt er irgendjemanden an: "Verstehen Sie mich? - Gut. Bringen Sie Milet zum Trainingszentrum. - Wieso? Weil ich das sage. - Nein, daran gibt es nichts zu rütteln. - Kein 'aber', tun Sie's!" Schnell ist das Gespräch vorbei und er starrt nur noch stur geradeaus auf die leere Straße vor uns, brummt irgendetwas Unverständliches. Ich meine, irgendetwas mit 'Vorschriften' zu verstehen, bin mir aber dessen nicht wirklich sicher.

 

Wir kommen an, Carik bremst das Auto vor einem sehr hohen, sehr breiten, viereckigen Gebäude ab. Am rechten Rand gibt es einen kleinen Eingang mit einer einzelnen Wache davor. Dort drüben stehen zwei mir wohl bekannte Personen: Milet und Junos. Der erste ist wohl genauso verwirrt über die derzeitige Situation wie ich. Der zweite scheint mir eher unruhig zu sein - sehr, sehr, sehr unruhig - ein Verhalten, dass ich so noch nie gesehen habe im Staat.

"Endlich sind Sie da!", begrüßt uns Junos schon von weitem, als Carik noch immer damit beschäftigt ist, die Sporttasche von der Rückbank zu holen. Er kommt mit dem verwirrten Milet im Schlepptau auf uns zu.

"Können Sie mir jetzt endlich mal sagen, was die beiden Jungen hier, beim Trainingszentrum des V-Kommandos sollen?", verlangt Junos ungeduldig, so gar nicht er selbst seiend, zu wissen.

Carik schmeißt locker die Wagentür zu, schließt ab, kommt hinter dem Fahrzeug hervor, drückt mir die Sporttasche in die Hand und meint dann kurz und bündig: "Trainieren."

Darauf will Junos natürlich sofort etwas erwidern, aber außer einem offen stehenden Mundwinkel bringt er nichts zustande: "Da…das…a-hem?"

"Sie haben richtig gehört", kommentiert Carik mit einem letzten Seitenblick, geht dann voran: "Kommt mit. Wir gehen."

So lassen wir Junos alleine, verdattert und langsam einem Zustand von ahm…'Unfähigkeit zur Verarbeitung des gerade Geschehenen'? nahe, zurück.

Ich weiß wirklich nicht, ob das so eine gute Idee war, den Ausbildungsleiter, Chefüberwacher und Berater des Militärs so zu ignorieren…

Und außerdem habe ich auch so überhaupt keinen Plan, wie ich Carik nun dazu bringen soll, mit mir aus dem Staat hinauszufahren.

Die Welt dort draußen will ich erkunden! - Nicht diese Trainingshalle…

Wenn ich doch nur wüsste, was der Staat eigentlich mit mir vorhat!

 

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Der Staat Kapitel 33

29. April 2062, 16:01, Wien, Trainingszentrum des V-Kommandos

 

Der Wachmann gewährt uns Einlass nach Kontrolle unserer Personalien, tritt zur Seite, hält seinen Daumen auf einen Scanner und drückt einen kleinen grünen Knopf auf einem Schaltpult, welches in der Wand rechts neben der Tür eingelassen ist.

Lautlos schwingt diese wie von selbst auf und gibt den Blick auf einen gut ausgeleuchteten, breiten, weißen Gang frei. Menschenleer, absolut geräuschfrei. Über seine gesamte Länge verteilt, mindestens einhundert Meter, steht ein grauer Spind neben dem anderen. In regelmäßigen Abständen unterbrechen weitere weiße Türen die Reihen von Kästchen.

"Willkommen im Trainingszentrum des V-Kommandos", verkündet Carik.

Oha. Oha. Ich weiß, ich sollte das vielleicht nicht fragen, aber es brennt einfach viel zu sehr in mir: "Aber wieso sind wir hier? Ich meine, wir sind doch erst Schüler?"

Darauf lacht Carik: "Da hast du vollkommen Recht", er führt uns den Gang hinunter: "Was du aber vergisst, ist, dass du kein gewöhnlicher Schüler bist…", meint er vielsagend. Und was ist Milet?

"Seid versichert ihr zwei, euch wird es hier gefallen", fährt Carik in seinen Ausführungen fort und beginnt zu erklären: "Das, was ihr während des Spezialtrainings macht, ist alles schön und gut, aber das hier ist einfach eine Nummer…ehm", er überlegt kurz: "größer. - Genau. Höher, weiter, schneller."

Also das nenne ich doch mal eine rasante Entwicklung... Erst normaler Schüller, dann V-Klässler mit Spezialtraining und jetzt werde ich mit den Männer und Frauen des V-Kommandos trainieren.

Carik drückt eine Tür zu unserer Rechten auf. Eine Umkleidekabine. Keine Menschen, dafür umso mehr Kleidung.

"Zieht euch um", befiehlt er und deutet auf Milets fragenden Blick hin auf die Sporttasche in meiner Hand: "Da sind zwei Garnituren drinnen."

"Aha", kommt es von Milet, dann verlässt der Kommandant den Raum. Die Tür fällt hinter ihm zu.

Mit der Tasche noch immer in der Hand drücke ich meinen Rücken durch und schaue mich um, finde einen freien Platz für uns zwei.

"Was hältst du von der Sache hier - dass wir auf einmal mit den V-Kommando-Leuten trainieren?", frage ich, lasse es so beiläufig wie möglich klingen.

"Hm", zuckt er mit den Schultern.

"Kommt es dir nicht auch eigenartig vor, dass wir so von einem Moment auf den anderen hier sein dürfen?", hake ich nach.

"Eigenartig…", murmelt er, denkt nach, meint anschließend: "Nein, eigentlich nicht. Hat doch alles seine beste Ordnung…"

Hä? Wie meint er das nun schon wieder? - Halt… Ich verstehe ihn irgendwie… Wie muss die Situation für ihn aussehen? Er wird herbeordert, um zu trainieren. Daran etwas ungewöhnlich zu finden, ist nach dem Verständnis des Staates höchst unnatürlich, da die gesamte Sache ja befohlen und damit für gut befunden worden ist.

"Stimmt", korrigiere ich mich langsam.

Verdammt! Wieder so ein dummer Fehler! Mein Wissen soll doch nicht entdeckt werden! Aber ich mache es ihnen ja geradezu kinderleicht!

Rasch ziehe ich mich fertig um, lasse die Sache für den Moment einfach sein und beschäftige mich nicht weiter mit der Frage nach dem 'Warum'.

"Kommst du?", halte ich Milet zur Eile an während ich gerade einige Schritte durch den Raum mache, um ein Gefühl für die Schuhe zu bekommen.

"Ja, ja", ruft er halblaut und motiviert, schließt die Klettverschlüsse und springt auf.

"Na dann", meine ich und greife nach der Türklinke. Mitten in der Bewegung halte ich inne, wundere mich: "Was sollen wir jetzt eigentlich tun?" Carik hat uns nur gesagt, wir sollten uns umziehen, nicht mehr.

Und keine zwei Augenblicke, nachdem ich die Frage ausgesprochen habe, meldet sich der Kommandant über die Ohrstöpsel: "Ich habe mich schon gefragt, wie lange ihr braucht, um euren Mangel an Anweisungen zu bemerken. Tja. Was soll's. Auf jeden Fall seid ihr jetzt fertig umgezogen wie ich sehe. Darum schicke ich nun jemanden, der euch abholen wird. Wartet einfach ganz kurz bitte."

Aha. Gut.

Wie vom Kommandanten versprochen, taucht etwa eine halbe Minute später ein großer, muskulöser Mann auf. Er ist geschätzte fünfundfünfzig, seine Haare zeigen schon die ersten Grauansätze, sein Drei-Tage-Bart gemeinsam mit einer Narbe über dem Auge und seiner somit fehlenden Augenbraue verleihen ihm ein Aussehen, welches mir klar macht, dass ich keine Intentionen hege, diesen Kerl zu verärgern.

"So, ihr zwei Burschen seid also die Jungspunde, die heute ein Kostprobentraining bekommen sollen?"

Verdattert schauen wir uns an, nicken langsam, ein wenig eingeschüchtert. 'Kostprobentraining?', steht uns ins Gesicht geschrieben.

"Jaja, die Neulinge stutzen immer, wenn ich mit dem Begriff komme. Sagen wir einfach, ich will wissen, woran ich bei euch bin. - Eine Einstufungsleistungsfeststellung wenn man so möchte", verbessert er sich selbst.

"Kling gut?", liest er aus unseren vorsichtig interessierten Gesichtsausdrücken: "Will ich ja wohl hoffen", zwinkert er, ordnet sofort anschließend an: "Folgt mir."

Wieder sind wir in dem langen, menschenleeren Gang. Diese Stille ist irgendwie einschüchternd.

Zwei Türen weiter betreten wir einen weiteren Raum. Er ist nicht besonders groß, dafür umso vollgestopfter mit allen möglichen Ausrüstungsgegenständen: Seile, Armschützer, Haken,… Auch Handschuhe, deren Handflächenstruktur mir eigenartig vorkommt, bei welchen mein Blick hängen bleibt. Interessiert mache ich einen Schritt auf sie zu, streiche mit dem Finger über ihre Innenseite, betrachte sie eingehend. Was das wohl für ein Material sein mag? Es fühlt sich komisch an - ungewohnt.

"Ja, diese Kletterhandschuhe sind schon etwas Schönes", kommentiert der Mann: "Eigentlich wollte ich dir ja einen Helm für das Training geben. Aber wenn dir die so gut gefallen, nimm sie dir."

Also schnappe ich mir die Handschuhe, streife mir den angenehmen Stoff über. Milet hingegen werden die Unterarmschützer zugeteilt. Er greift nach einem schwarz gefärbten Paar, bestehend aus einem Karbon-Kevlar-Keramik-Verbund - In der V-Klasse haben sie uns beigebracht, dass es sich hierbei um ein extrem stabiles Material handelt.

"Ahm…wie genau funktionieren die?", erkundige ich mich nach einem prüfenden Blick auf meine Kletterhandschuhe.

"Du ziehst sie an, wie normale Handschuhe. Sobald du etwas anfasst, bleibst du daran haften. Je glatter die Oberfläche, desto besser funktioniert es. Zum Lösen rollst du die Hand einfach nach vorne hin ab, sodass du bis zum Schluss mit den Fingern an der Wand bleibst." Er demonstriert es kurz an der Zimmerwand mit einem anderen Paar.

"Aber sei vorsichtig, sie werden dich halten, solange du ruhig bist. Wenn du aber an ihnen zerrst und ziehst, können sie sich durchaus versehentlich lösen."

"Ich werde aufpassen", verspreche ich.

"Und jetzt los", scheucht uns der Mann durch eine Tür hinaus, welche sich perfekt in die weiße Wand einfügt.

 

Kommentare und Anregungen sind immer gerne gesehen.

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Der Staat Kapitel 34

29. April 2062, 16:13, Wien, Trainingszentrum des V-Kommandos

 

Bilder flimmern über die Bildschirme. Zwei Jungen betreten eine große Halle. Verwirrt schauen sie sich um. Für einen kurzen Moment bleiben sie stehen, blicken verwirrt um sich, setzen sich dann augenblicklich in Bewegung, laufen los.

Von hinten tritt eine Gestalt aus den Schatten des unbeleuchteten Raumes ins Licht der Bildschirme, stellt sich neben den Mann, welcher dort schon seit einer Weile in einem bequemen Ledersessel zu sitzen scheint.

"Haben Sie nun endlich, was Sie wollen?", bohrt Junos' Stimme durch die Dunkelheit: "Das ist immerhin noch ein Junge. - Was denken Sie sich eigentlich dabei?"

"Lassen Sie ihm Zeit. Lassen Sie ihn sich bewähren. Lassen Sie ihn zeigen, was er kann", hält Carik sachlich, freundlich und überzeugt dagegen.

"Was stimmt Sie so sicher, dass dieser Junge uns nicht alle ins Chaos stürzen wird?", beharrt Junos: "Wieso gestehen Sie sich nicht einfach ein, dass es ein Fehler war, Kris in die V-Klasse aufzunehmen, ihm all die neuen Dinge zu zeigen?", stimmlich die Hände ringend insistiert er: "Dieser Junge ist eine Gefahr für uns alle - für die Ordnung des Staates. Wir müssen ihn loswerden, ehe es zu spät ist!"

Ruhig kommt es vom Kommandanten zurück: "Das ist Ihre Sichtweise, ich habe eine andere. Beide basieren sie auf den Fähigkeiten dieses Jungen und gehen doch weiter auseinander als die zwei Klingen einer geöffneten Schere."

"Hmpf… Scheren…", brummt Junos: "archaische Dinger…", kommt dann zurück zum eigentlichen Thema: "Ich bitte Sie nun ein letztes Mal, beenden Sie diesen Wahnsinn, ansonsten sehe ich mich gezwungen, ihn zu beenden."

Monotone Worte hallen wieder in dem karg möblierten Raum, gesprochen von Carik: "Es gibt nur eine Sache, die wir beenden müssen und das ist unser ständiges Weglaufen vor Unbekanntem", er macht eine bedeutsame Pause: "Vermutlich fürchte ich mich genauso vor dem, was womöglich geschehen könnte. Aber ich komme nicht umhin, den weiteren Verlauf der Ereignisse zu verfolgen, ehe ich mir ein wirkliches Urteil bilden kann."

Die zwei Jungen kommen an einer hohen Wand an, nach einem kurzen Wortwechsel zwischen den beiden formt der eine schnell eine Räuberleiter und gewandt hangelt sich der zweite zur Kante nach oben, zieht dann den ersten nach.

"Sehen Sie das?", macht Carik Junos auf die Vorgänge am Bildschirm aufmerksam.

"Ja, was soll da so Großartiges sein?", tut dieser Milets und meine Leistungen mit einer schwachen Handbewegung ab.

"Beobachten Sie doch mal, wie sie arbeiten. Hätten wir Milet und Aran diese Aufgabe gestellt, sie hätten länger gebraucht. Kris hingegen - ich weiß nicht, wie man das in Worte fasst…", sucht Carik nach Ausdrücken: "…Kris, er…er…lernt wie von selbst… - ja, so kann man es wohl am besten ausdrücken. Denn ich wäre mir nicht bewusst, dass sie irgendwo schon einmal die Räuberleiter gelernt hätten, trotzdem hat Kris nur einige wenige Augenblicke gebraucht, um sie sich von einem Moment auf den anderen auszudenken und sie Milet zu erklären", führt Carik seine Überlegungen aus.

"Ich glaube, es gibt da ein altes Wort dafür", grübelt Junos, nachdenklich gemacht von dem, was er sieht: "…'Spontanität', so nannte man das glaube ich…"

 

Mit einem Schlag verändert sich das Bild in meinem Kopf und keine zwei Lidschläge zu früh stoppe ich ab, halte Milet ebenfalls zurück. Direkt vor unseren Füßen fährt schlagartig ein gepolsterter Quader aus dem Boden auf. Um ein Haar wären wir mit ihm kollidiert, im schlimmsten Fall in die Luft katapultiert worden.

Verwirrt schaut Milet mich an. Sein Blick lässt vermuten, dass er mich ab sofort in einem völlig anderen Betrachtungswinkel sehen wird.

 

Fast noch schneller als dieses Hindernis springt Carik in seinem Stuhl auf, sodass dieser nach hinten umkippt. Erschrocken macht Junos einen hastigen Schritt zur Seite, bevor ihm die Lehne auf den Fuß knallt.

"Haben Sie das gesehen?!", ruft Carik, in der Stimme gleichermaßen Schrecken, wie auch Verwunderung und Stauen, deutet aufgeregt auf den Bildschirm. In Bruchteilen einer Sekunde realisiert auch Junos die Tragweite der Situation, bringt nichts Anderes zustande, als zu hauchen: "Das…ist…"

"…unglaublich…", stimmt Carik bedächtig ein.

"Er…hat…"

"…die Zukunft vorausgesehen…", flüstert der Kommandant kaum hörbar.

Stumm stehen sie da, starren einander an. Von dem anfänglichen Hick-Hack ist keine Spur mehr zu sehen. Es gibt da nur noch eines - und es eint beide: das Gefühl, das ich nicht benennen kann. Sie haben Angst vor dem ihnen Unverständlichen, gleichzeitig wissen sie, wie wichtig diese Entdeckung für sie ist, auch ist ihnen bewusst, dass sie mich von nun an nicht mehr einfach nur den 'besonderen Jungen' nennen können, sondern…keine Ahnung…

 

Unsere Beine fliegen über den harten, weißen Boden. Wir müssen die andere Seite der Halle erreichen, das ist unsere Trainingsaufgabe. Und all die Hindernisse machen es uns nicht gerade leichter.

Keuchend meldet sich Milet neben mir: "Siehst du das auch? Dort vorne?", deutet auf einen breiten Spalt im Boden, gute zwanzig Meter vor uns, einen Weg um ihn herum gibt es nicht. Seine Umrisse zeichnen sich nur schwach gegen die Umgebung ab.

Schlitternd kommen wir am Rand zu stehen. Den Boden können wir kaum erkennen. Entweder er ist verdammt tief, oder nur fünfzig Zentimeter unter uns. Es ist alles nahezu perfekt ausgeleuchtet, kaum Schatten, keine auch nur so geringe Abweichung der Weißnuance. Somit ist es so gut wie gar nicht möglich, seine Tiefe abzuschätzen.

Die Wände links und rechts sind ebenfalls einfach nur weiß und glatt, sehr glatt. - Hm. Okay, ich käme hinüber, dank meiner Kletterhandschuhe, aber was ist mit Milet?

Grübeln starre ich auf die andere Seite des Grabens. Wie?

Da werde ich plötzlich zurückgerissen, trotzdem trifft mich die weiß gepolsterte Stange mit voller Wucht an der Schulter. An Seilen, die von der Decke irgendwo über uns hängen, schwingen gut zehn von diesen 'Pendeln' über den Graben hinweg, immer auf der Jagd nach jenen, die an den Rand des Spaltes treten und anschließend so wie ich getroffen zu Boden gehen und einen kräftigen blauen Fleck davontragen werden.

Schützend stellt Milet sich vor mich, wehrt mit seinen Unterarmschützern so gut er kann die Stangen zur Seite hin ab, sodass ich mich halbwegs sicher aufrappeln kann.

Immer vor und zurück, immer von der einen Seite zur anderen und zurück.

Mit einem Wink bedeute ich Milet, gemeinsam mit mir einige Schritte nach hinten zu weichen, außer Reichweite der Pendel.

"Hier, nimm den Handschuh", weise ich ihn an, streife meinen von der rechten Hand. Kommentarlos ergreift er ihn, streift ihn über.

"Und was jetzt?", betrachtet er seine nun behandschuhte Hand.

"Halt dich an einem der Pendel fest - lass los, sobald du auf der anderen Seite bist."

Sein Gesichtsausdruck verrät mir, was sein Selbsterhaltungstrieb von der Idee hält: "Das ist…"

"…verrückt", ergänze ich sachlich, grinse sofort darauf siegessicher: "Aber es wird funktionieren. - Vertrau mir."

 

Absolute, allumfassende Stille legt sich über den Raum mit den Bildschirmen, als die zwei Jungen auf die Schwungstangen zuspurten und sich festkrallen. Hörbar halten beide Anwesenden die Luft an, als der erste loslässt, sich auf den harten, weißen Boden abrollt, und atmen schlagartig aus, als auch der zweite sicher landet.

 

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Der Staat Kapitel 35

29. April 2062, 16:21, Wien, Trainingszentrum des V-Kommandos

 

Der ältere Mann, unser zugeteilter Ausbilder wie ich meine, erwartet uns auf der anderen Seite der Halle mit einem breiten Lächeln auf den Lippen, das Anflüge von Respekt und Unsicherheit zeigt.

Als wir bis auf zehn Meter an ihn herankommen, beginnt er anerkennend zu klatschen: "Wow. Und das sag ich nicht oft. - Ihr zwei seid...einfach wie für einander geschaffen. - Aber das war nur das Aufwärmen, jetzt wollen wir mal sehen, was ihr beide wirklich zustande bringt", verkündet er mit einem auffordernden Grinsen im Gesicht.

"Klingt doch gut", kommentiere ich prompt, ein wenig außer Atem, doch hoch motiviert.

Milet neben mir nimmt die Info einfach nur auf, stellt sich darauf ein, indem er sich zur Gänze aufrichtet, die Schultern strafft und probehalber die Finger zur Faust ballt.

Der Mann, dessen Namen wir immer noch nicht erfahren haben, führt uns durch eine weiße Doppelflügeltür hinaus auf einen weiteren, langen, weißen Gang. Diesmal nur ohne die Spinde. Schnurstracks geht er mit kräftigen, bestimmten Schritten voran, stößt den Zugang zu einem weiteren Ausrüstungsraum auf. Hier finden wir Berge von Schwimmausrüstung vor.

"Legt die Handschuhe und diese Armschützer ab", weist uns der Ausbilder an. Spontan gebe ich ihm den Namen Rorr. Irgendwie muss er schließlich heißen. Fragen möchte ich nicht, das tut man nicht. Wenn jemand nicht will, dass man etwas nicht erfährt, hat das seinen Grund.

Wir drücken ihm unser Zeug in die Hand, woraufhin er auf die Badehosen, Neoprenanzüge, Schnorchel und Atemgeräte deutet: "So, eine Hose, ein paar Unterwasserhandschuhe, eine Taschenlampe für jeden. - Umziehen könnt ihr euch dort hinten", verweist Rorr auf eine kleine, graue Tür hinter uns.

Exakt einhundertundzweiundzwanzig Sekunden später kommen wir laut der großen Digitaluhr an der Wand über dem Ausgang wieder heraus. Durch ein kleines Fenster neben der Tür kann ich ein Schwimmbecken erkennen. - Ein sehr tiefes Schwimmbecken…

Rorr hält uns je eine neue Linse, Ohrstöpsel und Armband hin: "Wasserdicht", begleitet er, entlässt uns dann hinaus in dem Raum mit dem Becken. Besonders groß ist dieser nicht, nur etwa zwanzig mal zwanzig Meter mit einer niedrigen Decke.

Klar liegt das Wasser vor uns, mindestens sechs Meter nach unten hin und es sieht so aus, als gäbe es in der Wand des Beckens mehrere kleine Gänge, welche in alle möglichen Richtungen abzweigen.

"Eure Aufgabe ist simpel: Findet den Schalter, welcher das Gitter zur anderen Seite hin öffnet. Ich treffe euch dort."

Tatsächlich wird eine der Unterwasseröffnungen von massiven Edelstahlstäben versperrt.

Milet springt hinein, kaum, dass Rorr den Raum verlassen hat, mit mir im unmittelbaren Schlepptau. Kalt umspült das Wasser meine Gliedmaßen, lässt meine Muskeln für einen kurzen Moment verkrampfen, mich im nächsten schon wieder fast panisch zurück an die Oberfläche rudern.

Laut bricht das Schlagen der Wellen über mich herein, als ich meinen Kopf wieder in die Luft bekomme.

Zwei tiefe Atemzüge, Milet erkundet bereits den ersten Gang, und ab dafür.

Erfahrungsgemäß habe ich knappe vierzig Sekunden Luft unter Wasser. Das reicht theoretisch, um ganz nach unten zu tauchen und wieder hinauf, wenn ich keinen Druckausgleich machen müsste…

Also lenke ich meine Aufmerksamkeit auf eine Öffnung in etwa anderthalb Metern Tiefe.

Ich passe gut hinein, schiebe mich mit meinen Handschuhen an den rauen Betonwänden circa drei Meter nach vorne, bis zum Ende der unbeleuchteten Röhre und muss erkennen, dass was ich dort finde, mir nicht hilft. Nämlich reines Nichts.

Ich spüre zwar noch nicht diesen gewissen Druck auf der Brust, dennoch schiebe ich mich unverrichteter Dinge rückwärts hinaus und ziehe mich anschließend am Rande des Beckens nach oben. Ruhe ein wenig aus.

Na das kann ja dauern… - Wie auch immer wir überhaupt zu dem Gang ganz am Boden des Beckens gelangen sollen…

 

Eine halbe Stunde - geschätzt - entzieht mir das Wasser schon die Wärme meines Körpers. Wirklich gefunden haben wir nichts. Mal von einem einzelnen Schnorchel in einer der unteren Röhren abgesehen. Milet nutzt ihn gerade, um zu versuchen, so tief wie möglich zu kommen, da wir den oberen Bereich bereits mehr als gründlich abgegrast haben. - Sechs Meter sind trotzdem nicht machbar.

 

"Gab es eigentlich schon mal jemanden, der da durchgekommen ist?", bemerkt Junos. Rorr schüttelt ausdruckslos den Kopf: "Nein. Wir nutzen dieses Becken eher dazu, ihre Durchhaltefähigkeit auszutesten."

 

Erschöpft hocken wir uns an den Beckenrand.

Irgendwie muss es doch zu schaffen sein! - Das bestätigt auch der Unterton Junos', der da gerade in meinen Gedanken aufgetaucht ist. Schwierigkeit, gut, Durchhaltevermögen, auch okay, aber uns eine Aufgabe stellen, die wir einfach nicht lösen können…

"Was tun wir jetzt?", wendet Milet sich ratlos an mich. Er hat die letzten zehn Minuten krampfhaft versucht, bis auf fünf Meter hinunterzukommen, was ihm aber in keiner Weise gelungen ist.

"Nachdenken…", murmle ich, versuche mich an Rorrs Worte zu erinnern, überlege laut: "Wir sollen den Schalter finden, der uns den Durchgang öffnet… Wo?", da durchfluten mich mit einem Mal drei Gefühle gleichzeitig. Erleichterung, ich glaube, die Lösung gefunden zu haben, Wut, wie konnte ich das übersehen, Groll geben Rorr und das V-Kommando, wieso sollten sie jemanden so quälen wollen?

Ich erhebe mich vom Beckenrand, gehe auf die Tür zu, durch die wir gekommen sind, finde daneben, was ich gesucht habe. Schnell ist der weiße Schalter gedrückt und wir vernehmen ein metallisches Kreischen. Diese Stäbe wurden schon eine Ewigkeit nicht mehr geöffnet.

Milets Gesichtsausdruck will so viel gleichzeitig darstellen, dass nur seine Augen sich bewegen, er seine Lieder aufreißt, mich stumm anstarrt.

"Bitte, wir können", komme ich lachend zurück zum Becken - da müssen die sich schon was Besseres überlegen, wenn sie mich aufhalten wollen!

Stille legt sich auf meine Ohren, als das Wasser erneut um meinen Körper strömt, meine Arme mich vorwärts schieben. Auf den Tunnel zu, unter der Wand durch, auf der anderen Seite nach oben.

Rorrs, Cariks und Junos' Gesichtsausdruck kann man einfach nicht beschreiben, wie sie mich da anschauen, als ich mich unschuldig und mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen aus dem kühlen Nass ziehe und mich nach einem Handtuch umschaue. - Keines da. - Sie haben nicht erwartet, dass wir durchkommen.

 

In ein trockenes Handtuch gehüllt sitzen Milet und ich in einem kleinen Zimmer, kauen auf je zwei Müsliriegeln herum und warten darauf, trocken zu werden.

Seit ich aus dem Wasser gekommen bin, ist kein einziges Wort gefallen. Weder von Milet, noch von Carik, noch von Junos, noch von Rorr, noch von mir selbst. Still, mit eisernen Mienen hat man uns Handtücher und Riegel ausgehändigt und in diesen Raum gesetzt. Dass wir hier warten sollen, ist klar, aber auf was genau? Eine Gratulation? Eine Lobpreisung? Oder doch nur das nächste Auftauchen von Rorr - eine neue Übung?

Nichts dergleichen geschieht. Ja, es geschieht genau gar nichts.

Unsere kleine Jausenpause ist beendet, wir haben wieder unsere Kleidung an, die Handtücher und Badehosen zum Trocknen auf dem Laminatboden ausgelegt uns gegenüber hingesetzt, für einen Moment einander in die Augen geschaut, den Blick sofort wieder abgewandt.

Und nichts geschieht.

 

Man könnte direkt einschlafen, so viel zu tun haben Milet und ich.

Man könnte nirgendwo anfangen, so umfangreich ist unsere Aufgabe.

Man wüsste keine Lösung, so kompliziert und verworren ist die Lage.

 

Die Tür wird aufgestoßen, Junos stürmt herein. Seine Augen springen im Zimmer umher, bis sie sich endlich an mir festkrallen: "Du", deutet er mit versteinerter, fast bebender Miene auf mich: "Mitkommen."

So lassen wir Milet alleine zurück. Auf unserem Weg durch die Gänge kommt uns ein V-Kommando-Mann entgegen, der hoffentlich für Milet nur eines vorhat, diesen abzuholen.

Darf ich Junos diese eine brennende Frage stellen? - Er wirkt momentan nur sehr bedingt aufgeschlossen mir gegenüber…

Abrupt hält mein Spezialtrainer nach einigen Abzweigungen und Biegungen vor einer reinweißen Tür an. Dieses Gebäude muss riesengroß sein, wahrhaft riesig, nicht einfach nur riesig, nein ich meine tatsächlich riesig.

Auf einem Schild an der Wand neben der Tür steht geschrieben: 'Psychologische Untersuchung'. Ohne anzuklopfen verschafft Junos sich per Fingerabdruckscan oberhalb der Klinke Zutritt, bedeutet mir, einzutreten und verbleibt auf dem Gang. Hinter mir zieht er die Tür zurück ins Schloss.

Es steht bereits ein kleiner Tisch mit zwei gegenüberliegenden Stühlen daran bereit. Die Frau im weißen Kittel mit den streng nach hinten gebundenen Haaren sitzt auf einem, hält ein Tablet in der Hand, tippt darauf geschäftig herum. Sie sieht mich nicht einmal an, befiehlt leise, ruhig und so kalt wie der Asphalt an einem Wintermorgen: "Setz dich."

Gegen den Drang, die Schulter hochzuziehen, kämpfend nehme ich Platz, drücke meinen Rücken durch und lege die Unterarme auf den Tisch, warte stumm und vor allem neugierig auf weitere Anweisungen ihrerseits.

Endlich hebt sie die Augen, mustert mich mit der Präzision eines Skalpells und der Gründlichkeit einer erfahrenen Reinigungsfachkraft, befindet: "Du bist also Kris Feinberg?", ein schneller Blick hinunter: "17 Jahre alt? - Schüler der dritten V-Klasse in der dritten Schulstufe? - Wohnhaft bei Familie Flammenwolf? - Vormund Herr V-Kommando-Kommandant Carik Flammenwolf?"

Ein einzelner Nicker meinerseits.

"Gut", tippt sie auf dem Tablet herum, findet, was sie sucht und fährt fort: "Für dich wurde eine psychologische Untersuchung angeordnet…

Fangen wir an: Wie fühlst du dich derzeit?"

"Gut, kann nicht klagen", präzisiere nach einer gehobenen Augenbraue von ihr: "Nicht prächtig, aber auch nicht schlecht. Nur verwundert. Ich wüsste gerne, waru…"

"Du hast eine Aufgabe gemeistert, an der bisher jeder verzweifelt ist. Was denkst du darüber? Bist du glücklich?", schneidet sie mir meine Frage ab.

"Ja. Ich finde, das habe ich gut gemacht. Aber, ich würde jetzt wirklich…"

"Nehmen wir an, Milet hätte die Lösung vor dir gefunden. Was hättest du dir gedacht?", übertönt sie mich erneut.

"Ich wäre wohl nicht sehr zufrieden mit mir gewesen", gebe ich es resigniert auf, irgendetwas Brauchbares erfahren zu wollen.

"Seit wann weißt du denn, dass du anders bist?"

"Hä?"

"Seit wann kannst du Dinge, die andere nicht können? - Antworte wahrheitsgemäß." Erneut klebt ihr Blick am Bildschirm fest.

"Angenommen du wärst ein V-Kommando-Mitglied und beobachtest, wie ein Pannonier unerlaubterweise versucht, sich Zugang zum Staat zu verschaffen. Wie handelst du?" Jetzt schaut sie mir direkt in die Augen, die ich nur wenige Momente später selbst abwende.

"Nunja", überlege ich: "Zuerst würde ich ihn natürlich von seinem Vorhaben abhalten, anschließend werde ich ihn festnehmen müssen."

"Wenn nun dieser Mann zerrissene Kleidung trägt und halb verhungert ist?", hakt sie nach.

"Dann werde ich ihm selbstverständlich zu essen und neues Gewand geben", rutscht es mir heraus, bevor ich mich darauf besinnen kann, wie man es im Staat eigentlich mit Eindringlingen handhabt.

"A-hm", macht die Frau, notiert.

"Du beobachtest bei deiner Arbeit außerhalb Wiens eine hitzige Argumentation zwischen zwei Pannonieren und einem Staatsangestellten. Sie bezichtigen ihn, ihnen Essen gestohlen zu haben, er behauptet das Gegenteil. Wer hat Recht?"

Jetzt ist sowieso schon alles egal. Also werde ich nach meinem Gefühl antworten, so wie ich es für richtig halte: "Das kann ich so nicht sagen. In diesem Fall müsste man sich beide Seiten anhören und dann versuchen, das betreffende Essen bei der einen oder anderen Partei zu finden. Vielleicht hat auch jemand die vermeintliche Tat beobachtet, den man befragen könnte. Nur so kann man herausfinden, was tatsächlich vorgefallen ist."

"A-hm", wiederholt sie sich, stellt die nächste Frage: "Angenommen, der Flammenwolf befiehlt dir, den Vater und die Mutter eines kleinen Kindes festzunehmen - alle drei Pannonier - da man ihnen Diebstahl und Falschaussage nachgewiesen hat."

"Auf jeden Fall werde ich die beiden abführen…", antworte ich ehrlich. Zufrieden nickt die Ärztin.

"…werde aber auch das Kind mitnehmen und in der Obhut der Eltern lassen und dafür Sorge tragen, dass es ihm gut ergehen wird", vollende ich meinen Satz.

Jetzt ist es an der Zeit, den Kopf ein- und die Schultern hochzuziehen. Es ist nicht ihr Ausdruck, auch nicht ihre Haltung und nicht, was sie sagt. Sondern vielmehr eine kleine, verkrampfte Bewegung ihres rechten Zeigefingers, die nur einen winzig kurzen Moment andauert und trotzdem eine Macht in sich birgt, mit welcher sich nicht einmal das gesamte, vereinte V-Kommando messen könnte.

Was auch immer nun geschehen mag, es ist nicht gut für mich.

Ich habe ihnen mein wahres Gesicht gezeigt.

Und niemand weiß, was sie wirklich für mich haben.

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Der Staat Kapitel 36

30. April 2062, 07:52, Wien, Schulzentrum

 

Wieder betrete ich die Klasse am Morgen. Die gleichen, schlaffen Gesichter blicken mir entgegen. Der gleiche, kalte Raum begrüßt mich. Wie sehr ich diese Routine, die mir der Staat aufzwingt, hasse. Mein Blick bleibt an Kris hängen, der sich bereits hingesetzt hat und mich auffordernd ansieht.

Obwohl ich es nicht ganz schaffe, ihn zu ignorieren, wende ich den Blick von ihm ab und setze mich hin. Ich bemerke, dass mein Verhalten nicht ganz richtig war, da er die einzige Hoffnung ist, die mir bleibt. Kurz lächle ich ihm zu. Meine Gedanken schweifen ab: Ich sitze mit Naan und unseren Freunden in dem geheimen Raum, in der Nähe von Emis Haus. Naan erläutert einen neuen Plan, und wie immer hängen alle gespannt an seine Lippen. Dann endet er und blickt jeden freundlich an. "Genug der Strategien", meint er. Kleine Grüppchen werden gebildet, es wird geredet, gelacht und gesungen. Das Singen, wie sehr ich es vermisse, obwohl ich es nie wirklich konnte. Leise summe ich die Melodie des Liedes vor mich hin, das mir Naan beigebracht hat. Ich spüre wie Kris mich rempelt, doch dann höre ich auf zu denken und fange einfach an, zu singen.

 

Wir gehen zusammen

Egal wie weit oder lang

So gehn wir von dannen

Hand in Hand

 

"Was tut sie da?", hörte ich jemanden hinter mir flüstern. "Warum redet sie so komisch? Tu etwas Kris." Stille kehrt wieder ein. Worte und Stille, die ich ignoriere, um weiterzusingen, in der Hoffnung diesem schrecklichen Ort entkommen zu können.

 

Soll kein Fels uns trennen

Keine Mauer uns entzwei`n

Mögen wir im Feuer verbrennen

So sind wir nicht allein

Wenn sie unsre Leben rauben

Unsre Seelen bleiben frei

Denn darauf habe ich Vertr…

 

"Raus!", schreit der Direktor, der mit geröteten Wangen und Schweiß plötzlich vor mir steht. Neben ihn muss sich die Lehrerin, deren Gesicht die Farbe der weißen Wand angenommen hat, Luft zufächern. Langsam stehe ich auf und drehe mich um. Die Gesichter, in die ich jetzt blicke, sind nicht mehr gelangweilt. Die meisten von ihnen wirken geschockt, sie wissen nicht, was sie tun sollen. Andere hingegen starren mich fasziniert an, und wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich fast gedacht, dass sie lachen. Auch Kris' Blick ist geprägt von diesen beiden Zuständen. Auch mir fehlen die Worte. Kennen sie denn keine Lieder? Dass der Staat schon zu solchen Mitteln greift?

"Tihana Sansamann, ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie mich verstanden haben. Kommen Sie mit mir." Der Direktor packt mich am Arm und zerrte mich in sein Büro. Dort steht auch eine Sicherheitskraft. Erschöpft lässt sich der Direktor auf seinen Schreibtischstuhl fallen. Die Sicherheitskraft, ein junger Mann, räuspert sich: "Der Staat wurde über ihr undankbares, respektloses und überaus seltsames Verhalten informiert. Sollten Sie weiterhin mit einem solchen Verhalten den Unterricht stören, seien Sie versichert, dass sowohl ihre Freunde als auch Sie mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen haben!" Er lässt mir keine Zeit zum Antworten, sondern starrt mich nur noch kurz an und macht schließlich auf dem Absatz kehrt.

"Sie haben seine Worte gehört", meldet sich jetzt der Direktor: "Ich wünsche noch einen angenehmen Tag." Wortlos verlasse ich den Raum und knalle die Tür hinter mir zu. Draußen wartet ein V-Kommandomann auf mich, um mich wohl wieder zurück in meine Klasse zu begleiten. Ich gehe bewusst langsam, einerseits, um den Mann zu nerven, und andererseits, um mich zu beruhigen. Doch ich schaffe es nicht. Tränen strömen über meine Wangen und gleichzeitig spüre ich eine enorme Wut in mir. Er funkt kurz: "Tihana ist unter Kontrolle, wie soll ich weiter verfahren?". Genervt und von der Antwort verwirrt sieht er mich an.

"Der Kommandant wird dich jetzt abholen", meint er kalt. Wir verlassen das Schulgebäude und lehnen uns an die Betonmauer neben der Bushaltestelle. Ich kann immer noch nicht glauben, was passiert ist. Der Staat hat ihnen sogar das Singen verboten. Wie kann er es nur wagen, eines der schönsten Dinge der Welt seinen Bürgern zu verschweigen. Kein Wunder, dass alles hier so trostlos und grau wirkt. Mir kommt Naan in den Kopf, der jetzt gemeinsam mit den anderen in irgendeiner Zelle sitzt. Bei dem Gedanken an all die Dinge, die sie vielleicht mit Naan anstellen, steigen mir noch mehr Tränen in die Augen und ich schluchze. Der Kerl neben mir verdreht genervt die Augen. Wenige Momente später kommt Carik mit einem Militärjeep und der Mann bedeutet mir, einzusteigen, bleibt auf der Haltestelle zurück.

Niemand spricht ein Wort, bis wir zwei bei dem Wohnsitz der Familie Flammenwolf ankommen.

Auch jetzt, nachdem er geparkt hat, schweigt Carik noch immer.

 

"Setz dich", bittet Carik mich und ich nehme am Tisch Platz.

"Händige mir bitte Linse, Ohrstöpsel und Armband aus. Wir brauchen es, um die Daten vollständig auszulesen. Wir wollen diese Situation genau untersuchen. Ich gebe sie ihm also verwundert.

Nun geht er ins Bad und kehrt kurz darauf wieder zurück.

"Hör mir zu", sagt er, "Wie du vielleicht vermutet hast, habe ich nun ebenfalls keine Überwachungstechnik mehr bei mir. Wenn du mir irgendetwas zu erzählen hast, dann tu es jetzt." Verblüfft starre ich ihn an. Ist das ein Trick? Allerdings kann ich wirklich weder Linse, noch Ohrstöpsel, noch Armband entdecken. Aber er hat einen hohen Rang im Staat, warum sollte er diesen wegen eines Mädchens wie mir riskieren? Ich mustere ihn kurz. Er weicht meinem Blick nicht aus. Schließlich atme ich tief durch und alles bricht hervor. Die Worte kommen unkontrolliert aus mir heraus. Immer schneller, immer mehr, wie bei einem brechenden Staudamm. Ich erzähle von meiner Familie, wie sie und die Pannonier angefangen haben, mit dem Staat zu kooperieren. Ich berichte ihm von Naan und unseren Freunden, dem Leben im Nicht-Staat und wie sehr ich den Staat hasse und dass ich sie unbedingt retten muss. Plötzlich stoppe ich.

 

Carik fehlen die Worte. Ich bemerke, was ich ihm alles verraten habe und rücke verzweifelt mit dem Stuhl zurück. Nach einer Weile schluckt Carik und sagt: "Du scheinst kein schlechter Mensch zu sein. Aber das, was du vorhast, ist sehr gefährlich und strengstens verboten." Ängstlich sehe ich ihn an. Es scheint, als würde er mich nicht an den Staat verraten.

Doch dann öffnet er seinen Mund und ich kann kaum glauben, was ich höre: "Ich werde dir helfen." Mein Mund klappt auf. Carik? Warum möchte er mir helfen?

"Danke", stottere ich, bin so baff, dass ich keine Antwort herausbringe und gehe stumm, von Verwunderung erstarrt auf mein Zimmer. Was um alles in der Welt, war das gerade? Er ist wie…ausgewechselt. Oder war er jemals anders? Hat er sich vielleicht die ganze Zeit über verstellt und auf den rechten Moment gewartet?

Ich muss Kris davon erzählen! - Sobald er daheim ist.

Kraftlos sinke ich auf mein Bett. Jetzt muss ich diese Situation erstmal verarbeiten.

 

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Der Staat Kapitel 37

30. April 2062, 18:21, Wien, Wohnsitz der Flammenwolfs

 

"Ihr drei, kommt mal her!", ruft Carik Tihana, Aran und mich gewollt gelassen, aber im Unterton angespannt ins Wohnzimmer: "Ich muss mit euch sprechen!"

Tihanas Augen nach zu schließen, macht sie sich irgendwelche Hoffnungen.

Aran steht einfach ausdruckslos auf. Ich meinerseits überlege fieberhaft, ob das etwas mit dem zu tun hat, was Tihana da heute in der Klasse getan hat. Demzufolge, was sie mir erzählt hat, kaum, dass ich heimgekommen bin, könnte es natürlich auch etwas mit einem Befreiungsversuch für Naan zu tun haben…

In einer schönen Reihe stellen wir uns vor unseren auf der Couch sitzenden Vormund, schauen ihn erwartungsvoll in Tihanas und meinem und gleichgültig in Arans Fall an.

"Lasst es mich kurz machen", setzt Carik mit einem überhörbaren Seufzer der Erleichterung an und richtet sich auf: "Wir werden verreisen."

So, nun eint Überraschung unsere drei Gesichter. Also erklärt Carik freundlich, sachlich, irgendwie leicht monoton: "Kris und Tihana brauchen eine Auszeit, für dich Aran, sowie Milet, welcher uns ebenfalls begleiten wird, ist das eine gute Übung, und außerdem seid ihr vier vor wenigen Minuten in die Liste für die Kandidaten der Außendienstabteilung des V-Kommandos aufgenommen worden. Da müsst ihr natürlich die Welt dort draußen kennenlernen."

Ratlos schauen wir drei uns an. Kommt da sonst noch etwas?

"Packt eure Sachen. Morgen bricht ein Konvoi nach Süden auf, wir wurden ihm zugeteilt. - Jeder packt mindestens drei Garnituren Kleidung plus die Trainingsausrüstung plus eure V-Kommando-Uniformen ein, welche ich euch gleich bringen werde."

Das ist jetzt mehr oder weniger ein Befehl gewesen, weshalb wir nacheinander den Raum verlassen. Zumindest Aran und ich, Tihana hält im Türrahmen an, geht noch einmal zurück zu Carik. Jener liest ihr die Frage, welche wohl schon die ganze Zeit über auf der Zunge brannte, aus den Augen ab und schüttelt nur leicht den Kopf.

Ein einzelner, unterdrückter Schniefer von Tihana, ein gehauchtes: "Okay…"

Ein gequälter Blick von Carik. Es wirkt, als wolle er ihr tatsächlich helfen, könne aber genau in diesem einen Punkt nichts für sie tun. Was auch immer diese Sache sein mag…

Je zwei hängende Schultern von ihr und mir. Sie so zu sehen, stimmt einen einfach unweigerlich ebenfalls traurig.

Wir schleichen zu unseren Zimmern.

Okay, drei Garnituren, plus Sportbekleidung, Schuhe nicht vergessen, dann die zwei Uniformen, welche mir Carik keine Minute nach unserem Gespräch überreicht, eine standard-schwarz, eine olivgrün, das Foto von meiner Familie mit dem Fleck von Mutters Träne in der linken unteren Ecke.

Reißverschluss zu und neben der Tasche auf das Bett setzen.

Ich brauche einen Moment Verschnaufpause. Die Ereignisse der letzten Tage überschlagen sich. Und jetzt auch noch das! - Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, den Staat zu verlassen, aber es ist eine weitere Sache, die sich so gar nicht mit meiner Gewohnheit von geplanten, vorhersehbaren Abläufen vereinbaren lässt. Zwei Punkte lassen mich bei diesem Gedanken stocken. Erstens: Planung mag schön und gut sein, aber sie nimmt einem stückchenweise, ganz heimlich, still und leise die Freiheit. Zweitens: Der Staat bedeutet Planung und Routine und ich werden ihn jetzt verlassen - wenn ich also Planung wollte, könnte ich auch hierbleiben. Aber das werde ich nicht.

Trotzdem ist da irgendwo das Gefühl von Unsicherheit in mir, welches mich davor warnt, bekanntes Terrain zu verlassen.

 

Carik klopft an meine Zimmertür: "Bist du fertig?"

"Sofort", melde ich mich rasch zurück und stecke noch schnell das Tablet ebenfalls in die Reisetasche. Dann stehe ich auf, streiche mir meine Schuluniform zurecht, ergreife die Tasche und öffne die Tür.

"Bereit", verkünde ich.

Carik nickt zufrieden und geht in Richtung der Eingangstür, direkt gefolgt von Aran, Tihana und mir.

Wie üblich bleiben die Wachen nicht stehen, sondern folgen uns direkt auf den Fersen. Einer von ihnen fährt den Wagen vor, wir laden ein, steigen ein.

"Zum Treffpunkt", befiehlt Carik in seinem gewohnten, kalten, widerspruchzerschmetternden Kommandotonfall.

Zur Antwort setzt sich das Fahrzeug in Bewegung.

 

Wir halten neben einem großen, stählernen Tor. Der Fahrer lässt den Motor laufen, hält beide Hände am Lenkrad, bereit, jeden Moment weiterzufahren.

Nun schiebt sich der Stahl langsam zur Seite und ein Konvoi von drei Fahrzeugen derselben Bauart wie unseres, kommt heraus, woraufhin auch wir uns wieder in Bewegung setzen. Hinter uns reihen sich unverzüglich zwei weitere Wagen vom Tor her ein.

So rollt die Kolonne von sechs großen Militärautos die Straßen Wiens entlang.

"Milet befindet sich in dem Wagen vor uns", informiert uns Carik über die Schulter.

 

Das Passieren des Grenzüberganges geht recht schnell vonstatten. Männer und Frauen des Militärs durchsuchen uns, wie auch das Gepäck und die Fahrzeuge an sich, überprüfen unsere Identität und kontrollieren die Transmitteranlagen der Militärautos - Kommunikation soll schließlich immer möglich sein.

 

Wenige Minuten nach der Grenze dreht sich Carik zu uns um und erklärt: "Die Linsen, die Armbänder und die Ohrstöpsel haben ab jetzt keinen Kontakt mehr zum Hauptquartier. Und selbst wenn sie noch Verbindung hätten, könnten sie trotzdem keine Unterstützung von Wien her aussenden, weil die Entfernung einfach zu groß ist. Das heißt, diese Ausrüstung ist hier draußen so gut wie nutzlos. Ihr werdet stattdessen richtige Funkgeräte und Tracker bekommen, sobald wir angekommen sind, sodass wir uns hier draußen untereinander zumindest noch koordinieren können. - Ihr solltet also das Zeug eigentlich gleich ablegen, gebt sie am besten hier in diesen Beutel", meint er und hält uns einen kleinen Plastiksack hin: "Ihr werdet ohnehin neue bekommen, wenn wir zurück sind."

Also tun wir, wie geheißen. Eine andere Beschäftigung gibt es ohnehin nicht auf dieser Fahrt. - Mal abgesehen von dem Vortrag über die Pannonier, zu dem Carik jetzt ansetzt.

Sie sind also eine locker organisierte Truppe von Menschen, welche sich besonders darauf versteht, Nahrungsmittel anzubauen. In der Frühphase des Staates verließen sie ihn, um ein eigenes Gebiet zu besetzen, welches sie kaum bis gar nicht verwalten. Auch dort hat jeder Bürger eine Aufgabe, hat aber vollkommen Freiheit, wie genau er diese ausführt. Wenn jemandem seine Arbeit nicht mehr gefällt, bekommt er eben einen neuen Job. Weiters dürfen sich die Menschen frei bewegen und im Prinzip tun und lassen, was sie wollen, solange sie gegen kein Gesetz verstoßen. Die Beziehungen zwischen Staat und Pannoniern fußen auf dem Handel Technik gegen Nahrung. Wir verkaufen ihnen Maschinen und Gerätschaften, wofür wir dann Nahrungsmittel aller Art erhalten. Damit dies reibungslos abläuft gibt es einen 'Vorort' genannten Bereich, von welchem aus die Händler und Botschafter des Staates agieren. In diesem 'Vorort' herrschen Staat-Verhältnisse light. Überwachung ja, Kontrolle eher weniger. Dort arbeiten wohl auch Tihanas Eltern.

Und als wir durch das Maschendrahttor des 'Vorortes' fahren, zieht diese unwillkürlich den Kopf ein.

 

Geordnet, als hätten sie es schon gut tausend Mal gemacht, steigen die Soldaten und einige Mitglieder des V-Kommandos aus den Wagen rings um uns herum aus, entladen im letzten Licht der Sonne ihr Gepäck und marschieren anschließend in kleinen Gruppen in alle Himmelsrichtungen von dannen.

Milet stellt sich zu uns. Eskortiert von den zwei Wachen marschieren wir Carik hinterher zu unserem Quartier. Ein kleines, weißes, zweistöckiges Haus mit einigen großen Fenstern. Tihana bekommt ein Einzelzimmer, Carik und Aran sowie Milet und ich als auch die Wachen teilen uns jeweils eines.

 

Durch die dünne Zwischenwand schnappe ich einige Worte Cariks an Tihana auf: "Deine Eltern meinen, sie wollen dich sehen." Es ist mehr eine Frage, als eine Aussage.

Ihre Nicht-Antwort ist auch eine. Also nein - sie will definitiv nicht.

"Ich werde es ihnen mitteilen lassen", beendet Carik den kurzen Wortwechsel. Ich höre eine Tür auf und wieder zugehen. Erschöpft von der Reise fallen mir die Augen zu.

 

Am Tag nach unserer Ankunft klopft jemand an unserer Tür, reißt mich aus meinem Halbschlaf und Milet aus seinen Gedanken.

"Ja?", möchte dieser erfahren.

"Der Kommandant schickt mich", antwortet eine relativ junge Stimme, welche vermutlich einem Jugendlichen gehört.

Gemütlich geht Milet an die Tür, während ich mich aufrichte und wieder einmal meine Schuluniform glattstreiche. Er öffnet und lässt den jungen, braunhaarigen, braunäugigen Mann ein, welcher vielleicht siebzehn, achtzehn ist und eine V-Kommando-Uniform in olivgrün trägt.

"Guten Tag", begrüßt er uns, stellt sich händeschüttelnd vor: "Mein Name ist Taro und ich bin für heute euer Guide. Ich soll euch ein wenig die Gegend zeigen." Taro ist nicht mit dem Konvoi gekommen, da bin ich mir sicher. Er ist also schon ein wenig länger hier. Also ideal, um meine Fragen bezüglich der Pannonier zu beantworten.

 

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Der Staat Kapitel 38

1. Mai 2062, 8:32, Vorort, Quartier des V-Kommandos

 

Ich war allen Ernstes in der Annahme, in der Schule des Staates alles Wichtige über die Welt um mich herum zu lernen. Und nun muss ich mitansehen, wie jeder einzelne Schritt hinter Taro her mir mehr beibringt als eine halbe Stunde Unterricht - was sich auf einem Zwei-Stunden-Marsch natürlich aufsummiert…

Gut neunzig Prozent von diesen Pflanzen rund um mich herum sollen also essbar sein? Doch gemessen an der geringen Anzahl an giftigen, welche Taro Milet und mir nennt, beginne ich dieser Aussage zuzustimmen. Wobei anzumerken sei, dass das meiste zwar genießbar, aber nur bedingt schmackhaft ist - bestenfalls hat vieles den Geschmack von Papier.

Wenigstens verstehe ich jetzt, wieso wir hier olivgrüne Uniformen tragen sollen. Der 'Wald' rund um uns herum ist grün und dort, wo der Schatten hinfällt, eben dunkelgrün, also bietet unsere Kleidung eine perfekte Tarnung im Ernstfall.

Bäume bieten außerdem gute Aussichtspunkte, vor allem 'Eichen' wegen ihrer bis in die 'Krone' hinauf dick bleibenden Äste, sodass man sie gut erklimmen kann.

Mit einem Mal endet der Wald und wir stehen auf einer Anhöhe, sehen unter uns eine sehr weitläufige, grüne Fläche. In regelmäßigen Reihen, mit regelmäßigen Abständen dazwischen, wächst eine regelmäßige Anzahl von kleinen, grünen Pflänzchen.

"Weizen", will Taro den Anblick mit einem einzelnen Wort beschreiben, fügt unserer Blicke wegen hinzu: "Das sind die Pflanzen, welche den Grundstoff für euer Brot liefern. - Und seht ihr da hinten den Mann auf seinem Traktor?" Ein älterer, untersetzter Herr in schäbiger, stabil wirkender Kleidung fährt auf einem unförmigen, lauten Gefährt am anderen Ende der begrünten Fläche entlang. Von der Ferne winkt er Taro zu, welcher antwortet und dann weiter erklärt: "Das ist der Bauer, der dafür Sorge trägt, dass sich diese Pflanzen gut entwickeln."

So viele neue Dinge mehr zeigt er uns. Alles, was wichtig ist, um sich im Nicht-Staat zurechtzufinden, sich mit den Bewohnern zu verstehen.

 

Kaum dass wir zurück durch das Maschendrahttor schreiten, vernehmen wir eine wunderschöne Stimme den gesamten Vorort erfüllen. Die Leute verharren für einen Moment, lauschen Tihanas Lied. Wie eine sich aufbauende, unsichtbare Mauer vor mir, stoppen mich die ersten Töne, welche ich vernehme:

 

So sind wir nicht allein

Wenn sie unsre Leben rauben

Unsre Seelen bleiben frei

Denn auf darauf habe ich Vertrauen

 

Krampfhaft löse ich mich aus meiner Starre, suche mit meinem Blick nach ihr, doch kann nur der Melodie folgen. Unbewusst setze ich mich in Bewegung, halte auf den Gesang zu. Dann entdecke ich sie, wie sie da oben steht auf einem Balkon, die Augen starr geradeaus auf den Horizont zu. Ihr Gesicht ist nichts als eine kalte Maske der Ablehnung gegenüber den zwei Personen - ihre Eltern aller Wahrscheinlichkeit nach - am Eingang des Hauses. Deren Stimmen, Versuche mit ihrer Tochter zu sprechen, werde von ihrem Gesang einfach fortgewischt, wie ein einzelnes Blatt von einem ausgewachsenen Sommergewitter.

 

Dass dieser Bund unendlich sei

Deine Stimme in meinem Herz

Dein Lachen in meinen Ohren

Pures Glück, kein Schmerz

 

Gebrochen wenden sich Tihanas Eltern ab, gehen ihrer Wege, mit dem Schmerz in ihren Herzen, der aus dem ihrer Tochter gewichen ist.

Sie tun mir leid. Solange, bis ich mich an Tihanas Geschichten über die beiden besinne.

 

Nachdem sie geendet hat, legt sich für einen kurzen Moment, so vergänglichen, wie ein Sandkorn auf der Wasseroberfläche, vollkommene Stille über den Ort, hüllt ihn ein, wie schwerer Samtstoff.

 

Abendessen.

Carik, Tihana, Milet, Aran und ich sitzen alleine in einem getrennten Zimmer. Ein Kellner trägt auf.

Der Kommandant beginnt beiläufig, zwischen Suppe und Schnitzel ein Gespräch: "Wie war euer erster Tag hier?"

"Lass es mich so ausdrücken", stoße ich vor: "Mir fehlen die Adjektive dafür. Es ist…", breche ich ab, überwältig von dem Gedanken an diese Freiheit, dieses Glück, diese sich langsam stillende und selbst wiederaufbauende Neugierde.

Tihana hilft mir begeistert aus: "Ich weiß! - Keine Sprache der Welt kann dieses Gefühl beschreiben!"

Kein-e Sprache?

"Keine Sprache? - Soll das heißen, die Leute reden woanders nicht so, wie wir?", stutze ich.

"Nein", antwortet Carik, schluckt hinunter, fährt fort: "Ist dir noch nicht aufgefallen, das Tihana und Taro die Worte anders betonen, als Milet, oder Aran, oder du, oder ich?"

"Hm…", überlege ich.

"Norisch ist nicht unsere Muttersprache, nicht die Sprache, die wir von klein auf gelernt haben", fügt Tihana an: "Wir reden hier Pannonisch. - Der Unterschied ist nicht so groß, aber doch da."

"Wie klingt das?", macht Aran zum ersten Mal, seit unserer Ankunft hier den Mund auf.

Auf den ersten Blick fremde Töne kommen über Tihanas Lippen.

Sie hat Recht, es klingt sehr ähnlich, aber die Wörter ergeben keinen Sinn für mich.

Carik erwidert prompt etwas, gebrochen und mit gut fünf 'ähs' darin, aber doch.

Erstaunt setzt Tihana die Konversation fort.

Jetzt wechselt der Kommandant prompt zurück ins Norische: "Mir geht es auch gut, danke", nickt ihr wohlwollend zu, zwinkert.

"Ja…gut…", murmle ich skeptisch mit einem "Was-zum?"-Unterton.

"Und, was machen wir morgen?", lenkt Milet das Gespräch, ohne es bewusst zu wollen, zu einem anderen Thema.

"Morgen…", startet Carik.

"…zeige ich euch die Landschaft hier. Ich kenne ein paar wirklich coole Plätze!", platzt Tihana dazwischen.

"…werden Aran und Milet sich die Arbeit hier im Vorort ansehen, sowie beginnen, diese zu erlernen. - Eine sehr interessante Sache. - Wohingegen, Kris mit Tihana gehen wird und sich das eigentliche Pannonien zeigen lassen wird", endet Carik mit einem kurzen, aber bestimmten Blick zu meiner 'Schwester'.

Bin ich der Einzige, der meint, dass ich es am besten getroffen habe? Aran und Milet zumindest wirken so, als wären sie froh, hierbleiben zu dürfen.

 

Nach dem Abendessen klopft es an meiner Zimmertür. Schlaftrunken öffne ich, schaue in Tihanas Gesicht, welches im Halblicht der Nachtbeleuchtung so verändert wirkt, wie eine kleine, zarte Blume vor und nach dem Sonnenaufgang. So wie immer und trotzdem so viel besser.

Schüchtern hält sie ihre Hände hinter dem Rücken.

"Hm?", mache ich fragend, will wissen, was sie möchte.

"Hier", überreicht sie mir etwas zurückhaltend und unsicher ein rotes Baumwoll-T-Shirt, eine grüne Outdoor-Sport-Jacke und eine dunkelblaue Jeanshose.

"Hä?"

"Für morgen. Das trägt man hier, wenn man nicht gerade ein Staatsangestellter ist, oder sonst etwas mit Wien zu tun hat…", meint sie, jetzt etwas selbstbewusster, die Augenlieder aufschlagend: "Ich hoffe, es passt dir. Ich konnte die Größe nur schätzen…"

Probehalber halte ich mir das Shirt vor die Brust.

"Ach, Mist", murmelt Tihana: "Zu weit…"

"Hm", kommentiere ich: "Nicht so schlimm. Eigentlich doch vollkommen egal, oder nicht?" Ich hatte noch nie Kleidung, welche nicht genau passte. Das ist neu. Und neu ist interessant. Wie es sich wohl anfühlt?

"Nein. Ich hätte…", bricht sie ab, schaut mir in die Augen, bemerkt, es stört mich wirklich nicht, ich bin ja sogar eher froh darüber. Mal vollkommen abgesehen von dem, dass sie sich die Mühe gemacht hat, Gewand für mich zusammenzusuchen.

Unruhig trippelt sie herum, schaut mich noch immer unsicher an.

"Gute Nacht", wünsche ich ihr, auch zur nochmaligen, positiven Bestätigung ihrer Handlungen, hänge ein: "Danke", an und streiche ihr über die Haare, fahre hinter ihrem Ohr bis zum Unterkieferansatz, lasse meine Hand sinken.

"Gute Nacht", seufzt sie, schaut meinen Fingern hinterher, welche sich verkrampft und verwirrt über mich selbst an den Türrahmen legen.

 

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Der Staat Kapitel 39

2. Mai 2062, 7:11, Vorort, Quartier des V-Kommandos

 

Zaghaft dringen Tihanas Worte durch den Spalt des gekippten Fensters: "Kris? Kris, wach auf."

Milet neben mir brummt irgendetwas.

Gewohnt zügig spanne ich die Bauchmuskeln an, richte mich auf und schaue durch die Glasscheibe zu meiner 'Schwester' hin.

"Komm, wir gehen los", wispert sie begeistert, auffordernd lächeln.

Eilig schlüpfe ich in das Gewand, welches sie mir gestern Abend vorbeigebracht hat, Shirt, Hose, Jacke dazu die Stiefel des V-Kommandos, putze mir die Zähne und versuche das ausgefallene Duschen mit einer Ladung Deo zu übertönen, stecke noch rasch das Funkgerät und den Tracker ein. Dann öffne ich das Fenster, klettere zu ihr hinaus, kralle mich im ersten Moment auf dem schmalen Fensterbrett fest, folge ihren Bewegungen mit den Augen und tute es ihr dann gleich: Einen Stock hinunter auf das nächste Fensterbrett, von dort auf ein niedriges Vordach und dann die letzten zwei Meter an der Regenrinne hinunter.

Jetzt endlich komme ich zu meiner Frage: "Wieso so früh?"

Die Sonne ist zwar schon lange aufgegangen, kommt trotzdem noch nicht wirklich durch den dünnen Nebelschleier, der in der Luft und zwischen den Bäumen ringsum hängt.

"Weil", haucht sie verschmitzt, schelmisch.

Daraufhin verdrehe ich nur die Augen, bringe sie zum Kichern und spurte ihr hinter, wie sie da beginnt in Richtung Süden zu laufen.

Nach zwei Biegungen in dem noch menschenleeren Vorort stehen wir vor einem zweirädrigen Gefährt. Aus zwei links und rechts vom Hinterrad montierten Boxen holt sie zwei Helme hervor, drückt mir einen in die Hand.

"Aufsetzten", meint sie mit einer solchen Sicherheit und Vorfreude, dass ich gar nicht dazu komme, mich zu wundern.

"Aufsitzen", kommandiert sie weiter und schwingt sich hinter die Lenkstange. Es ist ein Gefährt, soweit bin ich mir im Klaren, aber was für eines? Sieht aus, wie ein halbes Auto.

Kaum drückt mein Gewicht auf die Stoßdämpfer und halte ich mich an ihr fest, gibt sie Gas und gleichmäßig schnurrend zieht der elektrische Motor an.

 

Es ist ein einmaliges Gefühl.

Fahrtwind auf den Oberarmen. Tihanas roter Pferdeschwanz flatternd vor mir. Die vorbeiziehende Landschaft, die Wälder, Wiesen, Bäche, Äcker. Der kraftvolle Motor unter uns. Tihanas Hüfte unter meinen Händen.

Freiheit. Glück. Vollkommenheit. - LEBEN!

 

Knirschend drücken die Reifen die Kieselsteine der unbefestigten Straße in den Boden, arbeiten sich voran, den Hügel hinauf. Auf einer Anhöhe lässt Tihana das Gefährt ausrollen, stellt den Motor ab und lehnt es an einen Baum, legt ihren Helm daneben. Ich tue es ihr gleich.

"Komm", fordert sie mich auf, führt mich an die vordere Kante des Plateaus.

Eine weite, neue Welt öffnet sich mir.

Ein Wald mit Bäumen, stark genug, den Himmel zu tragen.

Ein Acker, bis an die Grenzen des Horizonts.

Ein Himmelblau, so kräftig, als würde ihn die Freiheit blau anstreichen.

Eine Stadt so groß und doch so klein, mit Häusern so unzählig wie Grashalme und so verstreut wie Felsen im Wald.

Stumm starre ich hinunter von dem Hügel, versuche alles in einem Mal aufzunehmen, scheitere kläglich an der schieren Menge von Eindrücken und unbeschreiblichen Gefühlen.

Kein Wort kommt über meine Lippen, obwohl es so viel zu sagen gäbe - so weit weg trägt dieser Anblick mein Bewusstsein.

 

Entspannt lehnen wir an einer alten Eiche, kauen auf zwei Stück Brot und je einem Apfel herum und genießen die Sonne, den Ausblick, die Wolkenformationen, die Bäume, das Rascheln der Blätter im Wind, die sanfte Brise auf unserer Haut.

"Hier kommst du also her", breche ich bemerkend das angenehme Schweigen.

"Wusste ich doch, es würde dir gefallen", meint sie zufrieden, schaut mich an, überprüft ihre Annahme und fühlt sich bestätigt.

"So schön es hier oben auch ist", murmelt sie beiläufiger als ein kleiner Bach mit mehr Bedeutung als eine Parlamentsentscheidung: "Es ist nicht das Einzige, was ich dir zeigen wollte." Ich spüre, sie einige Muskeln anspannen, so als wolle sie aufstehen. Aus einem Impuls heraus lege ich ihr eine Hand auf die Schulter und halte sie sanft zurück. Worte braucht es nicht und würden dem Augenblick auf nur zerstören. Erst skeptisch, dann zufrieden lehnt sie sich wieder zurück.

 

Ich muss wohl eingedöst sein, denn die Sonne steht nun auf etwa Nachmittagsstand. Noch etwas benommen drehe ich mich auf die Seite, richte mich auf, suche mit verschwommener sicht die Stelle unter der Eiche ab. Brotkrümel, zwei eingedrückte Stellen im Gras, zwei Apfelstängel im Gebüsch…

Ich atme tief durch. Schließe die Augen, schüttle mich, versuche, diese erdrückende Mattigkeit loszuwerden.

Augen auf, noch mal hinsehen.

Keine Tihana. Tatsächlich.

Schneller, als es mein langsam zu schmerzen beginnender Kopf möchte, fahre ich herum und… Mir wird für einen Moment schwarz vor Augen und ein Schwindelgefühl packt mich, zwingt mich zu Boden.

Wieder schüttle ich mich und sehe nur zwei Spuren aber nicht dieses Fahrzeug.

Hä?

Kraftlos kippe ich um, lande unsanft mit dem Hinterkopf auf einigen Ästen, welche sofort laut knackend zerbersten. Kopfweh…doppelt.

Was ist bloß los mit mir?

Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht mit meinem Körper und Geist. - Tief durchatmen, frische Luft - neuen Schwung - aufnehmen und wieder aufstehen.

Ich fühle mich…müde, benommen, verwirrt… - Und: Tihana ist verschwunden!!!

Wie um diese Schicht von Watte und Gummi zu durchbrechen, welche meinen Geist einhüllt, kratze ich mich am Kopf, fühle Blut an meinem Genick. Diese Äste…muss wohl ein stärkerer daruntergelegen sein… Verdammt!

Was soll ich tun?

Alleine, planlos, verloren.

Unbewusst fahre ich in meine Jackentasche, will meine Finger schließen, doch sie greifen ins Leere. Hektisch taste ich mich am ganzen Körper ab, blicke mich zu schnell um: mehr Kopfweh - und trotzdem kein Funkgerät!? Tracker? - Auch nicht! Entkräftet sinke ich zurück zu Boden, lehne mich wieder an die Eiche.

Hä? Ich habe doch beides heute Morgen eingesteckt!

Jetzt erst bemerke ich eine dünne, bereits trockene Blutspur auf dem Rücken meiner linken Hand. Das war kein Ast - und auch kein Stein. Nein, dafür scheint die Wunde viel zu klein. Neugierig und irgendwie panisch kratze ich den Schorf weg, lege eine winzige Einstichverletzung frei.

von einer Nadel.

Ich wurde betäubt, vergiftet, narkotisiert, eingeschläfert - Was auch immer.

Ich muss zurück zum Vorort - irgendwie.

Ich muss… - keine Ahnung, was muss ich?

Was tue ich denn jetzt?

 

 

 

 

 

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Der Staat Kapitel 40

2. Mai 2062, Nachmittag, Pannonien, südlich des Vorortes

 

Wir sind auf einer Straße hierhergekommen. Also führt mich ebenjene auch wieder zurück zum Vorort. Gut.

Wir sind nicht lange gefahren, nur etwa fünfzehn Minuten. Die Distanz ist also auch nicht besonders groß. Maximal zwanzig, fünfundzwanzig Kilometer im schlimmsten Fall.

Marschrichtung ist klar. Immer schön nordwärts halten, die Sonne auf der linken Schulter.

Was ist passiert? - Ich weiß es nicht.

Im einen Moment bin ich neben Tihana unter dieser Eiche gelegen, habe mit ihr gejausnet, dann im nächsten Augenblick wache ich auf mit verschwommener Sicht, Kopfweh, fühle mich benommen und habe eine Einstichwunde auf dem Handrücken. Was alles darauf hindeutet, dass man mich mit irgendwelchen Mittel ausgeknipst hat.

Und das Schlimmste ist wohl nicht meine Betäubung, sondern, dass es außer Tihana niemand hätte sein können.

 

Wenn ich nicht bald Hoffnung schöpfen kann, endlich anzukommen, kann ich es vergessen, noch heute mit Carik oder überhaupt irgendjemandem sprechen zu können. Auch wenn die Sonne bestimmt noch für mehr als vier Stunden Licht spenden wird, werde ich nicht für länger als zehn Minuten weitergehen können.

Das ist eben das Fiese an Gift: Es ist nicht so, dass man hinterher aufwacht und alles ist vorbei - nein.

Diese Substanzen haben ein langes, kräftezehrendes Nachspiel.

Wobei mir auffällt, ich lebe ja noch. Also wollte sie mich bestimmt nicht töten, was wenigstens eine gute Sache in einem Heuhaufen schlechter ist. Fragt sich nur noch, was überhaupt ihr Motiv war?

Wollte sie abhauen? - Definitiv.

Wollte sie alleine sein? - Hm. Möglich.

Will sie zurückkommen in den Vorort? - Niemals.

 

Entkräftet sinke ich auf die Knie und rolle mich zwischen den Wurzeln einer großen Eiche zusammen.

 

Stimmen in der Dunkelheit hallen in meinem Kopf wider. Lichter brechen zwischen den Bäumen durch, verengen meine Pupillen. Schritte trampeln über den Waldboden, brechen die nächtliche Ruhe.

"Dort!", rufen sie: "Dort vorne muss er sein!"

Sie kommen. Wie gerne würde ich mich aufrappeln, ihnen furchtlos entgegentreten. Wer auch immer da kommen mag, mit denen werde ich auch noch fertig.

"Hier ist er", schreit einer, dreht mich auf den Rücken.

Ich kenne ihn.

Sie wollen mir nichts Böses! Kris, reiß dich zusammen!, bringe ich mich selbst zur Vernunft.

Milet. Aran. Carik. Das V-Kommando.

"H…hal…lo", bringe ich müde, erschöpft hervor. Carik richtet seine Taschenlampe auf meine Augen, zieht meine Lieder auseinander: "Hm. Pupillen scheinen okay. Aber…"

"Kris, was ist passiert?", wagt Aran einen vorsichtigen, schonenden Vorstoß.

"Betäubt…Tihana abgehauen…", murmle ich, möchte gerne mehr sagen, aber fühle mich, als wären meine Lippen aus purem Blei.

"Kommt, wir bringen ihn zurück", befindet Carik für das Beste. Ich kann kaum die Schlitze zwischen meinen Augenliedern offenhalten. Kräftige Arme packen mich, tragen mich aus dem Wald zur Straße hin, hieven mich auf die Rückbank eines Militärfahrzeuges. Dann fallen meine Augen vollends zu.

 

Ein weiß gestrichener Raum, vor dem gekippten Fenster lässt ein Ahorn einzelne Sonnenstrahlen durch, Vogelgezwitscher dringt herein. Ein weiches Bett unter mir, mit einer warmen Decke und einem großen Polster.

Ein stabiler, angenehmer Verband um meinen Kopf, ein Pflaster auf meinem linken Handrücken, eine Infusion an meinem rechten Arm.

Ein Krankenhaus?

Probehalber versuche ich, mich aufzurichten, sinke jedoch müde wieder zurück. Eines aber spüre ich: meinen Körper habe ich wieder völlig unter Kontrolle.

Außer mir ist hier niemand, Platz wäre auch kaum, der Raum hat vielleicht zehn Quadratmeter. Wo sind Carik, Aran und Milet? Ich…möchte…keine Ahnung, was will man in einer Situation, wie der meinen? - Klarheit? Antworten? Sicherheit?

Ja. Ich möchte Antworten. Nicht nur von Carik, sondern vor allem von Tihana.

Kraftvoll lege ich die Decke zur Seite - und muss erkennen, dass man mir nur die Unterhose gelassen hat. In diesem Aufzug kann ich wohl schlecht hier herumgehen und nach meinen Freunden suchen. Wobei das ja eigentlich auch nicht mehr nötig ist, da in diesem Augenblick die Türklinke hinuntergedrückt wird.

Eilig ziehe ich die Decke zurück, lasse mich in das Kissen sinken und erwarte den Besucher mit einem fragenden Blick.

Zwei Personen erscheinen: Carik und eine Ärztin.

"Wie fühlst du dich?", möchte mein 'Vater' sofort erfahren.

"Eigentlich gut. - Darf ich aufstehen?", wende ich mich an die Frau, welche den Stand der Infusion und den eines angeschlossenen Blutscanners überprüft.

"Ja", nickt diese nur nachdenklich, schaut weiterhin auf die Anzeige des Messgerätes, murmelt dann in Cariks Richtung: "Das Zeug hätte ihn umbringen können, wenn er nur eine Spur mehr davon abbekommen hätte…"

"Nicht hier", wehrt dieser eine weitere Diskussion ab, rechnet aber nicht mit mir: "Was ist überhaupt genau passiert?"

"Du wurdest mit einem Cocktail aus diversen Chemikalien betäubt, darunter vermutlich Stoffe, die wir der Gruppe der 'Tranquilizer' zuordnen. So genau kann ich das zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Entweder du hattest großes Glück, oder dein Angreifer wusste genau, was er tat. Denn wie gesagt, es hat nicht viel gefehlt und ich hätte deinen Leichenschein ausstellen dürfen", erklärt die Ärztin mit so wenig Wimpernzucken wie es nur geht. Naja, ist in ihrem Beruf wahrscheinlich wichtig, sich emotional vollkommen abzuschotten…

Nun möchte ich endlich aufstehen, besinne mich zum Glück noch früh genug: "Ähm…ihr…hättet nicht zufällig etwas Anzuziehen für mich?"

"Hier", meint die Ärztin, kramt kurz in einem Koffer, der außerhalb meines Sichtfeldes unter dem Bett steht herum und drückt mir dann meine schwarze V-Kommandouniform in die Hand. Anschließend nimmt sie noch den Infusionsschlauch von meinem rechten Arm weg, entfernt sich mit Carik aus dem Raum.

Wenige Augenblicke später trete ich zu ihnen auf den Gang, womit meine Vermutung um meinen Aufenthaltsort vollends bestätigt wird. Ich bin hier im 'Krankenhaus' des Vorortes, was mehr eine Zehn-Bett-Krankenstation ist.

"Sehr gut", kommentiert Carik, bedeutet mir, ihm zu folgen. So lassen wir die Ärztin hinter uns zurück und marschieren in das Verwaltungsgebäude des Vorortes.

Geschäftig laufen einige Staatsangestellten hin und her, gehen ein und aus. Wir steuern schnurstracks auf eine schwarze Tür mit der Aufschrift 'Kommandozentrale' im zweiten Stock des Gebäudes zu, welche sich auf Cariks Fingerabdruck hin unverzüglich öffnet.

An der V-Kommandofrau und den drei Soldaten vor einer Vielzahl an Bildschirmen vorbei führt der Kommandant mich in einen Nebenraum, der einer Verhörkammer ähnelt, jedoch durch das große, getönte Fenster, die kraftvolle Deckenlampe und die zwei Holzstühle am Holztisch wesentlich einladender wirkt. Wir nehmen Platz.

"Erzähl mir, was passiert ist", fordert Carik mich auf. Und ich erzähle. Ausflug, Essen, Schwarz, Benommenheit, Rückweg unter Nachwirkungen.

"Aha…", murmelt der Kommandant nachdenklich, will bestätigt haben: "Du weißt also definitiv nicht, wer dich betäubt hat? - Vermutest aber, dass es nur Tihana gewesen sein könnte?" Ich nicke.

"Dein Funkgerät und Tracker wurden beide zerstört aufgefunden", berichtet nun er: "etwa zweihundert Meter von diesem Platz unter der Eiche, den du beschrieben hast. Bis exakt zwölf Uhr fünfzehn hatten wir ein Signal von Tihana und dir, dann auf einmal nichts mehr. - Du vermutest also, du bist um etwa zehn Uhr eingeschlafen?" Ich nicke.

"Dann wurdest du aller Wahrscheinlichkeit nach im Schlaf betäubt. Wann bist du nochmal aufgewacht?"

"Mitte Nachmittag, vielleicht Anfang später Nachmittag."

"Hm", macht Carik. Eine lange, erdrückende Pause entsteht.

Nach einigen Minuten der vollkommenen Stille, welche mir und meinem geschundenen Körper irgendwie guttut, öffnet der Kommandant seinen Mund und verkündet: "Wir werden der Sache auf den Grund gehen." Er greift nach seinem Funkgerät: "Ich will eine Abteilung Männer in zwei Stunden einsatzbereit auf dem Hauptplatz stehen haben." Wendet sich dann wieder an mich: "Und du solltest bis dahin etwas essen gehen."

 

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Der Staat Kapitel 41

3. Mai 2062, 12:48, Pannonien, Vorort

 

Nach einem hastigen Mittagessen, während dem ich versuche, den unablässigen Gedankenstrom in meinem Kopf einzubremsen, begebe ich mich in mein Zimmer und sinke erschöpft auf die Bettkante.

Tihana - wieso? Wozu? Warum?

Ich kann es nicht glauben, dass sie es war, es…

In diesem Strudel aus Hin und Her zwischen Tatsachen und meinem Glauben an meine 'Schwester' gefangen, beginne ich unbewusst, meinen Rucksack mit meiner zweiten Uniformgarnitur, meiner Schulkleidung und jeweils passenden Schuhen zu packen, wie Carik es angeordnet hat. Wir werden zu den Pannoniern fahren, dem ersten Ort, an den Tihana fliehen würde. Auf dem Nachttisch finde ich ein neues Funkgerät und Tracker, stecke sie in ein Seitenfach des Rucksackes.

Abfahrt ist in eineinhalb Stunden und ich werde diese Zeit jetzt sinnvoll nutzen.

 

"Kris?", rüttelt Milet mich wach: "Wir fahren in einer Viertelstunde."

"Hm?", schlage ich die Augen auf und stütze mich auf: "Ahso…", murmle ich verschlafen.

"Kommst du?", hält mein Freund mir die Tür auf, während ich in die schweren Stiefel schlüpfe und den Rucksack schultere, in welchen irgendwer - vermutlich Milet - noch eine Wochenration dieser Nahrungsriegel des Militärs gepackt hat.

"Danke", murmle ich im Vorbeigehen und deute auf das Fach, in das er sie gesteckt hat.

"Anweisung des Kommandanten", erwidert er fast ausdruckslos, froh über den Dank: "Es heißt, wir sollen uns auf eine längere Suchaktion einstellen."

 

Sechs Fahrzeuge mit je sechs Mann beziehungsweise Frau Besatzung sowie Gepäck und Ausrüstung starten um exakt 15 Uhr vom Hauptplatz des Vorortes in Richtung Süden, der Sonne entgegen, welche sich schon bald hinter einer heranziehenden Wolkendecke verstecken wird.

 

Kontinuierlich schieben die Scheibenwischer den Regen von der Windschutzscheibe, spritzt das Wasser an den Hinterrädern des Wagens vor uns in die Höhe, prasseln die Tropfen dick und laut auf das Autodach. Ansonsten herrscht vollkommene Stille. Abgesehen von dem einzelnen Funkspruch von Carik an die Pannonier, um unsere Ankunft anzukündigen, ist seit mindestens einer halben Stunde kein Wort gefallen. Ununterbrochen studiere ich eine Karte der 'Hauptstadt' von Pannonien - Hügelbach - auf dem Bordtablet des Fahrzeuges, versuche mir die Wege, Straßen, markanten Gebäude einzuprägen. Etwas Anderes habe ich ohnehin nicht zu tun und mich zurechtfinden zu können, kommt mir nützlich vor.

Wobei mir das Gespräch beim Abendessen vor zwei Tagen in den Sinn kommt. Verlaufen werde ich mich nicht, mit der Verständigung könnte es trotzdem Probleme geben. Aus einer plötzlichen Laune heraus durchsuche ich also spontan die Datenbank nach 'Pannonisch' und stoße auf eine Art 'Crashkurs' - Grammatik, Standartfloskeln, … - Tihana hatte Recht, es gibt nicht allzu viele Unterschiede. Interessante Aussprache, ein paar andere Abwandlungen von Verben und Adjektiven sowie generell fremde Wörter, von denen viele sich aber doch irgendwie so lesen, wie die Norischen.

 

Kein Mensch ist auf den Straßen, nur vereinzelt parken alte Autos am Straßenrand. Die Jalousien und Rollos vor den Fenstern sind fest verschlossen, die Türen verriegelt. Niemand zeigt sich.

Schnurrend laufen die Motoren aus, kommt der Konvoi vor dem 'Regierungssitz' Pannoniens zum Stehen.

Unbeeindruckt vom unablässigen Regen steigen sechs V-Kommandomitglieder mit versteinerten Mienen, je einer pro Fahrzeug, aus den Wagen und bewegen sich mit Milet, Aran und mir im Schlepptau, angeführt von Carik über den kleinen Vorplatz zur Doppelflügeleingangstür hin. Ohne langen Prozess stößt der Kommandant diese harsch auf, ohne anzuklopfen oder sonst irgendein Zeichen der Etikette.

"Was verschafft uns die Ehre?", vernehme ich eine Stimme trotzig und tapfer sich dem Ansturm des V-Kommandos entgegenstellend, während ich mir gerade noch die Stiefel auf der Matte abstreife, dann ins Trockene schlüpfe. Ich kenne die Frau, welche da spricht.

Emi - die Anführerin der Pannonier.

"Wir verhängen ab sofort eine Ausgangssperre. Außerdem benötigen wir Unterstützung durch Ihre Polizei sowie Quartiere für Sechsunddreißig Personen und sechs überdachte Autostellplätze", überfährt der Kommandant im Befehlston alles, was noch an Höflichkeit in diesem Wortwechsel übrig war.

"Natürlich", murmelt Emi, senkt verbittert den Blick, gibt dem Mädchen an ihrer Seite einen Wink, woraufhin dieses durch eine Seitentür die Eingangshalle verlässt.

Die Anführerin der Pannonier schaut Carik nun direkt in die Augen: "Darf ich annehmen, die Angelegenheit ist dringend und vertraulich?" Wie zur Antwort marschiert der Kommandant voran, eine breite Treppe hinauf in den zweiten Stock, woraufhin Emi ihm wortlos folgt, nur eine gezwungen versteinerte Miene zeigend. Wut ist nur ein Teil der kaum sichtbaren Mischung von Gefühlsausdrücken in ihrem Gesicht.

Vom oberen Ende der Stufen herab meint Carik noch zu den verbleibenden V-Kommandomitgliedern: "Verschafft euch einen Überblick über die allgemeine Situation hier und beginnt mit der Suche." Der Ranghöchste nach dem Kommandanten schlägt die Hacken zusammen und führt die verbleibenden V-Kommandoleute zurück zu den Wagen, während Milet, Aran und ich auf eine Zeichen Cariks hin, meinem 'Zieh-Vater' nachfolgen.

 

"Carik Flammenwolf. Sie haben wir schon lange nicht mehr hier begrüßen dürfen", meint Emi gezwungen höflich und schließt die schwere Holztür hinter uns, sperrt die Welt aus aus diesem Besprechungsraum, den ich ebenfalls schon einmal gesehen habe. Spärliches Licht, ein großer Tisch in der Mitte, ein Schreibtisch mit Stuhl an der der Tür gegenüberliegenden Wand.

"Im Sinne einer weiteren guten Zusammenarbeit, halte ich Sie und ganz Pannonien dazu an, ungefragt zu kollaborieren", beginnt Carik.

"Also ist es wirklich so wichtig", fühlt Emi sich bestätigt, setzt sich auf den weichen Sessel am Schreibtisch, blickt über dessen Holz hinweg zu uns vieren, die wir stehen bleiben.

"Es geht um die Tochter der Sansamanns. Sie ist flüchtig."

"Oha", macht Emi erstaunt: "Und deswegen so ein Aufheben? Nur wegen ihr?" Sie meint das nicht abwertend, sondern wirklich nur erstaunt, so im Sinne von 'Wieso-ist-sie-so-interessant-für-euch?'

"Die Hintergründe sind unwichtig. Es zählt nur, wo Tihana sich aufhält. Wissen Sie etwas darüber?", wischt Carik abermals kalt und rücksichtslos alles einfach weg, wie ein Tornado ein Streichholz.

Jetzt erst wird es mir klar, klar, wie wichtig Tihana ihm wirklich ist… Sein Blick, sein Verhalten, sein Tonfall - alles ist so…anders. - Er hat Angst! - Macht sich Sorgen um sie.

Auch er will nicht glauben, dass sie es war, die mich vergiftet hat.

"Wollen Sie etwa andeuten, wir hätten sie entführt?", baut Emi einen verbalen Schutzschild auf, mit dem sie gleichzeitig Unschuld sowie Unwillen, weitere Anschuldigungen zu erdulden, signalisiert.

"Selbst wenn es nicht auf Ihren Befehl hin war, irgendwer hat meinen Adoptivsohn betäubt und ihn fast umgebracht. - Tihana hat dies bestimmt nicht selbstständig getan, dafür war es zu perfekt ausgeführt, als dass sie es in der kurzen Zeit, die sie hatte, planen und vorbereiten hätte können. Also muss irgendwer von außen sie unterstützt oder entführt haben", legt Carik seinen Standpunkt klipp und klar dar.

"Sie gehen also von einer Entführung aus?", nimmt Emi emotionslos an.

"Genau. Und ich verlange Ihre vollste Unterstützung in dieser Sache", bestätigt der Kommandant.

Emi faltet die Hände, spielt kurz mit den Fingern, lässt ihren Blick im Raum schweifen, meidet uns und erhebt sich schlussendlich aus ihrem Sessel.

"Nun, die Unterstützung werden Sie bekommen. Doch nur aus diesen zwei Gründen möchte ich klargestellt haben: Erstens, es könnte sich um ein Verbrechen handeln. Zweitens, sie wird vermisst. Nicht mehr und nicht weniger", sie legt eine kurze bedeutende Pause ein, schaut Carik lange, tief und fest in die Augen und presst dann zwischen den Lippen hervor: "Sollte sich jedoch herausstellen, dass sie einfach nur davongelaufen ist, weil sie weg vom Staat wollte - was ich für gut möglich halte, werde ich…ich…", bricht sie ab, erkennend, dass sie nicht in der Position für Drohungen ist.

"Was auch immer es sein mag. Es wird nicht nötig sein", meint Carik zufrieden und überlegen lächelnd und wendet sich zum Gehen, gibt uns anderen einen Wink.

"Du da", deutet Emi auf mich: "Bleib noch kurz." Ein schneller Blickwechsel zwischen Carik, Emi und mir und die Sache ist beschlossen. Die Tür fällt zu. Ich bin alleine mit ihr.

"Was ist?", beginne ich verwundert.

"Kann es sein, dass nicht nur ihm, sondern auch dir etwas an Tihana liegt?", fragt sie so freundlich, als hätte das Gespräch gerade eben nie stattgefunden. Einige Momente lang lässt sie ihre Frage wirken, stellt dann fest, als ich nicht antworte, sondern nur nach passenden Worten suche: "Du musst nichts sagen, man sieht es dir an. - Eigentlich wollte ich nur deine Meinung hören. Glaubst du, sie hat dich betäubt und ist dann geflohen? Oder bist du auch von einer Entführung überzeugt?", sie sagt das so freundlich, warm, mütterlich.

"Ich wüsste es selbst gerne, hoffe allerdings, dass nicht sie es war, die mich betäubt hat."

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Der Staat Kapitel 42

4. Mai 2062, 8:02, Pannonien, Hügelbach

"Wir sind hier, um Tihana Sansamann zu finden. Nicht mehr, doch auch ganz sicher nicht weniger!", ruft Carik über den Platz: "Wir werden die gesamte Stadt durchsuchen und sämtliche Bewohner befragen. Haltet außerdem Ausschau nach ihrem Motorrad. Es werden jeweils drei Polizisten mit einem V-Kommandomitglied zusammenarbeiten. An die Arbeit. Wegtreten!"

Wir haben keine Spur, wir müssen irgendwo anfangen, selbst wenn es nicht viel Hoffnung gibt, sie hier direkt sofort zu finden, so erhalten wir vielleicht irgendeinen Anhaltspunkt.

Carik fährt zusammen mit Aran, Milet und mir los.
"Wir werden uns mit dem näheren Umfeld von Tihana beschäftigen", erklärt der Kommandant und hält vor einem weißen Zweifamilienhaus mit rotem Dach.
Er betätigt die Glocke mit der Aufschrift "Corona".
Wenige Momente später wird die Tür von einer jungen Frau geöffnet - vielleicht zwanzig, fünfundzwanzig Jahre alt. Lange, braune, volle, offene Haare, wache, abwehrende, braune Augen, schmal zusammengepresste Lippen, ein Gesicht wie aus Stein gemeißelt und trotzdem weich.
"Randa Corona, habe ich Recht?", verlangt Carik Auskunft auf Norisch.
"Richtig", quetscht sie angespannt freundlich hervor, ihr Akzent ist hörbar, aber nicht störend.
"Gut, denn ich muss Ihnen einige Fragen stellen", beginnt der Kommandant und will eintreten.
"Halt", hält Randa ihn scharf und bestimmt zurück: "Was auch immer Sie besprechen wollen, das geht sicher auch hier." Im ersten Moment verdattert, macht Carik einige Schritte zurück, fängt sich dann ob des unerwarteten Wiederstandes, wieder.
"Ganz wie Sie meinen", bekommt Randa als herausfordernde Antwort: "Wir sind auf der Suche nach Tihana Sansamann - haben Sie sie in letzter Zeit gesehen?", er bemerkt ihren abweisenden Gesichtsausdruck fügt monoton drohend hinzu: "Sollten Sie etwas vor uns verbergen, werden sie die Konsequenzen dafür tragen."

"Dessen bin ich mir wohl bewusst - Kommandant", betont sie seinen Titel, unterschwellig abwertend, abschätzig.
"Nicht in diesem Tonfall!", erhält sie prompt die verdiente Antwort. Carik muss einige Male tief durchatmen, sich beruhigen und kann dann mit der Befragung fortfahren: "Also: Wissen Sie etwas von Tihana?"
"Nein." Kurz und bündig, endgültig und unveränderlich.
"Nichts? Weder Sie, noch ihr Motorrad, noch sonst irgendein Zeichen ihrer Anwesenheit?", versucht es Carik, seine Enttäuschung mehr schlecht als recht verbergend.
"Wie sollte denn ein solches 'Zeichen' aussehen?", hakt sie selbstsicher nach.
"Ein Gespräch über sie, Freunde von ihr, welche sich komisch verhalten, vielleicht auch eine überraschende Abreise von Personen aus ihrem Umfeld", präzisiert der Kommandant.
"Nein." Schüttelt sie ausdruckslos den Kopf.
"Dann lassen Sie uns jetzt ein, wir werden Ihr Haus durchsuchen. Es wird nicht lange dauern", kommt Carik zum nächsten Punkt.
"Wieso sollte ich?", wirft sie gehässig zurück.
"Weil ich Sie sonst wegen Verrats und Behinderung der Staatsgewalt festnehmen werde", knurrt der Kommandant und schiebt sie weg vom Eingang.
Ergebnislos schauen wir in jedem einzelnen Raum nach, unter den Betten, in den Kästen, hinter Vorhängen, in Abstellkammern und im Keller. Außer Randas Eltern, einem älteren Ehepaar, welches soeben frühstückt, finden wir niemanden vor. Mein Ziehvater befragt die beiden ebenfalls noch kurz, jedoch ohne irgendetwas zu erfahren.
Resigniert verlässt Carik grußlos das Gebäude, marschiert in langen, festen, wütenden Schritten zurück zum Wagen.

"Kann es sein, dass wir von den anderen Bewohnern Pannoniens nichts Anderes erwarten können?", werfe ich in die bedrückende Stille im Auto.
Carik seufzt, brummelt irgendetwas Unverständliches und belässt es dabei. Aran und Milet zucken beide nur mit den Schultern als mein Blick die Frage auch an sie richtet.

"Felix Klemann?"
Der Mann mittleren Alters an der Tür nickt. Argwöhnisch mustert er uns.
"Wir sind auf der Suche nach Tihana Sansamann. Haben Sie sie in letzter Zeit gesehen oder etwas von ihr gehört?", reißt Carik sich nach dem Rückschlag bei Randa zusammen und bleibt höflich.
"Nein", vernehmen wir Felix' stark akzentierte Antwort: "Es tut mir leid, dass ich nicht helfen kann. Ist ihr etwas zugestoßen?" Sein Gesichtsausdruck wirkt besorgt.
"Sie verschwand vorgestern spurlos. Wir vermuten, sie wurde entführt", erklärt Carik, froh darüber, hier nicht auf Ablehnung zu treffen.
"Oh…", murmelt Felix: "Warten Sie kurz, ich frage mal die anderen im Haus, ob sie vielleicht etwas wissen. Einen Moment bitte." Er geht zurück hinein, man hört verschiedene Stimmen sprechen, aber immer wieder nur die eine Antwort: "Eil." - Es bedeutet 'Nein'.
Felix erscheint wieder an der Tür. Seine Miene ist von aufrichtigem Beileid und einer Spur Sorge geprägt: "Niemand weiß etwas. Am besten versuchen Sie es mal bei den Geretos. Ihr Sohn und Tihana standen sich einmal sehr nahe. Eventuell können sie Ihnen weiterhelfen."
"Vielen Dank", verabschiedet sich Carik mit einem Lächeln und wendet sich zum Gehen.

"Wieso haben wir sein Haus nicht durchsucht?", verlangt Aran zu Recht zu erfahren.
"Felix ist ein aufrichtiger, ehrlicher Mann. Und er hätte anders auf uns reagiert, hätte er etwas zu verheimlichen. Außerdem sorgt er sich offenkundig ebenfalls um Tihana. - Ganz im Gegensatz zu Randa…", erwidert Arans Vater, stellt ihn zufrieden.

In Gedanken spiele ich das Gespräch mit Felix noch einmal durch und mit einem Mal flutet eine gänzlich neue Empfindung in mich. Felix meinte, dieser Rami und Tihana hätten sich einmal sehr gemocht… Irgendwie - ich weiß nicht… Es - dieses Gefühl unterscheidet sich so sehr von den restlichen... Und es sagt mir, Rami von Grund auf abzulehnen - ihn…zu hassen - ?


"Herr Geretor?", klopft Carik an.
Ein aufgelöst wirkender Mann von etwa vierzig Jahren öffnet, seine langen Haare hängen ihm wirr ins Gesicht und er steht da in seinem Morgenmantel.
"Herr Kommandant Flammenwolf?!", reißt er erschrocken die Augen auf. sein leichter Akzent verstärkt sein Erstaunen, seine Verwirrung - Angst? noch um ein Stück: "Worum geht es?"
"Tihana Sansamann ist abgängig", meint Carik kühl und schiebt den Mann zurück in sein Haus, verschafft sich Zutritt. Es scheint so, als hätte dieser Herr Geretor ein Geheimnis - oder er ist einfach nur geistig verwirrt.
"As test estehn, Sehitzes?", stürmt eine besorgte Frau, ebenfalls im Morgenmantel und mit ungekämmten Haaren, aus einer Tür in den Eingangsbereich. Von ihrem Pannonisch verstehe ich kein Wort. Als sie uns vier in voller Uniform auf ihrem Parkett stehen sieht, bleibt ihr erstmal der Mund offenstehen - was Carik nutzt, um auf Norisch zu Wort zu kommen: "Wir suchen Tihana Sansamann und gehen von einer Entführung aus. Jetzt werden wir Ihr Haus durchsuchen. Es wird nicht lange dauern." Selbes Prozedere wie bei Randa, mit dem selben Ausgang. Als wir gerade wieder beim Gehen sind, wendet sich Carik ein letztes Mal an die beiden: "Wo ist eigentlich Ihr Sohn Rami?"
"In der Schule, wo sonst?", antwortet die Frau etwas zu schnell - mit je einem flüchtigen Seitenblick zu ihrem Mann und Carik  - auf Norisch in einem gut hörbaren, aber nicht störenden Akzent.
"Aran, überprüf das doch mal schnell mit dem Bordtablet", weist der Kommandant seinen Sohn an und befiehlt dann Milet: "Und du schau mal in die Garage und hinters Haus. Ich möchte wetten, dass mindestens ein Fahrzeug fehlt." Die beiden laufen los. Nur mein 'Zieh-Vater' und ich bleiben zurück.
Das Ehepaar wirft sich einen eigenartigen Blick zu, als Carik gerade nicht hinsieht. Eine Ahnung sagt mir, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt.
"Ich hoffe für Sie, meine Annahme wird nicht bestätigt", wendet sich der Kommandant kühl lächelnd, ein etwaiges Geständnis fordernd an die beiden. Die Frau öffnet leicht den Mund. Carik zieht interessiert, auffordernd eine Augenbraue hoch. Der Mann scheint seine Lippen zwischen seinen Kiefern zerdrücken zu wollen.
"Nun?", hakt Carik nach. Keine Antwort.
"Na gut, ganz wie Sie wünschen", zuckt er daraufhin locker, selbstsicher mit den Schultern.
Aran kommt zurück und vermeldet: "Auch wenn die Daten alles andere als übersichtlich sind, konnte ich doch feststellen, dass er heute den ganzen Tag und gestern Nachmittag nicht zum Unterricht erschienen ist."
"Hier ist alles in bester Ordnung", ruft Milet von der Garage herüber: "Es fehlt kein Fahrzeug, alles an seinem Platz."
"Komisch", brummt Carik: "Es passt einfach nicht zusammen." Dann richtet er seine Abschiedsworte an die Geretors: "Sollten Sie Wissen besitzen, welches uns die Aufklärung dieser Entführung ermöglichen könnte, haben Sie uns dies nun mitzuteilen. Wir werden dahinterkommen, wenn Sie uns etwas verbergen - früher oder später.", betont Carik bedrohlich, kehrt dann zurück zu einem vernünftigeren Tonfall: "Sie tun weder sich noch Ihrem Sohn etwas Gutes, wenn Sie uns etwas verschweigen." Und geht.

"Also wirklich aufschlussreich war das ja nicht…", murmelt Aran.
"Nein, nicht direkt", stimmt sein Vater ihm zu: "Trotzdem werden wir der einzigen Spur folgen, die wir haben. Wir werden jetzt Rami Geretor durchleuchten und die Suche auch auf ihn ausweiten."


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Der Staat Kapitel 43

4. Mai 2062, 11:56, Pannonien, Hügelbach

 

Unverrichteter Dinge kommen wir am Speisesaal an, nehmen stumm, in Gedanken versunken, unser Mittagessen zu uns.

"Es scheint so, als wären die anderen Trupps ebenfalls nicht sehr erfolgreich gewesen", brummelt Carik, nimmt einen weiteren Bissen.

 

"Waren wir damit die Erfolgreichsten?", unternimmt Aran einen kleinen, ein wenig erfreuten Vorstoß: "Immerhin haben wir so etwas, wie eine Vermutung, dass dieser Rami Geretor etwas damit zu tun haben könnte?" Er macht mehr eine Frage, als eine Aussage daraus.

"Schon", meine ich: "Aber da wir weder wissen, wo er ist, noch irgendeinen anderen Anhaltspunkt haben, wird das schwierig werden…" - Im schlimmsten Fall sind die zwei miteinander durchgebrannt. Ein unwillkürliches Knurren entkommt mir, was mir erstaunte Blicke von den anderen einhandelt.

"Stimmt etwas nicht?", wundert Milet sich.

"Nein…nein…es ist nur…ich - bin nur wütend - irgendwie…", murmle ich beiläufig, wende den Blick ab, hoffe, kein weiteres Aufsehen zu erregen.

"Wir…könnten versuchen", beginnt Milet: "…Ramis Umfeld zu befragen."

"Ja, das könnten wir durchaus", stimmt Carik ihm zu: "Fragt sich nur, wie weit die Sache gehen wird. Im Endeffekt suchen wir dann vielleicht den entfernten Cousin eines Freundes eines Bekannten eines Freundes von Rami."

"Und wenn schon", werfe ich ein, mit einer solchen Bestimmtheit in der Stimme, dass Carik irgendwie zufrieden, die selbe Zielstrebigkeit übernehmend, seine Gabel weglegt, aufsteht und losmarschiert.

"Worauf warten wir dann noch?", hören wir noch, als er den Speisesaal verlässt.

Unverzüglich hefte ich mich, gefolgt von Milet und Aran, an seine Fersen.

Auf dem Weg erklärt der Kommandant uns: "Die IT hat in Bezug auf Tihana leider nichts Brauchbares aus den Daten der wenigen Kameras im und rund um den Vorort sowie Hügelbach herausholen können", dann lächelt er verschmitzt: "Vielleicht aber finden sie etwas von Rami Geretor…"

Er stößt eine Tür auf: "Männer!", sein Blick fällt auf das eine weibliche V-Kommandomitglied der Fünfer-Gruppe im Raum: "und Frauen. Euer neues Ziel heißt Rami Geretor. Ich wollte nur kurz persönlich vorbeischauen, überprüfen, wie es um euch steht", entschuldigt er dann sein plötzliches Eindringen und befiehlt zum Abschied: "Weitermachen. Wiedersehen."

Die Tür fällt zu.

"Gut - und wir?", möchte ich erfahren.

"Wir…", macht Carik eine kleine Kunstpause: "…werden uns jetzt in den Jeep setzten und uns über Rami Geretor schlau machen."

Gesagt, getan.

 

"Hier, ich hab die Liste seiner uns bekannten Freunde, Bekannten und so weiter", vermeldet Aran nach zwei Minuten angespannter Stille im Wagen.

"Gut, teil sie auf und schick sie an die Suchtrupps weiter. Häng auch jene, die um eine Ecke mit Rami bekannt sind, dran", befiehlt Carik.

In diesem Moment piept sein Funkgerät.

"Kommandant hier. Was gibt es? Over", meldet er sich.

"Hier spricht die IT. Wir haben hier etwas Interessantes gefunden. Over", kommt es mit leichten Störsignalen als Antwort.

"Lasst hören. Over."

"Okay. Also Rami Geretor hat am zweiten Mai sein Haus vermutlich so gegen sieben Uhr fünfundvierzig auf seinem Motorrad verlassen - so genau können wir das nicht sagen, weil wir nur die Kamera von der Nebenstraße haben. Bei der Schule ist er jedenfalls nicht aufgetaucht, sondern weiter Richtung Norden gefahren. Um neun Uhr zwölf war er nämlich am Südtor des Vorortes. Anschließend hat er sich mit jemandem getroffen. - Den Namen haben wir noch nicht. Der Computer sucht gerade. - Zusammen mit diesem Jemand ist er dann auf jeden Fall um elf Uhr zweiundzwanzig wieder auf seinem Motorrad erneut durch das Südtor und damit in südlicher Richtung vom Vorort weggefahren. Diese Vorgänge kamen uns schon so an sich äußerst eigenartig vor, zumal sie am Vormittag passiert sind, wo der Junge doch eigentlich in der Schule sein sollte. Hinzu kommt noch, dass dieser Jemand - ein Bursche etwa zwanzig Jahre alt - alleineX eine halbe Stunde nach zwei Uhr nachmittags per Bus zurück in den Vorort gekommen ist. Zuvor ist er zehn nach eins mit Ramis Motorrad durch die Straße gefahren, in der wir ein Bild von Rami am Morgen haben. Seit diesem Zeitpunkt haben wir keine Spur mehr von Rami Geretor gefunden. - Ah, was ich noch vergessen habe. Als die beiden - den Vorort am Vormittag hinter sich gelassen haben, haben sie einen Rucksack dabeigehabt, welchen Rami zuvor nicht hatte. Er scheint gut gefüllt gewesen zu sein. - Das war jetzt alles. Wir hoffen, es nützt. Over."

"Definitiv", murmelt Carik erst nachdenklich, dann überaus zufrieden, siegessicher, von irgendetwas überzeugt, lächelt: "Vielen Dank. Kommandant Over."

"IT Over. - Ah. Stopp. Wir haben seinen Namen: Julian Holzer. Wohnadresse wird soeben übermittelt. IT Over."

Mein 'Zieh-Vater' tritt aufs Gaspedal.

 

"Okay", meint Carik kurz bevor wir am Südtor zum Stehen kommen, um kontrolliert zu werden: "Dieser Julian Holzer ist unsere einzige Spur zu Rami und damit zu Tihana. Er lebt alleine in einer Dachgeschosswohnung in einem Mehrparteienhaus. Wenn wir ihn erwischen wollen, müssen wir alle Ausgänge umstellen. - Was in diesen Momenten schon geschehen sein sollte. Hoffen wir, dass wir ihn aus den Händen unserer Kollegen ablieferbereit serviert bekommen…"

Kaum sind die Torwachen fertig, drückt der Kommandant schon wieder das Pedal bis zum Boden durch.

Die Straße, in welcher dieser Julian wohnt, ist vollgestellt mit Polizeiwägen sowie zwei Fahrzeugen des V-Kommandos.

Aber die Gesichter der Anwesenden wirken allesamt nicht besonders fröhlich.

Dunkle Vorahnung zeichnet sich auf Cariks Gesicht, als er an den befehlshabenden V-Kommandomann herantritt: "Hat er sich verschanzt?" Nicken. "Geiseln?" Ernstes Nicken. "Wie viele?"

"Das gesamte Haus", erhalten wir die ernüchternde Antwort.

"Wie jetzt?", wundert sich der Kommandant.

"Er hat im ganzen Gebäude Sprengsätze und Bewegungsmelder installiert, niemand kann rein oder raus ohne in die Luft zu gehen. Erst kurz vor unserem Eintreffen kann er sie scharf gemacht haben. - Irgendwie muss es ihm gelungen sein, sich in unseren Funk zu hacken…", brummt der Mann in Uniform.

"Hrmpf", schnaubt Carik und wirft einen verlorenen Blick die Wand des vierstöckigen Gebäudes hoch: "Dann müssen wir diese Auslöser entschärfen… - Haben wir einen EMP-Werfer da um die Elektronik der Bomben auszuschalten?"

"Nein, daran habe ich auch schon gedacht. Aber die stehen alle in Wien", erwidert der Offizier.

"Dann sollen sie uns einen Hubschrauber mit dem Ding vorbeischicken", beschließt der Kommandant, greift kurzerhand zu seinem Funkgerät, betätig den Sprechen-Knopf, hält es sich an den Mund und verharrt in dieser Stellung für einige Sekunden der Erkenntnis.

"Vergessen wir das", meint er dann resigniert, lässt das Funkgerät wieder sinken: "Dieser Verrückte würde früh genug selbst auslösen, sobald er auch nur den Hauch eines Rotorgeräusches hört…"

"Und wenn wir einfach an der Außenwand hochklettern?", schlägt Aran tatendurstig vor, korrigiert sich sofort danach selbst: "Nein, selbes Ergebnis, wie beim Heli…"

"Er wird nicht ewig da oben bleiben können…", murmle ich, überlege zu Ende: "Aber die Zeit, ihn auszuhungern haben wir auch nicht…"

"Was ist mit Scharfschützen?", wirft Milet mit Blick auf die hohen Gebäude der Umgebung ein.

"Sind schon postiert. Sie bekommen keine Sicht auf unser Ziel. Er muss sich in einem Raum ohne Fenster eingeschlossen haben", erklärt der Offizier.

"Das heißt aber, dass er umgekehrt auch uns nicht direkt sehen kann?", schlussfolgere ich, sage es als Frage nur rein rhetorisch und überlege weiter: "Da er uns aber keinesfalls aus den Augen lassen darf, bedient er sich dazu wahrscheinlich einiger Kameras. Was bedeutet, wir können ungesehen bis zum obersten Stockwerk an der Außenwand hochklettern, wenn wir diese unbrauchbar machen oder einfach ihrem Blickfeld ausweichen. Sollte er es dann wagen, selbst nachsehen zu gehen, haben ihn die Scharfschützen." Jetzt erst wird mir klar, dass mir mindestens zwanzig Leute zugehört haben, dass ich das nicht nur gedacht, sondern auch gesagt habe.

"Oh, ich…äh…wollte nicht…", stammle ich verlegen, aus dem Konzept gebracht.

Für Carik aber scheint es nichts mehr weiter zu sagen zu geben: "Gerry, bereiten Sie ein Sturmkommando vor. - Außerhalb von Julians Sichtfeld."

"Jawohl", schlägt der Offizier die Hacken zusammen, marschiert von dannen, brüllt Befehle, ruft Leute zu sich, organisiert.

"Milet, Aran", sichert Carik sich deren Aufmerksamkeit: "Schnappt euch zwei Pistolen und jeder ein paar Polizisten. Macht sämtliche Überwachungstechnik in der Umgebung unschädlich. Notfalls mit Gewalt. - Und beeilt euch."

"Gut", bestätigen beide synchron und machen sich davon.

"Und wir?", frage ich.

"Wir?", Carik hebt grinsend eine Augenbraue: "Wir, mein Sohn, wir werden uns dem Sturmtrupp anschließen."

 

Es ist das erste Mal, dass ich so eine Sturmausrüstung anlege - abgesehen von der Übungseinheit in der Schule. Helm. Vollkörperanzug mit eingearbeiteten, leichten Panzerplatten. Eine Blendgranate und Waffen mit Gummigeschossen. Außerdem Kletterhandschuhe, deren Haftfunktion per Kopfdruck zu deaktivieren ist. Interessant.

"Wieso kann ich sie ein- und ausschalten? Was, wenn ich sie versehentlich während des Kletterns…nun ja…ausknipse?"

Carik grinst: "Hab ich mich damals auch gefragt. Ich erklär's dir. Man bleibt ja auf jeder glatten Oberfläche haften, also auch auf Teilen deiner Ausrüstung, wie deiner Waffe. An einer Hauswand ist das kein Problem, da sich die Handschuhe durch abrollen der Hand nach vorne leicht wieder lösen lassen. Doch es ist dann irgendwie blöd, wenn man nachladen will und das Magazin klebt einem an der Hand und man es nur durch langsames abrollen loswird…", verzieht Carik sein Gesicht zu einem augenzwinkernden Lächeln: "Deshalb gibt es den Knopf auf deinem Handrücken, wo du ihn während des Aufstieges nicht berühren wirst ihn, nachdem du angekommen bist, leicht drücken kannst."

"Okay", kichere ich unwillkürlich, obwohl die Vorstellung einer solchen Situation eigentlich ja nicht so schön ist. Aber der Anblick muss trotzdem lustig sein… Ein Soldat, der nachladen möchte und wie verrückt seine Hand schüttelt, um das Magazin loszuwerden.

 

"Vergesst nicht. Wir müssen uns still verhalten und ihn überraschen, sodass er keine Möglichkeit hat, manuell irgendetwas auszulösen." Carik atmet noch einmal tief durch, zieht sich das Visier ins Gesicht: "Fertig?"

"Fertig", antwortet der zwölfköpfige Trupp.

"Dann los." Er schwingt sich hoch, eine Hand nach der anderen. Man könnte meinen, seine Schultermuskeln noch durch die Uniform arbeiten zu sehen.

Still, schnell und schwarz bewegen wir uns wie übergroße Spinnen die Hauswand nach oben. Auf dem Weg spalten sich drei Dreiergruppen von uns ab. Wir werden an mehreren Stellen gleichzeitig einsteigen.

Kaum, dass wir angekommen sind, zückt die V-Kommandofrau neben mir ein kleines Gerät und beginnt die Fensterscheibe anzuschneiden, hinter welcher ein verlassenes Wohnzimmer auf uns wartet. Nach nur wenigen Sekunden zieht die Frau mit einem kleinen Saugnapf ein großes Stück der Scheibe mit einem einzigen, kräftigen Ruck nach außen, direkt in ein Netz, welches dort unten von einigen Polizisten aufgebreitet wurde, damit die Glassplitter nicht in alle Richtungen davonfliegen und das Glas keinen unnötigen, enttarnenden Lärm verursacht.

Bei den anderen zwei Trupps links und rechts fallen ebenfalls Scheiben in Richtung Boden.

Mit einer simplen, kurzen, bestimmten Geste befiehlt der Kommandant den Zugriff, nachdem er sich durch einen schnellen Blick der Bereitschaft aller versichert hat.

 

Zufrieden kommt uns der Offizier von vorhin entgegen, als wir den mittlerweile erschlafften Julian Holzer durch die Haupteingangstür des Gebäudes schleppen, der es aufgegeben hat, sich fünf kräftigen V-Kommandomitgliedern widersetzen zu versuchen.

In diesem Moment wundert sich hinter mir eine tiefe, raue Stimme: "Wie konnte der Kerl überhaupt an so viel Sprengstoff kommen?"

Unsanft kommt Julian auf dem Asphaltboden zu liegen. Sich gehetzt, getrieben zu unseren Füßen umschauend versucht er sich selbst ein Bild der Lage zu machen, in die er sich da selbst gebracht hat.

Auf die vorherige Frage knurrt Carik in einem Anflug von Überlegenheit: "Das wird er uns hoffentlich selbst erzählen." Dann packt er Julian an den Schultern und zieht ihn auf die Beine.

"Ab mit ihm", befiehlt der Kommandant.

Grobe Hände ergreifen den jungen Mann und zwingen ihn in einen bereitstehenden Gefangenentransporter der Polizei.

 

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Der Staat Kapitel 44

4. Mai 2062, 16:30, Pannonien, Vorort, Außenposten des V-Kommandos

 

Ein wütender, aufgelöster und verdammt angefressener Carik stürmt ins Nebenzimmer des Verhörraumes in welchem Julian nun schon seit einigen Stunden gemütlich dasitzt und Kaffee trinkt, während Carik, der Offizier und eine Frau von der Polizei ihn abwechselnd mit Fragen bombardieren, auf die er alle samt und sonders nicht antwortet.

Erst sind die Angebote gekommen: Zeugenschutzprogramm, eine Wohnung in Wien, ein Ausbildungsplatz an unserer Universität, all diese schönen Dinge.

Als das keinerlei Wirkung gezeigt hat, hat man begonnen, ihn langsam mit den Drohungen und Konsequenzen wie Zwangsarbeit, Freiheitsentzug, Verbannung und was da sonst noch im vertretbaren Rahmen der Justiz ist, unter Druck zu setzen. Mit jeder Minute sind die drei lauter geworden.

Das Ergebnis davon sind eine leere Kekspackung meinerseits und ein inzwischen teetrinkender Julian, da der Inhalt der Kaffekanne irgendwann ebenfalls zur Neige gegangen ist.

"Ich könnte…", braust der Kommandant auf, beherrscht sich krampfhaft und schlägt nicht den Tisch zu Splittern, an dem Aran, Milet und ich gerade sitzen.

"Lassen wir ihn schmoren", kichert der Offizier böse, welcher direkt hinter Carik aus dem Verhörraum kommt und weist eine Wache an, Julian Essen und Trinken abzunehmen und die Tür zu verschließen.

 

Bereits eine Stunde danach beginnt die Selbstgefälligkeit aus Julians Gesicht zu weichen.

Jetzt sitzt er nur noch stumm da, starrt auf die leere, metallene Tischplatte vor sich, reibt an seinen Handschellen herum, blinzelt so schnell wie eine Schnecke kriechen kann und atmet tief, aber angespannt.

In seinen Augen liegt keine Reue, keine Scham für das, was er getan hat. Er hat Sami kurz vor Tihanas Entführung getroffen, ihn wahrscheinlich auch noch zum Tatort begleitet und allem Anschein nach zu allem Überfluss außerdem mit Ausrüstung versorgt. Mithilfe zu Entführung.

Da ist nur ein tiefer, undurchdringlicher See aus Abscheu, Hass und unlösbar verwurzeltem Widerstand. Wobei das Wort 'Widerstand' das, was sich im Grün seiner Iris widerspiegelt, nicht auch nur ansatzweise stark genug beschreibt. So als würde man Kieselstein zu einem Felsbrocken sagen.

Ich persönlich habe ja schon mit mir selbst gewettet, wie lange ich es wohl noch aushalten werde, still dazusitzen und abzuwarten, wenn Tihana dort draußen wer weiß wohin gebracht wird…

 

"Kommandant", gehe ich entschlossen und bestimmt auf Carik zu: "Ich möchte darum bitten, selbst mit Julian zu sprechen."

Er schaut mir für einen Moment ernst, abschätzend in die Augen und meint dann in Richtung einer Wache: "Bring ihn rein. Aber nimmt ihm vorher alle Waffen ab."

Der Mann will mich wieder nach draußen auf den Flur begleiten, da trage ich den Hauptbestandteil meines Anliegens vor: "Ahm, wäre es möglich, dass niemand bei diesem Gespräch mithört?"

Jetzt habe ich Cariks volle und ungeteilte Aufmerksamkeit: "Ich hoffe, du hast dafür einen triftigen Grund?", kommt dann diese eine Frage, die ich unbedingt vermeiden wollte.

"Ja. Ich möchte sein Vertrauen gewinnen", erkläre ich mit einem leichten Zittern in der Stimme, hänge schnell an: "Das wird nur funktionieren, wenn ich ihm versichere, dass er mir erzählen kann, was auch immer er möchte, ohne aufgezeichnet zu werden."

"Ein gutes Argument. Aber du könntest auch einfach lügen", verzieht der Offizier leicht abschätzig seine Mundwinkel.

"Sir, ich versuche hier das Vertrauen von jemandem zu gewinnen, der uns überhaupt nicht wohlgesonnen ist. Wenn mir nur ein Fehler unterläuft, war es das", antworte ich verbissen höflich.

"Vielleicht sollten wir dann jemanden mit etwas mehr Erfahrung schicken", schlägt die Frau von der Polizei daraufhin vor und greift schon zu ihrem Telefon.

Da erhebt Carik die Hand und stoppt alle Vorgänge im Raum mit einer knappen, kräftigen Geste und meint dann: "Nein. Ich glaube, wir können niemand besseren bekommen, als Kris. Er hat es schon damals bei Tihana geschafft, die ebenfalls so ein aussichtsloser Fall war", dann weist er den Wachmann an: "Gib ihm, was er braucht."

"Habe ich dein Wort, als Kommandant und als Vater, dass nicht ein Fetzten dieses Gesprächs nach außen dringen wird?", vergewissere ich mich, Carik direkt in seine stahlgrauen Augen mit dem leichten blauhauch blickend.

Er nickt.

 

Julian hebt den Blick, als sich die Tür öffnet, hinter mir wieder schließt.

"Was willst du? - Mich auch erst höflich befragen, dann mir die Welt versprechen und abschließend noch wegen der guten Manieren drohen?", bringt er sarkastisch hervor.

"Nein", beginne ich langezogen und ruhig, setzte mich auf den unbequem harten Stuhl ihm gegenüber: "Eigentlich habe ich etwas Anderes vor. - Aber wenn dir das vorhin so gut gefallen hat…" Ich lehne mich anbietend nach vorne.

"Gut. Spaß beiseite", setze ich neu an. Mann, verdammte *! Wie oft bin ich das jetzt im Kopf durchgegangen? Wie viele gute Phrasen habe ich mir einfallen lassen? Alles nur, um nun wie ein Idiot auf seinen Sarkasmus einzugehen…

"Zuallererst möchte ich sagen, was auch immer hier in den nächsten Minuten für Worte fallen mögen. Nur du und ich bekommen sie zu hören. Sonst niemand."

Misstrauisch schaut er mich an, grinst schwach von oben herab auf meine Naivität, wie er meint.

"Und das hast du ihnen geglaubt?", lacht er auf.

Diesmal lasse ich mich nicht darauf ein, bewahre Ruhe und antworte ruhig, ihn direkt ansehend: "Ich bin der Zieh-Sohn des Kommandanten des V-Kommandos. Er hat mir höchstpersönlich zugesichert, dass wir unsere Ruhe haben werden."

"Du hast mir da gerade einen Grund geliefert, dir noch weniger zu vertrauen?", er hebt die Augenbraue, möchte sich vergewissern, ob ich mir im Klaren bin, was ich gerade gesagt habe.

"Das mag für dich vielleicht so aussehen. Aber dem ist nicht so." Ich muss eine kurze Pause machen. Mit ihm über meine Glaubhaftigkeit zu diskutieren bringt mich kein einziges noch so klitzekleines Schrittchen weiter.

"Kennst du Tihana?", wechsle ich das Thema.

"Also doch wieder Befragung, oder wie?" Er lehnt sich selbstsicher grinsend zurück. Als würde er sagen: 'Versuchs doch.'

"Also ja. - Ich - will sie eigentlich nur in Sicherheit wissen. - Verstehst du das?"

Julian lehnt sich verwundert, aber nicht desinteressiert nach vorne.

"Auch ja…", murmle ich. Überlege kurz, lege mir eine Struktur dessen zurecht, was ich im Begriff bin, zu sagen und beginne: "Keine Ahnung, ob du jemals in so einer Situation gewesen bist, aber für mich ist Tihana etwas ganz Besonderes." Wissend nickt er mehrmals langsam.

"Aber nicht nur so, wie du gerade denkst, auch auf eine zweite Weise. Schau, ich habe mein ganzes Leben im Staat verbracht. Und es war bis zu einem gewissen Punkt wirklich okay und alles. Aber dann plötzlich kam es mir so vor, dass es doch da draußen noch etwas Anderes geben muss als Weiß-Grau-Schwarz. Aber erst als Tihana dann auftauchte, habe ich einen Zugang zu dieser neuen Welt erhalten. Sie hat mir gezeigt, was alles sein kann. Sie ist die, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin. - Kennst du das, wenn ein Mensch für dich so viel getan hat, dass du aus reiner Dankbarkeit für die Sicherheit dieses Menschen sorgen möchtest?" Ich schaue ihm direkt in seine fragenden, grünen Augen.

Eine einzelne, durchsichtige, hell im Schein der Leuchtstoffröhren glänzende, ehrliche Träne fällt auf die Tischplatte direkt unter mir.

 

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Der Staat Kapitel 45

4. Mai 2062, 6:30, Pannonien, Vorort

 

Die Morgensonne spiegelt sich auf den Scheiben des V-Kommandofahrzeuges, gerade noch so kämpft sie sich durch die von Süden her aufziehende Wolkendecke. Wir haben eine Richtung, wir haben ein Ziel, wie haben einen Weg.

Und wir fahren alleine - nur Carik, Aran, Milet und ich. - Das und noch etwas ist es, was ich Julian versprechen musste. Die zweite Bedingung war hart und beim zugehörigen Zähneknirschen habe ich mir vermutlich einen guten Teil meiner Zähne weggemahlen: Rami darf nichts geschehen und wir dürfen ihn nicht für seine Taten bestrafen.

"Also dann los", verkündet der Kommandant die Vorbereitungen für abgeschlossen. Auch wenn wir nur zu viert sein mögen, so haben wir doch genug Material und Ausrüstung für eine halbe Armee dabei.

Wir steigen ein. Carik startet den Motor. Der Weg ist weit und wir wollen ihn heute schaffen.

 

Wie zu erwarten war, setzt nach gut einer halben Stunde leichter Regen ein, der sich von Minute zu Minute steigert, bis schließlich die Scheibenwischer Probleme haben, hinterherzukommen.

 

Der Asphalt wird brüchig, löchrig, uneben, unruhig. Carik stellt die Federung weicher ein und hebt die Kabine ein wenig an, um uns mehr Bodenfreiheit zu geben.

 

Mittag, gegessen wird im Fahrzeug, Pause können wir uns keine leisten, während wir die hinter Wolken versteckte Sonne nach Süden jagen.

Man kann das mittlerweile schon nicht mehr Straße nennen, wo wir uns fortbewegen.

 

"Sind überhaupt noch auf dem richtigen Weg?", meldet sich Aran so gegen zwei.

"Ja, sind wir", kommt es von Carik zurück.

"Aber auf dieser 'Straße' ist doch seit Ewigkeiten niemand mehr gefahren", widerspricht mein 'Bruder'.

"Außer Tihana und Rami", werfe ich ein.

"Die Route interessiert seit gut vierzig Jahren keinen Menschen mehr", erklärt Carik: "Einige Staaten im Süden sind nicht gut auf den Staat zu sprechen und umgekehrt, da hat man diese einstmals große Straße einfach verkommen lassen."

"Deshalb flieht Rami also in den Süden", überlege ich: "Er glaubt, hier vor uns sicher zu sein, weil wir es nicht wagen würden, ihn dorthin zu verfolgen?"

"Das war auch meine Überlegung", stimmt der Kommandant zu.

 

"Rami?", schlägt Tihana die Augen auf, erkennt die Situation, in der sie ist: "RAMI!?"

"Ruhig", flüstert er, streicht ihr einige Haarsträhnen aus dem Gesicht: "Alles in Ordnung. Du bist in Sicherheit."

"Was? - Nein. Rami… du… verstehst das nicht… ich…", stöhnt Tihana, will sich aufrichten, sackt zusammen.

"Ruh dich aus", haucht Rami, hält Tihana eine Wasserflasche hin. Zwei Schlucke später fallen ihre Augen wieder zu.

Wütend steht Rami auf, knurrt in sich hinein: "Was - habt - ihr - mit - meiner - Tihana - gemacht?!"

 

"Nicht mehr lange und wir sind da", kündigt Carik erschöpft an.

Das Abendrot versucht, durch die grau-schwarze Wolkendecke zu brechen, scheitert jedoch kläglich.

 

Hinter der nächsten Kurve tauchen Häuser auf. Verlassene, zerstörte, verfallene, von der Natur zurückeroberte Häuser.

"Was ist das hier?", wundert Milet sich. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. So etwas Angsteinflößendes, Unheimliches, Abstraktes, Unwirkliches habe ich noch nie gesehen.

"Das sind die Außenbezirke von Triest", brummt Carik: "Seid wachsam." Leichter gesagt als getan in der einsetzenden Dämmerung.

"Wieso sind hier keine Wachen, Soldaten, Polizisten?", möchte Aran wissen.

"Du dachtest, Hügelbach wäre unorganisiert, unordentlich, anführerlos? - Na dann heiße ich dich willkommen im Süden", begrüßt der Kommandant uns.

In diesem Moment lassen wir die kleine Gruppe Häuser hinter uns, erreichen die Kuppe eines Hügels. Unter uns breitet sich ein Meer von Gebäuden aus. Zerstört, unbewohnbar, nur noch leere Hüllen. Nur vereinzelt flackern Lichter in einigen Gebieten der Stadt.

"Und das soll ein Staat sein?", schnaube ich.

"Nein, aber das, was am nächsten darankommt. Es gibt hier keine Einheit, nur viele einzelne Gruppen, die um die Vorherrschaft konkurrieren", erklärt Carik.

"Und in diesem Durcheinander sollen wir Rami finden?", hat Aran bereits jetzt aufgegeben.

 

"Rami! Lass mich endlich gehen!", tobt das Mädchen mit den roten Haaren.

"Tihana, du weißt nicht, was du da tust", versucht der Junge zu beschwichtigen.

"Oh, ich weiß genau, was ich da tue", entrüstet Tihana sich: "Der Einzige, der nicht verstehen will, bist du!" Sie stürmt aus dem Raum. Rami ihr hinterher.

 

"Wir brauchen ein Quartier für die Nacht", meine ich.

"Da stimme ich dir zu, aber wie gesagt, ist das hier Feindgebiet - wenn wir nicht vorsichtig sind, brauchen wir selbst bald Rettung", erinnert mein 'Zieh-Vater' mich.

"Wieso kann Rami dann hier sein?", wundert Aran sich.

"Hat wahrscheinlich Freunde hier…", murmle ich.

Der Regen flaut allmählich ab.

 

"Was erzählst du da für einen Blödsinn?", schreit Rami.

"Die Wahrheit!", kreischt Tihana zurück.

"Hör dir doch einmal zu", äfft Rami sie nach: "Der Kommandant des V-Kommandos ist mein bester Freund, er und sein Adoptivsohn, der mich liebt, werden mir helfen, Naan aus dem Gefängnis des Staates zu befreien, aus dem noch nie jemand entkommen ist."

Eine einzelne, schallende Ohrfeige hallt durch das Gebäude.

 

"Also sollten wir uns verstecken?", fragt Milet. Im nächsten Augenblick biegt Carik von der Straße ab und fährt einen Hügel hinauf, hinein in ein kleines Wäldchen. Laut knackend brechen die Zweige unter den Reifen des Wagens.

Dann halten wir.

"So, das sieht gut aus", meint Carik, steigt aus.

Wir spannen einen niedrigen Elektrozaun mit Bewegungsmelder um den Wagen auf - niemand kommt unbemerkt zu unserem Fahrzeug - und steigen dann mit den Zelten, Schlafsäcken und einigen Waffen noch ein Stück den Hügel hinauf.

 

Ich bin an der Reihe, Wache zu halten.

Tihana ist irgendwo dort unten - nur wo?

Sie streitet sich mit Rami - sie möchte weg von ihm. Aber er lässt sie nicht, ist überzeugt, der Staat hätte ihr eine Gehirnwäsche verpasst. - Aber all das hilft mir auch nicht weiter.

 

Ein Mädchen läuft durch die Straßen - alleine. Es ist dunkel um sie. Die Straßen schwarz und nass vom vergangen Regen, die Wolken über ihr verwehren ihr das helfende Licht des Mondes, geben ihr die Deckung der Schatten.

Ihr Verfolger trägt einen beginnenden Bluterguss auf der linken Wange - ist auch alleine.

"Tihana!"

Sie ignoriert seine Rufe. - Er holt auf. Zentimeter für Zentimeter.

Ihre Schritte hallen in der engen Gasse laut, verratend zurück.

"Tihana - nicht! Bleib stehen! - Wir sind hier nicht sicher!"

Sie kommen zu einem begrünten, weitläufigen Hügel - auf seiner Spitze eine Burg.

Rami hat sie eingeholt, wirft sich von hinten auf sie und sie zwei zusammen ins weiche, hohe Gras.

All ihr Strampeln, ihr Zerren, Sich-Winden hilft ihr nichts. - Rami drückt sie gnadenlos zu Boden - flüstert: "Still jetzt. Oder willst du umgebracht werden?"

Ihre Bewegungen erstarren, nur noch pure Angst spiegelt sich in ihren Augen.

"Triest ist kein Spielplatz. Vor allem nicht rund um den Schlossberg…"

Langsam nimmt er die Hand von ihrem Mund.

"Weg hier", haucht Rami, ergreift Tihanas Arm und sie sprinten los.

 

Ich setzte das Fernglas ab, wecke eilig die anderen. Ich weiß, wo die zwei sind. Und wir müssen schnell handeln, wir sind garantiert nicht die einzigen auf dem Weg zu ihnen…

 

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Der Staat Kapitel 46

5. Mai 2062, 0:09, Nord-Dalmatien, Triest

 

In voller Fahrt rasen wir durch die leeren, dunklen Straßen der Stadt, die Scheinwerfer des Wagens als einzige Lichtquelle.

Aran gibt aus dem Kofferraum in schneller Reihenfolge die nötigsten Ausrüstungsteile nach vorne. Funkgerät, Helm, Schussweste, Pistolen.

 

Eilig, wissend, jede Sekunde zählt, statten wir uns aus, versuchen, die Westen in einem sich schnell und scharf bewegenden Fahrzeug anzulegen.

Carik lässt es gleich bleiben, er braucht beide Hände am Lenkrad.

 

Motorgeräusche. Sie kommen näher!

Rami zieht immer heftiger an ihrem Handgelenk.

Sie steigern mit jedem Schritt ihr Tempo.

 

"Wie hoch stehen unsere Chancen, ungestört wieder hier wegzukommen?", versucht Milet zwischen zwei Abzweigungen optimistisch zu klingen.

"Solange wir nicht anhalten…sehr hoch", knurrt Carik, reißt das Lenkrad herum: "Bemerkt hat man uns sicherlich schon", fügt der Kommandant an.

 

Der Mann hält zwei Drahtenden in den Händen - eines läuft zum Fenster hinaus, das andere zu einer Batterie.

 

"Nach links!", brülle ich in einem Tonfall, der meinen 'Zieh-Vater' zu sofortigem Handeln zwingt.

Trotzdem spüren wir die Schockwelle der Detonation.

"*", flucht Aran, rappelt sich auf, klettert über die Sitze zurück nach vorne, schnallt sich an, betastet kurz seinen linken Ellbogen und seinen Kopf.

"Dem stimme ich zu", unterstützt ihn sein Vater, behält seinen Bleifuß-Fahrstil bei, murmelt: "Das war knapp…gut erkannt Kris…"

 

Hinter der nächsten Kreuzung empfangen uns kleine, heftige Lichtblitze. Unzählige. Genausoviele, wie Projektile auf dem Wagen treffen und nutzlos abprallen.

Im ersten Moment geschockt fahre ich zusammen, ziehe den Kopf ein.

Doch Carik hält nicht an, rast einfach unbeeindruckt an den Banditen vorbei, denn der Schlosshügel ist in Sichtweite.

"Wo waren sie?", verlangt der Kommandant hart ohne langes Geschwafel zu erfahren.

"Da, bei diesen Büschen links vom Schotterweg", antworte ich wie gewünscht.

"Dann können sie eigentlich nur dieser Straße hier weiter gefolgt sein, es gibt keinen anderen Weg vom Hügel weg, außer zurück", schlussfolgert Milet aus einem hastigen Blick auf die Karte auf dem Bordtablet. Carik drosselt das Tempo leicht, aber nicht allzu signifikant.

"Wenn sie in eines der Häuser gerannt sind?", gibt Aran zu bedenken?

"Sind sie nicht", bestimme ich.

"Was macht dich da so sicher?", hakt mein 'Stiefbruder' nach.

"Es wäre doch viel zu gefährlich…", setzte ich an, werde jedoch vom ruhigen, sachlichen Kommentar des Kommandanten unterbrochen: "Da vorne laufen zwei Jugendliche."

 

"Kris, klettere zurück in den Kofferraum, hol die zwei rein!", befiehlt Carik.

Abschnallen, umdrehen, über die Sitze und die Heckklappe von innen öffnen.

Lautes Rauschen von Reifen auf nassem Asphalt schwappt in den Wagen.

Der Kommandant fährt das Tempo zurück.

Langsam rollen wir an Tihana und Rami vorbei, welche erschrocken zur Seite in einen schützenden Hauseingang hechten.

"Los, rein!", brülle ich ihnen entgegen, strecke meine Hand aus.

Es dauert einige Momente, bis mich das Mädchen mit den roten Haaren im schummrigen Licht der Innenbeleuchtung des Fahrzeugs erkennt, dann gibt es kein Halten mehr für sie - Rami hinterher.

"Und jetzt nichts wie weg hier!", sind meine abschließenden Worte, bevor Carik das allerletzte bisschen Geschwindigkeit aus dem Wagen herausholt, das irgendwie machbar ist, und Rami, Tihana und ich gegen die wieder geschlossene Kofferraumtür gedrückt werden.

 

Tihana rappelt sich auf, starrt die Handschellen an Ramis Händen an, welche ich ihm gerade anlege, ohne auf Widerstand zu treffen.

"Kris? - Ist das nötig?", will sie wissen. Irritation, Erstaunen, Ablehnung - und etwas nicht näher bestimmbares, definitiv Negatives schwingt in ihrer Stimme mit.

"Er hat mich betäubt und dich entführt", erinnere ich sie: "Ich für meinen Teil habe vor, ihn von weiteren Dummheiten abzuhalten, solange es mir möglich ist."

"Aber…er…das", setzt sie an, weiß, ich habe Recht, erträgt trotzdem den Anblick ihres alten Bekannten in Handschellen nicht und fährt mich unvermutet an: "Kris! - Nimm sie runter!"

"Tihana!", kommt es sofort von Carik zurück: "Benimm dich! Und sei ruhig!"

Zerrissen zwischen Pflicht, Verlangen nach Sicherheit, Zuneigung zu Tihana, Nicht-ertragen-können-sie-unglücklich-zu-sehen und Hass - oder doch Angst gegenüber Rami verkrieche ich mich in die gegenüberliegende Ecke von ihm. Verdattert verbleibt meine Freundin mitten zwischen uns im Schneidersitz, zieht die Schultern hoch und den Kopf ein, doch schon nach wenigen Sekunden erträgt sie die Situation nicht mehr und presst sich in die dritte Ecke des Kofferraumes - die Haare als Vorhang vor ihrem gesenkten Gesicht, dessen Ausdruck mich gerade mehr als alles andere Erdenkliche interessiert.

 

Ein seit Jahrzehnten verlassenes Dorf wird uns zum Unterschlupf für den Rest der Nacht.

Sie alle schlafen friedlich, wieder einmal bin ich mit Wache schieben dran. Selbst wenn ich es wollte, könnte ich kein Auge zutun: Da ist etwas, das mich beschäftigt, so sehr, wie noch nie etwas.

Vorsichtig schleiche ich hinüber zu Rami, öffne die Fußschellen und ziehe ihn hoch. Erschrocken reißt er die Augen auf, erblickt mich, weicht unwillkürlich zurück, starrt mich entgeistert an.

"Sei still", zische ich scharf: "Ich muss mit dir reden." Mit diesen Worten führe ich ihn nach draußen, in die kühle Luft des noch sehr, sehr jungen Tages. Weg vom Haus, zwei Seitenstraßen, hinaus aus dem Ort, hinein, in den Wald, einen Hügel hinauf.

Nach einigen Minuten meine ich, weit genug marschiert zu sein, um ungestört zu bleiben. - Jedoch nicht zu weit, dass ich nicht auch ein Auge auf unser Quartier haben könnte. Wir setzten uns gegenüber auf den Waldboden.

"Rami Geretor", setzte ich an, er hebt den Kopf, schaut mir mit seinen müden, erschöpften braunen Augen, zwischen seinen längeren, lose fliegenden braunen Haaren hindurch, in meine.

"Kannst du mir erklären, was dich zu deinen Taten bewogen hat?", verlange ich beherrscht zu erfahren.

Stille. Sonst nichts. Einfach nur Stille.

"Wieso betäubst du mich, entführst Tihana und bringst sie so weit nach Süden, in ein gefährliches Land, wo ihr wer-weiß-was-alles zustoßen hätte können?", presse ich bemüht ruhig zwischen den Zähnen hindurch.

Stille. Sonst nichts. Nur weiterhin seine braunen Augen auf mich fixiert.

"Was habe ich dir getan, dass du mir so etwas antun musst - mir meine Freundin, meine Schwester raubst?!", kann ich mich gerade noch so kontrollieren, hebe unbewusst und ungewollt die Stimme.

Stille. Er senkt den Blick.

 

Minuten vergehen, ohne ein Wort, nur ein stummer Blickkontakt ohne Aussage als einzige Kommunikation zwischen Rami und mir. Tief atme ich viele Male durch, Bauch auf - und ab - beruhige mich.

"Wenn du sie wirklich lieben solltest", versuche ich es ein letztes Mal vollkommen rational: "dann hättest du nicht getan, was du tatest. Du hast sie in große Gefahr und dich in verdammte Schwierigkeiten gebracht."

Plötzlich kann Rami sich nicht mehr halten und brüllt los, weint, brüllt weiter, wischt sich die Tränen weg, kämpft gegen seine brechende Stimme, schreit weiter - schreit davon, was ich mir einbilde, wer ich denke, dass ich bin, so über Tihana bestimmen zu wollen, wie wir dazu kommen, zu denken, Tihana würde bei uns sein wollen, dass sie gerettet werden wollte, wieso wir meinen, alles am besten zu wissen, alles bestimmen zu können, immer Recht zu haben, wieso diese Welt so furchtbar gemein, einseitig sei, warum wir annehmen, Pannonien wäre einverstanden mit dem, was wir tun.

Dann stoppt der Fluss seiner Worte plötzlich und unvermittelt, als wäre er auf eine Betonwand geprallt und verebbt. Er legt die Hände zurück in den Schoß und sucht meinen Blick.

 

Stille umgibt mich. Absolute, tiefe, erkenntnisreiche Stille. Sonst nichts.

 

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Der Staat Kapitel 47

5. Mai 2062, 19:37, Pannonien, Hügelbach

 

"So, da wären wir wieder…", biegt Carik in unsere Zielstraße ein und hält vor dem Hauptgebäude Hügelbachs. Dann dreht er sich um, blickt Rami tief in die Augen und schärft ihm ein: "Hier ist Endstation für dich." Rami nickt und verlässt den Wagen, meidet tunlichst meinen und Tihanas Blick.

Wir fahren wieder an und sehen eine im Rückspiegel immer kleiner werdende Gestalt einsam und alleine vor dem Hauptgebäude zurückbleiben, die uns noch lange stumm und regungslos nachblickt.

"Da wir das jetzt hätten…", murmelt der Kommandant und funkt die Polizei an: "Wenn Sie jetzt bitte das Ehepaar Geretor festnehmen würden."

"Geht klar."

Carik beendet das Gespräch.

Ramis Eltern werden verhaftet, wegen Falschaussage - das war klar, seit wir die ganze Geschichte von Julian gehört haben. Julian…

"Halt", schieße ich entschieden heraus: "Wir dürfen Ramis Vater und Mutter nicht einsperren!"

"Was sagst du da?", fahren mich Aran, sein Vater und Milet gleichzeitig an. Tihana hält ihren Mund, schaut mich nur an - ihre Augen…verwundert, überrascht und irgendwie auch froh.

Im ersten Moment zucke ich ob ihrer harschen Reaktion kurz zusammen, fange mich schnell wieder und hänge bestimmt an: "Wir mussten Julian versprechen, Rami unter keinen Umständen für seine Taten zu bestrafen. - Seine Eltern zu verhaften ist doch genau das. - Und ohne Julian hätten wir Tihana und ihn nie gefunden!"

Carik wählt erneut.

 

Der Kommandant lässt den Wagen gemächlich ausrollen, bis wir vor dem Quartier des V-Kommandos im Vorort zu stehen kommen - direkt neben einem V-Kommando-Fahrzeug, das sich in einem ganz speziell wesentlichen Merkmal von den anderen unterscheidet: es ist in einem vollkommenen, reinen, im letzten Licht der Sonne schimmernden Mitternachtsschwarz lackiert.

Und Cariks einzige Reaktion darauf ist ein einsames, die Stille im Wagen durchbrechendes Ausatmen.

"Was ist?", wage ich es gerade so zu fragen.

Der Kommandant schüttelt nur ratlos den Kopf, haucht dann sichtlich schockiert: "Ich weiß es nicht…"

Schweigend, bedrückt, mit hochgezogenen Schultern entladen wir das Fahrzeug und bringen die Ausrüstung ins Lager, unser Gepäck und uns selbst auf die Zimmer und fallen ohne langes Zögern in einen langen, erholsamen, schwer benötigten Schlaf.

 

Um exakt sieben Uhr einunddreißig werde ich von Milet aus dem letzten bisschen Schlaf gerüttelt, das mir geblieben ist, nachdem Carik die Tür hinter sich wieder geschlossen hat.

"Wir müssen in zehn Minuten fertig angezogen im Besprechungsraum auftauchen", gibt er die Nachricht weiter: "Keine - Sekunde - später."

Decke zurückschlagen, die kühle Luft auf dem freien Oberkörper spüren, Augen zupressen, aufreißen, Kopf kräftig schütteln, Bauch anspannen, aufrichten.

Katzenwäsche, Gesicht bespritzen, Zähneputzen, Uniform anlegen, Stiefel schnüren.

"Noch eine Minute", warnt mich Milet. Die Treppe runterpoltern und versuchen, die Haare glatt zu streichen.

 

"Ah", hellt sich das Gesicht des Sonnenbrillenmannes - Barid - auf, als Milet und ich in dem Raum stürmen: "Jetzt sind endlich alle da." Er lächelt uns zwei an, deutet auf die Stühle vor dem Rednerpult: "Bitte, setzen Sie sich."

Wir nehmen also unter Carik, Aran und all den anderen anwesenden V-Kommando Mitgliedern Platz.

Barid stellt sich ans Pult, lässt die Schlösser seines Koffers aufschnappen, öffnet ihn, entnimmt einen silbrigen Speicher-Stick und steckt ihn in den Projektor.

"Der Präsident hat einige Worte an das V-Kommando zu richten", erläutert Barid freundlich, langsam, bedächtig: "Es handelt sich um eine Videoaufzeichnung, da man nicht wusste, wann Sie vier denn von ihrer Expedition zurückkommen würden." Damit meint der Sonnenbrillenmann natürlich Carik, Aran, Milet und mich.

Das Video startet mit dem Mantra des Staates, gesprochen vom Präsidenten, einem alten Mann, wahrscheinlich mindestens sechzig, fünfundsechzig, seine Haare schon vollkommen ergraut und schütter, seine Wangen gefüllt von Sorgenfalten und alles, das nicht von endlosen Rückschlägen und Trauer in seinem Leben zeugt, sind seine Augen, der einzige junge, wache Punkt in seinem Gesicht, seine grauen Augen mit dem Hauch blau und grün darin:

"Der Staat, der Eine und Einzige.

Hier ist euer Glück, hier ist eure Zukunft.

Gemeinsam für alle, alle für die Gemeinsamkeit!", hier legt er eine kurze Pause ein, atmet einmal tief durch und fährt fort: "Der Staat wurde gegründet, um des Friedens willen, doch dieser ist heute nicht mehr gewährleistet. Es gibt viel zu viele, die sich unserer Idee in den Weg stellen und diese Personen müssen entfernt werden - um jeden Preis. Tun Sie, werte Mitglieder des V-Kommandos, was getan werden muss. Tun Sie es jetzt, bevor es zu spät ist.

Für den Frieden, für den Staat, für die Menschheit!", fordert er uns inbrünstig auf, hält dann kurz inne, schließt die Augen für einen Moment, richtet anschließend seinen Blick direkt in die Kamera, haucht fest, bestimmt bittend: "Für die Vernunft."

Seine Worte stoppen, das Bild wird schwarz.

Barid tritt wieder nach vorne: "Diese Worte betreffen ganz besonders Sie, Herr Kommandant", blickt er Carik direkt, vielsagend an.

Verstummt sitze ich da, fühle nur die leichte Polsterung des Stuhls unter mir, versuche mich auf meinen Atem zu konzentrieren, ruhig ein und aus. - Der Präsident will, dass wir uns aller ungehorsamen Pannonier entledigen!

 

"Das…", versucht Tihana irgendetwas zu sagen, bringt jedoch nichts zustande. Ich meinerseits habe auch keine Worte, beschließe, es nicht mit der Sprache, sondern mit etwas viele Male Ausdrucksstärkerem zu versuchen: Vorsichtig am Anfang lege ich einen Arm um Tihanas Schulter. Als sie nichts tut, außer weiter leer vor sich auf den Boden zu starren, rutsche ich dicht an sie, lege meinen zweiten Arm um sie und wünsche mir, ich könnte ihr irgendwie mehr Halt geben, als es eine Umarmung vermag.

Plötzlich fühle ich, wie sie sich an mich schmiegt, eine Hand auf meinen Arm legt und etwas ruhiger ausatmet.

 

"Mittagessen", bricht Milet ins Zimmer herein, schreckt Tihana und mich hoch, die wir zwei gedankenversunken auf der Bettkante gesessen sind.

Froh, an etwas anderes denken zu können, als immer nur über die Botschaft des Präsidenten nachzusinnen, erhebt sich meine 'Stief-Schwester': "Kommst du auch?"

"Sofort", murmle ich, starre weiter den einen, kleinen, schwarzen Punkt an der Decke über mir an.

Zum sicher über hundertsten Mal spielt sich in meinem Kopf die Nachricht des Präsidenten erneut ab.

Wieder bleibe ich an seinen letzten drei Worten hängen. Für die Vernunft…

Vernunft…

Irgendwie kommt es mir eigenartig vor, dass sich der Präsident in seiner Rede nie direkt auf die Pannonier bezogen hat. Kann es sein, dass er uns etwas anderes sagen will? - Oder ist es nur mein Unterbewusstsein, welches irgendein Schlupfloch aus diesem Dilemma sucht, sich an den letzten Strohhalm klammert?

Vernunft.

Was heißt es, vernünftig zu sein?

Es heißt, die Situation genau abzuschätzen, und zu erwägen, welche Auswirkungen die eigenen Handlungen auf die Zukunft haben werden.

Vernunft.

Was passiert, wenn wir beginnen, jene Pannonier, die den Staat ablehnen, zu verhaften?

Die anderen werden dagegen protestieren, sich auflehnen.

Für den Frieden, für den Staat, für die Menschheit…

Für den Frieden…

Der Präsident will und mitteilen, dass die Pannonier gerade NICHT unser Ziel sind!!!! Ich schieße hoch. Dann streckt mich die Erkenntnis nieder.

Es ist das Parlament, der Große Boss, Barid, sie alle… - Alle, die keinen Frieden wollen, nur ihre Macht vergrößert sehen möchten.

 

 

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Der Staat Kapitel 48

6. Mai 2062, 13:01, Pannonien, Vorort

 

Hastig stehe ich auf, überschlage mich fast, als ich versuche, nach meinen Stiefel zu greifen, obwohl ich noch nicht einmal richtig hochgekommen bin und lande unsanft auf dem Boden, rapple mich eilig wieder hoch.

Ich muss zu Carik! - Ich muss ihm sagen, was ich herausgefunden habe! - Wir müssen in den Staat!

und…und dann?

Wie sollen wir das Parlament davon überzeugen, dass sie einen Fehler machen - das Grundideal des Staates missachten, wenn sie die Pannonier angreifen? - Sie werden nicht auf uns hören…

Aber! wer auf mich hören wird, ist Carik! - Und er ist Kommandant des V-Kommandos. Er kann die Menschen überzeugen, sich uns anzuschließen!

 

"Carik!", rufe ich nach ihm und stürme im Zick-Zack zwischen den Männern, Frauen und Wägen des V-Kommandos hindurch.

"Kris?", kommt es fragend hinter einem Stapel Kisten hervor. Keine halbe Sekunde später stehe ich vor ihm, werde von überraschten, irritierten Gesichtern empfangen, keuche: "Ich…muss mit dir reden…"

"Kris?", fragt mein 'Zieh-Vater' verwirrt nach, sucht Augenkontakt, sorgt sich: "Ist etwas passiert?"

"Ja…nein…", stammle ich, finde die Worte, nach denen ich suche: "Noch nicht - aber bald."

"Was ist los?", macht der Kommandant einen Schritt auf mich zu, während die vier Umstehenden nervös von einem Fuß auf den anderen steigen beziehungsweise sich fehl am Platz vorkommen. Mit einer Handbewegung bedeutet Carik ihnen, zu gehen und kommt noch einen Schritt auf mich zu, sodass er nun direkt vor mir steht.

"Nicht hier…", murmle ich eindringlich, gerade so laut, dass der Kommandant die Wichtigkeit erkennt, die anderen es aber nicht verstehen können.

"Okay…wenn du meinst…", zuckt er mit den Schultern und folgt mir weg von den Vorbereitungen, der Hauptstraße, dem Quartier hin in eine stille Seitenstraße, gesäumt nur von fest verschlossenen Fenstern und Mülltonnen.

"Also, was gibt es?", möchte mein 'Zieh-Vater' nun endlich erfahren - verständnisvoll, trotzdem etwas ungeduldig.

"Es…ist schwer zu sagen…",stottere ich, besinne mich, richte mich zu voller Größe auf, schaue ihm direkt in seine blaugrauen Augen und frage: "Findest du, es ist richtig, die Pannonier zu unterdrücken?"

Hätte der Strom Gefühle auf seinem Gesicht eine reale Kraft, ich würde wohl weggespült und erdrückt werden…

Dann zwingt er sich zu einer eisernen Maske - dann ist es für lange, zähe Momente still, während Carik mit sich selbst kämpft.

Gerne würde ich mit Worten versuchen, ihn in die richtige Richtung zu stoßen, doch hält mich mein Gefühl zurück, sagt mir, den Mund zu halten, weiter seinen Blick zu suchen, sei gerade das Beste.

Trotz der Disziplin des Kommandanten dringen Regungen zu Tage: ein, für den Bruchteil einer Sekunde, verzogener Mundwinkel, gejagt springende Augen, ein Anspannen der Halsmuskeln, ein zuckender Finger.

Bis zum Ende versucht er den Anschein zu geben, über meine Frage nachzudenken, während er doch in Wahrheit nur meine wahre Haltung in dieser Sache abschätzen will. Und ich meine, diese ist recht offensichtlich.

Plötzlich fährt er sich mit einem 'Jetzt-oder-nie'-Seufzer mit beiden Händen übers Gesicht, mustert mich von Kopf bis Fuß und fragt zugleich dankbar, glücklich und berechnend: "Okay, wie lautet dein Plan?"

"Ahm…", druckse ich. So genau habe ich mir das jetzt auch wieder nicht überlegt…

"Wir müssen in den Staat und diese Sache ein für alle Mal beenden", meißle ich dann endlich in Stein.

"Du willst…", überlegt Carik, kennt die Antwort vermutlich schon.

"Das Parlament entmachten", vollende ich seinen Satz.

 

Am nächsten Morgen stehen wir früh auf, legen uns rasch unsere Kleidung an, laden in die Fahrzeuge, was noch nicht verladen wurde und brechen auf. Sechs Fahrzeuge mit je sechs Insassen.

Am Nordtor hält uns eine irritierte Wache an: "Funktioniert der Kompass nicht? - Sie müssen doch nach Süden…"

Darauf antwortet Carik nur: "Alles in Ordnung. Die Operation wurde um einige Tage verschoben."

Kaum sind wir durch das Tor, erhalten wir einen Anruf.

Barids geschliffene, eiskalte Stimme dringt aus dem Lautsprecher: "Herr Kommandant, das ist die falsche Richtung."

"Nein, es ist die richtige. Ich muss nämlich mit meinem Vater sprechen", spielt Carik unbeeindruckt zurück. Carik Flammenwolfs Vater, der Präsident des Staates, Arik, einst der Anführer der Großen Acht, Gründer des Staates. Er muss jahrelang auf den rechten Moment gewartet haben, das Parlament zu stürzen, welches ihm wohl nur sehr wenig Handlungsfreiheit gelassen hat, und hat jetzt alles auf eine Karte gesetzt um sein Projekt des Staates, ein Land des Friedens und des Wohlstandes, nicht an der Machtgier der Menschen scheitern zu sehen. - So zumindest erkläre ich mir das Vorgehen des Präsidenten.

"Mit Ihrem Vater. Soso", man hört Barids böses, sanftes Lächeln und kann es sich so bildhaft vorstellen, als würde er höchst selbst von einem stehen: "Das wird dem Parlament aber nicht gefallen." Damit will er wohl eigentlich sagen: 'Wenn Sie Ihren Posten behalten wollen, tun Sie, was Ihnen befohlen wurde.'

Mein 'Zieh-Vater' legt einfach auf.

"Papa", kommt es vorsichtig von Aran: "Ist das, was wir gerade tun und vorhaben nicht äußerst unvernünftig."

"Nein, mein Sohn. - Alles, außer dem, was wir gerade tun und vorhaben, wäre äußerst unvernünftig", wiederholt und verneint der Kommandant die Worte seines Kindes.

 

Die Wachen am Grenzübergang lassen uns passieren, aber trennen unser Fahrzeug von den restlichen fünf und eskortieren und mit zwei ihrer eigenen direkt zum Parlamentsgebäude, mitten im Herzen von Wien - innerhalb der ersten Ringstraße.

"Einfach ruhig bleiben", haucht Carik bestimmt. Direkt vor dem Haupteingang halten wir an. Soldaten öffnen die Türen des Wagens, geleiten uns durch dunkel getönte Glastüren ins riesige, pompöse Foyer des Gebäudes. Ein immens großer Saal öffnet sich uns, der Boden bedeckt mit weichem, roten Teppich, die Wände verziert mit Gold und Gipsarbeiten rund um Statuen in Nischen, eine breite Treppe aus weißem Stein mit schwarzen Flecken darin, die in die obere Etage führt, alles beleuchtet in einem weichen, gelblichen Licht.

Aran, Milet, Tihana und ich stehen einfach nur fassungslos da. Dass es so etwas im Staat gibt, habe ich nicht gewusst - bis jetzt. Es ist so…vollkommen anders als der Rest, aber wieso?

"Hier entlang bitte", bedeutet uns eine der Wachen durch eine der unzähligen Türen zu gehen, bleibt selbst aber zurück: "Er wartet auf Sie." Carik öffnet befehlend den Mund zum Wiederspruch: "Ich - will - zum - Präsidenten."

Vom Wachmann kommt nur ein Einfaches: "Gehen Sie jetzt einfach dorthin", zurück, welches aber so viel bedeutet wie: 'Das-interessiert-hier-niemanden.'

Uns unwohl fühlend drängen wir vier uns ihm hinterher durch den Eingang.

Wir kommen in einen langen Flur, der nicht minder schön verziert ist. Am anderen Ende befindet sich eine einzelne, einsame Tür.

"Überlasst mir das Reden", weist Carik uns an: "Ihr kennt den Mann bereits, den wir gleicht treffen werden: der Große Boss, wie man ihn nennt. Zuständig für Ausbildung der V-Kommandoschüler, Mitglied im Parlament und gut befreundet mit Barid.

 

"Sie sind also offensichtlich gescheitert. Genau, wie ich es Ihnen prophezeit habe", begrüßt der Große Boss Carik, beachtet uns vier Jugendliche nicht einmal, hebt seinen beleibten Körper von dem weichen Lederstuhl, auf dem er gerade gesessen ist und kommt um seinen Schreibtisch herum auf den Kommandanten zu, baut sich vor ihm auf, fährt fort: "Und nicht nur das, Sie sind diesem Wahnsinn auch noch selbst anheimgefallen." Was mich wundert ist, dass seine Worte noch immer ruhig, beherrscht und freundlich warm, fast onkelhaft klingen, obwohl er das ganz sicher im Inneren nicht ist.

"Gescheitert bin nicht ich, sondern Sie", ist alles, was Carik berechnend antworten will und muss.

"Noch ist es nicht zu spät", setzt der Große Boss erneut an: "Noch haben Sie die Chance, zu gehen und Ihren Job zu tun. Noch können Sie diesen Schlamassel beseitigen, in welches Sie sich selbst und den gesamten Staat gebracht haben."

"Wenn Sie das meinen…", gibt Carik mit einem leichten, freudigen Zucker seiner Mundwinkel, im Sinne von 'Sie-missverstehen,-es-geht-gerade-erst-richtig-los', zurück.

 

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Der Staat Kapitel 49

7. Mai 2062, 10:09, Staat, Parlament

 

"Ja! Das meine ich!", braust der Große Boss so unerwartet auf, dass Milet, Aran, Tihana und ich zusammenzucken und Carik zu einem Rückwärtsschritt ansetzt, sich gerade aber noch beherrschen kann. Die Augen des Mannes vor uns verengen sich und er lehnt sich leicht nach vorne auf seine Zehenspitzen, spreizt die gestreckten Arme etwas zur Seite hin ab. - Seine gesamte Körpersprache brüllt uns nur so entgegen: Angriff, Aggression.

Niemand weiß, was er sagen soll. Und in etwa so schnell, wie sein Ausbruch gekommen ist, erinnert sich der Große Boss an sein Verhalten und kehrt unverzüglich zurück, zu seiner vorherigen, freundlichen, einladenden Körperhaltung. Und trotz der Tatsache, dass er der ganzen Sache den Anschein geben möchte, es sei nichts, aber auch gar nichts geschehen, verbleiben wir in einer bedrückenden, unangenehmen Stille.

"Hach", atmet der Große Boss schließlich hörbar aus und pflanzt sich erneut hinter seinen Schreibtisch, fährt sich mit der Hand übers Gesicht, murmelt: "Ich dachte nicht, dass ich es jemals erleben sollte, einen der unseren uns verraten zu sehen…"

Dann läuft die Welt mit einem Schlag wie in Zeitlupe vor mir ab.

Der dickliche Mann hebt die Hand, fährt zu einem roten Knopf auf einem kleinen Schaltpult auf seinem Tisch.

Bilder blitzen auf, verschwommen, auf das Zentrum fokussiert, die Ränder in Schlieren.

Männer stürmen ins Foyer. Es sind Polizisten, Soldaten. Ihre Waffen im Anschlag stürmen sie den langen Flur entlang. Dann bricht die Tür aus den Angeln. Ein Mann lächelt zufrieden. Der andere wird zu Boden gedrückt, die Jugendlichen mit ihm.

Unbewusst knicke ich in den Knien ein. Verfolge mit den Augen die Wurstfinger des Großen Bosses auf ihrem Weg zum Knopf.

Schnell! - Ich muss handeln!

Und mit einer einzigen, flüssigen Bewegung schlage ich nach der Hand, die uns allen Verhängnis bringen wollte.

Als würde ich einen angehaltenen Film weiter abspielen, kehrt die Geschwindigkeit zurück in die Zeit.

Entgeistert blickt der Große Boss auf, hält sich die Hand, setzt zu einem brachialen Tsunami der Worte an: "WAS UM ALLES…", dann hebt er seinen Blick.

Und irgendetwas stoppt diese Sintflut der Wut - man sieht förmlich seine Muskeln erschlaffen, die ihn gerade erneut aus seinem Stuhl hochkatapultieren sollten. Irgendetwas hält ihn zurück - irgendetwas an mir…

Wie aus weiter Ferne höre ich meine eigene Stimme den Büroraum ausfüllen. Nicht laut, oder gar wütend. Nein, einfach nur…mächtig, durchdringend, widerstandszerschmetternd: "Ich hoffe, Ihnen ist bewusst, dass wir nicht vorhaben, irgendetwas zu zerstören, sondern den Staat vor einer großen Dummheit bewahren wollen. Ihr Handeln hat gerade in Gefahr gebracht, was durch über vierzig Jahre Arbeit aufgebaut wurde, nämlich eine sichere Heimat. Hätten sie diesen Knopf gedrückt, wären wir verhaftet worden. Dann hätte niemand mehr den von Ihnen angeordneten Krieg mit Pannonien aufhalten können. Und jetzt überlegen Sie bitte, was in einem solchen Fall aus unserer sicheren Heimat geworden wäre." Und meine Worte sind nicht einfach nur so dahingesagt, nein, sie scheinen in dem Mann in seinem weichen Prunkstuhl etwas aufzuwecken. - Zumindest lässt ihn der Gedanke an die Zeit vor dem Staat nicht vollkommen kalt.

Irgendwie schafft er es, seinen Blick von mir zu lösen, bekommt seinen Mund auf, versucht Worte mit seinen Lippen zu formen, scheitert jedoch daran.

Der Große Boss sinkt noch weiter zusammen, rutscht sogar ein wenig in seinem Stuhl hinunter, während seine Augen die Kante seines Schreibtisches fixieren.

"Sie wissen, dass es falsch ist, was Sie und das Parlament von Carik verlangen", stelle ich fest - hoffe mehr, als dass ich mir sicher bin.

"Ist es uns nun gestattet, den Präsidenten zu sehen?", wiederhole ich vorsichtig bestimmt unsere Forderung.

"Nein!", schießt der Große Boss hervor, schüttelt sich aus seiner Trance, doch sofort erlischt das kurz aufgeflackerte Feuer in seinen Augen erneut und er murmelt noch schwach: "Nein…das…geht nicht…"

"Wo ist er?", frage ich leise, ruhig, ohne jeglichen aggressiven Unterton.

"…im Sitzungssaal…", kommt es leise zurück.

Carik geht voran, die Wachen halten uns diesmal nicht mehr auf, wirken aber so, als wüssten sie nicht recht, was tun, eskortieren uns deshalb.

 

"…und deshalb sage ich, es muss endlich etwas geschehen!", vernehme ich eine lautstarke Stimme durch die Tür dringen, welche wenige Momente später von einer Wache vor uns geöffnet wird, lautlos aufschwingt und wir so dem Rest der Rede des jungen Mannes von etwa dreißig Jahren folgen können, während wir in den halbkreisförmigen Saal voller Stühle mit einem Rednerpult in der Mitte treten: "Es ist außerdem unumgänglich, diesen Carik Flammenwolf durch eine kompetentere Person zu ersetzten. - Ich - wir - meine Kollegen und ich meinen, es ist nicht geeignet für diesen Posten. Er hat einen klaren Befehl bekommen und führt diesen nun nicht aus."

Beifall. - Noch hat uns niemand bemerkt, die wir im Schatten einer Galerie direkt über dem Eingang stehen geblieben sind.

Das war dann wohl das Stichwort des Kommandanten, der nun feierlich die Stimme erhebt und nach vorne tritt: "Ich glaube, verehrter Abgeordneter Wagner, Sie haben etwas an meinem Befehl nicht ganz verstanden", Carik kommt beim Rednerpult an und bedeutet dem verdatterten Herrn Wagner, Platz zu nehmen, was dieser tatsächlich tut, richtet sich das Mikrofon. Hinter dem Pult an der gegenüberliegenden Wand befindet sich ein erhöhter Tisch mit einer einzelnen Person dahinter. Graue Haare, schwarzer Anzug, hell leuchtende graublaue Augen mit diesem Hauch grün darin. Und ein Lächeln zeichnet das Gesicht des Präsidenten, während sein zufriedener Blick auf seinem Sohn lastet, welcher nun ansetzt: "Es mag für Sie alle etwas eigenartig anmuten, mich so unerwartet hier im Plenarsaal erscheinen zu sehen. Das gebe ich zu, ist nicht der eleganteste aller Auftritte, aber was ich zu sagen habe, duldet keinerlei Aufschub." Er atmet tief durch, schließt noch einmal kurz die Augen, so als müsse er sich an seine vermutlich zurechtgelegten Worte erinnern, gibt dadurch Herrn Wagner die Chance zum Wiederspruch von seinem Sitzplatz aus, wozu er sich erhebt: "Herr Flammenwolf! Sie mögen der Sohn des Präsidenten sein, doch dies berechtig Sie noch lange nicht, eine wichtige Sitzung des Parlaments derart zu stören und damit die reibungslose Funktion unseres Staates zu behindern!" Jetzt wartet Wagner auf eine Antwort. Gemurmel zieht durch die Reihen. Es klingt nicht besonders freundlich bezogen auf den Kommandanten.

"Bitte, lassen Sie mich erst ausreden", geht Carik auf den Herrn ein, erklärt anschließend vollkommen sachlich: "Ich werde nicht länger als fünf Minuten Ihrer kostbaren Zeit stehlen. - Nun denn", startet er, als er sich der Aufmerksamkeit des gesamten Saals sicher ist: "Jeder von Ihnen hier weiß von den Befehlen, die an mich und meine Truppe übermittelt wurden. Nun, ich bin jetzt aus zwei Gründen hier: Erstens wäre da die Frage, was wir uns denn von einer solchen Aktion erhoffen. Zweitens: Sind wir uns sicher, dass dies der beste Weg ist? - Oder besser gesagt, würde eine derartige Operation nicht mehr zerstören, als sie jemals bringen könnte? - Wir sprechen hier immerhin von der Besetzung eines Drittlandes, eines freien Gebietes, dessen Grenzen und Gesetzte bis zum heutigen Tag vom Staat geachtet wurden - zum beiderseitigen Vorteil, möchte ich anfügen." Hier legt er eine kurze Pause ein, seinem Publikum Zeit zum Verarbeiten des Gesagten zu geben. Über hundert ausdrucklose Parlamentariermienen starren ihm entgegen, lockern nicht einmal die zusammengepressten Lippen.

"Also, was wir uns erhoffen können von einer vollkommenen Besetzung Pannoniens, wie sie es fordern, ist ein Partisanenkrieg, welcher sich bis in alle Ewigkeiten fortsetzten wird, im Endeffekt also unsägliches Leid und Unmengen an Tod. - Selbst wenn wir die landwirtschaftlichen Produktionsflächen unter unsere Kontrolle bringen sollten, haben wir noch immer niemanden, der über die nötige Erfahrung zu deren Bewirtschaftung verfügt." Erneut Pause, diesmal zum Durchschnaufen.

"Und bitte seien Sie mir jetzt nicht böse, wenn ich Sie alle nun an unsere ursprüngliche Verfassung erinnere. An die ersten Zeilen des Dokuments, welche das Grundrecht des Staates festschreiben. Wenn Sie mich zitieren lassen: 'Wien ist ein freier, eigenständiger Stadtstaat.' und zweiter Satz: 'Gegründet wurde dieser Staat, um den Frieden, das friedliche und glückliche Zusammenleben der Menschen unter Berücksichtigung von Nächstenliebe und Vernunft zu ermöglichen und ganz besonders Abstand von jeglichen kriegerischen oder gewalttätigen Akten zu nehmen." Pause. Stille. Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Drei Sekunden. Vier Sekunden. Fünf Sekunden. Ein rundum zufriedenes, wohlwollendes Lächeln zeichnet sich auf dem Gesicht von Arik Flammenwolf ab.

Dann springt Wagner auf: "Wie können Sie es wagen?! Nicht nur, dass Sie eine Entscheidung des Präsidenten in Frage stellen, nein, Sie versuchen auch noch, das gesamte Parlament, inklusive des Präsidenten zu belehren!"

Einige murmeln Zustimmung. Viele jedoch halten einfach den Mund.

"Verehrter Herr Wagner, ich habe keineswegs die Intention, Sie zu unterrichten. Alles, was ich möchte, ist es, ein Problem aufzuzeigen und eine große Katastrophe zu verhindern. Und Sie stimmen mir wohl alle zu, wenn ich sage, ein Totalausfall der Nahrungsversorgung, sowie viele Tote auf beiden Seiten seien eine Katastrophe."

Wagner setzt sich, verschränkt die Arme, ruft nur noch resigniert: "Wache! Entfernen Sie diesen Mann!"

Doch die Wachleute zögern, machen einige Schritte unter der Galerie hervor, wo sie postiert wurden, in Richtung Rednerpult, halten aber bei Cariks nächsten Worten vollkommen an: "Kann ich wohl annehmen, dass Sie, Herr Wagner, eine der Personen sind, wegen denen der Friede nicht mehr gewährleistet ist? - wegen deren Handlungen und Intentionen die Idee des Staates in Gefahr ist?"

Herr Wagner setzt schon zu einem rücksichtslosen, verbalen Gegenangriff an, da lässt ihn eine herrischer Handbewegung des Präsidenten verstummen.

Carik richtet seine letzten Worte an die Menschenansammlung: "Sind Sie für den Staat, für Zusammenhalt, Sicherheit, Freundschaft, Zufriedenheit, Glück und Friede, oder stehen Sie für Krieg?"

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Der Staat Kapitel 50

12. Mai 2062, 8:01, Staat, 1. Ringstraße, Hauptplatz

 

"Verehrte Bürgerinnen und Bürger des Staates!", setzt Arik Flammenwolf, der Präsident und Gründer des Staates, Anführer der Großen Acht, die gemeinsam die Katastrophen im Jahre 2015 überlebt haben, feierlich an: "Die letzten Tage und Wochen waren eine äußerst turbulente Zeit. Im Staat ist viel geschehen, viel Neues wurde geschaffen und viel Altes wurde verworfen."

Er hält kurz inne. "Wir befinden uns am Beginn eines neuen Zeitalters für Wien, für den Staat, für uns alle." Der Präsident lässt die Aussage kurz wirken. "Begonnen hat unser Land ganz klein. Viele werden sich noch daran erinnern. Wir waren gebeutelt von einem zermürbenden Krieg, von Hunger und Angst getrieben, zerstreut durch die Kämpfe, die 'Vermummten', den Zerfall der damaligen Staaten und uneinig. Dann aber wurde der Staat gegründet und wir hatten wieder eine Heimat. Wir konnten uns neu organisieren, unsere Welt wieder neu errichten und zurück zu altem Glanz finden. Ein System wurde aufgebaut, die einfachsten, täglichen Abläufe wurden bis ins kleinste Detail durchgeplant, um den Menschen die Sorgen um ihr tägliches Vorankommen zu nehmen. Niemand sollte jemals aufstehen und nichts zu tun haben, jeder sollte die Sicherheit haben, dass er auch morgen etwas zu essen und anzuziehen hat. Weiters führten wir ein umfassendes Überwachungsnetzwerk, inklusive massivem Grenzschutz, ein, um frühzeitig feindlich Gesinnte und Unruhestifter zu erkennen und somit die Sicherheit vor Gewalt sicherzustellen. All das sollte uns allen ein harmonisches Zusammenleben ermöglichen. Am Ende des Tages sollte niemand bevorzugt werden, niemand außen vorgelassen. Um all das zu erreichen war und ist viel Organisationsarbeit und eine sehr stramme Planung notwendig. Über viele Jahre hinweg hat das überaus gut funktioniert und es gab nie Probleme. Dadurch konnten wir unsere Ideale hochhalten: Freiheit, Friede, Glück. - Jedoch…" Erneut stoppt er kurz. "…jedoch bedurfte es im letzten Jahrzehnt immer umfassenderen Regelungen und präziseren Vorgaben, da ansonsten dieses System irgendwann zusammengebrochen wäre. Stetig wuchs die Bevölkerung des Staates und somit die möglichen Störfaktoren wie Arbeitsunwilligkeit. Wir waren so geblendet von unserem Willen, den Staat zu erhalten, unseren Frieden, unsere Sicherheit zu bewahren, dass uns gar nicht bewusst war, wie weit wir eigentlich gegangen sind. Die Genauigkeit unserer Regeln und Gesetzte wurde von Tag zu Tag höher, die Einschränkung für jeden Einzelnen wuchsen ins Unermessliche - selbst die Berufswahl übernahm schließlich der Staat. Es war ein langsamer Prozess - schleichend, unbemerkt, bis es zu spät war. - Diese ganze Entwicklung gipfelte vor einigen Tagen in einem Parlamentsbeschluss, der befahl, Pannonien, ein Land außerhalb Wiens, zu besetzten, um die Nahrungsversorgung des Staates zu sichern. - Um es kurz zu machen, wir haben beinahe einen Krieg ausgelöst." Pause. Erstarrte Gesichter auf dem gesamten Platz. Der Präsident atmet nochmals tief durch, schluckt und spricht weiter. Leiser, bedächtiger als zuvor: "Jedoch stellte sich eine Gruppe von Jugendlichen, insbesondere einer von ihnen, gegen diesen Plan. Sie zeigten uns, dass unsere Überlegungen falsch waren, dass selbst die beste aller Regelungen niemals so gut sein wird, wie die Freiheit. Es ist also nur diesen vier Jugendlichen zu verdanken, dass ich heute hier oben stolz und zufrieden stehen darf und in all eure fröhlichen, erwartungsvollen Gesichter blicken darf. - Die vier Jugendlichen sind allesamt Schüler der dritten V-Klasse und ganz besondere Menschen. Hat man ihnen auch ursprünglich Gehorsam beigebracht, begehrten sie gegen die unsinnigen Befehle der letzten Zeit auf und ermöglichten es, dass der Staat sich seiner Fehler bewusst wurde und nun aufs Neue gestärkt in die Zukunft blicken kann! Mit Freiheit anstelle von endlosen Vorschriften!" Pause. Zeit zum Nachdenken, Durchdenken, Mitdenken. Tosender Applaus. Als er sich dann nach einer halben Ewigkeit endlich gelegt hat, fährt Arik fort: "Kris, Tihana, Milet und Aran - Kinder des Staates - die Generation des Friedens - haben für ihn gekämpft und gewonnen!" Applaus. "Kris! Tihana! Milet! Aran! Das ist eure Stunde. Das ist eure Zeit. Das ist eure Zukunft! Kommt her und lasst die Leute sehen, wer uns alle gerettet hat." Mit einer ausladenden Handbewegung deutet der Präsident auf die Masse von Menschen auf dem Hauptplatz. Wir vier steigen von hinten auf die Rednerbühne hinauf, spüren noch einen Moment lang die Hände unserer Eltern auf den Schultern, stellen uns in eine schöne Reihe neben Arik und blicken hinab auf die Leute, die frohen Gesichter, die lachenden, jubelnden Kinder - die Zukunft.

 

Ja, die letzten Tage waren durchaus turbulent.

Eine Delegation wurde nach Hügelbach entsandt, um die Basis der Beziehungen zwischen Pannonien und dem Staat neu zu regeln.

Jene Mitglieder des Parlaments, welche Teil dieser 'Wir-wollen-Krieg'-Fraktion waren, beziehungsweise ihre Fehler nicht eingestehen wollten, oder keine Reue gezeigt haben, sind fürs erste unter Hausarrest gestellt worden.

Der komplette Verwaltungs- und Sicherheitsapparat befindet sich im Umbau, um eine Grenzöffnung des Staates zu ermöglichen, die es erlauben soll, dass Personen und Güter einfacher von und nach Wien gebracht werden können.

Die V-Klassen werden aufgelöst und die in ihnen isolierten, besonderen Schüler, von denen man entweder fürchtete, sie könnten das System des Staates untergraben - so wie wir, oder deren Fähigkeiten man sich bedienen wollte, werden auf die übrigen Klassen aufgeteilt.

Polizei- und Militärpersonal, sowie die Anzahl an V-Kommandomitgliedern wird reduziert, dafür sollen nun auch Leute aus dem Staat in Pannonien arbeiten und umgekehrt.

Und die Liste der Veränderungen geht noch viel weiter.

Doch eine der wichtigsten, wohl auch jene erhoffte, welche erst den Anstoß für diesen ganzen Prozess geliefert hat, ist die Befreiung einer ganz bestimmten Person.

Und wie aufs Stichwort betreten in just diesem Moment der Kommandant des V-Kommandos, seit neuestem Vorsitzender des Parlaments und sein Bruder, Botschafter Pannoniens und ebenfalls Parlamentsmitglied die Rednerbühne.

Die Brüder Flammenwolf: Carik und Naan. Zwei ehemals getrennte Leben - Welten wieder vereint.

Kurz schweifen meine Gedanken ab an die Ehrengäste, welche auf der Tribüne hinter uns Platz genommen haben. Die großen Acht, angereist aus Pannonien, wo sie die letzten vierzig Jahre verstreut verbracht haben: Emi, Marco, Nathan, Alexandra, Julia, Nadine, Nevio und Arik, der sich jetzt noch zu ihnen gesellt. - Sie wirken irgendwie so erhaben, förmlich und doch haben sie ihre Herkunft nicht vergessen, muten noch immer menschlich und gefühlsvoll an - trotz allem, was sie zusammen durchgemacht haben.

Ich hoffe, Arik wir mir einmal ihre ganze Geschichte erzählen.

 

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Der Staat Epilog 1 - Naan

8. Mai 2062, 8:01, Staat, Hochsicherheitsgefängnis

 

Es muss jetzt schon einige Tage - oder schon Wochen - her sein, dass mich der Staat in dieses Gefängnis gesteckt hat. Hier unter verliert man völlig das Gefühl für Zeit. Ständig versuchen die Wachen und 'Psychologen' mich in ihr System zu zwingen, aber das werden sie nicht schaffen. Ich muss an Emi, Tihana und all meine Freunde da draußen denken. Wie es ihnen wohl ergeht?

Mein Gedankengang wird von dem mittlerweile vertrauten Luftzug der Zellentür gestoppt.

"Du bist ja noch hier, ich habe gedacht, sie hätten dich schon rausgebracht. Dann muss es wohl ich machen, nicht wahr?", begrüßt mich der uralte Wachmann im selben sarkastischen Ton wie immer.

"Hallo, was willst du schon wieder?", antworte ich bissig.

Gespielt beleidigt glotzt er mich an. "Mein Junge, du könntest etwas höflicher sein, nachdem du gerade befreit wirst. Willst du dich bei deinem ehemaligen Gastgeber nicht entschuldigen?"

Hat dieser Mann gerade etwas über meine Freilassung gesagt, oder wie soll das gemeint gewesen sein. Doch ich erkenne den Sinn dieses Satzes: Er will mir die Freiheit versprechen, mit der Bedingung, dem System zu gehorchen und mich dann gleich wieder einsperren, nur um zu sehen, wie ich mich verhalten würde. Während meiner Gefangenschaft hat man mir einmal vorgetäuscht, alleine zu sein, bei welcher Gelegenheit ich sofort versucht habe, zu flüchten. Als ich dann durch den Ausgang gestapft bin, bin ich von Wachen empfangen worden. Diese Aussage über meine Freilassung ist bestimmt auch nur eine Lüge. Logisch auch. Was sollte das bitte für einen Sinn haben?

"Der war gut, Ludwig. Sag den anderen bitte, sie können gleich wieder zurück auf ihre Posten gehen, heute wird es keine Show geben.", verhöhne ich seine Aussage.

Auch wenn der Staat so etwas Absurdes nicht im Traum machen würde, irgendwas in den Augen des Wachmannes sagt mir, dass er nicht lügt. Vielleicht kann ich ihm die ganze Wahrheit entlocken, wenn ich mitspiele. "Aber…wer hat sich denn nun eigentlich dazu entschieden, den größten Verbrecher aller Zeiten einfach so laufen zu lassen?"

Er blinzelt. "Das neue Parlament höchstpersönlich. Ihr habt gewonnen, Naan. Ich habe die Dummheit dieser Menschen wohl unterschätzt."

Ehrlich? Es kann nur stimmen! So würde dieser Mann nicht reden, wenn es nicht die Wahrheit wäre. Endlich würde dieser Alptraum enden.

Ludwig muss meinen erfreuten Gesichtsausdruck bemerkt haben. "Ja, jetzt hast du ja endlich wieder einen Grund dein hässliches Lächeln zu zeigen. Doch was jetzt? Die Menschen da draußen können ohne das System nicht leben. Sie sind dumm wie kleine Kinder. Sie tun genau das, was man ihnen befiehlt. Dieses System hat wunderbar funktioniert. Wer nichts Anderes kennt, wird auch nichts Anderes wollen. - Naja, unser eigentliches Problem waren und sind ja auch diese störrischen Bauern. Man hätte sie einfach überrennen sollen und basta… - Dann wärst du niemals aufgetaucht…"

Ich unterbreche ihn: "Ja dann erklär mir bitte, wer die Nahrung dann produziert hätte. Selbst die Aufgeklärtesten von euch Staatlern wissen nicht, wie das geht."

Bevor er noch etwas erwidern kann, höre ich vom Gang her ein Poltern. Wer mag das wohl sein?

"NAAN! Endlich!", höre ich Tihana freudig in Richtung Zelle rufen. Nicht nur sie steht da im Gang. Auch Kris, Emi und Arik. Und mein Bruder. Er ist wohl auf unsere Seite gewechselt.

"Naan, schön dich zu sehen, auch wenn es unter solchen Umständen sein muss. Damit ist die Familie wieder zusammen!", begrüßt Carik mich in der neuen Welt.

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Der Staat Epilog 2 - Tihana

8. Mai 2062, 8:01, Staat, Hochsicherheitsgefängnis

 

Die Mauern des Gefängnisses um mich herum beunruhigen mich, doch meine Ungeduld ist größer. Obwohl wir schnell gehen, kommt es mir vor, dass die Zeit nicht vergeht. Die kalten grauen Wände lassen mich frösteln.

Kris bemerkt meine Unruhe und versucht, mit Carik Blickkontakt herzustellen. Die Schritte hallen nur leise, trotzdem kommt mir das Geräusch viel zu laut vor. Endlich erblicke ich die Gefängniszelle. Die Tür steht offen und ich sehe, wie ein Wachmann mit einer mir wohl vertrauten Person spricht. Ich halte es nicht mehr aus, reiße mich von der Gruppe los und laufe einfach zu ihm hin. "Naan! Endlich!", rufe ich. Tränen laufen mir über die Wangen, während ich ihn umarme. Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet. "Tihana", sagt er und ich weiß, dass er lächeln muss.

Die folgenden Wochen gehören wohl zu den aufregendsten, aber auch schönsten Wochen in meinem Leben.

 

Es scheint, als würde sich die neue Freiheit auch langsam auf die Menschen übertragen. Da die Grenzen nun offener sind, finden wir viele Autos auf den Straßen nach Pannonien vor. Der Wind bläst meine Haare fort, während Kris sicher das Motorrad lenkt.

Wir fahren auch am Haus meiner Eltern vorbei, von dem ich schnell meinen Blick abwende. Seit ich abhauen bin, haben wir nur kurz miteinander gesprochen. Hoffentlich verzeihen sie mir die Sache irgendwann...

Obwohl viele Menschen das ihnen unbekannte Pannonien erkunden, sind Kris und ich die Einzigen auf dem Hügel. Ich zeige ihm die Wälder, in denen ich mich oft versteckt habe, und den kleinen See. Die Sonne glänzt auf dem dunkelgrünen Wasser. "Hast du eigentlich noch teure Sicherheitsausrüstung bei dir?", frage ich beiläufig. Er schüttelt lächelnd den Kopf. Ich grinse zurück. Noch bevor er realisiert, was das bedeuten soll, stoße ich ihn ins Wasser. Geistesgegenwärtig wie eh und je schafft Kris es, meine Hand zu packen und ich werde ebenfalls unter Wasser gezogen. "Verdammt ist das kalt!", fluche ich, als wir beide wieder Luft bekommen. Lachend versuchen wir beide, den anderen unter Wasser zu drücken. Schließlich begeben wir uns schlotternd ans Ufer. Doch da die Sonne recht stark scheint, trocknen wir schneller als gedacht. Wir unterhalten uns über das Vergangene, die Zukunft, bis wir schließlich einfach nur stumm nebeneinander sitzen. Es ist kein unangenehmes Schweigen, sondern mehr ein Zeichen der Vertrautheit. Als sich die Sonne zum Untergehen neigt, nehme ich seine Hand und führe ihn zur Kuppe des Hügels. Ein Teil der Wälder ist abgeholzt, so dass man bis nach Wien sehen kann. Auf der anderen Seite des Hügels befindet sich mein Heimatort. Und als die Sonne alles in ein letztes goldenes Licht taucht, da sehen die beiden Plätze gar nicht so verschieden aus. "Glaubst du, dass es funktioniert?", frage ich ihn, "Dass die Menschen frei und die Grenzen offener sein werden?" Nachdenklich blickt er zuerst nach Wien, dann auf meinen Heimatort und schließlich zu mir. "Ja, davon bin ich überzeugt", antwortet er lächelnd. Noch bevor ich weiß, was sein Lächeln bedeutet, fühle ich seinen Kuss. Und seit jenem Moment bin auch ich davon überzeugt, dass all diese Wünsche wahr werden können.

 

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